Weihnachten auf Fanø

E-Zugfahrt Padborg-Esbjerg und zurück: 310,2km = 5,40kg CO2/Nase
Diesel-Bus Esbjerg/Bahnhof – Fähre und zurück: 4km = 0,38kg CO2/Nase
E-Fähre Esbjerg-Nordby und zurück: ca. 4km = 0,32kg CO2/Nase
FeWo 51m², 7 Tage, 2 Leute = 9,639kg CO2/Nase

Dieses Jahr haben wir Weihnachten erstmals ohne unsere Tochter gefeiert und die dänische Nordseeinsel Fanø erkundet. Gerade einmal 3.270 Menschen leben hier auf 61,1 km2. Am 20.12. kommen wir in Fanøs Hauptort Nordby an, gelegen an der Ostseite der Insel mit Blick auf Esbjergs Industrieromantik auf dem Festland.

Æ klæg

Weil wir unsere Ferienwohnung erst ab 16 Uhr betreten können und noch Zeit haben, trinken wir unterwegs noch ein Bier und essen Chips in einer Mischung aus Kneipe und Café. Wie man den südjütischen Dialekt-Begriff æ klæg übersetzen könnte (ich bin mir ziemlich sicher, dass æ = ein ist), darüber streiten sich Google und DeepL. Ersterer schlägt „Oh, cool!“ vor, letzterer meint, dass es „æ klebrig“ heißen könnte. In der gemütlichen Kneipe lassen sich jedenfalls viele Brettspiele spielen, und die Auswahl an Biersorten ist sehr groß. (Havnevej 2, Nordby)

Dann nehmen wir die 48 Gehminuten bis zu unserer Ferienwohnung in Fanø (Vesterhavets)Bad in Angriff (3,5km ab Fähre). Auf dem Weg liegt der SuperBrugsen-Markt (Hovedgaden 87, Nordby), der wie bei uns in Padborg viele Biowaren führt.

Kellers Badehotel

Es erweist sich leider, dass Fanø Bad relativ heruntergekommen ist (tiefe Wasserlöcher auf dem Strand), und mit unserer Ferienwohnung sieht es nicht viel besser aus. Aber wir trinken abends einen vorzüglichen Rotwein im vollbesetzten Kellers Badehotel (Strandvejen 48, Fanø Bad), und das versöhnt. Auch die Bedienung dort ist sehr zuvorkommend.

Tags darauf ist Wintersonnenwende, wir feiern mit Kerzen die Wiedergeburt des Lichts und machen einen langen Strandspaziergang, sammeln Wellhornschnecken, Strahlenkörbchen und Amerikanische Schwertmuscheln. Dann laufen wir noch einmal nach Nordby und besorgen im SuperBrugsen weitere weihnachtliche Kerzen mit Tannenbäumen drauf, rote Tulpen (in Ermangelung roter Glaskugeln) und alles, was wir für’s Weihnachtsessen noch brauchen. Kurzer Abendspaziergang: Wir stellen fest, dass es in den Nebenstraßen von Fanø Bad keine Straßenlaternen gibt – sie sind so stockdunkel, dass man eine Taschenlampe braucht!

Und wir müssen leider auch feststellen, dass es quasi keine Busse hierher gibt: Der Linienbus ab Nordby (30 DKR) fährt nur an Sams-, Sonn- und Feiertagen nachmittags hierher, jedoch NIE einer dorthin zurück. Und ja, zwischen 18 und 23 Uhr kann man sich einen etwas teureren Telebus (40 DKR) mit 2 Stunden  Vorlauf bestellen, aber am 24.12. nimmt z.B. niemand den Hörer ab. Es empfiehlt sich daher keine FeWo in Fanø Bad, auf dieser Insel machen nur Nordby und Sønderho Sinn.

Auch am 22.12. machen wir einen Strandspaziergang, diesmal weit nach Norden auf den Søren Jessens Sand. Der Name geht auf einen Seeman zurück, der hier Anfang des 18. Jahrhunderts mit seinem Schiff auf Grund lief. Wir sammeln ein mehrere Meter langes Kabel und eine Kinder-Sicherheitsweste ein und entsorgen sie ordnungsgemäß. Danach besuchen wir

Fanø Chocolade

im Lærkevej 4 in Fanø Bad. Hier werden die (nichtveganen) Pralinen noch in Handarbeit hergestellt. Sie schmecken himmlich! Einige der 11 magischen Sorten: Sanddorn, Apfelsine, Minze, Lakritzkaramel, Schwarze Johannisbeere oder Salzkaramel. Zu Kaffee, Kakao usw. kann man gegen 5 DKR Aufpreis Hafer- statt Kuhmilch bekommen. Alles sehr lecker!

Anschließend laufen wir noch zum Spar (Strandvejen 27, zwischen Fanø Bad und Nordby gelegen) und kaufen Bio-Müsli. Auch Bio-Brot gibt es übrigens, in der Tiefkühltruhe.

Rechtzeitig zu einem schönen Sonnenuntergang kommen wir wieder am Meer an.

Auf nach Sønderho

Tags darauf, am 23.12.,  treffen wir uns im 09:10er-Bus von Nordby nach Sønderho mit meiner Schwester Gaby und ihrem Freund Holger, die für vier Nächte in Nordby untergekommen sind. Sønderho gilt als schönstes Dorf Dänemarks. Viele reetgedeckte Häuser empfangen uns. Da die Hüft-OP Holgers noch nicht lange zurück liegt, beschränken wir uns auf die Sehenswürdigkeiten im Dorfkern.

Sønderho Kirke

Die Kirchen in Sønderho und Nordby stammen aus dem 18. Jahrhundert, enthalten aber auch Inventar aus früheren Zeiten, die hiesige z.B. ein romanisches Taufbecken. Die beiden Kirchen ersetzten die Rindbys in der Inselmitte, die zu klein geworden war. Sie sind etwas ganz Besonderes: fast quadratisch im Grundriss, wurden die Bänke an DREI Seiten rund um den Altar angeordnet. Hier in Sønderho hängen 15 Segelschiffe von der Decke, damit hat das kleine Dorf (300 Einwohner) die höchste Anzahl von Kirchenschiffen in ganz Dänemark.

Natürlich hat bis auf den Dagli‘ Brugsen-Markt (Landevejen 42, Sønderho) alles geschlossen, aber auch so ist es schön, das Dorf zu erkunden. Es war im 19. Jahrhundert eine Künstlerkolonie und hat ein eigenes, zu dieser Jahreszeit geschlossenes Kunstmuseum. Ich würde hier wirklich gerne einmal „in der Saison“ eine Ferienwoche verbringen!

Ravsmeden Jens Peter Jensen

Wörtlich übersetzt: Der „Bernsteinschmied“ (also: -schleifer) Jens öffnet um 11 Uhr sein kleines Geschäft (Landevejen 40, Sønderho). Ich erstehe sehr schöne Bernsteinknöpfe, die zur hiesigen Frauentracht gehören. 220 DKR für sechs Stück, nicht geschenkt, aber sie sind es wert.

Café Tre Søstre

Dann kehren wir bei den „Drei Schwestern“ im Landevejen 60 ein, die zur selben Zeit öffnen. Das Geschirr ist leider auf To Go eingerichtet, aber man kann hier auch nett sitzen und Zeit verbringen. Es gibt Hummus-Sandwiches, Gløgg und Tee. Schöne Fotobände über die Fanøer Trachten liegen aus, und auf gut getroffenen Zeichnungen sind die Besitzerin und ihr Mann dargestellt – in Hochzeitstracht! Trachten, Musik und Tanz der Insel sind noch so lebendig, dass die Einwohner*innen beschlossen haben, einen Antrag auf Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbeliste zu stellen. Wer sie dabei gerne unterstützen möchte, kann sich wenden an: info@fanokulturarv.dk.

