Hin- und Rückfahrt:
Mit dem Bus erst von Harrislee Padborg Grenze nach Flensburg ZOB, von dort aus mit dem Bus 150 nach Husum = 2 x 4,94kg CO2 = 9,88 kg CO2 (bei nur 2,33kg CO2, die pro Tag incl. Essen usw. erlaubt sind).
Da mein Geburtstag dieses Jahr auf einen Montag fällt (fast alle Museen und viele Restaurants sind zu) und zudem bis in den frühen Nachmittag Regen angesagt ist, beschließen wir, dieses Jahr nach Husum zu fahren. Theodor Storms „graue Stadt am Meer“ ist im 21. Jahrhundert nicht mehr grau, sondern sehr bunt und lebendig, wie wir von früheren Besuchen her wissen.
Wir kommen mittags hungrig an, und die Restaurant-Suche gestaltet sich tatsächlich nicht ganz leicht. Schließlich aber können wir bei Alex Kitchen einen Tisch ergattern und einen leckeren, veganen Mezze-Turm abarbeiten, flankiert von frischem Minztee und Primitivo. Alex Kitchen ist ein Selbstbedienungsrestaurant, das es auch in Flensburg gibt, vom Ambiente also nicht gerade romantisch, aber doch mit gutem Essen.
Schwebeengel im Weihnachtsmuseum
Frisch gestärkt besuchen wir das Weihnachtshaus, für alle Weihnachtsenthousiast*innen wie mich natürlich ein absolutes Muss (Artikel auf meiner Webseite Magische Weihnachten folgt.)
Im Theodor-Storm-Haus
Und da wir von Museen dann immer noch nicht genug haben und der Wind sehr kalt um die Ecken pfeift, besuchen wir anschließend noch das Haus, in dem der poetische Realist und Schimmelreiter-Autor Theodor Storm von 1866 bis 1880 lebte. Übrigens auch er ein großer Fan von Weihnachten, wenn ich auch sein „Von draußen vom Walde komm ich her“ einfach nur gruselig finde.
Husum ist auf jeden Fall eine Stadt, die ich schon gerne bald wieder einmal besuchen werde.
Hin- und Rückreise:
von Harrislee Padborg Grenze mit dem Bus nach Flensburg ZOB, von dort mit dem Bus nach Niebüll und anschließend mit dem Zug nach Westerland/Sylt = 2 x 5,92kg CO2 = 11,84kg CO2 (pro Tag sollte man nicht mehr als 2,33 kg CO2 incl. Essen etc. verbrauchen).
Als wir im Radio hören, dass das Verwaltungsgericht in Schleswig die Punker-Aktion Sylt als Dauerdemo vom 20.7.-16.8.2026 genehmigt hat, beschließen wir, hinzufahren und uns selbst ein Bild zu machen.
Es ist unser erster Besuch auf der Insel seit 2004, und er beginnt mit einem kleinen Schock: Der Zug ist sogar mitten unter der Woche mit Tagestourist*innen komplett überfüllt, die vermutlich ebenso wie wir ein Deutschlandticket haben. In Westerland strömen die Massen ins Freie und durch die Fussgängerzone, welche an Trostlosigkeit trotz des sonnigen Wetters kaum zu überbieten ist: Ein Filialist reiht sich an den anderen und nur wenige der Häuser sind alt. Eines dieser hübscheren Häuser beherbergt das Café de Paris. Wir haben beide Hunger, und dort gibt es recht ordentliches veganes Frühstück.
Anschließend laufen wir Richtung Strand und stellen fest, dass die Kurtaxe 4,10€ pro Nase beträgt. Also schauen wir uns die Wellen nur von einer Terrasse aus an und machen uns dann auf zum Lager der Aktion Sylt.
Mein Anliegen ist, jemanden zu finden, der oder die einen Artikel für die Graswurzelrevolution schreiben will. Und tatsächlich notiert sich auch ein junger Mann alles Notwendige in sein Handy. Wir streicheln die Hündin Molotow und nehmen am Plenum teil – sehr spannend. Es stehen bestimmt 80 Zelte auf dem Platz. Insgesamt ist Punk aber nicht meine Welt, und so verabschieden wir uns nach einer Stunde.
Typisches Keitumer Haus
Um der Westerland-Trostlosigkeit zu entgehen, fahren wir mit dem Zug eine Station zurück nach Keitum. Ich hatte es als schönstes Dorf Sylts in Erinnerung, und tatsächlich gefällt es mir hier mit den vielen, vielen reetgedeckten Häusern wesentlich besser.
In der Kleinen Teestube genieße ich ein veganes Banana Bread und einen China Lung Ching-Tee. Eigentlich ist es sehr heimelig hier, wenn nicht der ganze Ort von Möchtegern-Schickimickis und Alligator-Hemden nur so wimmeln würde. Wir ignorieren sie nach Kräften und gehen nach der Café-Stärkung zum Grünen Kliff, steigen hinab und machen einen kleinen Spaziergang am Wattenmeer.
Auf dem Rückweg besichtigen wir noch die Kirche St. Severin, die im 11. Jahrhundert über einem heidnischen Heiligtum errichtet wurde. In ihrer Apsis steht ein spätgotischer Altar, auf dem tatsächlich Gott dargestellt ist, von dem sich die Christen ja eigentlich kein Bild machen sollen. Außerdem beherbergt die Kirche die größte Orgel Nordfrieslands. Sehenswert!
Auf dem Rückweg haben wir Pech: Die Bahn fährt soviel Verspätung ein, dass wir den Anschlussbus in Niebüll nicht bekommen und uns eine Stunde im Bahnhofscafé vergnügen müssen. Aber wenigstens spielt das Wetter mit, bis wir wieder zu Hause angelangt sind.
Es zieht mich nicht sonderlich noch ein drittes Mal nach Sylt. Falls ich doch dorthin kommen würde, würde ich mich auf Megalithgräber und andere Überbleibsel aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit konzentrieren wollen.
