Husum – Storms graue Stadt am Meer

Husums Hafen bei Ebbe
Husums Hafen bei Ebbe im Gegenlicht

Hin- und Rückfahrt:
Mit dem Bus erst von Harrislee Padborg Grenze nach Flensburg ZOB, von dort aus mit dem Bus 150 nach Husum = 2 x 4,94kg CO2 = 9,88 kg CO2 (bei nur 2,33kg CO2, die pro Tag incl. Essen usw. erlaubt sind).

Da mein Geburtstag dieses Jahr auf einen Montag fällt (fast alle Museen und viele Restaurants sind zu) und zudem bis in den frühen Nachmittag Regen angesagt ist, beschließen wir, dieses Jahr nach Husum zu fahren. Theodor Storms „graue Stadt am Meer“ ist im 21. Jahrhundert nicht mehr grau, sondern sehr bunt und lebendig, wie wir von früheren Besuchen her wissen.

Wir kommen mittags hungrig an, und die Restaurant-Suche gestaltet sich tatsächlich nicht ganz leicht. Schließlich aber können wir bei Alex Kitchen einen Tisch ergattern und einen leckeren, veganen Mezze-Turm abarbeiten, flankiert von frischem Minztee und Primitivo. Alex Kitchen ist ein Selbstbedienungsrestaurant, das es auch in Flensburg gibt, vom Ambiente also nicht gerade romantisch, aber doch mit gutem Essen.

Schwebeengel im Weihnachtsmuseum
Schwebeengel im Weihnachtsmuseum

Frisch gestärkt besuchen wir das Weihnachtshaus, für alle Weihnachtsenthousiast*innen wie mich natürlich ein absolutes Muss (Artikel auf meiner Webseite Magische Weihnachten folgt.)

Im Theodor-Storm-Haus
Im Theodor-Storm-Haus

Und da wir von Museen dann immer noch nicht genug haben und der Wind sehr kalt um die Ecken pfeift, besuchen wir anschließend noch das Haus, in dem der poetische Realist und Schimmelreiter-Autor Theodor Storm von 1866 bis 1880 lebte. Übrigens auch er ein großer Fan von Weihnachten, wenn ich auch sein „Von draußen vom Walde komm ich her“ einfach nur gruselig finde.

Husum ist auf jeden Fall eine Stadt, die ich schon gerne bald wieder einmal besuchen werde.

Tagesausflug nach Sylt

Auf dem Zeltplatz der "Aktion Sylt"
Auf dem Zeltplatz der „Aktion Sylt“

Hin- und Rückreise:
von Harrislee Padborg Grenze mit dem Bus nach Flensburg ZOB, von dort mit dem Bus nach Niebüll und anschließend mit dem Zug nach Westerland/Sylt = 2 x 5,92kg CO2 = 11,84kg CO2 (pro Tag sollte man nicht mehr als 2,33 kg CO2 incl. Essen etc. verbrauchen).

Als wir im Radio hören, dass das Verwaltungsgericht in Schleswig die Punker-Aktion Sylt als Dauerdemo vom 20.7.-16.8.2026 genehmigt hat, beschließen wir, hinzufahren und uns selbst ein Bild zu machen.

Es ist unser erster Besuch auf der Insel seit 2004, und er beginnt mit einem kleinen Schock: Der Zug ist sogar mitten unter der Woche mit Tagestourist*innen komplett überfüllt, die vermutlich ebenso wie wir ein Deutschlandticket haben. In Westerland strömen die Massen ins Freie und durch die Fussgängerzone, welche an Trostlosigkeit trotz des sonnigen Wetters kaum zu überbieten ist: Ein Filialist reiht sich an den anderen und nur wenige der Häuser sind alt. Eines dieser hübscheren Häuser beherbergt das Café de Paris. Wir haben beide Hunger, und dort gibt es recht ordentliches veganes Frühstück.

Anschließend laufen wir Richtung Strand und stellen fest, dass die Kurtaxe 4,10€ pro Nase beträgt. Also schauen wir uns die Wellen nur von einer Terrasse aus an und machen uns dann auf zum Lager der Aktion Sylt.

Mein Anliegen ist, jemanden zu finden, der oder die einen Artikel für die Graswurzelrevolution schreiben will. Und tatsächlich notiert sich auch ein junger Mann alles Notwendige in sein Handy. Wir streicheln die Hündin Molotow und nehmen am Plenum teil – sehr spannend. Es stehen bestimmt 80 Zelte auf dem Platz. Insgesamt ist Punk aber nicht meine Welt, und so verabschieden wir uns nach einer Stunde.

 

Typisches Keitumer Haus
Typisches Keitumer Haus

Um der Westerland-Trostlosigkeit zu entgehen, fahren wir mit dem Zug eine Station zurück nach Keitum. Ich hatte es als schönstes Dorf Sylts in Erinnerung, und tatsächlich gefällt es mir hier mit den vielen, vielen reetgedeckten Häusern wesentlich besser. 

In der Kleinen Teestube genieße ich ein veganes Banana Bread und einen China Lung Ching-Tee. Eigentlich ist es sehr heimelig hier, wenn nicht der ganze Ort von Möchtegern-Schickimickis und Alligator-Hemden nur so wimmeln würde. Wir ignorieren sie nach Kräften und gehen nach der Café-Stärkung zum Grünen Kliff, steigen hinab und machen einen kleinen Spaziergang am Wattenmeer.

Auf dem Rückweg besichtigen wir noch die Kirche St. Severin, die im 11. Jahrhundert über einem heidnischen Heiligtum errichtet wurde. In ihrer Apsis steht ein spätgotischer Altar, auf dem tatsächlich Gott dargestellt ist, von dem sich die Christen ja eigentlich kein Bild machen sollen. Außerdem beherbergt die Kirche die größte Orgel Nordfrieslands. Sehenswert!

Auf dem Rückweg haben wir Pech: Die Bahn fährt soviel Verspätung ein, dass wir den Anschlussbus in Niebüll nicht bekommen und uns eine Stunde im Bahnhofscafé vergnügen müssen. Aber wenigstens spielt das Wetter mit, bis wir wieder zu Hause angelangt sind.

Es zieht mich nicht sonderlich noch ein drittes Mal nach Sylt. Falls ich doch dorthin kommen würde, würde ich mich auf Megalithgräber und andere Überbleibsel aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit konzentrieren wollen.

