Zug Stuttgart-Freudenstadt und zurück: 2x66km = 132km x 0,040kg CO2 = 5,28kg Auto Freudenstadt-Bad Rippoldsau/Schapbach und zurück: 2x22km = 44km x 0,164kg CO2 = 7,22kg Gesamt: 12,5kg CO2 <Pro Tag darf man nicht mehr als 2,33kg CO2 verbrauchen, wenn man nicht den Klimawandel vorantreiben will, Essen und Kleidung eingeschlossen!>
Von Stuttgart aus fahre ich zu meiner Freundin, die in einem Ökodorf im Nordschwarzwald wohnt. Wir treffen uns in Freudenstadt, und dann geht einer meiner großen Wünsche der letzten Monate in Erfüllung: noch einmal den Alternativen Bären-, Luchs- und Wolfspark zwischen Bad Rippoldsau und Schapbach besuchen!
Obwohl ich inzwischen schon fast fünf Jahre in Dänemark wohne, spende ich nach wie vor monatlich für die wilde Bärin Jurka und den heldenhaften Luchs Hero. In diesem riesigen Park sieht man die Tiere nur selten, eher zufällig, und sie interagieren miteinander. Die Stiftung versucht, ehemaligen, gequälten Zoo- und Zirkustieren die Fixierung auf Menschen wieder abzugewöhnen und sie so naturnah zu halten, wie es nur irgend möglich ist.Und natürlich sind sie auch politisch aktiv, um z.B. den Einsatz von Wildtieren im Zirkus gänzlich zu unterbinden.
„Meine“ Jurka, Jahrgang 1997, war einst Wildbärin in Italien und ist die Mutter von Bruno, dem angeblichen Problembär, den man 2006 in Bayern erschoss. Leider wurde sie von unvernünftigen Menschen angefüttert, wodurch Jurka jede Scheu verlor, was sie an ihren Nachwuchs weitergab. Deshalb musste sie schließlich eingefangen werden. Hero wiederum wurde für ein Wiederauswilderungsprojekt 2015 in Litauen gezüchtet, aber aufgrund seiner Gehbehinderung zu einem Leben in einem kleinen Zoogehege verurteilt. Als ihm (ebenso wie Jurka) der Tod drohte, nahm ihn der Bärenpark auf.
Hurra! Wir haben zwei Bären entdeckt!
Meine Freundin und ich essen zunächst einmal zu Mittag – es gibt hier sagenhaft leckere, vegane Currywurst und Bärenparksbier aus dem Schwesterpark im thüringischen Worbis. Dann machen wir den großen Rundgang, erhaschen sogar ab und an Blick auf Bären (wenn auch nicht auf Jurka), und ich kaufe zum Abschluss noch Ansichtskarten und Kühlschrankmagneten von meinen beiden Patenkindern.
Nicht weit vom Park entfernt ist der malerische, 32 Meter hohe Burgbachwasserfall mit einer kleinen Wanderung (5,8km) zu erreichen (und mit ein bisschen Suchen finden wir auch den Einstieg). Es ist einfach soooo schön im Schwarzwald!
Zum Abschluss besuchen wir noch auf dem riesigen Freudenstädter Marktplatz das Café Pause. Ich glaube, so eine große Auswahl an veganen Kuchensorten habe ich in meinem Leben noch nirgends gesehen! Die Schokolade ist FairTrade und das Ganze unbedingt empfehlenswert!
Blick über den Stuttgarter Schillerplatz auf Stiftskirche und Fruchtkasten
Zug von Rothenburg nach Stuttgart: 148km x 0,026kg = 3,85 kg CO2 Unterkunft: privat im Zimmer des abwesenden Sohnes = 0 kg CO2
24 Jahre und exakt 4 Monate habe ich in Stuttgart gewohnt und gearbeitet. Deshalb sind die üblichen touristischen Events wie Stadtrundfahrten nichts für mich. Und ins Musical? Ich war in meinem ganzen Leben noch nicht in einem. Was ich jedoch sehr bedauere: Just in der Woche, in der mein Mann und ich da sind, gibt es weder im FITZ Figurentheater noch im Theater am Faden bei der über 80jährigen Frau Brehme in Heslach Veranstaltungen. Dabei gehören diese beiden zu meinen Stuttgarter Lieblingsorten… Helga Brehme bezeichnet sich selbst als glücklichsten Menschen der Welt, und das strahlt sie bei den Aufführungen in ihrem magisch-verwunschenen Fachwerkhaus auch aus.