Fanø Krogaard

Kurz nach 13 Uhr fahren wir mit dem Bus zurück nach Nordby. Es erfordert einiges Suchen, aber schließlich gelingt es uns, ein gutes und gleichzeitig OFFENES Restaurant zu finden. Im Fanø Krogaard (übersetzt: Krughof, Langelinie 11, Nordby) bekomme ich eine völlig außergewöhnliche vegane Vorspeise: grüne Oliven mit ebenso grünen und kleinen Pfirsichen (!), eingelegt in Olivenöl, mit Thymian und geriebener Zitronenschale. Das beste Auswärts-Essen des gesamten Urlaubs!

Am 24.12. laufen Gaby und Holger zu uns. Ich koche zunächst das traditionelle Weihnachtsdessert „Risengrød“, danach geht es runter zum Strand. Zwischendurch bricht ganz wunderbar die Sonne durch die Wolken. Zurück in der FeWo bereite ich Rapunzel-Tomaten-Salat als Vorspeise und Bratkartoffeln mit Lauch und Tofu als Hauptgericht zu. Nach dem Essen bescheren wir, und um 17 Uhr geht es im Halbdunkel wieder auf die Ostseite der Insel zur

Nordby Kirke.

Um 18 Uhr findet in dieser historischen Umgebung zum ersten Mal ein evangelischer Weihnachtsgottesdienst in DEUTSCHER Sprache statt. Es ist ein Experiment, und zwar ein gelungenes: Die Kirche ist rappelvoll! Der Pfarrer selbst ist extra aus Northeim bei Göttingen angereist und hält eine sehr stimmungsvolle Predigt, bei der es um die Friedensbotschaft geht und darum, dass die roten Kugeln an vielen Bäumen (nicht an dem im Kirchenraum) eigentlich Paradiesäpfel darstellen – ein Zeichen, dass der Garten Eden wiederkommen kann.

Nach dem Gottesdienst gehen wir durch den festlich-lichtergeschmückten Ort (mehr, als in Deutschland üblich) zur Ferienwohnung meiner Schwester, spielen eine Runde „Bazaar“ und laufen danach auf neuen Wegen, weihnachtsbeleuchtet, zurück nach Fanø Bad.

Esbjerg

Auch am 25.12. gehen mein Mann Klaus und ich etwas abseits der Hauptstraße durch den Dünenwald. Ganz nah von uns läuft ein Reh über den Weg. Fasanen gibt es auf der Insel ebenfalls. Am Hafen treffen wir Gaby und Holger und nehmen die Fähre in die Industriestadt Esbjerg. Eine Robbe taucht im Wattenmeer auf!

1870 hatte Esbjerg erst 470 Einwohner, heute sind es 73.000 – damit ist es die 5.größte Stadt Dänemarks. Auch hier hat fast alles zu. Wir durchqueren die Fußgängerzone vom einen Ende zum anderen. Am Marktplatz ist eine Schlittschuhbahn aufgebaut und auch ein spannendes Café geöffnet, das Gallardo (Torvet 17). Dessen Essensqualität überzeugt leider nicht. Aber die Optik! Ungewöhnliche Glasmalereien von einem Ende zum anderen.

Zurück gehen wir auf anderen Wegen durch einen kleinen Park und an der Oper vorbei zum Hafen und besteigen die Fähre bei Sonnenuntergang. Wunderschön!

Abends spielen wir ein Escape-Spiel bei Gaby: „Der rätselhafte Zauberwald“ (https://www.moses-verlag.de/Der-raetselhafte-Zauberwald-Escape-Spiel/090395). Wir finden den Ausgang nicht… Dann heißt es wieder Heimlaufen nach Fanø Bad. Nach dem Essen versuchen Klaus und ich, durch die von Autofahrern verursachten tiefen Pfützen an den Strand zu kommen und Bernstein zu suchen. Letzteres gelingt uns nicht – wir haben leider keine Gummistiefel mit in den Urlaub genommen!

Rindby Strand

An unserem letzten Urlaubstag wandern Klaus und ich zwischen den Dünen zum Ort Rindby Strand – noch weniger attraktiv als Fanø Bad! Am Meer entlang geht es dann zurück gen FeWo. Im Fanø Lys (Strandvejen 59, Fanø Bad), wo man auch Kerzen selber ziehen kann, kaufen wir noch drei verschiedene Arten von unveganen Rumkugeln: Apfelsine, Saison und Dubai, und machen uns mit unserer Beute zurück in unser Domizil. Hier gibt es Resteessen (inklusive Rapunzel) und besagte Rumkugeln – lecker!

Nächstes Mal wird unsere Ferienwohnung wohl in Nordby oder Sønderho liegen.

 

 

 

 

 

Abschied von Ribe

Riis-Museum

Im Riis-Museum

Frühmorgens regnet es noch, aber dann kommt die Sonne heraus und ein Regenbogen überspannt die Straße. Zum Geburtstag meines Mannes backe ich uns Pumpkin Tassenkuchen in der Mikrowelle. Das ist zwar bio, schreit aber nicht nach Wiederholung. Dann packen wir, räumen auf und verlassen unsere Bleibe Hos Helle gegen halb elf. Unser Gang führt uns noch einmal ins Kaffe Smeden, denn uns plagt Espressodurst.

Jacob A. Riis Museum

Danach beschließen wir, ins Riis-Museum (Sortebrødregade 1) zu gehen. Es ist in einem alten Fachwerkhaus untergebracht, zusammen mit dem Hexenjagd-Museum, welches wir uns aber ersparen. Jacob August (1849-1914) verbrachte hier einen Großteil seiner Kindheit und Jugend als rebellischer Lehrersohn. Schließlich schuftete er als Hilfsarbeiter. Mit 15 verliebte er sich unsterblich in die drei Jahre jüngere Adoptivtochter des reichsten Mannes der Stadt, des bereits erwähnten Fabrikanten Giørts. Elisabeth wollte jedoch nichts von ihm wisse. Jacob ging nach Kopenhagen, wurde Tischler, wanderte nach Amerika aus (wie 10% der dänischen Bevölkerung damals), lebte in Slums und auf der Straße und wurde nur durch Zufall Reporter und Fotograf. Er dokumentierte das Elend der Armen und wurde dadurch berühmt. Der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt bezeichnete ihn als seinen Freund. Der dänische König Christian IX. verlieh ihm den höchsten Orden. Und seine Elisabeth, die heiratete er zum Schluss doch noch, 1876. In den USA sind Straßen und Plätze nach ihm benannt, auch wenn ihn hier, in seiner Heimat, kaum jemand kennt.

Es ist eine Lebensgeschichte, die meinen Mann und mich sehr bewegt. Seinem Thema, den Allerärmsten zu helfen, ist er bis zum Schluss treu geblieben. Ich kann das Museum allerwärmstens empfehlen.

In den Gassen von Ribe

In den Gassen von Ribe

Pizza Express und 7/11

Da uns wieder einmal der Hunger plagt, essen wir am Torvet 9 Durum mit Falaffel. Um 14:21 Uhr geht es dann wieder heimwärts, diesmal nur mit Zügen und zweimal umsteigen. In Kolding gibt es gleich am Bahnhof eigentlich ein sehr gutes Café, Freddys, aber das hat leider sonntags geschlossen. So müssen wir uns im 7/11 mit Biotee „Marokkanische Minze“ und Biokaffee begnügen.

Im letzten Zug haben wir dann Fenster nach Westen und können so die goldene Stunde zumindest erahnen – es ist etwas zu wolkig. Kurz nach 17 Uhr sind wir wieder zu Hause. Es war ein spannender Ausflug!