Mit dem Museums-Triebwagen von Flensburg nach Kappeln
Bus von Harrislee Padborg-Grenze bis FL ZOB und zurück: 2×0,82 = 1,64 kg CO2 Museumszug von Flensburg Bahnhof nach Kappeln/Schlei und zurück: 2×2,07 = 4,14 kg CO2
——————————– Gesamt: 5,78 kg CO2 Netterweise verrät einem der hiesige Verkehrsbetrieb nah.sh direkt, wieviel CO2 man pro Strecke verbraucht (mit einem Museumszug z.B. etwas mehr als mit einem modernen). So braucht man nicht mühsam von den km umzurechnen. Von Flensburg Bahnhof bis Kappeln sind es gut 45km, von der Grenze bis zum ZOB nur 10km – das zeigt eindrücklich, wieviel schlechter ein nicht elektrifizierter Bus gegenüber der Bahn ist). Für einen ökologischen Fussabdruck von einer Erde darf jeder von uns 850 kg CO2 pro Jahr verbrauchen, inkl Essen, Trinken und Wohnen, das sind 2,33kg pro Tag. Alles darüber Hinausgehende bitte mit atmosfair oder Ähnlichem ausgleichen!
Zwischen Ende Mai und Mitte September fährt samstags zweimal täglich eine Museumsbahn von Flensburg in den Süden bis nach Kappeln. Es handelt sich um zwei Waggons der Angelner Dampfeisenbahn gGmbH, Deutschlands nördlichster Museumseisenbahn. Allerdings dampfen die auf dieser langen Strecke eingesetzten Züge nicht, sondern fahren mit Diesel. Der gemeinnützige Verein betreibt an anderen Tagen zwei kürzere Strecken – und die dann tatsächlich mit noch älteren, dampfenden Lokomotiven.
Wir selbst sitzen in zwei roten Triebwagen, einer aus dem Jahre 1961, der andere etwas jünger, 1967. Sie erinnern mich an meine Kindheit: Die Bahn zwischen Fürth im Odenwald und Weinheim an der Bergstraße sah ähnlich aus. Die Motoren sind genauso gebaut wie in Bussen aus jener Zeit, und die Sitze umklappbar, sodass sich jeweils 2×3 Leute gegenüber sitzen können, wenn sie wollen. Zugführer und -begleiter arbeiten allesamt ehrenamtlich und mit großem Engagement. Ausgesprochen abenteuerlich ist diese Fahrt, vor allem im letzten Teil ab Süderbrarup: Hier gibt es fast nur noch unbeschrankte Bahnübergänge, und der Schaffner muss immer wieder abspringen, um Weichen und die wenigen Schranken manuell umzustellen. Rehe mit Kitzen stehen im Gleisbett, Fasane sehen wir, und Hasen hoppeln davon.
Es ist von der ersten bis zur letzten Minute abenteuerlich, kann über den hiesigen Verkehrsverbund gebucht werden und kostet nur unwesentlich mehr als ein normales Zugticket für die Strecke (wo man dann mehrfach umsteigen müsste).
Kappeln selbst hat den Badeort-Bonus, d.h. alle Geschäfte dürften sogar sonntags offen haben. Es ist viel los, zumal gerade ein Kunsthandwerkermarkt direkt an der Schlei (einem Meeresarm der Ostsee) stattfindet, wo mein Mann ein Olivenholzschälchen ersteht. Immer um zwanzig Minuten vor der vollen Stunde öffnet sich die große Klappbrücke, die Angeln mit Schwansen verbindet, damit die vielen Schiffe passieren können.
Wir essen im Tauwerk ASC mit Sicht aufs Meer, wo es zum Glück zwei vegane Gerichte zur Auswahl gibt. Ich entscheide mich für Zitronenspaghetti (mit Knoblauch, Cherrytomaten, Spinat und Kokosmilch) und bin äußerst zufrieden. De facto habe ich schon recht lange nicht mehr in einem Restaurant so gut warm gegessen. Dazu gibt es dänischen Bommerlunder und alkoholfreies Bier, danach Espresso. Achtung: Wenn man (wie mein Mann) ein Fischgericht mit Bratkartoffeln bestellt (er ist Pescetarier), unbedingt dazusagen, dass es ohne Speck sein soll, selbst wenn selbiger auf der Speisekarte nicht erwähnt wird!
Danach will mir das Tote-Hosen-Lied „Eisgekühlter Bommerlunder“ schier nicht mehr aus dem Kopf, zu dem wir in den 80er Jahren in der Hamburger FABRIK manchmal Pogo getanzt haben, zu fortgeschrittener Stunde, versteht sich.
Erwähnenswert sind auch die beiden (großen) Hathi-Läden in der Fußgängerzone, Indienshops mit Weihrauchgeruch, aber eben groß und sehr gut sortiert. Hier finde ich eine zarte wollweiße Bio-Strickjacke (wonach ich in Flensburg vergeblich gesucht hatte) und zwei Baumwolltücher.
Wir treffen noch zufällig einen Ex-Nachbarn aus Padborg, aber dann heißt es schon um 15:20 Uhr, die Museumsbahn zurück in den Norden zu nehmen. Das Erlebnis schreit nach Wiederholung, spätestens, wenn wir demnächst Gäste haben.
Konstanz – Donaueschingen: 2 x 66,8km x 0,04kg = 5,35kg CO2 <Pro Tag sollte man nicht mehr als 2,33kg CO2 verbrauchen, Essen und Wohnen inklusive.>
„Brigach und Breg bringen die Donau zuweg“, haben wir in der Schule gelernt, und das passiert genau hier, in Donaueschingen – und ist auch der Grund, warum wir von Konstanz einen Ausflug hierhermachen, denn ich möchte gerne einmal die Donau von der Quelle bis zur Mündung erkunden.
