Samstag, 28.7.2018: Gelbkopf-Amazonen in Bad Cannstatt

 

Während draußen vor dem Krankenhausfenster unsichtbar aber lautstark die Sittiche durch die Robinie schreien (sie sind vor biblischen dreißig Jahren aus dem hiesigen Zoo, der Wilhelma, ausgebrochen), schnarcht im Bett neben mir die russische Großmutter weiter fröhlich vor sich hin. MDR-Klassik dringt aus den Kopfhörern, die barocke Opernarie vorhin quietschte und knirschte, aber jetzt ist eine Art chinesische Kaufhausoper angesagt, die mit der Qualität der Hospital-Kopfhörer deutlich besser harmoniert. Im Gegensatz zu den erstickend heißen letzten Tagen weht heute ein angenehm kühler Wind durch das Krankenhauszimmer und umschmeichelt meinen Körper. Verkehrsgeräusche dringen von der Straße herauf. Keine Chance zum Schlafen, aber eine umso größere für einen Neubeginn, für (m)ein Leben, das dem persönlichen Entdecken von Schönheit in allen Facetten gewidmet sein soll. Nein, das geht nicht ganztags in einem Büro, das geht mit Reise- und Entdeckungsjournalismus.

Ich denke an die Nacht gestern, an die Jahrhundert-Mondfinsternis, an den flachen Blutmond, und wie unser Trabant am Ende gleich einer milchgelben Kugel durch das Weltall schoss, zum Anfassen schön. An den alten Musikprofessor im Dunkeln neben mir, den ich wahrscheinlich nicht wiedersehen und auch gar nicht wiedererkennen würde. Ich denke an meinen toten Vater und daran, wie sehr ihm diese magische Nacht wohl gefallen hätte.

Ein Neubeginn im Krankenhaus, im Hospital der Olgaschwestern, mit vielen Originalbildern an den Wänden, nicht alle künstlerisch wertvoll, aber alle authentisch. Ein Bio-Obstkörbchen von meiner Freundin Maja steht im Kühlschrank, mit meinen geliebten saftigen Pfirsichen, mit Pflaumen, Weintrauben und Aprikosen und zwei süßen Reineclauden aus meinem eigenen Garten.

Www.pfeiferin.de wird nun also doch zu einem Reiseblog, zum Entdeckerblog, aber nicht nur von bio + vegan, denn die sind nur ein Teil von Schönheit und Rosenduft, wenn auch kein ganz unwichtiger.

Das Zimmer hier geht nach Westen, und allmählich stehlen sich gen Sonnenuntergang ein paar milchige Strahlen unter der Wolkendecke hervor. Das neue Leben beginnt kurz vor 20 Uhr und nur wenige Tage vor dem 5. August, dem Tag, an dem mein Mann Klaus und ich uns vor sechzehn Jahren kennengelernt haben. Es startet in einem orangenen Freie-Aktive-Schule-T-Shirt und einer quietschgrünen Klettershorts mit Regenbogenstickerei. Es startet mit einem Beutel Bio-Glückstee von Sonnentor. Es beginnt mit einem lädierten Körper und einem begeisterten, begeisternden Geist – und das liegt nicht an den Opiaten, die ich seit einigen Tagen nehme!

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