Unterwegs in Ribe

Blick auf Ribe

Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden und ins Gemeinschaftsbad gegangen, ohne Licht zu machen. Durch das Dachfenster strahlten die Sterne herein, direkt vor mir stand der Orion mit Beteigeuze. Schon lange habe ich keinen so schönen Nachhimmel mehr gesehen. Und dann fiel eine kleine Sternschnuppe herab! Eichendorff fiel mir ein:

…so sternklar war die Nacht!
Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus.
Flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Riberhus Slotsbanke

Vormittags sind wir dann zum Schlosshügel spaziert, am westlichen Stadtrand Ribes gelegen. Die Steine der mittelalterlichen Burg wurden im Laufe der Jahrhunderte von den Menschen abgetragen und für andere Bauwerke recycelt. Heute stehen auf dem Hügel inmitten eines kleinen Sees nur noch kümmerliche Mauerreste, von denen aus man einen schönen Blick auf den Dom und die Altstadt hat. In der Südwestecke der Anlage wurde 1913 eine Bronzestatue der Künstlerin Anne Marie Carl-Nielsen (1863-1945) aufgestellt. Sie zeigt Königin Dagmar, die auf einem wellenumbrandeten Boot steht. Dagmar, die beim Volk sehr beliebt war und um die sich viele Legenden ranken, ist 1212 in Ribe gestorben.

Eigentlich wollen wir danach zur Kammerschleuse laufen, die rund 6km entfernt an der See liegt. Der erste Teil des Weges ist auch recht schön, aber nachdem wir die Ausfallstraße überquert haben, geht es immer nur am Straßenrand entlang. Das wird uns nach wenigen hundert Metern dann doch zu eintönig, zumal das Wetter nach Meinung der Meteorologen schlecht werden soll. Also kehren wir um und laufen auf einem anderen Weg zurück zum Domplatz.

Kaffe Smeden

Ganz in der Nähe des Doms liegt in der Fußgängerzone das Café Smeden. Im Overdammen 3 werden „ökologische Erlebnisse“ angeboten. 90-100% der Waren sind hier bio, sie haben damit eine dänische Goldmedaille für nachhaltige Restaurants gewonnen – und werden auch sehr häufig zum besten Café der Stadt gekürt. Auf Nachfrage verraten sie auch, was sie an veganen Speisen gerade da haben. Ich esse eine große Kokosmakrone und trinke einen doppelten Espresso. Vom Ambiente her weniger spannend als das Terpager, aber von der Qualität der Zutaten her natürlich erste Sahne.

Der Dom zu Ribe

Der Dom zu Ribe

Anschließend erklimmen wir den Bürgerturm des Doms. Als wir genau auf der Höhe der Marienglocke sind, beginnt sie zu läuten: Es ist 11:30 Uhr. Ich erschrecke sehr. Oben auf dem Turm schaut man weit über das flache Land zum Meer. Von hier aus scheint es nur ein Katzensprung bis zur Kammerschleuse zu sein!

Als wir wieder auf der Empore stehen (wo sich ein kleines Museum befindet), beginnt die Orgel zu spielen und eine grauhaarige Frau mit glockenhellem Sopran singt wunderschön. Drei Lieder. Gud, min herre…

Das Allerfaszinierendste an diesem romanischen Bau aber ist der Altarraum. Er wurde im 20. Jahrhundert höchst eigenwillig, frei fabulierend und bunt von Carl-Henning Pedersen ausgemalt. Auch die Fenster stammen von ihm. Die mythischen Wesen dort zeigen das himmlische Licht, eine blaue Legende und auch, in der Mitte des Gewölbes, direkt unter Jesus und Maria, ein Einhorn. Das Kraftzentrum liegt genau zwischen den Dreien, über dem Altarkreuz. Und dazu die Sopranistin, äußerst magisch!

Ribe Glas

Schräg gegenüber vom Haupteingang der Kirche liegt eine ausgesprochen spannende Glasmanufaktur (Torvet 17). Hier erstehe ich einen großen Knopf, golden mit schwarzen, sich kreuzenden Linien und Punkten. Natürlich haben sie auch Engelkitsch, vor allem aber gutes Kunsthandwerk in allen Farben des Regenbogens.

Weitere interessante Orte sind der Second-Hand-Laden Habengood (Von Støckens Plads 4) mit vielen alten Schallplatten, auch z.B. Kate Bushs Wuthering Heigths, Matchbox-Autos und Tim-und-Struppi-(Rintintin-)Bildern, die alte Apotheke (Overdammens Idebutik, Hausnr. 5) oder der Kunsthandwerksladen Artizan (Nederdammen 35), wo wir eine Papageientaucher-Postkarte für unsere Tochter erstehen. Im Hornwarenladen (Nederdammen 28) kauft mein Mann ein völlig unbearbeitetes, großes Rinderhorn, aus dem er ein Kunstwerk machen möchte.

Quedensgård Café og Krambod

Dann packt uns der Hunger. Wir kehren im Quedensgård (Overdammen 10) ein. Empfehlenswert dort sind die vielen Biolimonaden dänischer und italienischer Provinienz. Aber der vegane Unbio-Burger (stolze 185 Kronen) ist lieb- und einfallslos und verdient nur ein „Ausreichend“. Immerhin macht er satt. Der Nippes, den es vor Ort ebenfalls zu kaufen gibt, sieht nach Made in China aus.

Museet Ribes Vikinger

Zum Schluss laufen wir noch bei Regen zum Wikingermuseum (Odins Plads 1). Da wir uns vom letzten Besuch her noch lebhaft an die Ausstellung erinnern, beschränken wir uns diesmal auf den Shop. Ich erstehe ein wissenschaftliches Werk über Hexerei und unterhalte mich länger mit einer rotgelockten Angestellten mittleren Alters über das Thema.

Inzwischen ist es dunkel. Wir sind zurück Hos Helle, mein Mann hat uns Rotwein eingeschenkt. Ich lese bei Thorkild Björnvig über unsere aktuelle Mondphase (von mir ins Deutsche übersetzt):

Der Halbmond zwischen den Hügeln schwebt
niedrig über der Tiefe; unter ihm
sammeln sich ungewisse Schatten, breitet
sich des Schlafes Märchengarten aus.

Wir beenden den Tag mit einem Nachtspaziergang bei Mondschein.

 

Ribe – die älteste Stadt Dänemarks

 

Das Flüsschen Ribe

Hinfahrt mit 2 Elektrobussen und Zug: 99,8 km / 4,003 kg CO²
Rückfahrt mit Zug: 156 km / 4,056kg CO²
Unterkunft 18 m², 2 Personen, 2 Nächte:  0,972kg CO²/Person

Es ist nicht unser erster Ausflug nach Ribe – aber das erste Mal, dass wir hier auch übernachten, und das gleich zweimal. Anlass ist der 64. Geburtstag meines Mannes!

Ribe wurde spätestens 710 gegründet und war ein wichtiger Handelsplatz der Wikinger, gelegen an einem damals auch für große Schiffe befahrbaren Fluss, der Ribe Å, und ganz in der Nähe der Nordsee. Das mittelalterlich-romantische Stadtbild ist fast vollständig erhalten geblieben, viele Häuser stammen noch aus dem 15. Jahrhundert und der Dom, drittältester von ganz Skandinavien, ist romanisch mit gotischen Überformungen.

Das Flüsschen verzweigt sich hier zu einem Delta, und so wirkt der heute knapp 9.000 Einwohner zählende Ort ein bisschen wie Venedig oder Amsterdam im Kleinen. Man hört das Tosen des Wassers, das über Wehre schiesst, und immer wieder überqueren wir Brücken aus Holz oder Stein.