Die Kreisstadt ist überregional bekannt für ihre Musiktage im Oktober, aber als wir sie besuchen, ist Juni und die gut 20.000-Seelen-Gemeinde so provinziell wie jede andere ihrer Größe auch, wo die CDU gut 33% der Stimmen hat. Wir besuchen das Vanilli’s, ich esse eine Avocado-Stulle mit Demeterbrot und trinke Espresso. Empfehlenswert!
Dann erkunden wir den Ursprung der Donau und stellen zu unserem Erstaunen fest, dass es dafür gleich drei Orte gibt: Da ist zum Einen die eingefasste Donauquelle in der Innenstadt zwischen Stadtkirche und Schloss (s.o.), sehr schön, romantisch, umrahmt von moderner Kunst, noch bis zum 13.9.26 sind das die Donauhaie aus Vác. Eigentlich handelt es sich um versickertes Regenwasser aus dem Schwarzwald, das hier als Quelle wieder hervorsprudelt, bewacht von der Mutter Baar, einer Skulptur aus dem Jahre 1896. Viele Leute werfen glückbringende Münzen hinein, und schon der römische Kaiser Tiberius war sich sicher, dass exakt hier der Ursprung des zweitlängsten Flusses Europas ist.
Donautempel
Unterirdisch fließt das Quellwasser als „Donaubach“ dann weiter durch den Schlosspark und mündet am Donautempel (aus dem Jahre 1910) in die Brigach. Ist hier der Ursprung der Donau? Nein.
Donauursprung – der Zusammenfluss von Brigach und Breg
Doch schließlich kommen wir an den Zusammenfluss von Brigach und Breg – wieder bewacht von einer Mutter-Baar-Kind-Donau-Figurengruppe aus dem 19. Jahrhundert. Alle drei Orte sind zu Fuß mit einem gemütlichen, kleinen Spaziergang gut zu erreichen.
Hier startet sie also, die Donau, mitten im Schwarzwald, um 2.857km später ins Schwarze Meer zu münden! Dabei durchfließt bzw. berührt sie zehn Staaten, mehr als jeder andere Fluss auf der Welt: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, die Republik Moldau und die Ukraine. Und bisher kenne ich nur kleine Teile von ihr – ich war schon in Ulm, und ich bin mit dem Schiffchen von Wien nach Bratislava gefahren. Ob ich es schaffe, noch den ganzen Rest von ihr kennenzulernen?
Blick vom Landungssteg auf die Konstanzer Uferpromenade
Zug Stuttgart-Konstanz 174km mit der Gäubahn (über Rottweil und Radolfzell) x 0,04kg CO2 = 6,96kg 7 Nächte in Konstanz, Ferienwohnung 20 m² zu zweit: 10 x 7 x 0,054kg CO2 = 3,78kg Rückfahrt Konstanz-Padborg mit der malerischen Schwarzwaldbahn 991km x 0,026kg CO2 = 25,77kg Gesamt: 36,51kg CO2 <Im Durchschnitt sollte man pro Tag nicht mehr als 2,33kg CO2 verbrauchen, Essen etc. inklusive, um den Klimawandel nicht weiter anzuheizen. Notlösung: Ausgleichszahlung bei atmosfair.>
Ich bin nicht zum ersten Mal in Konstanz, denn erstens liegt es nicht weit von meinem früheren Wohnort Stuttgart entfernt, und zweitens studiert derzeit unsere Tochter dort Biologie. Leider ist unsere diesmalige Ferienwohnung in der St. Johanngasse 6 nicht empfehlenswert: Sie liegt zwar direkt am Münster, mitten im ältesten Viertel der Stadt, und das Haus stammt aus dem Jahre 1275, sie wirkt auch auf den allerersten Blick romantisch mit ihrer rohen Steinmauer am Kopf des Bettes, ist aber auf den zweiten Blick (a) dreckig, (b) abends extrem schlecht beleuchtet und hat (c) einen so kleinen Tisch, dass man daran nur schlecht essen, geschweige denn ordentlich am Laptop arbeiten kann.
Warum ich bei meinem Besuch in diesem Jahr immer wieder an Jan Hus denken muss, den Prager Reformator, den sie hier am 6.7.1415 bei lebendigem Leib verbrannt haben, obwohl ihm zuvor freies Geleit zugesichert worden war, weiß ich nicht sicher. Wir sind weder im Hus-Museum noch stolpern wir über eines der Mahnmale. Trotzdem erinnern mich die uralten Häuser an ihn. Und natürlich die Tatsache, dass Konstanz über die Jahrhunderte hinweg katholisch geblieben ist.
Blütenbrot von der Bio-Bäckerei Zuck & Kaun
Zunächst heißt es aber ökologisch einkaufen, und das ist zum Glück nicht schwer: Direkt um die Ecke gibt es das Backstüble Zuck & Kaun. Die Bio-Bäckerei im Herzen von Konstanz bietet Brote, Kleingebäck (z. B. Brötchen), süße Teilchen und Kuchen in Bioland-Qualität. Dabei legt sie großen Wert darauf, möglichst regionale Bio-Rohstoffe zu verwenden. Hier erstehen wir unter anderem ein herrliches Brot, über und über mit bunten Blüten bestreut. Etwas mehr Richtung Bahnhof liegt dann der Alnatura-Biomarkt, der zu recht günstigen Preisen alles bietet, was mensch zum Essen braucht. Wir kochen und promenieren dann am Abend das Konstanzer Bodenseeufer entlang, wo gerade ein Volksfest stattfindet.
Später während unseres Aufenthalts entdecken wir noch den Wochenmarkt auf dem St.-Stephans-Platz (diens- und freitags) und dortselbst einen wirklich exzellenten, wenn auch nicht ganz billigen Demeter-Stand des Pestalozzi Kinderdorfs Stockach.
