Sonntag, 2.9.2018: happinez oder: Was hat Glückseligkeit mit Kitsch zu tun?

Neueste Ausgabe der Zeitschrift happinez mit verkitschtem Foto der Malerin Frida Kahlo

Vergangenen Freitag besuchten wir vor unserer Zugfahrt nach Karlsruhe noch die Stuttgarter Bahnhofsbuchhandlung. Dabei fielen mir vier Zeitschriften zum Thema Glück auf – es scheint im trendy zu sein. Die Zeitschrift happinez lag sogar im Stapel aus und sprang mir sofort ins Auge, weil mein Mann und ich ja erst vor wenigen Tagen Fridas Besuch im Lapidarium genossen haben (siehe Beitrag vom 24.8.2018). Hier nun schmückt die Malerin das Titelbild einer Zeitschrift, jedoch überzogen von Glitzerstaub wie die kitschigen Oblatenbildchen, die wir uns in meiner Kindheit in die Poesiealben klebten („Lebe glücklich und froh wie der Mops im Haferstroh“ wünschte mir eine Freundin, die schon damals an Herzrhythmusstörungen litt und später obdachlos wurde). Das Titelbild steht Frida Kahlos Leben und Werk so diametral entgegen, dass die Arme sich gewisslich im Grabe umdreht, wenn man ihr davon berichtet.

Warum die Zeitschrift nicht Happiness (also Glückseligkeit) genannt wurde, sondern Happi Nez (nez ist das französische Wort für Nase und deshalb erinnert die Wortschöpfung mich an Nasen-Hundefutter), entzieht sich meiner Kenntnis, vielleicht sollte es cooler wirken.

Hinter dem Ganzen steckt die Bauer Media Group mit einem Jahresumsatz von 2,32 Mrd. € (2013), die tief im Yellow-Press-Segment wurzelt, also Schrott zur Verblödung produziert und bestimmt weniger an der Glückseligkeit ihrer Leserinnen interessiert ist als am Mammon. Zu ihrem Portfolio gehören solch abgeschmackte Titel wie Bravo, Alles für die Frau oder Neue Post, insgesamt sind es 600. Dass da auch mehrfach rechtsradikale darunter sind bzw. waren, verwundert nicht. Und ebenso wenig, dass der Deutsche Presserat Rügen gegen den Konzern aussprechen muss.

Was aber nun versteht happinez unter Glückseligkeit? Nun, zunächst einmal beziehen sie sich wie auch ich es getan habe auf den US-Psychologen Martin Seligman. Aber der Fokus ist ein anderer – happinez zielt auf ein „angenehmes Leben“ ab, und behauptet, dies könne auch in kleinen Schritten erreicht werden, während es Seligman um die großen Visionen geht. Aber die lassen sich nicht so gut vermarkten wie solch eine Zeitschrift (Preis 5,90 €) bzw. „zwei zu einem Preis“ in umweltschädlichem Weichplastik verschweißt (7,95 €). Und dann ist da noch der happinez-Shop, wo man von Schmuck und Accessoires, Yoga und Wellness, Wohnen und Textilien sowie Lesen und Schreiben für teures Geld alle nur erdenkbaren Kinkerlitzchen kaufen kann, bis hin zu einer gerade einmal 82g schweren Ganesha-Mala-Kette aus Silber und Halbedelsteinen für 219 €. Ach ja, Shoppen macht NICHT glücklich, warnt Seligman, und die hedonistische Tretmühle des immer mehr Besitz Anhäufens ebensowenig. Aber das verschweigt happinez wohlweislich. Oder dass die Lebenszufriedenheit in der VR China ebenso hoch ist wie in Italien – obwohl in China die durchschnittliche Kaufkraft nur bei 9, in Italien bei 77 (im Verhältnis zu den USA mit 100) liegt.

Wundert es da noch, dass die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche auch dem Bauer Media Group die verschlossene Auster verliehen hat für die intransparente Machart ihrer Klatschmagazine? Ihr Verhalten schade der Glaubwürdigkeit des Journalismusses, so die Begründung, hier bezogen auf die Neue Post.

Aber warum steht nun Kitsch dem Glück im Wege? Manchmal, an Weihnachten, überkommt er mich durchaus auch, aber ich bin mir bewusst, dass „The Little Drummer Boy“ im Radio mich auf dem Weg zum Glück kein Stück weiter bringen wird, auch wenn mir Tränen der Rührung in den Augen stehen. Da die Etymologie des Wortes Kitsch nicht sicher ist, kann ich hier nur meine eigene Definition anfügen: Es steht für unechte Gefühle, also zum Beispiel für Sentimentalität im negativen Sinne, Stereotype, Klischees und einer Massenproduktion zur Erweckung solcher Gefühle – anstelle von Kunst und Können. Der Eiffelturm als Schlüsselanhänger Made in China ist Kitsch. Ja, er erinnert mich daran, dass ich in Paris war – aber kann dieser 5cm-Guss wirklich das Gefühl wieder wachrufen, das ich in dem Moment empfand, als ich unter ihm meinen Mann küsste, der unsere Tochter an der Hand hielt und ein bisschen Paris erkundet hatte, während ich mit französischen Verlegern verhandelte?

Ein anderes Beispiel für Kitsch ist das bayrische Dirndl, dass sich seit ein paar Jahren auf den Stuttgarter Volksfesten breit macht – diffuse Heimatgefühle werden produziert, ohne dass die Jugendlichen noch wissen, wie die Tracht hier wirklich ausgesehen hat, nämlich zum Beispiel so wie links stehend – zugeknöpft, mit langen Hosen und Röcken, auch gern mit Kopfbedeckung. Stattdessen werden rosa-weiß karierte Polyesterdirndls beim Discounter erstanden, weit ausgeschnitten und knapp unter dem Po endend, die den meisten Mädchen nicht stehen und in denen sie sich an kälteren Tagen schier zu Tode frieren. Falsche Heimatgefühle eben, ohnmächtiger Ausdruck der Angst vor Wirtschaftskrise und Globalisierung. Und: Die schwäbische Tracht ist ausgestorben – sie künstlich wieder zum Leben zu erwecken wäre auch schon wieder Kitsch! Unsere heutige Tracht, also das, was bestimmte Stände und Berufsgruppen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit tragen zu müssen glauben, das sind Anzug und Krawatte auf der einen und Jeans mit T-Shirt und Turnschuhen auf der anderen Seite – und auch hinter diesen Trachten steckt eine gehörige Portion Zwang – genau wie hinter dem Dirndl im 19. Jahrhundert. Und so wie Kitsch und Glück nicht zusammenpassen, so ist es auch mit Zwang und Glück und Tracht und Glück. Wie gesagt: Frida Kahlo würde sich im Grabe umdrehen.

Kurz und gut: Ich rate vom Kauf der kitschigen, nur am Profit der Bauer Media Group orientierten Zeitschrift happinez dringend ab, ebenso wie von anderen Produkten der Bauer Media Group.

Ihre Barbara Pfeiferin

P.S.: Wenn Sie mehr wissen wollen zur Pressekonzentration, empfehle ich Ihnen folgenden Beitrag aus „Die Anstalt“: https://www.youtube.com/watch?v=MOpNkgFTuBU

 

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