Ribe: Terpager - Kaufmannsladen und Café

Terpager

Um die Mittagszeit kommen wir am Bahnhof an und laufen zunächst zielgerichtet zu Terpager in der Fußgängerzone: Hier gibt es (neben dem ältesten Kaufmannsladen Dänemarks) auch ein Restaurant-Bistro, in einem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1442! In den Regalen steht Selbsteingemachtes, das sie für ihre unkonventionellen Gerichte verwenden, und auch das Brot ist selbstgebacken. Mein Mann entscheidet sich für ein veganes Sandwich mit Krautsalat, ich für eine ebenfalls vegane Suppe, dazu trinken wir Kombucha und Rotwein, später noch Espresso, der hier zusammen mit stillem Wasser serviert wird. Das Geschirr ist handgetöpfert, das Ambiente historisch und die Bedienung ausgesprochen freundlich. Ich bin glücklich. Verwundert es euch, dass wir bei jedem unserer Ribe-Besuche hier einkehren? (Anschrift: Mellemdammen 18)

Kunstmuseum

Anschließend gehen wir zum Kunstmuseum. Dieser Bau ist neuer: Der englische Garten wurde 1859 angelegt, die Villa, von den Einheimischen bald nur noch „das Schloss“ genannt, 1864 im historisierend-kitschigen Renaissancestil erbaut. Dem Besitzer Giørts gehörte eine Baumwollfabrik, er war seinerzeit der größte Arbeitgeber Ribes. Nach einer Explosion in seinem Werk ging er jedoch Konkurs und verließ den Ort. Seine Pflegetochter Elisabeth heiratete einen der berühmtesten Söhne der Stadt, den Fotografen und Journalisten Jacob August Riis (siehe dazu auch den Artikel „Abschied von Ribe“, 2.11.25).

Nach seiner Pleite verkaufte Giørts Haus und Grundstück an 15 Bürger der Stadt, und so war der Weg frei für ein Kunstmuseum. Es wurde 1891 eröffnet und ist auf dänische Kunst von 1750-1950 spezialisiert. Im obersten Stockwerk gibt es aber auch Sonderausstellungen, im Moment z.B. eine über die Maleren Ebba Carstensen, 1885-1967 (noch bis zum 18.1.2026). Sie war eine wirklich ungewöhnliche Frau, die unverheiratet mit Mutter und Tochter in Kopenhagen lebte. Vor allem eines ihrer Sommerhausbilder, …., wirkt ganz expressionistisch, magisch und verwunschen.

Da alles im Museumsshop derzeit reduziert ist, kaufe ich noch einen Bildband der Fotografin Kirsten Klein: Mytesteder.

(Adresse: Sct. Nicolai Gade 10)

Hos Helle

In der Nähe des Doms erstehe ich noch einen Kettenanhänger aus Silber in Form eines Drachens. Dann ist es Zeit, unser Quartier „Hos Helle“ am Nederdammen 30 zu beziehen. Es liegt im Hinterhof eines Fachwerkhauses ganz unterm Dach auf 18 m², mit Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbad. Die werden wir heute Nacht mit zwei deutschen Frauen teilen. Alles ist sehr gemütlich, schlicht und sauber und äußerst individualistisch: Man geht durch Helles Haus, die auf den beiden unteren Etagen wohnt. Und: Die Blumen in unserem Zimmer sind echt! Das alles für nur rund 155€, also weniger als 80€ für 2 Personen pro Nacht, Kaffee und Tee (u.a. Bio-Earl Grey) inclusive. Mehr kann man nicht erwarten! Bin gespannt, wie es sich im Bett schlafen lässt.

Nachdem es dunkel geworden ist, machen wir noch einen Nachtspaziergang und erkunden mehrere Gassen, die wir noch nicht kannten. Alte Straßen, der zunehmende Mond am Himmel, das Rauschen der Ribe Å, einige verkleidete Hexen. Es ist so romantisch!

 

Apfelfest im Museum Oldemorstoft (Padborg, DK)

Alle Jahre wieder im September oder Oktober findet im malerischen Heimat- und Zollmuseum Oldemorstoft ein Aktionstag rund um den Apfel statt.

der wilde jäger von oldemorstoft

Oldemorstoft, das ist ein viele Jahrhunderte alter Hof, der ursprünglich ausserhalb des Dorfes lag und einem Valdemar gehörte. Oder aber vielleicht doch seiner Grossmutter, denn wörtlich übersetzt heisst „oldemor“ eben „Grossmutter“. Bezeugt ist der Hof seit 1472. Viele Sagen ranken sich um ihn, so auch eine Version des Wilden Jägers, der hier in der magischen Johannisnacht (vom 23. auf den 24. Juni) sein Unwesen treiben soll.

warum alte apfelsorten besser verträglich sind

Heute aber ist das Wetter schön, die Sonne scheint, und erstaunlich viele Besucher sind gekommen. Experten bestimmen die Sorten des Mitgebrachten. Es gibt Führungen durch die Apfelplantage mit ihren vornehmlich alten Sorten. Aber auch an die Apfelallergiker ist gedacht: Wir erfahren, dass vor allem die modernen Sorten wie Braeburn, Elstar, Granny Smith oder Gala Allergien auslösen – ganz einfach, weil sie viel weniger Polyphenole enthalten als die alten Sorten. Da sind wir doch froh, dass wir neben unserem mittelprächtigen Topaz auch einen Gravensteiner gepflanzt haben (Gråsten auf dänisch geheißen), der zu den Guten gehört.

Wir probieren und kaufen hiesigen Honig, nehmen an einer Apfel-Lotterie teil und trinken frisch gepressten Most – einfach köstlich! Darüber hinaus ist der Eintritt ins Museum inklusive Kaffeestube an diesem Sonntag kostenlos. Und so wird unser kleiner Ausflug zu einem der Glücksmomente des Tages.

flensburger apfelfahrt

Und wem dies noch nicht genug Apfel war, der kann vom 14. – 16. Oktober an der Flensburger Apfelfahrt teilnehmen.

Anschriften:
* Museum Oldemorstoft, Bovvej 2, 6330 Padborg, http://www.oldemorstoft.dk/
* Flensburger Apfelfahrt: Museumshafen Flensburg, Herrenstall 11, 24937 Flensburg, https://museumshafen-flensburg.de/de/feste-veranstaltungen/apfelfahrt

Färöer: Kirche, Kunst und Heide (FO/DK)

Unirdische Kunst: Kettentanz unter dem Meer

Am letzten Tag vor Abfahrt unseres Smyril-Line-Schiffes gen Ost-Island besuche ich morgens zunächst einmal den Gottesdienst in der hölzernen Torshavner Hafenkirche aus dem 18. Jahrhundert. Betet, so wird euch das Licht der Welt gegeben, steht auf färöisch über dem Altar, wenn ich es recht übersetze…

Havnar Kirkja

Evangelisch-schlicht ist der Innenraum gehalten: die Decke weiß mit himmelblauen Kassetten, von denen goldene Sterne blinken. Bänke und Kanzel sind gleich gestrichen, in ocker-braun-gold. Drei Votivschiffe hängen von der Decke. Das Altarbild zeigt die Kreuzesabnahme Christi.

Ich bin Viertel vor Beginn dort und damit eine der ersten – viele kommen gerade eben pünktlich oder auch ein wenig zu spät. Voll ist die Kirche, rund achtzig Besucher zähle ich, darunter viele junge Menschen und auch kleine Kinder, die frei herumrennen. Ein Junge umläuft sogar den Altar. Selbst die Orgelempore ist gut besetzt. Der Grund wird bald klar: Heute findet eine Taufe statt. Und zwar die von Eda Karolina Lak, einem zarten, kränklich, blässlich aussehenden Wesen. Eine Frau trägt färöische Tracht, die anderen alles von festlich, über Tüll – bis hin zu ausgetretenen Turnschuhen. 