Am Sonntag besuchen wir zwei Kunstausstellungen gegenüber dem Münster im Kulturzentrum: Hier gibt es in jeder Ecke des Gebäudes andere Künstler*innen zu bewundern, jeweils mit gesondertem Eintritt (und manchmal ohne Kosten). In der constance contemporary Kunstbaustelle zeigen sie unter dem Motto „Das Nichts ist so viel wie das Etwas“ Werke des schwäbischen Künstlers Willi Siber, die meinen Mann faszinieren. Mir gefallen vor allem seine magischen, farbigen Werke (die Ausstellung ist mittlerweile beendet). Im alten Gewölbekeller (noch bis 30.8.26 zu bewundern) heißt die Ausstellung vom Kollektiv Korpa „Woven Bodies, Stitched Apart“, die sich mit unserer hyperkapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft auseinandersetzt. Am besten gefällt mir die schon fast kitschige Blüte von Charlotte English aus dem Jahre 2025, eine Romantisierung ihrer Trauer um die verstorbene Mutter.
Danach treffen wir uns mit unserer Tochter, ihrem Freund und dessen Eltern im türkischen Restaurant Minoo (mit nordafrikanischen Anklängen), das Essen ist zwar vegan, aber nicht sonderlich doll, die Atmosphäre im Hof hingegen sehr stimmungsvoll.
Anschließend wollen seine Eltern zurück nach Stuttgart und die „Kinder“ zum Aufräumen und Ausschlafen nach Hause (die Tage zuvor fand das Campusfestival statt). Klaus und ich fahren ein Stück mit ihnen zurück und gehen in das wirklich empfehlenswerte Programmkino Zebra. Hier darf man sogar regelmäßig montags am Abend nur das zahlen, was man kann (mindestens jedoch 2€). Wir schauen einen spannenden Dokumentarfilm von Julia Lemke und Anna Koch, Zirkuskind. Er erhielt bei der Berlinale 2025 eine lobende Erwähnung, 2026 außerdem den Preis der deutschen Filmkritik sowie den Deutschen Filmpreis. Das Leben einer deutschen Zirkusfamilie zwischen Realismus und Magie – FSK 0, du kannst ihn also auch mit deinen Kindern schauen, es lohnt sich. Die Tiere des Circus Arena, um den es im Film geht, werden angeblich gut gehalten und sind für die Menschen dort regelrecht Familienmitglieder. Ganz sicher bin ich mir zwar nicht, ob das so stimmt, hoffe es aber natürlich für die Tiere.
Veganes Bio-Eis im Café Liesel
Am Montag (1.6.26) besuchen wir Dingelsdorf und dort die Kirche St. Nikolaus, die mir recht gut gefällt. Ansonsten hat dieser Ortsteil von Konstanz nicht viel zu bieten. Zum Glück haben wir ein Bodensee Ticket West, und können damit kostenlos mit dem Nahverkehr hin- und herfahren, was wir ausgiebig nutzen. Zurück in Konstanz machen wir eine kleine Hafenrundfahrt und essen dann köstliches, veganes Bio-Eis bei Liesel auf der Marktstätte. Danach holen wir unsere Tochter von der Arbeit ab und verbringen einen gemütlichen Abend mit dem Paar in seiner neuen Wohnung auf der anderen Rheinseite.
In den folgenden Tagen unternehmen wir viele Ausflüge – dazu gibt es gesonderte Artikel. Zwei weitere Orte in Konstanz verdienen jedoch noch Erwähnung: Da ist zunächst einmal Das Voglhaus in der Altstadt – ein Café und Restaurant mit sehr, sehr vielen Auszeichnungen, in denen man bio und vegan essen kann. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gute Erfahrungen hier gemacht. Diesmal gab es einen kleinen Wermutstropfen, vielleicht, weil wir zu kurz vor der Schließung dort waren: Die veganen Bratwürste waren quasi roh und kalt. Da alle Male zuvor das Essen wirklich gut schmeckte, möchte ich Das Voglhaus trotzdem empfehlen!
Die zweite Erwähnung: das Theater in Konstanz. Die Stadt beherbergt im ehemaligen Jesuitengymnasium die älteste noch bespielte Sprechbühne Deutschlands aus dem frühen 17. Jahrhundert. Daneben gibt es im Sommer Freilichtaufführungen auf dem Münsterplatz – in diesem Jahr Büchners Lustspiel Leonce und Lena. Wir selbst schauen uns ein Stück in der Spiegelhalle an, die direkt an der Bodenseeuferpromenade liegt: „Rollenwandel: Schiff der Träume“, nach einem Drehbuch von Federico Fellini. Eine opulente Traum- und Trauerreise, bei der die Schauspieler jeweils in mehrere Rollen schlüpfen, gesungen (gut!) und Klavier gespielt (ebenfalls gut!) wird auch. Das Spannende an der Sache: Hier hat nicht die Intendanz des Theaters entschieden, was in welcher Besetzung auf die Bühne kommt, sondern das Kollektiv. Das hat offenbar anfangs auch durchaus geknirscht, aber das Ergebnis ist überzeugend und magisch, und so kann man dem Ensemble nur viele weitere Vorstellungen in der nächsten Saison wünschen!
Nach einer Woche müssen wir zurück nach Dänemark. Es war bestimmt nicht unser letzter Aufenthalt in Konstanz – und wir kommen gern wieder, nur nehmen wir nächstes Mal auf jeden Fall eine andere FeWO!
Zug Stuttgart-Freudenstadt und zurück: 2x66km = 132km x 0,040kg CO2 = 5,28kg Auto Freudenstadt-Bad Rippoldsau/Schapbach und zurück: 2x22km = 44km x 0,164kg CO2 = 7,22kg Gesamt: 12,5kg CO2 <Pro Tag darf man nicht mehr als 2,33kg CO2 verbrauchen, wenn man nicht den Klimawandel vorantreiben will, Essen und Kleidung eingeschlossen!>
Von Stuttgart aus fahre ich zu meiner Freundin, die in einem Ökodorf im Nordschwarzwald wohnt. Wir treffen uns in Freudenstadt, und dann geht einer meiner großen Wünsche der letzten Monate in Erfüllung: noch einmal den Alternativen Bären-, Luchs- und Wolfspark zwischen Bad Rippoldsau und Schapbach besuchen!