 

Mit der Museumsbahn von Flensburg nach Kappeln

Mit dem Museums-Triebwagen von Flensburg nach Kappeln
Mit dem Museums-Triebwagen von Flensburg nach Kappeln

Bus von Harrislee Padborg-Grenze bis FL ZOB und zurück: 2×0,82 = 1,64 kg CO2
Museumszug von Flensburg Bahnhof nach Kappeln/Schlei und zurück: 2×2,07 = 4,14 kg CO2
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Gesamt: 5,78 kg CO2
Netterweise verrät einem der hiesige Verkehrsbetrieb nah.sh direkt, wieviel CO2 man pro Strecke verbraucht (mit einem Museumszug z.B. etwas mehr als mit einem modernen). So braucht man nicht mühsam von den km umzurechnen. Von Flensburg Bahnhof bis Kappeln sind es gut 45km, von der Grenze bis zum ZOB nur 10km – das zeigt eindrücklich, wieviel schlechter ein nicht elektrifizierter Bus gegenüber der Bahn ist). Für einen ökologischen Fussabdruck von einer Erde darf jeder von uns 850 kg CO2 pro Jahr verbrauchen, inkl Essen, Trinken und Wohnen, das sind 2,33kg pro Tag. Alles darüber Hinausgehende bitte mit atmosfair oder Ähnlichem ausgleichen!

Zwischen Ende Mai und Mitte September fährt samstags zweimal täglich eine Museumsbahn von Flensburg in den Süden bis nach Kappeln. Es handelt sich um zwei Waggons der Angelner Dampfeisenbahn gGmbH, Deutschlands nördlichster Museumseisenbahn. Allerdings dampfen die auf dieser langen Strecke eingesetzten Züge nicht, sondern fahren mit Diesel. Der gemeinnützige Verein betreibt  an anderen Tagen zwei kürzere Strecken – und die dann tatsächlich mit noch älteren, dampfenden Lokomotiven.

Wir selbst sitzen in zwei roten Triebwagen, einer aus dem Jahre 1961, der andere etwas jünger, 1967. Sie erinnern mich an meine Kindheit: Die Bahn zwischen Fürth im Odenwald und Weinheim an der Bergstraße sah ähnlich aus. Die Motoren sind genauso gebaut wie in Bussen aus jener Zeit, und die Sitze umklappbar, sodass sich jeweils 2×3 Leute gegenüber sitzen können, wenn sie wollen. Zugführer und -begleiter arbeiten allesamt ehrenamtlich und mit großem Engagement. Ausgesprochen abenteuerlich ist diese Fahrt, vor allem im letzten Teil ab Süderbrarup: Hier gibt es fast nur noch unbeschrankte Bahnübergänge, und der Schaffner muss immer wieder abspringen, um Weichen und die wenigen Schranken manuell umzustellen. Rehe mit Kitzen stehen im Gleisbett, Fasane sehen wir, und Hasen hoppeln davon.

Es ist von der ersten bis zur letzten Minute abenteuerlich, kann über den hiesigen Verkehrsverbund gebucht werden und kostet nur unwesentlich mehr als ein normales Zugticket für die Strecke (wo man dann mehrfach umsteigen müsste).

Kappeln selbst hat den Badeort-Bonus, d.h. alle Geschäfte dürften sogar sonntags offen haben. Es ist viel los, zumal gerade ein Kunsthandwerkermarkt direkt an der Schlei (einem Meeresarm der Ostsee) stattfindet, wo mein Mann ein Olivenholzschälchen ersteht. Immer um zwanzig Minuten vor der vollen Stunde öffnet sich die große Klappbrücke, die Angeln mit Schwansen verbindet, damit die vielen Schiffe passieren können.

Wir essen im Tauwerk ASC mit Sicht aufs Meer, wo es zum Glück zwei vegane Gerichte zur Auswahl gibt. Ich entscheide mich für Zitronenspaghetti (mit Knoblauch, Cherrytomaten, Spinat und Kokosmilch) und bin äußerst zufrieden. De facto habe ich schon recht lange nicht mehr in einem Restaurant so gut warm gegessen. Dazu gibt es dänischen Bommerlunder und alkoholfreies Bier, danach Espresso. Achtung: Wenn man (wie mein Mann) ein Fischgericht mit Bratkartoffeln bestellt (er ist Pescetarier), unbedingt dazusagen, dass es ohne Speck sein soll, selbst wenn selbiger auf der Speisekarte nicht erwähnt wird!

Danach will mir das Tote-Hosen-Lied „Eisgekühlter Bommerlunder“ schier nicht mehr aus dem Kopf, zu dem wir in den 80er Jahren in der Hamburger FABRIK manchmal Pogo getanzt haben, zu fortgeschrittener Stunde, versteht sich.

Erwähnenswert sind auch die beiden (großen) Hathi-Läden in der Fußgängerzone, Indienshops mit Weihrauchgeruch, aber eben groß und sehr gut sortiert. Hier finde ich eine zarte wollweiße Bio-Strickjacke (wonach ich in Flensburg vergeblich gesucht hatte) und zwei Baumwolltücher.

Wir treffen noch zufällig einen Ex-Nachbarn aus Padborg, aber dann heißt es schon um 15:20 Uhr, die Museumsbahn zurück in den Norden zu nehmen. Das Erlebnis schreit nach Wiederholung, spätestens, wenn wir demnächst Gäste haben.

 

 

Romantisches Wochenende: Lübeck

Ich im Marae - Kaffee & Zauberei
Ich im Marae – Kaffee & Zauberei, Lübeck

Padborg-Hamburg-Lübeck per Zug: 2x 230 km à 26g = 11,96kg
2 Nächte im Motel One, 16 m², pro Nase: 0,864kg
Gesamt: 12,824kg
Jahresbudget incl. Essen und Trinken: 2.000 kg

Für ein romantisches Wochenende zu zweit ist Lübeck ideal! Ich hatte Klaus zu Weihnachten einen Gutschein für’s dortige Wassertheater geschenkt, und den wollte er nun (März 2026) einlösen. Zum Übernachten entschieden wir uns schnell für das Motel One (Schüsselbuden 15, https://www.motel-one.com/de/hotels/luebeck/hotel-luebeck/), weil direkt am Rathausmarkt mitten in der Altstadt gelegen. Um er kurz zu machen: Wir haben die Wahl nicht bereut, obwohl die Kirchenglocken mit der Zeitumstellung lautstark zu kämpfen hatten. Das Motel bemüht sich um Nachhaltigkeit, auf dem Frühstücksbuffet ist fast alles bio (mit erstaunlich vielen veganen Optionen) und das Hotelpersonal wirklich außergewöhnlich freundlich. Mit einem Wort: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt zu 100%.