Zwei Frauen halten den Gottesdienst ab, die Pastorin jung, lächelnd, im schwarzen Ornat mit weißer, gestärkter Halskrause – als sie das Abendmahl ausgibt noch dazu mit weißem Überwurf. Ihre ältliche Helferin hingegen gehört zu den sportlich Gekleideten.

Acht Psalmen sind angeschlagen, aber noch viel mehr Lieder werden gesungen. Es gibt zwei Psalmenbücher, nur bei dem kleineren, jüngeren hat man sich meiner erbarmt und die Noten dazugedruckt. Ich entdecke das italienische Santa Lucia mit färöischem Text. 

Zum Abendmahl knien die Leute, jede*r hat einen kleinen Extrapokal, aus dem sie oder er das Blut Christi empfängt. Die Pastorin predigt mit Freude über Jesus, die Pharisäer (nach Lukas), Erotik, Prostituierte und die Hells Angels. 

Es wird viel aufgestanden, sich wieder gesetzt, die Pastorin singt mit ihrem sehr schönen Sopran vor, die Gemeinde antwortet. Ab und an tritt mir eine kleine Rührungsträne ins Auge. Zum Abschluss reicht die Pastorin allen, auch mir, die Hand.

Vor der Kirche stehen dann richtig viele Menschen in Tracht herum, Männer und Frauen, offenbar gibt es noch eine Anschlussveranstaltung. Ich bin sehr beeindruckt und bewegt.

Per Bus durch einen außerirdischen Tunnel

Während ich den Gottesdienst allein besucht habe, bin ich um 13.05 Uhr wieder mit den anderen zu einem äußerst ungewöhnlichen Kunsterlebnis vereint: der Linienbusfahrt ab Fähranleger in Torshavn durch den 11 km langen Untermeerestunnel zwischen den Inseln Streym- und Eysturoy. Er ist gleichzeitig der Welt erster Kreisverkehr unter dem Meer.

Was an einem Tunnel so ungewöhnlich sein soll? Nun, sein Mittelpunkt, der Verkehrskreisel, ist von zwei Künstlern gestaltet und fast schon unwirklich schön. Weil wir mit einem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs sind, bekommen wir davon nur den Kunst- und nicht den Musikteil dargeboten. Im eigenen Auto hätten wir noch per Radio auf UKW 97 gehen und die dazugehörige Spezialkomposition von Jens L. Thomsen erleben können. In ihr sind die Laute vom Tunnelbau verarbeitet.

Aber auch ohne musikalische Untermalung ist das Kunstwerk, das wir an diesem Tag insgesamt dreimal im Vorbeifahren sehen, äußerst beeindruckend. Der Verkehrskreisel ahmt die Form einer riesigen, kuppelförmigen Qualle nach. Alles ist in aquamarinblaues, karminrotes, grünes oder gelbes Licht getaucht. Und in der Mitte sieht man die lebensgroßen Silhouetten vieler Menschen in einem großen Kreis. Einer der bekanntesten färöischen Künstler, Trondur Patursson, ließ sich für diese Installation vom färöischen Kettentanz inspirieren, wo sich die Teilnehmer an den Händen haltend in einer Schleife fortbewegen und lange Balladen gesungen werden: Ausdruck für die Kraft der Gemeinschaft beim Tanz ins Licht.

Wanderung von Nes nach Saltangara

Nur wenige Sekunden dauert das Kunsterlebnis. Wir fahren mit dem Bus bis zur Endstation in Toftir und besuchen alle Sehenswürdigkeiten in dem kleinen Ort und dem angrenzenden Dorf Nes (darunter eine britische Kanone aus dem 2. Weltkrieg). Dann versuche ich, den Wanderweg rund um den Toftavatn zu finden, denn zurück nach Torshavn fährt der Bus heute erst ab Runavik – und auf der Durchgangsstraße zu laufen macht keinen großen Spaß.

Rauhe Heidelandschaft am Toftavatn

Am Sportplatz von Toftir findet heute eine große Auto-Verkaufsshow statt, und alle, alle aus den umliegenden Orten sind versammelt. Das Wetter spielt mit: Wir haben strahlendblauen Himmel. Endlich erblickt der Freund meiner Tochter den Einstieg in diese zwar steile, aber für Wanderer und Spaziergänger sehr gut ausgebaute Märchenwelt. Rund um den Tovtavatn erstreckt sich das größte Heidegebiet der Färöer. Rau und verzaubernd ist diese eigenartige Landschaft, mit vielen Vogelarten. Ganz spontan meint unsere Tochter: “Wenn ich in Toftir oder Runavik leben würde, wäre ich jeden Tag hier.”

Singschwäne und Wollgras

Weil wir bis zur Abfahrt des Busses noch Zeit haben und alle etwas hungrig und durstig sind, laufen wir von Runavik noch kurz bis ins angrenzende Saltangara. Im dortigen Café Cibo, das wirklich lange Öffnungszeiten hat, ist der Treffpunkt für alle aus der Umgebung, von Familien mit Kindern bis hin zu Motorradcliquen. Die Pommes-Portionen sind so groß, dass ich später auf das Abendessen verzichte.

Und zum krönenden Abschluss fährt der Linienbus uns noch einmal durch unseren unirdischen, färöischen Meereskunsttunnel.

Der Leuchtturm von Torshavn mit Befestigungsanlage

Am folgenden Tag heißt es dann: Ferien-Torfhaus verlassen und mit der Smyril Line weiter nach Island reisen. Erst zehn Tage später werden wir auf dem Rückweg nach Dänemark wieder in Torshavn anlegen – und dürfen nur für knapp drei Stunden von Bord. Wir nutzen die Zeit, um in der Kunsthandwerks-Galerie Öström im Westhafen einzukaufen, sehr empfehlenswert. Wir essen etwas und spazieren dann noch durch die Altstadt auf der Halbinsel Tinganes. Es fühlt sich an wie nach Hause Kommen.

Skal og farvæl Føroyar!

Links:

Färöer: Wanderung von Kirkjuböur nach Torshavn (FO/DK)

Der schönste Tag unserer Färöer-Woche beginnt. Wie fast jeden Tag von Mittwoch bis Sonntag stehen wir erst einmal Schlange in der besten Bäckerei Torshavns, Breydvirkid, nur wenige Gehminuten von unserem Ferienhaus “Undir Ryggi” entfernt. Dank Breydvirkid beginnen unsere Torshavn-Tage mit Biobrot und -brötchen in einer reichhaltigen Auswahl, frisch aus dem Ofen.

Die Biobäckerei Breydvirkid

…wurde von den beiden jungen Unternehmerinnen Frida und Randi gegründet, die man vielleicht auch direkt hinter dem Tresen antrifft. Neben Sauerteigbrot und anderen Köstlichkeiten gibt es einen kleinen Kühlbereich mit Milch, Joghurt, Eis und anderen Bioprodukten. Und das Spannende: Hier in der Jonas Broncks Göta 44 stehen die EINHEIMISCHEN an, gefühlt sind wir die einzigen Touristen. Besonders empfehlen kann ich das Vollkornkastenbrot. Übrigens wanderte der Namensgeber der Straße in die USA aus. Und es geht das Gerücht, dass der New Yorker Stadtteil Bronx nach ihm benannt wurde.

Mit dem Stadtbus nach Kirkjuböur

Nach dem Frühstück fahren mein Mann und ich mit einem der roten Stadtbusse kostenlos nach Kirkjuböur. Die Busse sind alle etwas klapprig, und offenbar ist unserer nicht mehr ganz fahrtüchtig. Jedenfalls bittet der Busfahrer an geeigneter Stelle alle Fahrgäste, das Vehikel zu wechseln. Das war bestimmt die richtige Entscheidung, denn die Fahrt danach ist an einigen Stellen durchaus halsbrecherisch und einspurig, dafür umso spannender.

