Das Ministerium des äußersten Glücks

“Für die Ungetrösteten” ist dieses Buch geschrieben, denen es Trost spenden soll. Denn grausamer als das Schicksal der Heldinnen und Helden dieses Buches kann unser eigenes kaum sein. Aber Roy’s Romanfiguren bekommen das Glück trotzdem zu fassen, sie wissen: “Es ist alles eine Frage des Herzens”, wie uns bereits der türkische Lyriker Nazim Hikmet (1902-63) verraten hat.

Der Roman spielt im Neu Delhi und im aufständischen Kaschmir, und es umspannt das lange Leben der bitterarmen Hijra Anjum – eines Zwitters, von den muslimischen Eltern als Mann erzogen, die sich jedoch als Frau fühlt und entsprechend operieren lässt. Eine leidenschaftliche Frau, die ihr Heim schließlich auf einem alten muslimischen Friedhof errichtet und dort ein Gästehaus baut, mit einem Grabstein in jedem Zimmer.

Um sie herum versammeln sich die Heimatlosen, der Abdecker Saddam Hussein (ein naiver Verehrer des gleichnamigen Diktators), die viel zu dunkle Inderin Tilo, ein Imam, ein Beinahe-Arzt und für ein paar Tage sogar der landesweit steckbrieflich gesuchte Kaschmir-Revolutionär Musa, seit vielen Jahrzehnten Tilos heimlicher Geliebter. Sie alle haben Schreckliches erlebt, Folter, Mord, wild um sich schießende Soldaten, Vergewaltigung. Denn Indien, Mutter Indien, ist eine Mutter nur für Hindus, am besten aus der Kaste der Brahmanen, nicht aber für Unberührbare, Christen, Muslime, und schon gar nicht für solche Muslime, die sich für die Unabhängigkeit Kaschmirs einsetzen.

Sie beerdigen auf dem alten Friedhof all diejenigen, die kein Priester oder Imam auf anderen Friedhöfen beerdigen will, und selbst für diejenigen, die anderswo verreckt sind, errichten sie ein Grabmal über einem Foto, einem Brief, einem Hemd.

Was sie zusammenschweißt, ist ihre Toleranz und Achtung gegenüber der Andersartigkeit des Gegenübers, und mehr als das: ihr Verständnis und ihre Liebe füreinander. Es ist eben alles eine Frage des Herzens.

Schließlich zählt auch ein ausgesetztes Baby zu den ihren, die Reinkarnation der kleinen Tochter Musas, welche in ihrem vierten Lebensjahr von Soldaten erschossen wurde. Nein, sie gründen nicht das Ministerium des äußersten Glücks (den englischen Originaltitel des Buchs “The Ministery of Utmost Happiness” hätte man auch mit “Ministerium des allerhöchsten Glücks” übersetzen können). Niemand hat sie zu Ministern erwählt oder dazu ernannt. Sie leben ganz einfach in einem Zustand äußersten Glücks, und so sind sie im wörtlichen Sinne denn doch seine Minister, weil sie ihm dienen, mit jeder Faser ihres Leibes und einem Grabstein in jedem Zimmer.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks, (c) S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2017

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