Gedenkstein an das Rintfleisch-Progrom des Jahres 1298
Bei einem Gang durch das Rothenburg Museum, das im Mittelalter ein Dominikanerinnen-Kloster war, findest du in Kreuzgang und Klostergarten viel Ruhe und Beschaulichkeit (außerhalb des Klosters ist auch eine Art Kräutergarten angelegt, allerdings ziemlich schlecht in Schuss). Im Museum erfährst du viel über die Geschichte der Stadt: Die Bewohner*innen haben zum Beispiel bereits 1938 zu 98% die Nazis gewählt.Und schon zwei Wochen vor dem Novemberprogrom 1938 rühmten sie sich, komplett judenfrei zu sein.
Dazu passt, dass der Dominikanerorden (spöttisch als Hunde des Herrn übersetzt) für die Verfolgung von Häretiker*innen und die Verbrennung der Hexen zuständig war. Auch berüchtigte antisemitische Schriften verfasste er. (Wie genau es meine Tante geschafft hat, im 20. Jahrhundert Dominikanerin und erklärtermaßen Hexe zu sein und sich die Grabrede von einem eigens aus Italien zurückgekehrten Franziskaner halten zu lassen, ist mir heute noch nicht ganz klar. Aber es macht einen Teil ihrer schillernden Persönlichkeit aus.)
Jedenfalls erfährt man in diesem Museum nicht nur alles über Modeln oder sieht den Original-Humpen, aus dem Nusch 1631 seinen Meistertrunk tat. Man lernt auch, warum die Steinfigur des biblischen Moses Teufelshörner trägt: Es ist ein Fehler der Vulgatabibel, bei der das hebräische Wort keren versehentlich mit Hörner statt Strahlen übersetzt wurde.
Meine Freundin und ich machen eine Museumsführung namens „Reinheit ob der Tauber“ mit, bei der es um das jüdische Leben in Rothenburg geht. Diese Führung kann ich NICHT empfehlen! Der Führer ist Archäologe aus Nürnberg und kann zwar einiges zu den Ausgrabungen der letzten Zeit sagen, hat aber vom Judentum wirklich überhaupt keine Ahnung, sodass es sogar für mich, die ich gewiss keine Spezialistin bin, sehr peinlich ist.
Jedenfalls waren die Einwohner*innen der Stadt schon in früheren Jahrhunderten, lange vor der Nazizeit, ausgezeichnet darin, gegen ihre jüdische Bevölkerung Progrome zu verüben (was der Führer eher verharmlost).
Neben der tendenziell vernachlässigten Judaica-Sammlung des Museums gibt es in Rothenburg aber mehrere weitere Orte, die auf die Juden und Jüdinnen im Frankenstädtchen verweisen. Da ist zum einen die Judengasse selbst, in der die Menschen jahrhundertelang leben mussten. Das Wohnhaus Nr. 10 stammt aus dem Jahre 1409 und beherbergt im Keller eine überaus sehenswerte Mikwe, ein rituelles Tauchbad, das offenbar auch von der Nachbarschaft genutzt wurde. Das gesamte Haus gehört zum Kultur Erbe Bayern und ist für die Öffentlichkeit zugänglich.
Im Burggarten an der Kapelle erinnert ein Gedenkstein mit schreienden Menschen, die im Feuer umkommen an das Rintfleisch-Progrom des Jahres 1298 wegen angeblicher Hostienschändung: Am 25. Juni waren 53 Tote zu beklagen (nach anderer Quelle 57), am 18. Juli weitere mindestens 36; der Rest der jüdischen Gemeinde, knapp 450 Menschen, floh daraufhin in die Rothenburger Reichsburg, die ab Sonntag, 20. Juli, belagert und am 22. Juli eingenommen wurde; alle Juden wurden ermordet.
Auch das Gärtlein vor dem Judentanzhaus in der Georgengasse 17 besuchen wir. Bereits im Mittelalter gab es in der Stadt ein jüdisches Tanzhaus, der aktuelle Bau ist ein Fachwerkhaus, ursprünglich aus dem Jahre 1613. Er wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut.