In Kirkjuböur

Das winzige Dorf ist der geschichtlich wichtigste Ort der Inselgruppe, ruhig, mit torfgedeckten Häusern, schwarz geteert, mit rot umrahmten Sprossenfenstern. Vor der Reformation um 1560 herum befand sich hier das geistliche und kulturelle Zentrum der Färöer – Kirkjuböur war sogar Bischofssitz. Noch immer beherrschen drei Gebäude aus jener Zeit den Ort: die Domruine der St.-Magnus-Kathedrale, die Dorfkirche St. Olaf und ein uraltes Bauernhaus. Ursprünglich soll sich der größte Teil des Ortes weiter unten in der Nähe des Meeres befunden haben – und bei einer Sturmflut untergegangen sein.

St. Olaf

Zunächst besuchen wir die kleine Dorfkirche. Sie stammt aus dem Jahre 1111 und wurde dem heiligen Olaf von Norwegen geweiht. Heute ist sie die einzige durchgängig genutzte mittelalterliche Kirche auf den Färöern. In der Ostmauer sieht man noch das Loch, vor dem die Leprakranken dem Gottesdienst beiwohnen konnten. Die Kirche ist orgellos und mit einem Altarbild des färöischen Malers Samuel Joensen-Mikines geschmückt.

Die Domruine

Im Anschluss erkunden wir die gotische Ruine der Kathedrale. Sie war dem Heiligen Magnus der Orkney-Inseln gewidmet und wurde zwische 1330 und 1340 fertiggestellt. Es heißt, sie sei damals eine der schönsten Kirchen der nordischen Länder gewesen. Teile des Inventars befinden sich heute im Kulturhistorischen Museum in Torshavn. Mit Aufgabe des Bischofssitzes im Rahmen der Reformation wurde sie teilweise abgebrochen, wirkt aber immer noch imposant. Und ein wenig gruselig, gewiss spukt es hier auch in Vollmondnächten oder bei Sturm.

Das Pachthofhaus

Dann wagen wir uns gegen einen kleinen Obulus und trotz des Kettenhundes (er tut mir leid!) in das alte Bauernhaus. Es ist der färöerweit größte Erbpachthof, ein sogenannter Königsbauernhof. Denn nach der Reformation wurde alles Kirchenland vom dänischen König eingezogen und anschließend weiterverpachtet. Schon von außen ist das Haus wundervoll beschnitzt und in Rot und Blau prächtig bemalt. Es wird mittlerweile in der 17. Generation von der Familie Patursson bewohnt. Das Gebäude ruht auf den bis zu zwei Meter dicken Fundamenten des entweder unvollendeten oder aber zertörten Bischofssitzes. Heute gehört es zu den ältesten noch bewohnten Holzhäusern Europas. Deshalb sind einige Bereiche privat und nicht zu besichtigen. Der Rest aber hat es in sich und gehört mit zu dem Schönsten, was ich auf den Färöer bisher gesehen habe.

Aus der Zeit vor 1350 stammt der früheste Teil des Hofes. Das sind die aneinander gebauten Stokkastovur (Blockhäuser), insbesondere die Roykstovan (Rauchstube). Fertig aus Norwegen soll die Roykstovan gekommen sein. Was wohl so zu deuten ist, dass sie dort abgebrochen und dann hier auf dem nicht ganz passenden alten Fundament wieder zusammengesetzt wurde.

Das abgeschlossene Zimmer im Obergeschoss (wir dürfen nur durch ein Guckloch hineinlinsen) war einst Arbeitszimmer der Bischöfe. Frei zugänglich ist hingegen die Rauchstube im Erdgeschoss. Hier beeindruckt uns vor allem eine Holzschnitzerei, die den Kopf des einäugigen Gottes Odin zeigt. Er hing, wenn ich es recht erinnere, mehrere Tage kopfüber in der Weltenesche Yggdrasil und gab ein Auge hin, um Weisheit zu erlangen. Auch ritt er ein achtbeiniges Pferd, Sleipnir, das uns später in Nordisland wiederbegegnen wird. Von allen männlichen Göttern ist er mir am nächsten, die Sehnsucht nach Weisheit kann ich so gut verstehen!

ein könig auf der Flucht

Der Sage nach soll König Sverre von Norwegen (er regierte von 1177-1202) nach der Flucht seiner Mutter Gunnhild aus Norwegen in Kirkjuböur geboren worden sein. Gunnnhild fand Arbeit am Bischofssitz und versteckte den Säugling in einer Höhlungg am Hang, die heute mit einem roten Kreuz gekennzeichnet ist. Sicher ist jedenfalls, dass Sverre auf den Färöern aufwuchs.

Eine “leichte” Wanderung zurück

Zurück nehmen mein Mann und ich nicht den Bus (er fährt samstags eh nur 3x am Tag), sondern wagen die von den Reiseführern als “einfach” und “für Kinder geignet” bezeichnete Wanderung über den Berg zurück nach Torshavn. Offiziell soll der Weg nur zwei Stunden dauern, wir brauchen aber doch mehr, knapp drei Stunden. Was daran liegt, dass ich im Gelände die langsamste Geherin aller Zeiten bin, wir werden immer wieder überholt, zumeist von jungen Männern.

steinsetzungen markieren den weg

Der Weg ist gut markiert, anfangs im Ort mit roten Holzpflöcken, in der Wildnis dann mit den berühmten färöischen Steinhaufen/-pyramiden, die man nicht abtragen oder gar aus Jux und Dollerei versetzen darf – es könnte für Nachfolgende tötlich enden. Als schlammig und an vielen Stellen am besten direkt in den vielen Rinnsalen zu begehen erweist er sich. Der Wanderführer bezeichnet die Oberfläche mit “Gras- und steinige Pfade”. Irgendwann kommt uns eine Dreiergruppe entgegen, von denen einer rote Chucks trägt und ansonsten ein wenig heruntergekommen wirkt – ob er den steilen Abstieg nach Kirkjuböur heil überstanden hat? Jedenfalls sind auch bei “leichten” Routen auf den Färöern Wanderschuhe angemessen. Auch wenn diese 7km lange Strecke (von den jeweiligen Ortsausgängen gemessen!) bestimmt eine der Hauptwanderwege der Färöer ist, erleben wir immer wieder eine große Stille, unterbrochen nur vom Plätschern der Wasser und den Schreien der Möwen. 

Wir haben wirklich gutes, trockenes Wetter und genießen so die Aussicht auf die Inseln Sandoy, Hestur, Koltur und Vagar. Auf letzterer spielt ein Teil des Romans “Barbara” von Jörgen-Franz Jacobsen, denn die männliche Hauptperson Paul ist dort als Pastor eingesetzt.

der alte versammlungsort reynsmulalag

Unterwegs kommen wir an Reynsmulalag vorbei, einer Stelle schon relativ nahe an Torshavn, die wie ein natürliches Amphitheater in die Landschaft eingebettet ist. Hier ist die Akustik besonders gut, weshalb an diesem Ort seit 1850 jene Volksversammlungen stattfanden, an denen auch William Heinesen schon als Achtjähriger teilnahm. Ein aus Steinen errichtetes Podium gibt es hier. Die Versammlungen wurden und werden mit Flaggen und Reden begangen, und eigens dafür komponierte patriotische Lieder werden gesungen.

Auch viele Frauen nahmen den steilen Weg von Torshavn auf sich, wie historische Aufnahmen und Bilder beweisen. Gut können wir uns vorstellen, wie die Menschen auf dem Hügel vor dem Podium saßen und zum Beispiel Joannes Patursson (1856-1946) lauschten, einem Pionier der färingischen Unabhängigkeitsbewegung. Da die Färöer inzwischen zwar immerhin autonom, aber noch nicht vollständig von Dänemark unabhängig sind, gibt es derartige öffentliche Treffen an dieser Stelle immer noch, beispielsweise am Nationalfeiertag Olavsöka am 28./29. Juli jeden Jahres.