Die Freundin, bei der wir nächtigen, muss leider arbeiten. So schmeiße ich nur schnell mein Gepäck ab und gehe mit einer anderen Freundin ins Völkerkundemuseum. Schließlich habe ich ja mal mit großer Freude Ethnologie studiert! Erst erfrischen wir uns jedoch mit Getränken im angeschlossenen Restaurant Hegel Eins, das sowohl von Michelin als auch von Gault & Millau ausgezeichnet worden ist. Dann geht es in eine kleine Ausstellung über Frauenleben in Afrika, Beschneidung inklusive, bevor wir die Sammlungen im Erdgeschoss und ersten Stock besichtigen – Afrika, Orient, Ozeanien und Südasien. Das Museum stammt aus dem Jahre 1889, hat also eine lange und auch kolonialistische Geschichte. Seit 2010 ist Inés de Castro Direktorin und versucht, die patriarchal-hegemoniale Sichtweise über Bord zu werfen.
Tags darauf trinke ich mit meinem Mann noch Harry’s Kaffeerösterei in der Eberhardstraße exzellenten Americano, bevor er sich zu einem Treffen mit Freunden aufmacht.
Ich schlendere zur historischen Markthalle. Sie stammt aus dem Jahre 1914 und ist eine echte Stuttgarter Sehenswürdigkeit. Dort gibt es inzwischen viel mehr Biostände als zu meiner Zeit. Ich kaufe ich kaufe am Stand der Bio-Bäckerei Baier eine leckere vegane Foccaccia mit Tomaten.
Ich in der Ausstellung „Das kalte Herz“ – Blick in den Spiegel
Weiter geht es zum Schlossplatz. Im Kunstgebäude (das ist das mit dem goldenen Hirschen auf der Kuppel) läuft gerade die Ausstellung „Das kalte Herz“ – moderne Kunst im Gespräch mit dem früh verstorbenen Stuttgarter Romantiker Wilhelm Hauff. Das Märchen erzählt die Geschichte des armen Schwarzwald-Köhlers Peter Munk, der sich nach Reichtum und sozialer Anerkennung sehnt. Dabei trifft er auf das freundliche Glasmännlein und den finsteren Holländer-Michel. Wie das weiter- und ausgeht, musst du schon selbst nachlesen. Im Museumsshop (die Ausstellung läuft noch bis zum 4.10.26) gibt es jede Menge rosarote Herz-Devotionalien zu kaufen. Ich enthalte mich.
Vor der berühmten Stuttgarter Oper (sie war schon häufig Oper des Jahres) setze ich mich in den Schlosspark und vespere meine Foccaccia. Danach laufe ich weiter zum Charlottenplatz. Im Weltladen erstehe ich Bio-Kaugummi, thailändisches Geschenkband und ein neues weißes Baumwoll-Kopftuch (vermutlich in der Vorahnung, dass mein von zu Hause mitgebrachtes kurz darauf just in Stuttgart seinen Geist aufgeben würde).
Weiter geht es zum Arthaus Kino Atelier am Bollwerk. Eigentlich mag ich das Delphi von der Atmosphäre und den Sichtverhältnissen her lieber, aber heute passt mir das Bollwerk-Programm besser. Um 15:20 Uhr beginnt der Film Vivaldi und ich. Überraschenderweise ruft mein Mann vorher an und stößt dazu. Sehr bunter, sehr bewegender Film – die Frauen quasi rechtlos im Venedig des 18. Jahrhunderts – und Vivaldis Musik wird uns noch ein Stück nähergebracht.
Während mein Mann sich danach mit einem anderen Freund trifft, fahre ich zurück zu meiner Freundin. Wir machen Salat und gehen danach noch bei der Vana Eismanufaktur in der Breitscheidstr. 20 genießen. Es gibt dort sehr viel bio, sehr viel vegan, und es ist einfach super-lecker. Ich schlecke Schoko- und Mandeleis. Ein absolutes Muss!
Einen Tag später mache ich einen Ausflug in den Schwarzwald, hierzu gibt es einen gesonderten Artikel.
Am letzten Tag gießen mein Mann und ich das Grab von Verwandten in Alt-Sillenbuch und fahren dann mit dem Bus hinunter zum Necker nach Esslingen. Zwei Dinge haben wir vor: Besuch des Schreiber-Museums und des Merkelschen Bades. Im Bus flaxe ich, dass das Schreiber-Museum ja vielleicht geschlossen hat. Spaßeshalber schaut mein Mann nach, und zu unserer großen Überraschung ist es tatsächlich wegen Hitze geschlossen! Zum Merkelschen Bad verweise ich auf meinen Artikel vom 10.3.2019. Es hat uns auch diesmal richtig großen Spaß gemacht in diesem wunderschönen Jugendstil-Mineralbad!
Nur wenige Kleinigkeiten zur Ergänzung:
* Im Bio-Bistro Brot & Café essen und trinken wir etwas – und treffen dort die Mutter eines Schulfreundes unserer Tochter. * Sehenswert, wenn auch düster, ist die Stadtkirche von Esslingen, St. Dionys, aus dem 13. Jahrhundert. * Auf dem Weg zum Bahnhof entdecken wir schließlich noch die Eiszeit: Ein Steg führt über den Neckarnebenarm direkt zur Alten Zimmerei. An diesem malerischen Ort in Sichtweite der Doppeltürme der Stadtkirche St. Dionys betreibt Simone Meier-Röhn ihr Eiscafé mit biologischen Eissorten, die sie direkt vor Ort herstellt. Darunter sind sowohl feines Milcheis wie die Haussorte „Weiße Schokolade mit Karamell und Haselnüssen“, als auch Sorbets mit mindestens 50% Fruchtanteil. Das konsequente Konzept bringt mit, dass Erdbeereis erst dann auf der Karte steht, wenn die heimischen Früchte reif sind. Lecker!
An unserem letzten Abend schließlich laden wir meine Freundin ins Restaurant ein: Im Soy Club Stuttgart gibt es ausschließlich vegane Kost! Wir sitzen bei strahlendem Sonnenschein im Freien und lassen es uns gut gehen.
Auch unabhängig von den Pfingstfestspielen und allem, was mit dem Ort als ganzjähriger Weihnachtsstadt zu tun hat (siehe unter dem Suchbegriff „Rothenburg“ meinen Blog Magische Weihnachten,) haben das Städtchen und seine unmittelbare Umgebung viel zu bieten.
Das fängt schon bei meiner Ferienwohnung an, dem Gästehaus Liebler, in einem uralten Haus mitten in der Altstadt gelegen. Wenn man von den vielen Mahnungen zur Sauberkeit usw. einmal absieht (alles, was abhängbar war, habe ich abgehängt) ist es hier sehr gemütlich, sauber und ruhig, und die Vermieterin eine Nette!
Zum Bio-vegan-Einkaufen kann man natürlich Lidl & Co. heimsuchen, es gibt aber auch innerhalb der Altstadt einen wirklich guten Ökoladen: Vreiman in der Galgengasse 52, direkt am Würzburger Tor. Hier hast du die Wahl zwischen regional (ich erstehe z.B. ein fränkisches Kürbiskernöl) und fair aus aller Welt, veganen, klassischen und trendy Produkten – alles und immer bio. Dazu eine kompetente Belegschaft. Achtung: Sie machen von 13 bis 14 Uhr Mittagspause und haben samstags per se nur bis 13 Uhr geöffnet.
Auch wenn es weder bio noch vegan ist, kann ich die Chocolaterie Grand Cru am Plönlein nur empfehlen. Hier werden die wunderbaren Pralinen der Chef-Patissière und Konditormeisterin Anna Kaerlein-Seip aus Burgbernheim verkauft – zum Dahinschmelzen! Sie wirbt mit „Patisserie aus Leidenschaft – Chocolaterie in Perfektion“ – und das stimmt. Außerdem bietet sie Nachmittagskurse für alle Interessierten an. Warum also nicht lernen von einer Frau, die bereits die olympische Goldmedaille in der Patisserie gewonnen hat?
Knapp 2km sind es zu Fuss von unserer Unterkunft zur romanischen Kirche St. Peter und Paul im eingemeindeten Dörfchen Detwang durch das wunderschöne Taubertal. Hier besuchen wir den Pfingstgottesdienst bei einer leider sehr konservativen Pastorin und bewundern das Kreuzigungs-Retabel aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders. Auch eine Hlg. Barbara (meine Namenspatronin) aus dem 16. Jh. ist auf einem der Seitenaltäre zu finden. Auf dem Rückweg laufen wir auf der anderen Seite der Tauber und entdecken so das Topplerschlösschen. Es wirkt, als würde es auf einem Bein stehen, und erinnert mich an die Hütte der russischen Hexe Baba Jaga. Auf der sehenswerten Doppelbrücke aus dem Jahr 1330 überqueren wir das Flüsschen und steigen via dem märchenhaft wirkenden und an Harry Potter-Filme erinnernden Hotel Wildbad (wo man in malerischer Atmosphäre einen Espresso trinken kann) wieder hinauf zum Stadtzentrum. Übrigens: Mit ein bisschen Suchen findet man auf der Rothenburger Seite der Doppelbrücke auch den Zugang zum Stadtteil Kobolzell. Die katholische Kirche St. Johannis dort ist ebenfalls denkmalgeschützt, aber aus Geldmangel nur zu den Gottesdienstzeiten geöffnet.
Spannend ist auch die Franziskanerkirche in der Altstadt. Unmittelbar neben ihr erinnert eine Gedenktafel an den späteren Papst Franziskus aus Argentinien, der 1986 zwei Monate in Rothenburg verbrachte und in der Judengasse wohnte. Die Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert. Mehr als die ganzen Antiquitäten dort interessieren mich aber die fünf modernen, sandgelben Kirchenfenster von Prof. Johannes Schreiter, die den Sonnengesang des Franz von Assissi (1181/82-1226) darstellen: links Bruder Feuer, Bruder Wind, Schwester Sonne & Bruder leiblicher Tod in der Mitte, rechts dann Schwester Wasser und Schwester Mutter Erde. Ich entdecke diesen Sonnengesang erstmals für mich, der fast etwas Schamanisches hat: „Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Mutter Erde, die uns versorgt und ernährt und vielerlei Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“
Als meine noch im Berufsleben stehende Freundin schon zurück nach Stuttgart gefahren ist, besuche ich noch die Schäfertanzkirche St. Wolfgang. Schäferei und Wollhandel hatten im mittelalterlichen Rothenburg eine große Bedeutung. Am Klingentor verehrten die Schäfer ihren Schutzheiligen. Von 1475 bis 1492 wurde dort eine reizvolle Wehrkirche errichtet über den Kasematten der Klingentorbastei. Der Marienaltar im Nordflügel zeigt die Madonna im Strahlenkranz und an den Seiten Bilder aus ihrem Leben (um 1500). Das wirklich Sehenswerte aber ist der Abstieg in die Kasematten und später der steile Aufstieg bis ins Dachgeschoss. Dazwischen ist ein kleines Schäfertanzmuseum untergebracht, und gegen Einwurf einer Münze drehen sich auch die entsprechenden Figuren im Kreis. Im Wehrgang unterm Dach ist eine Pestnase zu bewundern, und man erfährt einiges über die Bombardierung Rothenburgs kurz vor Ende des 2. Weltkriegs. Achtung: Die schmalen, steilen Stufen sind für Leute mit Gehbehinderung oder Schwindelanfälligkeit nicht geeignet!
Im „Lebenslust“ gibt es mehrere vegane Kuchensorten zur Auswahl.
Zum Abschluss noch der Hinweis auf zwei nette Lokalitäten: Das Café Lebenslust befindet sich in der Altstadt direkt gegenüber der St. Jakobskirche. Die Wände sind mit Gemälden verziert, der Holzfussboden von Steinmosaiken durchbrochen. Hier gibt es außerdem jede Menge Konzerte und Tanzkurse – und äußerst leckeren veganen Kuchen!
Wie der Biomarkt Vreiman, so liegt auch das Café einzigartig in der Galgengasse, wo man auf Shabby Chic steht. Hier sitze ich bei weitgeöffneten Fenstern in angenehm kühlem Schatten und genieße Espresso und Erdbeerschorle. Es gibt Milchalternativen für Cappuccino & Co. Zum Frühstück wäre eine „Vegane Verführung“ möglich, auch Sojaghurt mit Obst und selbst ein veganes Panino mit Grillgemüse, Ajvar und Rucola könnte man essen (wenn man nicht wie ich in der Ferienwohnung kochen kann).
Zusammengefasst: Rothenburg ist konservativ bis auf die Knochen – und trotzdem eine Reise wert. Ich habe es nicht bereut, sechs Nächte dort verbracht zu haben.
Gedenkstein an das Rintfleisch-Progrom des Jahres 1298
Bei einem Gang durch das Rothenburg Museum, das im Mittelalter ein Dominikanerinnen-Kloster war, findest du in Kreuzgang und Klostergarten viel Ruhe und Beschaulichkeit (außerhalb des Klosters ist auch eine Art Kräutergarten angelegt, allerdings ziemlich schlecht in Schuss). Im Museum erfährst du viel über die Geschichte der Stadt: Die Bewohner*innen haben zum Beispiel bereits 1938 zu 98% die Nazis gewählt.Und schon zwei Wochen vor dem Novemberprogrom 1938 rühmten sie sich, komplett judenfrei zu sein.
Dazu passt, dass der Dominikanerorden (spöttisch als Hunde des Herrn übersetzt) für die Verfolgung von Häretiker*innen und die Verbrennung der Hexen zuständig war. Auch berüchtigte antisemitische Schriften verfasste er. (Wie genau es meine Tante geschafft hat, im 20. Jahrhundert Dominikanerin und erklärtermaßen Hexe zu sein und sich die Grabrede von einem eigens aus Italien zurückgekehrten Franziskaner halten zu lassen, ist mir heute noch nicht ganz klar. Aber es macht einen Teil ihrer schillernden Persönlichkeit aus.)
Jedenfalls erfährt man in diesem Museum nicht nur alles über Modeln oder sieht den Original-Humpen, aus dem Nusch 1631 seinen Meistertrunk tat. Man lernt auch, warum die Steinfigur des biblischen Moses Teufelshörner trägt: Es ist ein Fehler der Vulgatabibel, bei der das hebräische Wort keren versehentlich mit Hörner statt Strahlen übersetzt wurde.
Meine Freundin und ich machen eine Museumsführung namens „Reinheit ob der Tauber“ mit, bei der es um das jüdische Leben in Rothenburg geht. Diese Führung kann ich NICHT empfehlen! Der Führer ist Archäologe aus Nürnberg und kann zwar einiges zu den Ausgrabungen der letzten Zeit sagen, hat aber vom Judentum wirklich überhaupt keine Ahnung, sodass es sogar für mich, die ich gewiss keine Spezialistin bin, sehr peinlich ist.
Jedenfalls waren die Einwohner*innen der Stadt schon in früheren Jahrhunderten, lange vor der Nazizeit, ausgezeichnet darin, gegen ihre jüdische Bevölkerung Progrome zu verüben (was der Führer eher verharmlost).
Neben der tendenziell vernachlässigten Judaica-Sammlung des Museums gibt es in Rothenburg aber mehrere weitere Orte, die auf die Juden und Jüdinnen im Frankenstädtchen verweisen. Da ist zum einen die Judengasse selbst, in der die Menschen jahrhundertelang leben mussten. Das Wohnhaus Nr. 10 stammt aus dem Jahre 1409 und beherbergt im Keller eine überaus sehenswerte Mikwe, ein rituelles Tauchbad, das offenbar auch von der Nachbarschaft genutzt wurde. Das gesamte Haus gehört zum Kultur Erbe Bayern und ist für die Öffentlichkeit zugänglich.
Im Burggarten an der Kapelle erinnert ein Gedenkstein mit schreienden Menschen, die im Feuer umkommen an das Rintfleisch-Progrom des Jahres 1298 wegen angeblicher Hostienschändung: Am 25. Juni waren 53 Tote zu beklagen (nach anderer Quelle 57), am 18. Juli weitere mindestens 36; der Rest der jüdischen Gemeinde, knapp 450 Menschen, floh daraufhin in die Rothenburger Reichsburg, die ab Sonntag, 20. Juli, belagert und am 22. Juli eingenommen wurde; alle Juden wurden ermordet.
Auch das Gärtlein vor dem Judentanzhaus in der Georgengasse 17 besuchen wir. Bereits im Mittelalter gab es in der Stadt ein jüdisches Tanzhaus, der aktuelle Bau ist ein Fachwerkhaus, ursprünglich aus dem Jahre 1613. Er wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut.
Übrigens ist der berühmteste Rothenburger just ein jüdischer Mensch: Rabbi Meir ben Baruch (auch genannt Meir von Rothenburg), eine der wichtigsten Autoritäten für halachische Rechtsfragen, lebte hier mehr als vierzig Jahre lang. Er starb 1293 aus antisemitischen Gründen in Ensisheimer Gefangenschaft .
Wieviele Menschen jüdischer Konfession heute in Rothenburg leben, ist unklar. Im nicht weit entfernten Nürnberg waren es 2024 2.355.
Jedes Jahr am Pfingstwochenende verwandelt sich das mittelalterliche Frankenstädtchen in ein Heereslager aus dem Dreißigjährigen Krieg, bei dem gefühlt mindestens die Hälfte der Rothenburger*innen mitmacht – und das seit 1881. Dabei sind allerdings mehr Männer mit von der Partie als Frauen, und das Ganze hat durchaus den Charakter eines fröhlichen, mehrtägigen Besäufnisses wie beim Kölner Karneval.
Damals soll sich Folgendes zugetragen haben: Der katholische Generalissimus Tilly hatte 1631, nachdem der Widerstand Rothenburgs gebrochen und die Stadt von seinen 60.000 Soldaten erstürmt worden war, die Ratsherren der protestantischen Reichsstadt Rothenburg zum Tode verurteilt und wollte die Stadt brandschatzen und plündern lassen. In ihrer Not boten ihm die Ratsherren als Willkommenstrunk Wein in einem prachtvollen bunten Glashumpen an, der 3¼ Liter fasste. Tilly wurde dadurch milde gestimmt und sagte, wenn jemand diesen Humpen voll Wein in einem Zuge austrinken könne, würde er die Stadt verschonen. Altbürgermeister Georg Nusch meldete sich freiwillig, und zu jedermanns Erstaunen gelang es ihm, den Becher in einem Zug zu leeren. Tilly war davon so beeindruckt, dass er die Stadt verschonte. Und abzog. Jubel!
Jubel! wird deshalb immer wieder gerufen, wenn die Kostümierten durch die Stadt ziehen, ähnlich wie Alaaf! in Köln oder Narri-Narro! in Stuttgart.
Und was kann man hier nicht alles erleben: Zunächst einmal besuchen meine Freundin und ich das Theaterstück im Rathaus (in der 3. Kategorie kosten die Karten nur 9€). Hier wird der Meistertrunk Nuschs von Lai*innen aufgeführt, mit vielen Kompars*innen dazu. Seit 2016 gehört das Festspiel zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Der historische Händler- und Handwerkermarkt rund um die Hauptkirche ist ebenfalls ausgesprochen sehenswert. Ich erwerbe ein Eschenparfum! Auf dem Marktplatz tanzen die Schäfer*innen, und dazu kommt der große historische Heereszug. Vor den Toren der Stadt gibt es ein großes Feldlager mit Festbetrieb und Livemusik. Natürlich machen auch die örtlichen Museen mit und bieten Sonderevents an. Wer will, kann sich auch einen Rothenburger Kupferpfennig prägen lassen. Und eine Frauengruppe zeigt, wie im 17. Jahrhundert die Kinder gespielt haben. Zum Mitmachen selbstverständlich!
Zug von Bonn nach Rothenburg: 332km x 0,026kg = 8,632kg CO2 Unterkunft 20 m², 4 Nächte allein, 2 Nächte zu zweit, 0,054kg/m² = 5,4kg CO2
Warum habe ich zwischen meinen Besuchen bei Freundinnen in Bonn und Stuttgart das fränkische Rothenburg ob der Tauber als Reiseziel gewählt? Dafür gab es eine Vielzahl von Gründen:
* Zum einen sollte der Ort in einer vertretbaren Entfernung zwischen den beiden Zielen liegen.
* Zum anderen habe ich für meinen Weihnachtsblog dezidiert nach einem Ort mit entsprechendem Museum oder Shop gesucht – und Rothenburg bietet beides – was die Shops anbelangt, sogar im Plural, 365 Tage im Jahr. Selbst das örtliche Gebäck ist winterlich, es heißt Schneeballen. Das obige Guckkästlein, das man auch mit der Post verschicken kann, habe ich z.B. in der Kunsthandlung Endlein in der Unteren Schmiedgasse 2 erworben. Ich werde mich bei meinen Rothenburg-Artikeln auf diesem Blog hier auf die Nicht-Weihnachts-Attraktionen beschränken und verweise ansonsten auf meine Webseite Magische Weihnachten. * Drittens ist das Städtchen nicht nur an sich sehr romantisch, sondern auch noch höchst malerisch hoch über (also: ob) dem Taubertal gelegen.
* Viertens war ich das letzte Mal als Kind dort. * Und schlussendlich bietet es genau an Pfingsten jedes Jahr UNESCO-Welterbe vom Feinsten.
Also nichts wie hin, z.B. über Pfingsten (so wie ich) – oder in der Adventszeit!
Da ich sechs Jahre in Köln gewohnt und währenddessen teils auch in Bonn gearbeitet habe, ist mir dieser Teil des Rheinlands seit Jahrzehnten vertraut. Deshalb gibt es heute keine Tipps für Anfänger-Tourist*innen.
In den zweieinhalb Tagen, die ich diesmal bei meiner Freundin verbringe, gehe ich viel in den Rheinauen spazieren, mit Blick aufs Siebengebirge. Ein kleine Fähre bringt mich auch rüber nach Nieder- (und Ober-)Dollendorf (gehört zur Gemeinde Königswinter). Die Kirche St. Michael mit ihrem romanischen Glockenturm ist leider geschlossen. Nur aus zweiter Hand kann ich von einer örtlichen Eigentümlichkeit berichten: An drei Tagen im Jahr (Fronleichnam, zur Kirmes Ende September und am Fest des Heiligen Sebastian) wird hier gebeiert. Darunter versteht man ein spezielles Anschlagen der Glocken von Hand, mit besonderen Melodien und Texten. Wenn du mehr über diesem rheinländischen Brauch wissen möchtest, findest du weitere Infos (inkl. einem kleinen Niederdollendorfer Video) hier bei Wikipedia.
Sehr empfehlenswert ist die Bonner Kinemathek in der Brotfabrik, ebenfalls rechtsrheinisch im Stadtteil Beuel gelegen. In diesem Programmkino kannst du Filmkunst jenseits des Ami-Mainstreams erleben. Meine Freundin und ich entscheiden uns für Richard Linklaters „Nouvelle Vague“, eine Hommage an Jean-Luc Godard und das Paris des Jahres 1960. Im Theater der Brotfabrik (selbes Gebäude, selber Stock) werden auch ukrainischsprachige Stücke wie die „Konotoper Hexe“ oder Amateurtheater wie „Circe“ angeboten. Magisch! Und das Kinoprogramm ist abwechslungsreicher als in unserem Flensburger Pendant 51 Stufen, wo die Filme nur einmal pro Woche wechseln.
Ein weiterer Höhepunkt meines diesjährigen Aufenthalts ist der Besuch des modernen Bundeskunsthalle auf der Bonner Museumsmeile. Hier habe ich schon einige wirklich bemerkenswerte Ausstellungen gesehen, diesmal ist es nun eine über Amazonien (läuft noch bis 9.8.2026). Halbethnographisch werden indigene Sichtweisen auf die Welt und die Umsetzung in Kunst gezeigt. Schon der Eingangsbereich in die Ausstellung ist faszinierend! Ich erlerne die Technik des Rundwebens mit Pappteller und Bast und erwerbe eine peruanische Fairtraide-Rassel, eine Kalebasse mit eingeritztem Frosch-Motiv von Amazon Ecology.
Doch nach drei Nächten geht es schon weiter, mein nächster Stopp wird Rothenburg ob der Tauber in Franken sein.
Viele exotische Tiere haben sich mittlerweile im milden Bonner Klima häuslich eingerichtet. Dazu gehören Halsband- und der etwas größere Alexandersittich mit rund 2.400 Vögeln, die sich in der Dämmerung laut kreischend auf ihren Schlafbäumen versammeln. Sie stammen vermutlich von der Gefangenschaft entflohenen Haustieren ab und ursprünglich aus Afrika und Asien. Zu Zeit wird geprüft, ob sie in die Schwarze Liste invasiver Arten aufgenommen werden sollen.
Ähnliches gilt für die kanadische Nonnengans und vor allem die hässliche, laute Nilgans, die sich insbesondere im Rheinauenpark und entlang des Rheinufers stark ausbreitet. Sie ist mittlerweile fester Bestandteil des Stadtbildes, verkotet die Parks und verdrängt heimische Wasservögel. Dazu noch zeigt sie sich als wenig scheu und manchmal sogar aggressiv.
Ergänzt werden diese Vögelchen durch südamerikanische Nutrias (Bisamratten), die einer Pelztierfarm entkamen. Sie graben große Löcher in die Böschungen und fressen nützliche Wasserpflanzen und Teichmuscheln und knabbern in der Rheinaue die Rinde von Bäumen ab, sodass sie absterben.
Leider werden all diese invasiven Arten nach wie vor von unwissenden Menschen gefüttert. Wenn du dann noch deinen Garten mit einer amerikanischen Thuja-Hecke umgibst, japanischen Hortensien pflanzt, deinen englischen Rasen regelmäßig niedermähst und pestizidgetränkte Unbio-Lebensmittel isst, hast du alles getan, um der Biodiversität in Deutschland den Garaus zu machen!
Aber es gibt noch Hoffnung. Bei meinen Spaziergängen am Bad Godesberger Rheinufer entdecke ich auch Bunt- und Grünspecht, Eichelhäher, Kleiber und Amseln, giftigen Hecken-Kälberkropf, Weißes Labkraut, Acker-Rettich, Weg-Rauke, Raue Gänsedistel, Acker-Hornkraut und Wilde Sumpfkresse, neben vielen anderen Arten. Bitte lasst euch nicht vertreiben!
CO2: Zugstrecke MA-BO 214km = 5,5kg CO2 Unterkunft in Bonn: privat = 0kg CO2
Zu den schönsten Zugstrecken Deutschlands zählt die Bahnfahrt entlang des Rheins. Schon kurz vor Mainz erhascht man erste Blicke auf den großen Fluss, und danach wird es dann richtig romantisch. Voraussetzung: Du nimmst nicht die vielerorts unterirdische rechtsrheinische Strecke, sondern die linke via Koblenz. Sie führt durch das UNESCO-Welterbe „Oberes Mittelrheintal“ mit seinen Burgen, Kapellen und Weinbergen.
Auf der rechten Seite kommen zunächst Rüdesheim und das Niederwalddenkmal, dann bei uns Bingen mit dem Binger Loch. Etwas weiter den Strom hinab passieren wir Bacherach, das mich immer an den dortigen Rabbi aus der Feder Heinrich Heines und die Judenverfolgung erinnert. Ganz besonders gefällt mir das Örtchen Kaub: Hier liegt auf einer kleinen Insel mitten im Fluss die rotweiß gestrichene Burg Pfalzgrafenstein. Auf ihrer gegen Eisgang verstärkten Spitze hält ein goldener Löwe Schwert und Wappenschild. Sie stammt aus dem Jahr 1326 und diente der Überwachung des Schiffszolls, nicht als Wohnstatt. Der barocke Turmhelm wurde allerdings erst 1714 aufgesetzt. Die Burg ist heute für Besucher zugänglich und mit einer Personenfähre erreichbar.
Aber nun kommt auch schon die Loreley, eine Felswand am rechten Ufer an der tiefsten und engsten Stelle des Mittelrheins. 1801 von Clemens Brentano galt die Geschichte der dort hausenden Nixe schon zu Heines Zeiten 1824 als altes Volksmärchen:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Mährchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar; Ihr gold’nes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr gold’nes Haar.
Sie kämmt es mit gold’nem Kamme, Und singt ein Lied dabei; Das hat eine wundersame, Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh’.
Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lore-Ley getan.
Das Gedicht wurde alsbald vertont und war so beliebt, dass selbst die Bücher verbrennenden Nazis es nicht verbieten wollten. Jedoch behaupteten sie, nicht der getaufte Jude Heine, sondern ein Unbekannter sei der Verfasser gewesen.
Nach Koblenz wird die Bahnstrecke etwas weniger romantisch, ist aber immer noch schön. Um 21 Uhr komme ich schließlich am Bonner Hauptbahnhof an und werde von meiner Freundin abgeholt.
Alle zwei Jahre findet im Mannheimer Jugendforum im Mai eine anarchistische Buchmesse statt, 2026 zum achten Mal. Ich selbst bin seit 2024 für die Graswurzelrevolution mit dabei und betreue zusammen mit einem Kollegen aus Marseille und einem aus Kelkheim den Stand.
Auf der Messe kann man anarchistische Sach- und Fachbücher, aber auch Literarisches und Kinderbücher bekommen, daneben Sticker, T-Shirts, Hoodies, kurdische Tücher oder Infos über die Sea Punks, die mit einem eigenen Schiff auf dem Mittelmeer Flüchtlinge in Seenot retten.
Begleitet wird dies von jeweils zwei parallel stattfindenden Buch- oder Projektvorstellungen mit Diskussion pro Doppelstunde. Auch wir zeigen dort zwei unserer neuen Titel: “Die Kriegslogik durchbrechen!” (wo es um den Gaza-Konflikt geht) und “Anarchistisches Recht”, was sich auf dieser Messe später als unser Bestseller erweist.
Mittags kocht ein Kollektiv (unterstützt von den Anwesenden) herrliches veganes Essen (besser als in vielen Restaurants), Fladen mit Kreuzkümmel, Dhal, Nudeln mit Tofu usw., dazu gibt es Salate, und das alles gegen Spende (3-5€ waren erwünscht).
Und nach Ende jeden Messetags gibt es natürlich noch Abendveranstaltungen, Kinofilme, Singen für Leute, die nicht singen können, weitere Diskussionen. Nach elf Stunden Standdienst pro Tag bin ich dafür allerdings zu k.o. Aber: Ich komme bestimmt wieder 2028!
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