Auch mit der Deutschen Bahn hatten wir diesmal auf beiden Strecken Glück – sämtliche Züge waren pünktlich!

Die Altstadt von Lübeck ist UNESCO Welterbe, und das zu Recht. Romantischer kann eine deutsche Stadt nicht sein. Und es dort ist viel mehr los als im fast dreimal so großen Stuttgart – Menschen in Cafés, kreative Geschäfte und vieles mehr. Am liebsten würde ich mir dort eine Ferienwohnung kaufen, aber das gibt unser Budget nicht her. So weiß ich jedoch sicher: Wir kommen wieder!

Zunächst einmal heißt es nach unserer Ankunft: den Hunger stillen, und das tun wir im Marae – Kaffee & Zauberei (Engelsgrube 59, https://marae.de/). Hier ist alles vegan, fast alles bio – und darüber hinaus schmeckt es einfach klasse. „Marae“, verraten uns die Besitzer, werden die Gemeinschaftshäuser der Ureinwohner Neuseelands (Maori) genannt, in denen sich die Menschen treffen, um zu essen, zu trinken, sich zu unterhalten & zu beratschlagen, oder einfach Zeit zusammen zu verbringen. Und von Neuseeland schwärmen sie beide. Gemütliches Ambiente, rundum empfehlenswert!

Niederegger Marzipan-Museum - der Gründer in seinem Element
Niederegger Marzipan-Museum – der Gründer in seinem Element

Anschließend wollen wir ins Buddenbrookhaus (Mengstr. 4), aber das ist geschlossen und wird bis 2030 renoviert, wovon die Webseite kein Sterbenswörtchen erwähnt. Also besuchen wir das Niederegger Marzipanmuseum (Breite Str. 89, https://www.niederegger.de/). Es ist ein bisschen versteckt, zuerst muss man durch den Laden im EG, dann durch’s Café im 1. Stock, um schließlich im 2. Stock alles über die Geschichte der Marzipanherstellung zu erfahren. Da’s keinen Eintritt kostet, kann ich den Besuch empfehlen. Hier siehst du das Holstentor aus Marzipan, lebensgroße Menschen aus selbigem Stoffe und kannst dich auf Tafeln informieren. Marzipan galt früher einmal als Heilmittel und wurde in Apotheken verkauft! Das Café hingegen ist altbacksch, der Shop überfüllt. Es gibt zwar veganes Marzipan, aber kein Bio. Wir kaufen deshalb nichts ein.

Nach einem kurzen Abstecher zum Hotel kann ich meinen Mann überreden, mit mir zur Breiten Str. 13 zu laufen. Dort befindet sich ein weiterer Marzipanhersteller, nämlich Mest (https://www.mest.de/). Hier geht es ganz anders zu als beim von Touris überlaufenen Niederegger: ruhig, gelassen, freundlich. Und: Es gibt nicht nur veganes Marzipan, sondern auch Bio! Wir decken uns ein und sind rundum zufrieden. Nähere Informationen findest du hier: https://magische-weihnachten.de/luebecks-bestes-marzipan-bei-mest/.

Für den Abend haben wir uns kurzfristig Tickets für  die Musik- und Kongresshalle Lübeck besorgt (Willy-Brandt-Allee 10, https://www.muk.de/). Die Norwegerin Tabita Berglund dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester, Solist ist der russische Pianist Alexander Melnikov. Ein kurzes Werk des (wie wir leider erfahren müssen: Faschisten) Geirr Tveitt steht auf dem Programm, gefolgt von einem Klavierkonzert Tschaikowskys und einer Sinfonie von Sibelius. Vom musikalischen Gesichtspunkt her ein gelungener Abend, aber die Architektur der MUK ist eine Katastrophe. Wir hatten uns Karten in der Billigkategorie 4 gekauft – und das bedeutete, dass die Füße in der Luft baumelten! So etwas habe ich noch nie erlebt. Ab davon gab es im 2. Rang gerade einmal 2 (zwei!) Toiletten Unisex. Da es nicht ausverkauft war, haben wir uns in die Kategorie 3 umgesetzt, wo immerhin die Füße zwar nicht komplett, aber doch so einigermaßen den Boden erreichten – wirklich bequem war es dort immer noch nicht. Die MUK setzt auf Nachhaltigkeit, aber was habe ich davon, wenn mir die Blutzirkulation in den Beinen abstirbt?

Logo der Buchhandlung Makulatur, Lübeck
Logo der Buchhandlung Makulatur, Lübeck

Tags darauf sind wir Landpomeranzen erstmal bei Regen shoppen gegangen. Die spannendste Buchhandlung Lübecks (wir haben vier besucht) ist nach meinem Dafürhalten die maKULaTUR (Hüxstr. 87, https://www.makulatur.com/kontakt.html). Hier kaufe ich gleich mehrere Titel ein und fühle mich auch im Nachhinein bestätigt: Die Besitzerinnen haben 2016 und 2018 den Deutschen Buchhandlungspreis bekommen (wir erinnern uns, das ist der, den der unsägliche Kulturminister Weimer den linken Buchhandlungen seit 2026 nicht mehr verleihen will).

Manufakturladen "Goldener Hirsch"
Manufakturladen „Goldener Hirsch“

Im Weltladen Lübeck (Hüxstr. 83-85, https://weltlaeden.de/luebeck/) erstehe ich Bio-Kümmel, der eh auf unsrer Padborger Einkaufsliste stand. Ganz ungewöhnlich ist auch der Manufakturladen „Goldener Hirsch“ (Hüxstr. 76, https://www.goldenerhirsch-luebeck.de/). Hier gibt es Nachhaltiges und Faires aus der Region, nämlich Made by 35 Nordlichtern. Mich verlocken Bienenwachs-Baumkerzen, natürlich teuer als bei dm, aber eben auch norddeutsche Handarbeit. Egal, für was du dich interessierst, ein Besuch lohnt hier auf jeden Fall!