Schließlich kommen wir unten im Tal an und erreichen eine Haltestelle des Stadtbusses 2, der ungefähr alle 15 Minuten fährt – wir haben es uns verdient. Und unser schönster Tag auf den Färöern endet bequem.

Links:

Ausflug auf die färöischen Nordinseln: Klaksvik (Bordoy, FO/DK)

 

Während die roten Stadtbusse in Torshavn freundlicherweise gratis sind (und der Begriff Stadt wird durchaus weit gefasst), muss man für die blauen Überlandbusse denn doch ein kleinen Obulus entrichten (90 Kronen/gut 12 Euro pro Strecke und Nase). Dafür zählt dann aber auch die Busfahrt nach Klaksvik im Norden der Inselgruppe mit zu unseren schönsten Färöer-Erlebnissen. Atemberaubende Berge, Wasserfälle und Fjorde wechseln sich kurzweilig ab.

Endstation ist Klaksvik, die zweitgrößte Stadt der Inselgruppe. Rund um die Bucht Bordoyarvik verläuft die Hauptstraße mit Geschäften und der Tourist Information, wo wir einen Stadtplan erhalten. Bevor wir aufbrechen, stärken wir uns aber erst einmal im Café Frida mit Espresso.

Christianskirkjan mit uraltem Opfer-Taufbecken

Anschließend statten wir der Hauptsehenswürdigkeit, der Christianskirche, einen Besuch ab. Dort bekommen wir sogar eine ganz persönliche Sonderführung in dänischer Sprache in die sehenswerte Krypta, und die Orgel-CD wird extra für uns angeschmissen, was ich allerdings als etwas störend empfinde. Die Kirche stammt aus dem Jahre 1963, beherbergt aber ein riesiges älteres Fresko des dänischen Malers Joakim Skovgaard. Unter dem Dachfirst hängt ein Boot von Vidareidi, mit dem früher der dortige Pfarrer zu anderen Dörfern und Inseln seines weitläufigen Pastorats gerudert wurde. Am besten aber gefällt mir der Taufstein. Er ist aus dem dänischen Nordjütland hierher gekommen und sein Alter wird auf 4.000 Jahre geschätzt – vermutlich diente er einst als Opferschale.

Klaksvik: Kunst im Stadtpark

 

 

Sehenswert: Die Plantage im Südosten der Stadt 

Dann spazieren wir zur Südbucht, vorbei an einem Bild à la Banksy, schauen der Skulptur eines Kopfspringers bei seiner unendlichen Tätigkeit zu und lauschen dem Klackern der Kiesel, wenn sich das Wasser nach jeder kleinen Welle wieder zurückzieht. Schließlich laufen wir ganz in den Südosten zum örtlichen Stadtparkwald, den wir bis auf eine andere Frau ganz für uns allein haben, magisch mit wildem Bach, Bäumen und Fuchsien und unbedingt sehenswert.

 

 

Brauerei Föroya

Da das Klaksviker Museum schon geschlossen hat, als wir wieder zurück in den Ort kommen, statten wir der größten Brauerei der Färöer (sinnig Föroya geheißen) einen Besuch ab und erstehen ein Sixpack Bio-Bier direkt vom Hersteller.

Janis Joplin im Café Frida

Zurück im Café Frida genießen wir Ingwertee aus lustigen Riesentassen. Meine zeigt Janis Joplin, die Sängerin des Lieds “Me and Bobby McGee”, was mir eh schon den ganzen Tag durch den Kopf gegangen ist. Welch ein Zufall!

Jazz und Blues in der Blabar, Torshavn – oder auch nicht

Mit dem Bus geht es zeitig wieder zurück nach Torshavn, denn abends wollen wir noch an einem Konzert der Sommertonar-Musikfestivals in der Blabar teilnehmen. “The Land of Maybe” heißt die Gruppe. In der Jazz-and-Blues-Bar ist es nett – aber die Band die Gruppe entspricht nicht wirklich unseren Vorstellungen (weder Jazz noch Blues), und so gehen wir einigermaßen zeitig wieder nach Hause. Trotzdem ein äußerst schöner, gelungener Tag.

Anschriften:

Färöische Kunst und verzauberter Parkwald: Torshavn (FO/DK)

Alle vier lieben wir Kunst, und deshalb führt uns der zweite Tag auf den Färöern gleich in die Nationalgalerie im Norden der Hauptstadt Torshavn. Es ist etwas neblig, als wir an der Niels Finsens Göta auf den Bach am südlichen Ausläufer des Vidarlundin Parks stoßen. Dort erlegt ein gläserner St. Georg seinen Drachen, umschwommen von sehr diesseitigen Stockenten.

Im Stadtpark Vidarlundin

Atemberaubend ist dieser Park, die größte Plantage auf der ganzen Inselgruppe. Wir laufen leicht bergauf, am Bach Havnara entlang, der in kleinen Kaskaden zu Tal stürzt. Weiter westlich gibt es noch einen kleinen See. Und überall steht Kunst herum, schwimmen Enten (sogar eine Warzenente entdecke ich), und der Star, der ist etwas ganz besonderes – eine färöische Unterart der normalen Stars, glitzernd auch er.

LISTASAVN Foroaya – Die Nationalgalerie der Färöer

Die Nationalgallerie Listasavn ist eines der schönsten Erlebnisse während unseres Urlaubs. Hier wird ausschließlich färöische Kunst ausgestellt – und davon gibt es unendlich viel. Im Gegensatz beispielsweise zum Louvre mit Raub und Kauf aus aller Herren Länder erfahren wir an diesem Ort wirklich etwas über die Inselgruppe, auf der wir zu Besuch sind – dabei trotzdem weit entfernt von jeglicher Art spießigen Heimatmuseumsfeelings.

Besonders gut gefallen mir das “Boot” von Frida Zachariassen. Auch  der färöische Kettentanz von Samal Joensen-Mikines hat es mir angetan. Und natürlich die vielen Bilder von William Heinesen, der gleichzeitig der berühmteste Schriftsteller der Färöer war und ist. Wir erleben die färöische Natur und einzigartige Landschaft, die grünen Hügel, farbenfrohen Dörfer und die wilde See der 18 Inseln (zu denen noch viele kleine Extrafelsen stoßen). Von innen lässt sich eine von ihnen, Litla Dimun, mittels einer raumfüllenden Metallskultpur begehen (Ole Wich, 2009). Aber auch eine Frau beeindruckt mich sehr: Elinborg Lützen (1919-1995), die berühmteste Grafikerin der Insel. Leider gibt es ihre Bücher im Museumsshop nicht in deutscher oder englischer Sprache zu kaufen.

Ganz zum Schluss dürfen wir noch einen Sonderraum betreten. Er entpuppt sich als der schönste des ganzen Museums. Ein komplett aus Glas gestalteter Kubus, überwiegend in Blautönen gehalten, magisch beleuchtet, erlaubt er durch spezielle Anordnung vieler Spiegel, 700 m in die Himmelshöhe und Meerestiefe zu schauen. Faszinierend wie ein Blick in den Weltraum oder aus einem U-Boot! Wir machen unendlich viele Fotos. Geschaffen wurde dieses über-unter-irdische Kunstwerk von Trondur Patursson (The Deep Blue, 1996).

Anschließend vergnügen wir uns sehr lange im Museumsshop, der gleichzeitig Café ist und malen die Bilder Heinesens als Mandalas aus. Wir überlegen, nicht nur etwas zu trinken, sondern auch Souvenirs zu kaufen (und tun’s dann doch nicht, die Preise). Unsere Tochter und ihr Freund sind so vertieft, dass sie bleiben, bis das Museum um 17 Uhr schließt.