Obwohl ich inzwischen schon fast fünf Jahre in Dänemark wohne, spende ich nach wie vor monatlich für die wilde Bärin Jurka und den heldenhaften Luchs Hero. In diesem riesigen Park sieht man die Tiere nur selten, eher zufällig, und sie interagieren miteinander. Die Stiftung versucht, ehemaligen, gequälten Zoo- und Zirkustieren die Fixierung auf Menschen wieder abzugewöhnen und sie so naturnah zu halten, wie es nur irgend möglich ist.Und natürlich sind sie auch politisch aktiv, um z.B. den Einsatz von Wildtieren im Zirkus gänzlich zu unterbinden.
„Meine“ Jurka, Jahrgang 1997, war einst Wildbärin in Italien und ist die Mutter von Bruno, dem angeblichen Problembär, den man 2006 in Bayern erschoss. Leider wurde sie von unvernünftigen Menschen angefüttert, wodurch Jurka jede Scheu verlor, was sie an ihren Nachwuchs weitergab. Deshalb musste sie schließlich eingefangen werden. Hero wiederum wurde für ein Wiederauswilderungsprojekt 2015 in Litauen gezüchtet, aber aufgrund seiner Gehbehinderung zu einem Leben in einem kleinen Zoogehege verurteilt. Als ihm (ebenso wie Jurka) der Tod drohte, nahm ihn der Bärenpark auf.
Hurra! Wir haben zwei Bären entdeckt!
Meine Freundin und ich essen zunächst einmal zu Mittag – es gibt hier sagenhaft leckere, vegane Currywurst und Bärenparksbier aus dem Schwesterpark im thüringischen Worbis. Dann machen wir den großen Rundgang, erhaschen sogar ab und an Blick auf Bären (wenn auch nicht auf Jurka), und ich kaufe zum Abschluss noch Ansichtskarten und Kühlschrankmagneten von meinen beiden Patenkindern.
Nicht weit vom Park entfernt ist der malerische, 32 Meter hohe Burgbachwasserfall mit einer kleinen Wanderung (5,8km) zu erreichen (und mit ein bisschen Suchen finden wir auch den Einstieg). Es ist einfach soooo schön im Schwarzwald!
Zum Abschluss besuchen wir noch auf dem riesigen Freudenstädter Marktplatz das Café Pause. Ich glaube, so eine große Auswahl an veganen Kuchensorten habe ich in meinem Leben noch nirgends gesehen! Die Schokolade ist FairTrade und das Ganze unbedingt empfehlenswert!
Blick über den Stuttgarter Schillerplatz auf Stiftskirche und Fruchtkasten
Zug von Rothenburg nach Stuttgart: 148km x 0,026kg = 3,85 kg CO2 Unterkunft: privat im Zimmer des abwesenden Sohnes = 0 kg CO2
24 Jahre und exakt 4 Monate habe ich in Stuttgart gewohnt und gearbeitet. Deshalb sind die üblichen touristischen Events wie Stadtrundfahrten nichts für mich. Und ins Musical? Ich war in meinem ganzen Leben noch nicht in einem. Was ich jedoch sehr bedauere: Just in der Woche, in der mein Mann und ich da sind, gibt es weder im FITZ Figurentheater noch im Theater am Faden bei der über 80jährigen Frau Brehme in Heslach Veranstaltungen. Dabei gehören diese beiden zu meinen Stuttgarter Lieblingsorten… Helga Brehme bezeichnet sich selbst als glücklichsten Menschen der Welt, und das strahlt sie bei den Aufführungen in ihrem magisch-verwunschenen Fachwerkhaus auch aus.
Die Freundin, bei der wir nächtigen, muss leider arbeiten. So schmeiße ich nur schnell mein Gepäck ab und gehe mit einer anderen Freundin ins Völkerkundemuseum. Schließlich habe ich ja mal mit großer Freude Ethnologie studiert! Erst erfrischen wir uns jedoch mit Getränken im angeschlossenen Restaurant Hegel Eins, das sowohl von Michelin als auch von Gault & Millau ausgezeichnet worden ist. Dann geht es in eine kleine Ausstellung über Frauenleben in Afrika, Beschneidung inklusive, bevor wir die Sammlungen im Erdgeschoss und ersten Stock besichtigen – Afrika, Orient, Ozeanien und Südasien. Das Museum stammt aus dem Jahre 1889, hat also eine lange und auch kolonialistische Geschichte. Seit 2010 ist Inés de Castro Direktorin und versucht, die patriarchal-hegemoniale Sichtweise über Bord zu werfen.
Tags darauf trinke ich mit meinem Mann noch Harry’s Kaffeerösterei in der Eberhardstraße exzellenten Americano, bevor er sich zu einem Treffen mit Freunden aufmacht.
Ich schlendere zur historischen Markthalle. Sie stammt aus dem Jahre 1914 und ist eine echte Stuttgarter Sehenswürdigkeit. Dort gibt es inzwischen viel mehr Biostände als zu meiner Zeit. Ich kaufe ich kaufe am Stand der Bio-Bäckerei Baier eine leckere vegane Foccaccia mit Tomaten.
Ich in der Ausstellung „Das kalte Herz“ – Blick in den Spiegel
Weiter geht es zum Schlossplatz. Im Kunstgebäude (das ist das mit dem goldenen Hirschen auf der Kuppel) läuft gerade die Ausstellung „Das kalte Herz“ – moderne Kunst im Gespräch mit dem früh verstorbenen Stuttgarter Romantiker Wilhelm Hauff. Das Märchen erzählt die Geschichte des armen Schwarzwald-Köhlers Peter Munk, der sich nach Reichtum und sozialer Anerkennung sehnt. Dabei trifft er auf das freundliche Glasmännlein und den finsteren Holländer-Michel. Wie das weiter- und ausgeht, musst du schon selbst nachlesen. Im Museumsshop (die Ausstellung läuft noch bis zum 4.10.26) gibt es jede Menge rosarote Herz-Devotionalien zu kaufen. Ich enthalte mich.
Vor der berühmten Stuttgarter Oper (sie war schon häufig Oper des Jahres) setze ich mich in den Schlosspark und vespere meine Foccaccia. Danach laufe ich weiter zum Charlottenplatz. Im Weltladen erstehe ich Bio-Kaugummi, thailändisches Geschenkband und ein neues weißes Baumwoll-Kopftuch (vermutlich in der Vorahnung, dass mein von zu Hause mitgebrachtes kurz darauf just in Stuttgart seinen Geist aufgeben würde).
Weiter geht es zum Arthaus Kino Atelier am Bollwerk. Eigentlich mag ich das Delphi von der Atmosphäre und den Sichtverhältnissen her lieber, aber heute passt mir das Bollwerk-Programm besser. Um 15:20 Uhr beginnt der Film Vivaldi und ich. Überraschenderweise ruft mein Mann vorher an und stößt dazu. Sehr bunter, sehr bewegender Film – die Frauen quasi rechtlos im Venedig des 18. Jahrhunderts – und Vivaldis Musik wird uns noch ein Stück nähergebracht.
Während mein Mann sich danach mit einem anderen Freund trifft, fahre ich zurück zu meiner Freundin. Wir machen Salat und gehen danach noch bei der Vana Eismanufaktur in der Breitscheidstr. 20 genießen. Es gibt dort sehr viel bio, sehr viel vegan, und es ist einfach super-lecker. Ich schlecke Schoko- und Mandeleis. Ein absolutes Muss!
Einen Tag später mache ich einen Ausflug in den Schwarzwald, hierzu gibt es einen gesonderten Artikel.
Am letzten Tag gießen mein Mann und ich das Grab von Verwandten in Alt-Sillenbuch und fahren dann mit dem Bus hinunter zum Necker nach Esslingen. Zwei Dinge haben wir vor: Besuch des Schreiber-Museums und des Merkelschen Bades. Im Bus flaxe ich, dass das Schreiber-Museum ja vielleicht geschlossen hat. Spaßeshalber schaut mein Mann nach, und zu unserer großen Überraschung ist es tatsächlich wegen Hitze geschlossen! Zum Merkelschen Bad verweise ich auf meinen Artikel vom 10.3.2019. Es hat uns auch diesmal richtig großen Spaß gemacht in diesem wunderschönen Jugendstil-Mineralbad!
Nur wenige Kleinigkeiten zur Ergänzung:
* Im Bio-Bistro Brot & Café essen und trinken wir etwas – und treffen dort die Mutter eines Schulfreundes unserer Tochter. * Sehenswert, wenn auch düster, ist die Stadtkirche von Esslingen, St. Dionys, aus dem 13. Jahrhundert. * Auf dem Weg zum Bahnhof entdecken wir schließlich noch die Eiszeit: Ein Steg führt über den Neckarnebenarm direkt zur Alten Zimmerei. An diesem malerischen Ort in Sichtweite der Doppeltürme der Stadtkirche St. Dionys betreibt Simone Meier-Röhn ihr Eiscafé mit biologischen Eissorten, die sie direkt vor Ort herstellt. Darunter sind sowohl feines Milcheis wie die Haussorte „Weiße Schokolade mit Karamell und Haselnüssen“, als auch Sorbets mit mindestens 50% Fruchtanteil. Das konsequente Konzept bringt mit, dass Erdbeereis erst dann auf der Karte steht, wenn die heimischen Früchte reif sind. Lecker!
An unserem letzten Abend schließlich laden wir meine Freundin ins Restaurant ein: Im Soy Club Stuttgart gibt es ausschließlich vegane Kost! Wir sitzen bei strahlendem Sonnenschein im Freien und lassen es uns gut gehen.
Auch unabhängig von den Pfingstfestspielen und allem, was mit dem Ort als ganzjähriger Weihnachtsstadt zu tun hat (siehe unter dem Suchbegriff „Rothenburg“ meinen Blog Magische Weihnachten,) haben das Städtchen und seine unmittelbare Umgebung viel zu bieten.
Das fängt schon bei meiner Ferienwohnung an, dem Gästehaus Liebler, in einem uralten Haus mitten in der Altstadt gelegen. Wenn man von den vielen Mahnungen zur Sauberkeit usw. einmal absieht (alles, was abhängbar war, habe ich abgehängt) ist es hier sehr gemütlich, sauber und ruhig, und die Vermieterin eine Nette!
Zum Bio-vegan-Einkaufen kann man natürlich Lidl & Co. heimsuchen, es gibt aber auch innerhalb der Altstadt einen wirklich guten Ökoladen: Vreiman in der Galgengasse 52, direkt am Würzburger Tor. Hier hast du die Wahl zwischen regional (ich erstehe z.B. ein fränkisches Kürbiskernöl) und fair aus aller Welt, veganen, klassischen und trendy Produkten – alles und immer bio. Dazu eine kompetente Belegschaft. Achtung: Sie machen von 13 bis 14 Uhr Mittagspause und haben samstags per se nur bis 13 Uhr geöffnet.
Auch wenn es weder bio noch vegan ist, kann ich die Chocolaterie Grand Cru am Plönlein nur empfehlen. Hier werden die wunderbaren Pralinen der Chef-Patissière und Konditormeisterin Anna Kaerlein-Seip aus Burgbernheim verkauft – zum Dahinschmelzen! Sie wirbt mit „Patisserie aus Leidenschaft – Chocolaterie in Perfektion“ – und das stimmt. Außerdem bietet sie Nachmittagskurse für alle Interessierten an. Warum also nicht lernen von einer Frau, die bereits die olympische Goldmedaille in der Patisserie gewonnen hat?
Knapp 2km sind es zu Fuss von unserer Unterkunft zur romanischen Kirche St. Peter und Paul im eingemeindeten Dörfchen Detwang durch das wunderschöne Taubertal. Hier besuchen wir den Pfingstgottesdienst bei einer leider sehr konservativen Pastorin und bewundern das Kreuzigungs-Retabel aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders. Auch eine Hlg. Barbara (meine Namenspatronin) aus dem 16. Jh. ist auf einem der Seitenaltäre zu finden. Auf dem Rückweg laufen wir auf der anderen Seite der Tauber und entdecken so das Topplerschlösschen. Es wirkt, als würde es auf einem Bein stehen, und erinnert mich an die Hütte der russischen Hexe Baba Jaga. Auf der sehenswerten Doppelbrücke aus dem Jahr 1330 überqueren wir das Flüsschen und steigen via dem märchenhaft wirkenden und an Harry Potter-Filme erinnernden Hotel Wildbad (wo man in malerischer Atmosphäre einen Espresso trinken kann) wieder hinauf zum Stadtzentrum. Übrigens: Mit ein bisschen Suchen findet man auf der Rothenburger Seite der Doppelbrücke auch den Zugang zum Stadtteil Kobolzell. Die katholische Kirche St. Johannis dort ist ebenfalls denkmalgeschützt, aber aus Geldmangel nur zu den Gottesdienstzeiten geöffnet.
Spannend ist auch die Franziskanerkirche in der Altstadt. Unmittelbar neben ihr erinnert eine Gedenktafel an den späteren Papst Franziskus aus Argentinien, der 1986 zwei Monate in Rothenburg verbrachte und in der Judengasse wohnte. Die Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert. Mehr als die ganzen Antiquitäten dort interessieren mich aber die fünf modernen, sandgelben Kirchenfenster von Prof. Johannes Schreiter, die den Sonnengesang des Franz von Assissi (1181/82-1226) darstellen: links Bruder Feuer, Bruder Wind, Schwester Sonne & Bruder leiblicher Tod in der Mitte, rechts dann Schwester Wasser und Schwester Mutter Erde. Ich entdecke diesen Sonnengesang erstmals für mich, der fast etwas Schamanisches hat: „Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Mutter Erde, die uns versorgt und ernährt und vielerlei Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“
Als meine noch im Berufsleben stehende Freundin schon zurück nach Stuttgart gefahren ist, besuche ich noch die Schäfertanzkirche St. Wolfgang. Schäferei und Wollhandel hatten im mittelalterlichen Rothenburg eine große Bedeutung. Am Klingentor verehrten die Schäfer ihren Schutzheiligen. Von 1475 bis 1492 wurde dort eine reizvolle Wehrkirche errichtet über den Kasematten der Klingentorbastei. Der Marienaltar im Nordflügel zeigt die Madonna im Strahlenkranz und an den Seiten Bilder aus ihrem Leben (um 1500). Das wirklich Sehenswerte aber ist der Abstieg in die Kasematten und später der steile Aufstieg bis ins Dachgeschoss. Dazwischen ist ein kleines Schäfertanzmuseum untergebracht, und gegen Einwurf einer Münze drehen sich auch die entsprechenden Figuren im Kreis. Im Wehrgang unterm Dach ist eine Pestnase zu bewundern, und man erfährt einiges über die Bombardierung Rothenburgs kurz vor Ende des 2. Weltkriegs. Achtung: Die schmalen, steilen Stufen sind für Leute mit Gehbehinderung oder Schwindelanfälligkeit nicht geeignet!
Im „Lebenslust“ gibt es mehrere vegane Kuchensorten zur Auswahl.
Zum Abschluss noch der Hinweis auf zwei nette Lokalitäten: Das Café Lebenslust befindet sich in der Altstadt direkt gegenüber der St. Jakobskirche. Die Wände sind mit Gemälden verziert, der Holzfussboden von Steinmosaiken durchbrochen. Hier gibt es außerdem jede Menge Konzerte und Tanzkurse – und äußerst leckeren veganen Kuchen!
Wie der Biomarkt Vreiman, so liegt auch das Café einzigartig in der Galgengasse, wo man auf Shabby Chic steht. Hier sitze ich bei weitgeöffneten Fenstern in angenehm kühlem Schatten und genieße Espresso und Erdbeerschorle. Es gibt Milchalternativen für Cappuccino & Co. Zum Frühstück wäre eine „Vegane Verführung“ möglich, auch Sojaghurt mit Obst und selbst ein veganes Panino mit Grillgemüse, Ajvar und Rucola könnte man essen (wenn man nicht wie ich in der Ferienwohnung kochen kann).
Zusammengefasst: Rothenburg ist konservativ bis auf die Knochen – und trotzdem eine Reise wert. Ich habe es nicht bereut, sechs Nächte dort verbracht zu haben.
Gedenkstein an das Rintfleisch-Progrom des Jahres 1298
Bei einem Gang durch das Rothenburg Museum, das im Mittelalter ein Dominikanerinnen-Kloster war, findest du in Kreuzgang und Klostergarten viel Ruhe und Beschaulichkeit (außerhalb des Klosters ist auch eine Art Kräutergarten angelegt, allerdings ziemlich schlecht in Schuss). Im Museum erfährst du viel über die Geschichte der Stadt: Die Bewohner*innen haben zum Beispiel bereits 1938 zu 98% die Nazis gewählt.Und schon zwei Wochen vor dem Novemberprogrom 1938 rühmten sie sich, komplett judenfrei zu sein.
Dazu passt, dass der Dominikanerorden (spöttisch als Hunde des Herrn übersetzt) für die Verfolgung von Häretiker*innen und die Verbrennung der Hexen zuständig war. Auch berüchtigte antisemitische Schriften verfasste er. (Wie genau es meine Tante geschafft hat, im 20. Jahrhundert Dominikanerin und erklärtermaßen Hexe zu sein und sich die Grabrede von einem eigens aus Italien zurückgekehrten Franziskaner halten zu lassen, ist mir heute noch nicht ganz klar. Aber es macht einen Teil ihrer schillernden Persönlichkeit aus.)