Inzwischen hat uns der Kuchenhunger gepackt. Wir gehen deshalb zur Parallelstraße. In der ONE Fairtrade Altstadtrösterei (Fleischhauerstr. 81, https://onefairtradeshop.de/pages/cafe-luebeck-one-altstadtroesterei) kannst du im historischen Ambiente (einem Dielenhaus aus dem Jahre 1479) shoppen und schmausen. Ich entscheide mich für eine vegane Hefe-Zimt-Schnecke und einen Bio-Americano. Zum Abschluss bekomme ich noch ein Stempelkärtchen: Der 10. Kaffee wird auf’s Haus gehen.

Die Marotte des Lübecker Figurentheaters & Museums Kolk 17, ca. 1770-1790
Die Marotte des Lübecker Figurentheaters & Museums Kolk 17, ca. 1770-1790

Doch nun ist es wieder Zeit für einen Museumsbesuch. Lübeck beherbergt gleich mehrere Figuren-/Marionettentheater, und in einem davon, dem Kolk 17 (in der gleichnamigen Straße, https://kolk17.de/de) gibt es auch ein wirklich spannendes Mitmach-Museum. Zur Zeit läuft die Ausstellung „Figurentheater – Spiel des Lebens“. Wir dürfen Marionetten an ihren Fäden bewegen (es wird mittels Schautafeln erklärt, wie man das macht) – die Menschen, die auf der Straße vorbeigehen, haben die Möglichkeit zuzuschauen. Wie funktioniert eine bunt gefärbte Straußenfeder als Figur? Und wie kann ich mir am Computer einen Marionettenavatar basteln und ihn chinesische Puppenspiel-Abenteuer bestehen lassen? Von den spannendsten Marionetten gibt es kleine Kärtchen zum Mitnehmen, und so weiß ich nun: Die schwerste Figur der Sammlung wiegt über 7kg, die leichteste weniger als ein Gramm. Aus Südostchina stammt eine rätselhafte Eisenstabfigur. Älteste Figur der Sammlung ist eine Marotte, die es bis zum Eintrag in Wikipedia gebracht hat: Bevor der Ausdruck Marotte eine schrullige Angewohnheit bezeichnete, war er eine Stabfigur und nicht nur ein Requisit, sondern auch das Sprachrohr des Hofnarren, der sie bewegte. Die Marotte durfte Kritik üben, die seinem Spieler sonst verboten war. Wir sind vom Museum rundum begeistert. Übrigens: Jeden ersten Mittwoch im Monat findet hier nachmittags von 15-17 Uhr ein Forschungscafé statt, wo man Figuren ausprobieren, Szenen entwickeln, Fragen stellen und vieles mehr kann. Im Museumsshop kaufen wir noch einen kleinen Korkenkopf namens Lydia. „Nicht er, sondern seine Pralinen weckten die größere Leidenschaft in Lydia“, heißt es im Begleitprospekt der Künstlerin Renate Ellereit-Laube aus Garbsen. Inzwischen sitzt sie mit genießerisch geschlossenen Augen auf unserer Rotweinflasche hier in Padborg….

Café Affenbrot, Lübeck
Café Affenbrot, Lübeck

Dann laufen wir einmal quer durch die Altstadt zum Café Affenbrot (Kanalstr. 70, https://cafeaffenbrot.de/). Es ist ein vegetarisch-veganes Café-Restaurant, möglichst regional und konsequent Bio. Vermutlich das älteste seiner Art in Lübeck, und die Leute wirken so, wie man sich die Alternativen im 20. Jahrhundert vorstellte. Viele Männer mit schönen, langen Haaren… Vom Ambiente her nicht ganz so gemütlich wie das Marae, aber durchaus nett. Ich trinke Tee, Espresso, Limoncello und speise Falafelbratlinge mit Salat. Gesamtnote gut.

Wasser Marionetten Theater, Lübeck
Wasser Marionetten Theater, Lübeck

Doch nun ist es endlich so weit: Der Anlass unseres Lübeck-Besuches, das Wasser Marionetten Theater (Kanalstr. 108, https://www.wassertheater.de/) öffnet seine Pforten, und wir sitzen sogar in der ersten Reihe! Es ist eine Zwei-Personen-Show des Ehepaares Wolf und Anna Malten, er spielt Flügel und erzählt, sie bewegt die Figuren. Schon seit 36 Jahren gibt es das Theater, mit eigens für das Leben im Aquarium entworfenen Marionetten. 3.000 Liter Wasser fasst das Becken, und das Stück heißt „Waterstories“: „Kaum waren die Figuren ihren dunklen Kisten entstiegen, erzählten sie uns ihre Träume. Wir haben gelauscht und ihre Geschichten sichtbar gemacht: in fantastischen Bildern, Worten und Musik. Die Sprache dieser Figuren ist ihre Bewegung. Sie schweben und tanzen unter Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft“ – so werben die beiden für die Vorstellung. Das Ganze erinnert ein wenig an das Prager Schwarze Theater – nur dass es eben unter Wasser stattfindet. Wirklich einzigartig und traumhaft, da haben sie recht – ich hätte mir allerdings ein klein bisschen mehr Handlung gewünscht. Trotzdem würde ich jederzeit gerne wiederkommen.

Behnhaus Lübeck
Behnhaus Lübeck

Am nächsten Morgen checken wir nach einem üppigen Frühstück aus und laufen mit unserem Gepäck zum Museum Behnhaus (Königstr. 9-11, https://museum-behnhaus-draegerhaus.de/), das seit November 2025 nach Renovierung wieder geöffnet hat. Das Behnhaus hat eine lange Baugeschichte, deren Anfänge im Mittelalter liegen. Der älteste Teil ist der durch die Sanierung nun zugängliche Keller. Dessen Mauern stammen aus dem späten 13. Jahrhundert. Du solltest unbedingt dorthin gehen, auch wenn du nicht aufs Klo musst – er ist, auch in der Art, wie sie ihn wieder hergerichtet haben, eine Sehenswürdigkeit für sich! In seiner heutigen Form wurde das Haus um 1800 im Stil des Klassizismus errichtet, und die einzelnen Räume sind mit wunderschönen Decken- und Wandmalereien geschmückt. Das Museum präsentiert Schätze von Caspar David Friedrich bis Edvard Munch, also Romantik bis klassische Moderne. Viel ist es nicht, das Museum bildet mit dem Haus nebenan, dem Drägerhaus, eine Einheit – und hier wird momentan noch fleißig saniert. Man kann also gespannt sein, wie umfangreich die Präsentation nach Abschluss der Bauarbeiten sein wird. Besonders angetan hat es mir übrigens ein Bild des Romantikers Carl Blechen, Landstraße im Winter bei Mondschein – die Äste der kahlen Bäume formen eine Art gotischen Spitzbogen à la Mittelalter, ohne dass er in idealistische Überhöhung der Landschaft oder Biedermeier-Kitsch abgleiten würde. Du kannst dir das Bild hier online anschauen: https://sammlung.museum-behnhaus-draegerhaus.de/werk/landstrasse-im-winter-bei-mondschein-25.

Ich im Kaffeehaus Lübeck
Ich im Kaffeehaus Lübeck

Zum Abschluss unseres Lübeck-Aufenthaltes treibt es uns noch einmal in eines der vielen vollbesetzten Cafés: das Kaffeehaus Lübeck (Hüxstr. 35, https://kaffeehaus-luebeck.de/), ein Backsteinbau aus dem 13. Jahrhundert mit Stufengiebel, wo ich eine leckere vegane Brombeerbaisertorte genieße, zusammen mit einem Americano.

Dann heißt es Abschied nehmen. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir zurück zum (übrigens ebenfalls sehr schönen und alten) Kopfbahnhof und erfreuen uns daran, dass auch diesmal alle Züge pünktlich sind. Schön war’s! Wir kommen wieder, zumal wir noch laaaange nicht alles gesehen haben!

 

 

 

 

 

Elfenwiese, Rumpelstilzchen und Hexenkraut in Glücksburg (D)

An den Ochseninseln vorbei über die Flensburger Förde

Mit der M/S Viking schippern wir von Flensburg über die Förde nach Glücksburg. Es herrscht schönstes Augustwetter, ohne ein Wölkchen am Himmel. Dazu gibt es Schauergeschichten. Via Lautsprecher erfahren wir im launigen Ton, wo der Galgen stand, wie Margrethe I. zu Tode kam und von den 14 Hexen, die in Flensburg ermordet wurden – von Johann Brade (vor 1548) bis Catharina Jensen (im Jahre 1620). Aber das trübt 2022 die Stimmung der Mitreisenden nicht.

heute back ich, morgen brau ich
Rumpelstilzchen im Wald

Vom Schiffsanleger in Glücksburger Ortsteil Sandwig heisst es erst einmal, Richtung Innenstadt laufen, knapp 2 km durch den Wald! Immer wieder stoßen wir dabei auf Kunstwerke, darunter Hartmut Mahlers „Rumpelstilzchen“ – offenbar hat ihn ein Stück Holz an den Zwerg erinnert.

 
café am schloss
Glücksburg – Café am Schloss (beim Rosarium)

Im Zentrum besuchen wir zunächst einmal das Café am Schloss aus dem Jahre 1833 (direkt neben dem äußerst sehenswerten Rosarium gelegen) und gönnen uns im rauchfreien (!), romantischen Garten ausnahmsweise etwas Unveganes. Wir bereuen es nicht. Mein Käsefrühstück (gibt’s bis 12 Uhr) ist extrem lecker und besteht aus:

FEINE AUSWAHL AN BLÜTENKÄSE, ALLGÄUER BERGKÄSE MIT
MANGOCHUTNEY, FEIGENKARREE, SAHNIGER FRISCHKÄSE
MIT HAUSGEMACHTEM PESTO, WEIDEBUTTER,
ERDBEERMARMELADE, DAZU ALLERLEI SCHMACKHAFTE DEKO,
EIN KORB MIT OFENFRISCHEN BRÖTCHEN UND
SCHWARZBROT.

Dazu trinke ich einen Earl Grey namens „Watt denn hier los“. Er stammt von der Hamburger Teemanufaktur Samova und ist sogar Bio! Einzig der Espresso schmeckt mir zu bitter. Aber ansonsten: Ich komme auf jeden Fall wieder!

dolmenpfad und elfenwiese
Grab 4 des Dolmenpfads

Dann laufen wir weiter zum Staatsforst Friedeholz im Norden dieser nördlichsten Stadt Deutschlands (Alternative: Bus Linie 21, Haltestelle Schwennaustraße). Was hier beginnt, ist ein wahrer Zauberwald, mit Wildschweingehege und dem 4,6 km langen Dolmenpfad, der vorbeiführt an mehr als zehn Grosssteingräbern der Jungsteinzeit und bronzezeitlichen Grabhügeln. Wer wurde hier im Buchenwald bestattet? Die Schaman*innen des Ortes, die vielleicht auch gleichzeitig weltliche Führer*innen waren? An Grab Nr. 4 sehe ich eine kleine Frau im langen, weißlichen Wollgewand vor mir, die zusammen mit den anderen Leuten des Dorfes ihre Vorgängerin beerdigt.

Die Elfenwiese

Rund um die geheimnisvolle Elfenwiese führt dieser Dolmenpfad. Schwarzbackige Grasfrösche, winzig kleine und große, hüpfen über unseren Weg. Der Elfentanzplatz ist ein 3,5 ha großes Hochmoor, das zwar inzwischen trockener wird (immer mehr Birken wachsen dort), aber nach wie vor nur von leichtgewichtigen Elfen und Feen überquert werden kann. Wir setzen uns auf eine Bank am Rande und beobachten eine große Königslibelle. Morgens, wenn die Nebel vom Wasser aufsteigen, vermeinen Einheimische hier in Schleier gehüllte Wesen tanzen zu sehen, und die abgestorbenen Bäume tun ihr Übriges. Aber es ist früher Nachmittag, und so genießen wir einfach den Wald, die Aussicht und die Stille. Binsengras wächst hier und ganz in der Nähe auch Wollgras.

Das unscheinbare Hexenkraut

Wie es sich für einen echten Zauberwald gehört, gibt es überall blutstillendes Hexenkraut (Circaea lutetiana) mit seinen kleinen weißen Blüten. In früheren Jahrhunderten war es so selten, dass frau es nur fand, wenn sie sich hoffnungslos verirrt hatte. Dann aber konnte sie es für Liebeszauber verwenden und zum Schutz des Viehs, sofern ihr der Weg nach Hause doch noch glückte. Schon ein Blütlein täglich genügte den Frauen, um sich für das andere Geschlecht attraktiver zu machen.

 

Ein wunderbar kühler, feuchter Kraftplatz ist dieser Wald an einem heißen Sommertag wie diesem – hoffentlich kann ich ihn bald wieder besuchen!

ANSCHRIFTEN:

 

Sommerfest in Haithabu (Busdorf, D)

Haithabu: Reetdachhäuser

Ich stelle mir vor, ich lebe im frühen 9. Jahrhundert, vor der Christianisierung, in Haithabu. Meine Stadt gehört heute zum UNESCO-Welterbe, aber das weiß ich natürlich nicht. Sie ist ein wichtiger Handelsplatz, denn bis Haithabu fahren die Schiffer von der Ostsee. Hier laden sie ihre Waren auf Karren um und transportieren sie am Danewerk entlang bis zur Treene. Von dort aus gibt es dann wieder Schiffe bis zur Nordsee.

Haithabu: Landungssteg mit Boot aus der Wikingerzeit

Ich bin früh aufgewacht, alle schlafen noch – auch mein Mann, der Schmied Bertram, benannt nach den beiden Raben Odins. Auf dem Steg genieße ich die Aussicht über die hier sehr breite Schlei, traumhaft schön! Aber es stinkt, denn wir werfen unsere Schlacht- und auch viele andere Abfälle hinein. Die Rauchschwalben fliegen tief, später wird es regnen.

Flussaufwärts sammle ich in einem Weidenkorb Mädesüß, Dost und Königskerze, denn ich bin die Heilerin der Stadt. Aus einer Quelle schöpfe ich Wasser in meinen Bottich.

Dann kehre ich zurück in unser dunkles, reetgedecktes Haus. Das einzige Licht fällt von oben herein, durch den Rauchabzug direkt über der Feuerstelle. Ich entfache das Feuer und hänge einen Eisentopf darüber (Bertram hat ihn geschmiedet!). Dann schütte ich das Quellwasser und Gerstengrütze hinein, dazu etwas kostbares Salz. Während die Grütze langsam gart, gehe ich wieder hinaus und hänge die Heilpflanzen an geflochtenen Bastfäden zum Trocknen unter das Dach.

Mein Mann, der nicht-wikinger

Ich liebe meinen Mann, denn er ist als Jüngling nie auf „Wiking“, also auf Raubzug, gefahren. Die anderen belächeln ihn zwar deshalb, aber als Schmied fürchten sie ihn auch, denn obwohl er nie Schwerter, sondern nur Beile, Messer und Speerspitzen zum Jagen fertigt, steht er doch mit dem Odin, dem Gott der Zauberer, im Bunde.

sommerfest in haithabu

Die Schwerter, die ein Händler gestern aus dem Rheinland weit im Süden mitgebracht hat, sind von ausgezeichneter Qualität und deshalb von den jungen Männern heiß begehrt. Zu Ehren des Händlers haben wir gestern ein großes Sommerfest gefeiert. Der Met floss in Strömen, ein Schaf wurde geschlachtet. Dort drüben ist seine Haut aufgespannt. Ich habe auf meiner Knochenflöte gespielt, wir haben gesungen und getanzt. Ein schönes Fest!

Jetzt schlafen noch viele ihren Rausch aus, aber am Nachmittag werden sie gewiss Schaukämpfe mit ihren neuen Schwertern veranstalten. Dann werde ich in den Wald gehen und Engelwurz suchen. Und mein Mann wird aus seiner Schmiede nicht hervorkommen, denn unser Nachbar braucht viele Nägel, um eine Truhe damit zu beschlagen.

und heute?

Auch heute gibt es noch viele Feste und Veranstaltungen in Haithabu – also nichts wie hin zu diesem Glücksort! Die nächsten sind:

  • Sommermarkt in Haithabu, 14.-17.7.2022. Handel und Handwerk wie vor 1000 Jahren.
  • Tuche für Pumphose und Tunika, 18.7.-11.8.2022. Die Tuchhändlerin zeigt ihr Sortiment.
  • Der Taschenmacher ist in der Stadt, 18.-19.7.2022
  • Vom Korn zum Brot, 18.7.2022. Mahlen, kneten, backen.

Anschrift:
Wikinger Museum Haithabu, Haddebyer Chaussee B76, 24866 Busdorf (bei Schleswig), https://haithabu.de/

 

Glücksort Schloss Gottorf (Schleswig, D)

Barocke Südfassade des Schlosses Gottorf
Barocke Südfassade des Schlosses Gottorf

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass es in einer Kleinstadt wie Schleswig solch ein riesiges Schloss gibt. Hier residierten lange nach den Wikingern einst Herzöge und Könige. Nun ist Gottorf eine Museumsinsel für’s Glück, deren Größe jedoch erahnen lässt, wieviel Schweiß und Blut dieser Bau die Untertanen gekostet hat. 

Das Wort Museumsinsel lässt mich natürlich an die Berliner Museumsinsel denken. Aber wenn es dort um internationale Kunst und Kultur geht, so hier eher um norddeutsch-dänische.

Wir betreten das Gelände von der Ostseite her über eine romantische weiße Holzbrücke und konzentrieren uns – die Zeit ist knapp und meine Freundin nicht gut zu Fuß – auf die Jugendstilsammlung im ersten Stock des Südflügels sowie die Galerie der Klassischen Moderne in einem der Nebengebäude. Einige Skulpturen gibt es im Außengelände gratis mit dazu.

Karl Hartung: Stehende Figur 1956/57

Und so sehe ich nun zum ersten Mal in meinem Leben Werke der in Dänemark sehr berühmten Skagen-Maler Anna und Michael Ancher live – sie waren sogar schon Thema in der Sprachschule. Dazu einige kolonialistisch-nationalsozialistischer Künstler, aber auch viele, die damals als entartet diffamiert wurden: Ernst Ludwig Kirchner gefällt mir, auch Max Pechstein (besonders das Bild „Der Tanz“ aus dem Jahre 1912), Max Beckmann oder Oskar Kokoschka. Am meisten aber beeindrucken mich die Schwarz-Weiß-Blätter von Käthe Kollwitz zum Thema Bauernkrieg (wie z. B. „Die Gefangenen“) und ihre Selbstportraits. Meine Freundin hingegen liebt vor allem den fliegenden Engel Barlachs („Der Schwebende“).

Wie viel werden wir an diesem Vormittag von dem unendlich großen Gelände gesehen haben? Ein Zwanzigstel? Wir kommen wieder!

Mittagstisch

Aber es ist Mittagszeit, und so besuchen wir das indische Restaurant Puri Puri, das fußläufig zu erreichen ist – mit einem großen Angebot an veganen und vegetarischen Gerichten in guter Qualität. Ich entscheide mich für frische Okraschoten mit Basmatireis, Papadam, indisches Kingfisher Bier und Tee aus frischer Pfefferminze – lecker.

Unterwegs nach Kappeln

Zurück fahren wir einen Umweg über das klitzekleine, direkt an der Schlei gelegene Dorf Goltoft. Sehr empfehlenswert zum Urlauben, denn hier gibt es einen Bioladen, Bio-Ferienunterkünfte, einen Kanuverleih und eine Handweberei mit großem weißem Hund.

Schließlich landen wir am Hafen von Kappeln und schauen im Cameo beim Genuss von Bio-Tee (Roibusch-Vanille) von Strandkörben aus dem Öffnen und Schließen der klappbaren Schleibrücke zu, bevor es zurück nach Dänemark geht.

Ein schöner Ausflug, der glücklich macht!


Anschriften:

* Museumsinsel Schloss Gottorf, Schlossinsel 1, 24837 Schleswig, https://schloss-gottorf.de/de/startseite
* Indisches Restaurant Puri Puri, Lollfuß 96c, 24837 Schleswig, https://www.puripuri-schleswig.de/
* Bio-Hofladen und Bio-Ferienunterkünfte in Goltoft: Leah’s Snoopkram, Dorfstr. 10, 24864 Goltoft, https://www.leahs-snoopkram.de/ (von der Hauptstraße aus immer den zartrosa Schildern folgen)
* Handweberei Goltoft, Kathrin Schoppmeier, Webermeisterin, Teichstr. 1, 24864 Goltoft, https://www.ostseefjordschlei.de/poi/handweberei-goltoft (mit schönem Wollvorhang in Regenbogenfarben vor dem Eingang)
* Restaurant Cameo, Am Hafen 5, 24376 Kappeln, https://www.cameo-kappeln.de/

 

 

 

Pole Poppenspäler Museum und Künstlercafé (Husum, D)

 

Frau Holle und der böse Frost

Die ehemals graue Theodor-Storm-Stadt im Norden Deutschlands hat sich für uns Neudänen in eine bunte Stadt im Süden verwandelt. Auch jenseits der Pfade des Schimmelreiter-Autors lässt sich hier viel Magisches und Unkonventionelles entdecken, zumal an einem freundlichen Juli-Sonntag.

Kurz vor Mittag kommen wir mit dem 150er Bus vom Flensburger ZOB aus in Husum an und brauchen zunächst einmal eine Stärkung. Die finden wir im Künstlercafé, mit schönem Innenhof, freundlichem Personal, französischem Flair, viel veganem Essen und noch mehr Bio-Getränken. Kunst: Das ist hier nicht irgend ein Bild an der Wand – sondern die Backkunst einer Patisserie. Auch wenn wir uhrzeitbedingt keinen Kuchen probieren – er sieht verlockend aus und klingt auch so: Mango-Kokos-Tarte, Persische Datteltarte, Zar Nicolai, Partisanen Torte und viele andere verführen zum Schlemmen. Ich entscheide mich für den veganen „Flammkuchen Paris“ plus französischen Rotwein. Und weiß schon jetzt: Wir kommen wieder!

Anschließend geht es in das Renaissance-Schloss „vor“ (mittlerweile in) Husum, mit einer äußerst netten, sympathischen Empfangsdame ostdeutscher Provenienz, vor dem im Frühjahr Millionen magisch-violetter Krokusse blühen – bestimmt einen Ausflug wert (auch wenn eine meiner dänischen Freundinnen sich beschwert hat, der das viele Lila zu monochrom ist). Uns aber lockt die fantastische Welt des Pole Poppenspäler Museums im Schloss, zur Zeit (bis Januar 2023) mit der Ausstellung „Das Kaspertheater“.

Hier eine gruselige Variante des Spaßmachers als „Werner Brösel“

Das Kaschperletheater gehört zum immateriellen Welterbe der UNESCO, und hier im Museum sind die Mitwirkenden versammelt, Kasper, Punch und Pulcinella, aber auch ihre Gegenspieler. Vielleicht ist es den beschränkten Räumlichkeiten geschuldet, dass man leider über den Hohensteiner Kasper im Nationalsozialismus nur wenig erfährt. Aber Kasper war – ähnlich wie Till Eulenspiegel – mit seinem derben Humor schon immer ein Überlebenskünstler, und so schlägt er auch heute noch, tritratralla, der Kasper, der ist wieder da, mit seiner Pritsche auf das Böse ein, Ende gut, alles gut. Wenn er nicht selbst gerade der Böse ist, siehe Nazizeit! Die Ausstellung gefällt uns sehr, zumal wir seit dem Wegzug aus Stuttgart mit seinem FITZ und Frau Brehmes Puppentheater Figuren-Entzugserscheinungen haben. Deshalb kaufen wir auch gleich noch ein Poster für’s Wohnzimmer und nehmen zwei alte Figurenspiel-Zeitschriften mit.

Im Herbst finden hier wieder (so Corona will vom 15.-25.9.2022) die Pole Poppenspäler Tage statt, und wer mehr über das Metier des Puppenspielers wissen möchte, dem sei Storms gleichnamige Novelle empfohlen (https://www.buch7.de/produkt/pole-poppenspaeler-theodor-storm/1039018062?ean=9783150140031) oder aber La double vie de Véronique (Die zwei Leben der Veronika, https://www.buch7.de/produkt/la-double-vie-de-veronique-krzysztofpreisner-o/1024789562?ean=5060421560403), ein wahrhaft magischer französisch-polnischer Film.

Es gäbe in Husum noch eine weitere spannende Lokalität zu besuchen, das Weihnachtshaus im gründerzeitlichen Ambiente, aber dazu langt unsere Zeit diesmal leider nicht – wir kommen wieder!

Anschriften:
* Künstlercafé, Neustadt 13, 25813 Husum, http://www.künstlercafehusum.de
* Pole Poppenspäler Museum im Schloss vor Husum, König-Friedrich V.-Allee, 25813 Husum, https://www.pole-poppenspaeler.de/
* Weihnachtshaus Ingwert Paulsen jr. e.K., Nordbahnhofstr. 2, 25813 Husum,  https://das.weihnachtshaus.info/

Glücksort Charlottenhof – Kultur im historischen Ambiente (Klanxbüll, D)

12. Mai 2022: Dort, wo der Hindenburgdamm die Insel Sylt mit dem Festland verbindet, liegt landeinwärts an der Grenze zu Dänemark das Dörfchen Klanxbüll. Es ist ein alter Ort, 1231 zum ersten Mal erwähnt, der nur einen Meter über dem Meeresspiegel liegt, sodass hier ohne Eindeichungen keine Besiedlung möglich gewesen wäre. Fruchtbares Marschland gibt es hier, gelb leuchtende Rapsfelder, aber auch Reet für die Dächer der Dorfkirche und des Charlottenhofs.

Dieser Vierseithof stammt aus dem Jahre 1688, hat ein unter Denkmalschutz stehendes Holzständerwerk und ist durch und durch romantisch. Jahrhundertelang ein landwirtschaftlicher Betrieb, wurde er 1998 der Gemeinde geschenkt und zu einem Kultur- und Tagungshaus mit zwei stilvollen Ferienwohnungen umgebaut. Sogar ein Freiwilliges Soziales Jahr kann hier gemacht werden. Oder geheiratet.

Wir aber sind zum 18. faolBALTICA-Festival gekommen: Jedes Jahr im Mai präsentieren sich in Gesamt Schleswig-Holstein und Südjütland an unzähligen Veranstaltungsorten regionale und manchmal auch international bekannte Folk-Künstler mit ihren Werken. Wir lauschen drei jungen Streicherinnen aus Dänemark, die sich 2015 zum Trio Vesselil zusammengefunden haben und uns im schilfrohrgeschützten, einmaligen Ambiente der historischen Scheune mit Cello, Violine, Viola verzaubern.

So macht Kultur Spaß! Nach einem gelungenen Konzertabend und dem Erwerb einer CD fahren wir im Mondenschein quer durch Nordfriesland nach Hause und kommen bestimmt wieder.

Trio Vesselil: www.vesselil.dk 
folkBALTICA: https://www.folkbaltica.de/
Charlottenhof, Osterklanxbüll 4, 25924 Klanxbüll, https://dercharlottenhof.de/

Kære grænse – meine liebe Grenze

Gendarmestien bei Kollund – auf der anderen Seite des Fjords: Deutschland

Von neoliberal bis sozialistische Internationale: Niemand mag Grenzen. Zumindest nicht die Grenzen der anderen. Sie sind zum Beispiel wirklich unpraktisch und stören den Handel… Aus der deutschen Kleinstaaterei entstanden also 1871 ein Nationalstaat und nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik Deutschland. Aber damit nicht genug: Im Rahmen des Schengen-Abkommens fielen 1985 die Schlagbäume, und 2002 ersetzten viele EU-Mitgliedsstaaten ihre nationalen Währungen durch den Euro.

Nun, zumindest beim Euro haben die Dänen nicht mitgespielt – ein Königreich ohne Kronen als Währung, das geht nicht. Dass es aber wirklich auch eine physische Grenze zwischen Dänemark und Deutschland gibt und dass man sie schließen kann, wurde den Anwohnern im Dezember 2019 wieder bewusst, als Dänen den 70km langen Anti-Schweinepest-Wildschweinzaun fertigstellten (teuer, vermutlich nutzlos und für die Umwelt schädlich). Und 2020 wurde es uns allen schmerzlich deutlich: Dänemark machte seine Grenzen im Rahmen der Corona-Pandemie komplett dicht – für die Leute im Grenzgebiet, die unter der Woche gern in Flensburg und sonntags in Padborg einkaufen, eine Katastrophe.

Aber Grenzen sind auch spannend und können glücklich machen. Jede Schamanin, jede Hexe weiß das, denn das Wort Hexe kommt von hagazussa, der Zaunreiterin, die mit dem einem Bein fest in der alltäglichen Wirklichkeit und mit dem anderen in der Anderswelt steht.

Auch ohne Anderswelt inspirieren Grenzen: Was machen die Dänen auf der anderen Seite des Zauns anders und besser als Deutsche, was können wir lernen, über Gelassenheit, hygge bis hin zum Feste feiern und Tanzen und Singen um den Weihnachtsbaum? Nicht umsonst gelten die Dänen als zweitglücklichstes Volk Europas (nach den Finnen).

Ein ganz besonderer GrenzPFAD ist der Gendarmstien. Er startet in unserer zukünftigen Heimat Padborg und führt in fünf Etappen 74 km weit nach Osten bis nach Skovby. Hier patroullierten von 1920 bis 1958 auf der Jagd nach Schmugglern die dänischen Grenzgendarmen entlang der Flensburger Förde – unterbrochen durch die Zeit der Nazis, die alle Gendarmen gefangen nahmen und viele ermordeten. Der Wanderweg ist heute einer der schönsten Dänemarks und einer von nur zweien des Landes, der das Prädikat „Leading Quality Trails – Best of Europe“ (www.era-ewv-ferp.com) erhalten hat.

Wie traumhaft der Gendarmstien ist, konnten wir dieses Jahr im August live erleben, als wir an meinem Geburtstag ein kleines Stück der ersten Etappe im Kollund Skov liefen, durch hügeligen Küstenwald mit steilen Abhängen und tiefen Schluchten – siehe Foto. Aber auch ansonsten kreuzten wir in diesem Urlaub häufig den berühmten Wanderweg, selbst ganz in der Nähe unserer Ferienwohnung in Kollund Østerskov führte er vorbei. Eben ein sehr „ausgedehnter Glücksort“, wie das Buch „Glücksorte in und um Flensburg“ von Sörensen/Siedhoff zu Recht urteilt, versehen mit einem Dutzend Aussichtspunkten und 42 Sehenswürdigkeiten. Davon sechs in Padborg, mit dabei ein Erdtelefon in Bov, mit dem man grenzüberschreitenden Kontakt aufnehmen kann – das eine Ende ist in Dänemark, das andere in Deutschland. Nicht zuletzt kann mensch während der fünf Etappen viele seltene Tiere und Pflanzen entdecken, vom schillernden Eisvogel über Schwarzspecht, Bergmolch und Gänsesäger bis hin zu Orchideen wie Zweiblatt, Sumpfwurz und Knabenkraut.

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es unterwegs viele, einschließlich einfacher, offener Hütten mitten im Wald, die man bei der Kommune mieten kann. Und vielleicht gehört auch bald in Padborg unser neues Haus dazu, unter dem Stichwort „Öko-B&B, vegan und vegetarisch“ – damit schon der Start glücklich macht!

Bis bald!