Mein Mann und ich hingegen laufen weiter durch den Vidarludin auf anderem Weg zurück gen Zentrum und entdecken ganz neue verzauberte Figuren im Park sowie zwischen den Häusern. 

Niels Finsen – ein färöischer Nobelpreisträger

Und selbst das Denkmal für den färöischen Arzt und Nobelpreisträger Niels Ryberg Finsen weiter unten in der Stadt wirkt verwunschen. Er forschte über die Notwendigkeit von ausreichend Vitamin D und Sonnenlicht für die Gesundheit – im nebelverhangenen Torshavn wahrlich eine größere Rarität als in Süditalien. Finsen starb sehr jung, mit nur 43 Jahren an Pseudoleberzirrhose.

Wir hingegen flüchten uns zurück in unsere malerische Ferienwohnung, in das Torfhaus Undir Ryggi 15.

Anschrift:
Listasavn National Gallery of the Faroe Islands, Gundadalsvegur 9, 100 Torshavn, www.art.fo 

Ankunft in einer magischen Stadt: Torshavn (Färöer, FO/DK)

 

Unser Ferienhaus in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer

Immer montags um 7.30 Uhr legt die M/S Norröna der Reederei Smyril Line in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer an. Die Färöer gehören zwar zum Königinreich Dänemark, sind aber weitestgehend autonom.

undir ryggi

Da es insgesamt nur knapp 54.000 Färinger gibt, ist ihre Hauptstadt entsprechend klein – und sehr verwunschen. Unser Ferienhäuschen liegt in der Altstadt in einer malerischen Gasse namens Undir Ryggi, was ich mir mit “Unter dem Rücken” übersetze. 

Es ist eines jener uralten Häuser mit grasbewachsenem Torfdach auf Birkenrinde, schwarz geteert, mit weiß abgesetzten Fenstern und grünen Türen. Eng schmiegt es sich an die grauschwarzen Felsen, auch die Wege bestehen aus Felsbrocken, zwischen die ab und an etwas Teer gekippt wurde. Um das Häuschen herum wächst ein wenig Gras und Farn, aber vor den Fenstern gibt es winzige Blumenkästen mit Steingartengewächsen. Dicht daneben stehen die anderen Häuser, zu einem davon gehört eine Hainbuche, die auch auf unser Grundstück wächst. Überall geht es steil bergauf oder steil bergab, mit vielen Stäffeles. Die Müllabfuhr ist hier dementsprechend eine Abholung zu Fuß.

Im Inneren finden wir niedrige, milchweiß gestrichene Holzdecken, einen Dielenfußboden. Küche, Ess- und Wohnzimmer sind eins, nur das Duschbad wurde abgetrennt. Über eine abenteuerliche Holzstiege gelangen wir auf den Dachboden, der in zwei Schlafzimmer unterteilt ist. Nur in der Mitte können wir stehen. Überall hängen alte s/w-Familienfotos, passend zum Design des Geschirrs, aber auch viele andere färöische Bilder und Poster.

Noch nie habe ich ein Feriendomizil erlebt, bei dem Küche und Bad dermaßen umfangreich ausgestattet waren. Dafür sind die Betten sehr weich und sehr durchgelegen: Mein Po ist des Nächtens definitiv der tiefste Punkt. Trotzdem schlafe ich erstaunlich gut und bin morgens immer als erste wach. Von unserem Schlafsofa aus geht der Blick direkt auf den Hafen. 

Im Wohnzimmer liegen viele Kissen und eine Wolldecke, alles in grau-braun-schwarz-weiß, mit typisch färöischen Mustern. Den Bodenteil meiner Morgen-Meditationsgymnastik werde ich auf der Decke machen, die erstaunlich weich und unkratzig ist. Für die Streckübungen hingegen muss ich mich vor die Haustür stellen, wegen der geringen Deckenhöhe. Aber das macht alles nichts: Ich fühle mich in dem Haus geborgen.

frühstücken im café paname

Unser erstes färöisches Frühstück nehmen wir im Café Paname gleich gegenüber dem Rathaus ein. Die Brötchen dort sind selbstgemacht, und eisgekühltes Leitungswasser gibt es kostenlos dazu. Außerdem werden Butter, Käse und die typische färöische Marmelade gereicht: Rhabarber. Diese Pflanze nimmt hier gigantische Höhen an, während die Engelwurz eher klein bleibt – umgekehrt wie bei uns.

Das Café beherbergt ebenfalls die älteste Buchhandlung der Stadt, wirklich sehr gut ausgestattet auch mit dänischen und englischen Büchern – und hier kann ich sogar einen färöisch-deutschen Sprachführer erwerben, nebst einem klassischen färöischen Roman in englischer Sprache, der meinen Namen trägt: Barbara (von Jörgen-Frantz Jacobsen).

Er beschreibt das Leben der legendären Beinta Broberg, die im 17./18. Jahrhundert nacheinander mit drei Inselpfarrern verheiratet war – die ersten beiden starben jeweils nach erstaunlich kurzer Zeit. Der Autor hat das Leben dieser Femme fatale so spannend beschrieben, dass das Buch in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt worden ist.

färöische musik

Noch etwas Spannendes finden wir gleich am ersten Morgen: Den Shop des färöischen Musiklabels TUTL, wo ich im Laufe der Tage vier CDs aus dem Bereich färöischer Jazz, Grottenkonzert und Poesie erwerben werde. So eigen und ungewöhnlich wie alles hier (siehe auch meinen Beitrag: https://pfeiferin.de/die-faeroeer-das-land-von-sowohl-als-auch-fo-dk/).

shoppingcenter auf färöisch


Am Rande der Innenstadt liegt ein kleines Einkaufszentrum namens SMS mit einer schönen, die Farbe wechselnden Glaskunsttreppe im Innern. Hier gibt es drei Imbiss-Restaurants, Bekleidungsgeschäfte, Drogerie, zur Freude meiner Tochter auch eine Niederlassung der dänischen Sostrene Grenes, und natürlich einen großen Supermarkt. Hier gibt es viel Bio, aber natürlich mit Inselaufschlag. Am meisten begeistert die Jungen, dass man hier kostenlos Glasflaschen bekommt (schön mit Kühen drauf), in die man sich die frische Milch selbst abfüllen kann. Was wir auch tun.

tinganes, die thing-landzunge

Spätnachmittags zieht es meinen Mann und mich noch auf die andere Seite des Osthafens, auf die Halbinsel Tinganes. Hier scheint, ebenso wie in unserer Gasse, die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Holzhäuser sind allerdings überwiegend rot angemalt. Wir befinden uns im uralten Regierungsvierteil, das unprätentiöser nicht sein könnte. Nirgendwo gibt es eine Absprerrung, ein Polizeiauto oder ähnliches, nur die Häuschen, dicht an dicht, dazwischen Kopfsteinpflaster, und zu den Hafenbecken links und rechts hin Felsen, auf denen es sich gut klettern lässt.

Zum Land hin wird die Halbinsel durch einen Hügel begrenzt, auf dem die Havna Kirkja liegt, davor Treppen mit Kunst und buten Blumenbeeten. Das Stadtviertelchen Reyn östlich davon ist eines der ältesten der Stadt und dermaßen pittoresk, dass an allen Zugängen Schilder aufgestellt sind, man möge doch bitte die Privatsphäre der dort Lebenden respektieren und zum Beispiel nicht in die Zimmer hinein fotografieren.

Wir setzen uns in das Kaffihusid am Westhafen, das gleichzeitig Kunst anbietet, beispielsweise vier kleine Aquarelle im Format A7 für 200 dänische oder färöische Kronen, das sind rund 25 Euro. Wir trinken heiße Schokolade, genießen den Ausblick aufs Wasser, die alten und neuen Schiffe, und fühlen uns wie verzaubert.

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Anschriften: