Sonntag, 23.9.2018: Glücklich wie Lazzaro

Eine magische, fast biblische Geschichte in unserer heutigen Zeit. Im Dorf Inviolata (dt. “unangetastet”) im italienischen Lazio, weitab von der Stadt, leben die Menschen in bitterer Armut, betrügerisch ausgebeutet von der Marquesa de Luna (dt. “vom Monde”). Sie verrät den Leuten auf ihrem Gut nicht, dass die Halbpacht schon längst verboten ist und Schulpflicht für die Kinder besteht.

Unter ihnen lebt der Waise Lazzaro, der seine Eltern nicht kennt. Ist er der Halbbruder Tancredis, des Sohnes der Marquesa? Dieser kommt eines Tages aus der Stadt zu Besuch, ein verzogener junger Mann, mit nur einem kleinen Ansatz von Gewissen.

“Menschliche Wesen sind wie Vieh, wie Tiere”, klärt ihn die Mutter über die Dorfbewohner auf. “Sie zu befreien würde bedeuten, ihnen ihre Knechtschaft bewusst zu machen. Ich nutze  sie aus, und sie nutzen diesen armen Kerl aus.” Dieser arme Kerl, das ist der gutmütige Lazzaro, der von allen herumkommandiert wird und buchstäblich alles tut, was man ihm sagt. “Selig sind die Armen im Geiste”, heißt es in der Bibel, “denn ihrer ist das Himmelsreich.” Ist Lazzaro arm im Geiste? Ungebildet ist er auf jeden Fall, und hilfsbereit, und er erfreut sich an seiner Hilfsbereitschaft, und aus seiner Hilfsbereitschaft heraus ist er glücklich. “Vielleicht nutzt er ja niemanden aus”, bemerkt Tancredi zu seiner Mutter.

Als der junge Markgraf mit seinem Schoßhündchen Oreste (“der Bergbewohner”) spazierengeht, bietet Lazzaro ihm seine armselige Brotzeit an. Tancredi lehnt ab, aber vielleicht ist das Essen ja gut genug für das Hündchen? Oreste verschmäht die Brotzeit ebenfalls. Dann aber folgt Tancredi Lazzaro in die Berge (und natürlich muss Lazzaro das Hündchen tragen) in sein Versteck bei den Schafen, wo er sogar ein Luxusgut namens Kaffee hat. Tancredi beschließt, seiner Mutter erneut einen Streich zu spielen und so zu tun, als ob er entführt worden sei – ebenso wie er vorgibt, Lazzaros Freund zu sein. Von nun an hat Lazzaro noch mehr Arbeit, denn er muss nicht nur seine Tagesarbeit besorgen, sondern auch noch Tancredi von dem wenigen, was er hat, mit Nahrung versorgen. Tancredi ist für Lazzaro der erste Freund, und so üben sie zusammen den Wolfsruf, denn in der Gegend gibt es wilde Tiere.

Schlussendlich ruft die Tochter des Verwalters, die sich in Tancredi verliebt hat, heimlich die Carabinieri an, die entsetzt sind über die mittelalterlichen Zustände im Dorf, alle Dorfbewohner befreien und in die Stadt, nach Rom, bringen, während die Marquesa angeklagt und verurteilt wird. Tancredi fährt wohlbehalten mit seinem Schoßhündchen zurück nach Rom. Lazzaro hingegen ist an diesem Tag auf seinem Weg zu dem jungen Adeligen abgerutscht und tödlich verunglückt. Keiner sucht nach ihm, auch Tancredi nicht.

Zwanzig Jahre später erwacht er von den Toten, als eine Wölfin ihn beschnuppert. Er sieht noch genauso aus wie früher, und auch seine ärmliche Kleidung ist noch intakt. Lazzaro macht sich auf den Weg in die Stadt, wo er die früheren Dorfbewohner wiedertrifft. Und während Antonia, damals noch ein Mädchen, vor ihm auf die Knie fällt und das Wunder erkennt, halten die Alten ihn für ein Gespenst oder den Teufel. Es ist so gekommen, wie die Marquesa gesagt hat: Die Menschen sind arbeits- und wohnungslos und überleben nur dank kleiner Diebstähle. Aber nun ist Lazzaro da – und vielleicht gibt es ja doch noch so etwas wie Hoffnung?

Lazarus bedeutet im Hebräischen “Gott hat geholfen”. Im Neuen Testament gibt es zwei Lazarusse: den einen erweckt Jesus nach vier Tagen von den Toten. Den anderen erwähnt er in seiner Parabel vom armen Lazarus, der den Reichen um die Brotkrumen bittet, die von dessen Tisch fallen – was ihm verwehrt wird.

Auch auf die Lazzaroni spielt dieser sehr sozialkritische Film an – die Unbehausten Neapels, von denen es zeitweise über 60.000 gegeben haben soll. Und auf die kapitolinische Wölfin, die ihn ja vielleicht gesäugt, aber auf jeden Fall geweckt hat und sozusagen sein Krafttier ist (während Tancredi nur ein schwächliches Schoßhündchen als Krafttier hat). Auch die Musik ist ein Teil von Lazzaro, sowohl der Dudelsack der Hirten als auch die Orgelmusik, die ihm sogar schlicht und ergreifend aus einer unchristlichen Kirche folgt.

Aber woraus bezieht Lazzaro sein Glück? Die Hilfsbereitschaft habe ich schon erwähnt. Von den Stärken gemäß Martin Seligman treffen folgende auf ihn zu: Soziale Intelligenz, Integrität, Echtheit, Ehrlichkeit, Lauterkeit, Menschenfreundlichkeit, Großzügigkeit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, Vergeben.

Insgesamt ein vielschichtiger, wundervoller Film, vielleicht der beste des Jahres (meine Meinung teilt zumindest das diesjährige Jerusalem Film Festival). Das Drehbuch ist ausgezeichnet worden mit der Goldenen Palmes von Cannes. Ich werde mir den Film als DVD kaufen.

Originaltitel: Lazzaro felice
Regie und Drehbuch: Alice Rohrwacher
Kamera: Hélène Louvart
Lazzaro: Adriano Tardiolo
Antonia: Alba Rohrwacher
Italien 2018, 127 Minuten, FSK 12 (6 in Begleitung der Eltern)

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