Jedenfalls erfährt man in diesem Museum nicht nur alles über Modeln oder sieht den Original-Humpen, aus dem Nusch 1631 seinen Meistertrunk tat. Man lernt auch, warum die Steinfigur des biblischen Moses Teufelshörner trägt: Es ist ein Fehler der Vulgatabibel, bei der das hebräische Wort keren versehentlich mit Hörner statt Strahlen übersetzt wurde.
Meine Freundin und ich machen eine Museumsführung namens „Reinheit ob der Tauber“ mit, bei der es um das jüdische Leben in Rothenburg geht. Diese Führung kann ich NICHT empfehlen! Der Führer ist Archäologe aus Nürnberg und kann zwar einiges zu den Ausgrabungen der letzten Zeit sagen, hat aber vom Judentum wirklich überhaupt keine Ahnung, sodass es sogar für mich, die ich gewiss keine Spezialistin bin, sehr peinlich ist.
Jedenfalls waren die Einwohner*innen der Stadt schon in früheren Jahrhunderten, lange vor der Nazizeit, ausgezeichnet darin, gegen ihre jüdische Bevölkerung Progrome zu verüben (was der Führer eher verharmlost).
Neben der tendenziell vernachlässigten Judaica-Sammlung des Museums gibt es in Rothenburg aber mehrere weitere Orte, die auf die Juden und Jüdinnen im Frankenstädtchen verweisen. Da ist zum einen die Judengasse selbst, in der die Menschen jahrhundertelang leben mussten. Das Wohnhaus Nr. 10 stammt aus dem Jahre 1409 und beherbergt im Keller eine überaus sehenswerte Mikwe, ein rituelles Tauchbad, das offenbar auch von der Nachbarschaft genutzt wurde. Das gesamte Haus gehört zum Kultur Erbe Bayern und ist für die Öffentlichkeit zugänglich.
Im Burggarten an der Kapelle erinnert ein Gedenkstein mit schreienden Menschen, die im Feuer umkommen an das Rintfleisch-Progrom des Jahres 1298 wegen angeblicher Hostienschändung: Am 25. Juni waren 53 Tote zu beklagen (nach anderer Quelle 57), am 18. Juli weitere mindestens 36; der Rest der jüdischen Gemeinde, knapp 450 Menschen, floh daraufhin in die Rothenburger Reichsburg, die ab Sonntag, 20. Juli, belagert und am 22. Juli eingenommen wurde; alle Juden wurden ermordet.
Auch das Gärtlein vor dem Judentanzhaus in der Georgengasse 17 besuchen wir. Bereits im Mittelalter gab es in der Stadt ein jüdisches Tanzhaus, der aktuelle Bau ist ein Fachwerkhaus, ursprünglich aus dem Jahre 1613. Er wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut.
Übrigens ist der berühmteste Rothenburger just ein jüdischer Mensch: Rabbi Meir ben Baruch (auch genannt Meir von Rothenburg), eine der wichtigsten Autoritäten für halachische Rechtsfragen, lebte hier mehr als vierzig Jahre lang. Er starb 1293 aus antisemitischen Gründen in Ensisheimer Gefangenschaft .
Wieviele Menschen jüdischer Konfession heute in Rothenburg leben, ist unklar. Im nicht weit entfernten Nürnberg waren es 2024 2.355.
Jedes Jahr am Pfingstwochenende verwandelt sich das mittelalterliche Frankenstädtchen in ein Heereslager aus dem Dreißigjährigen Krieg, bei dem gefühlt mindestens die Hälfte der Rothenburger*innen mitmacht – und das seit 1881. Dabei sind allerdings mehr Männer mit von der Partie als Frauen, und das Ganze hat durchaus den Charakter eines fröhlichen, mehrtägigen Besäufnisses wie beim Kölner Karneval.
Damals soll sich Folgendes zugetragen haben: Der katholische Generalissimus Tilly hatte 1631, nachdem der Widerstand Rothenburgs gebrochen und die Stadt von seinen 60.000 Soldaten erstürmt worden war, die Ratsherren der protestantischen Reichsstadt Rothenburg zum Tode verurteilt und wollte die Stadt brandschatzen und plündern lassen. In ihrer Not boten ihm die Ratsherren als Willkommenstrunk Wein in einem prachtvollen bunten Glashumpen an, der 3¼ Liter fasste. Tilly wurde dadurch milde gestimmt und sagte, wenn jemand diesen Humpen voll Wein in einem Zuge austrinken könne, würde er die Stadt verschonen. Altbürgermeister Georg Nusch meldete sich freiwillig, und zu jedermanns Erstaunen gelang es ihm, den Becher in einem Zug zu leeren. Tilly war davon so beeindruckt, dass er die Stadt verschonte. Und abzog. Jubel!
Jubel! wird deshalb immer wieder gerufen, wenn die Kostümierten durch die Stadt ziehen, ähnlich wie Alaaf! in Köln oder Narri-Narro! in Stuttgart.
Und was kann man hier nicht alles erleben: Zunächst einmal besuchen meine Freundin und ich das Theaterstück im Rathaus (in der 3. Kategorie kosten die Karten nur 9€). Hier wird der Meistertrunk Nuschs von Lai*innen aufgeführt, mit vielen Kompars*innen dazu. Seit 2016 gehört das Festspiel zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Der historische Händler- und Handwerkermarkt rund um die Hauptkirche ist ebenfalls ausgesprochen sehenswert. Ich erwerbe ein Eschenparfum! Auf dem Marktplatz tanzen die Schäfer*innen, und dazu kommt der große historische Heereszug. Vor den Toren der Stadt gibt es ein großes Feldlager mit Festbetrieb und Livemusik. Natürlich machen auch die örtlichen Museen mit und bieten Sonderevents an. Wer will, kann sich auch einen Rothenburger Kupferpfennig prägen lassen. Und eine Frauengruppe zeigt, wie im 17. Jahrhundert die Kinder gespielt haben. Zum Mitmachen selbstverständlich!
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