Übrigens ist der berühmteste Rothenburger just ein jüdischer Mensch: Rabbi Meir ben Baruch (auch genannt Meir von Rothenburg), eine der wichtigsten Autoritäten für halachische Rechtsfragen, lebte hier mehr als vierzig Jahre lang. Er starb 1293 aus antisemitischen Gründen in Ensisheimer Gefangenschaft .
Wieviele Menschen jüdischer Konfession heute in Rothenburg leben, ist unklar. Im nicht weit entfernten Nürnberg waren es 2024 2.355.
Jedes Jahr am Pfingstwochenende verwandelt sich das mittelalterliche Frankenstädtchen in ein Heereslager aus dem Dreißigjährigen Krieg, bei dem gefühlt mindestens die Hälfte der Rothenburger*innen mitmacht – und das seit 1881. Dabei sind allerdings mehr Männer mit von der Partie als Frauen, und das Ganze hat durchaus den Charakter eines fröhlichen, mehrtägigen Besäufnisses wie beim Kölner Karneval.
Damals soll sich Folgendes zugetragen haben: Der katholische Generalissimus Tilly hatte 1631, nachdem der Widerstand Rothenburgs gebrochen und die Stadt von seinen 60.000 Soldaten erstürmt worden war, die Ratsherren der protestantischen Reichsstadt Rothenburg zum Tode verurteilt und wollte die Stadt brandschatzen und plündern lassen. In ihrer Not boten ihm die Ratsherren als Willkommenstrunk Wein in einem prachtvollen bunten Glashumpen an, der 3¼ Liter fasste. Tilly wurde dadurch milde gestimmt und sagte, wenn jemand diesen Humpen voll Wein in einem Zuge austrinken könne, würde er die Stadt verschonen. Altbürgermeister Georg Nusch meldete sich freiwillig, und zu jedermanns Erstaunen gelang es ihm, den Becher in einem Zug zu leeren. Tilly war davon so beeindruckt, dass er die Stadt verschonte. Und abzog. Jubel!
Jubel! wird deshalb immer wieder gerufen, wenn die Kostümierten durch die Stadt ziehen, ähnlich wie Alaaf! in Köln oder Narri-Narro! in Stuttgart.
Und was kann man hier nicht alles erleben: Zunächst einmal besuchen meine Freundin und ich das Theaterstück im Rathaus (in der 3. Kategorie kosten die Karten nur 9€). Hier wird der Meistertrunk Nuschs von Lai*innen aufgeführt, mit vielen Kompars*innen dazu. Seit 2016 gehört das Festspiel zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Der historische Händler- und Handwerkermarkt rund um die Hauptkirche ist ebenfalls ausgesprochen sehenswert. Ich erwerbe ein Eschenparfum! Auf dem Marktplatz tanzen die Schäfer*innen, und dazu kommt der große historische Heereszug. Vor den Toren der Stadt gibt es ein großes Feldlager mit Festbetrieb und Livemusik. Natürlich machen auch die örtlichen Museen mit und bieten Sonderevents an. Wer will, kann sich auch einen Rothenburger Kupferpfennig prägen lassen. Und eine Frauengruppe zeigt, wie im 17. Jahrhundert die Kinder gespielt haben. Zum Mitmachen selbstverständlich!
Zug von Bonn nach Rothenburg: 332km x 0,026kg = 8,632kg CO2 Unterkunft 20 m², 4 Nächte allein, 2 Nächte zu zweit, 0,054kg/m² = 5,4kg CO2
Warum habe ich zwischen meinen Besuchen bei Freundinnen in Bonn und Stuttgart das fränkische Rothenburg ob der Tauber als Reiseziel gewählt? Dafür gab es eine Vielzahl von Gründen:
* Zum einen sollte der Ort in einer vertretbaren Entfernung zwischen den beiden Zielen liegen.
* Zum anderen habe ich für meinen Weihnachtsblog dezidiert nach einem Ort mit entsprechendem Museum oder Shop gesucht – und Rothenburg bietet beides – was die Shops anbelangt, sogar im Plural, 365 Tage im Jahr. Selbst das örtliche Gebäck ist winterlich, es heißt Schneeballen. Das obige Guckkästlein, das man auch mit der Post verschicken kann, habe ich z.B. in der Kunsthandlung Endlein in der Unteren Schmiedgasse 2 erworben. Ich werde mich bei meinen Rothenburg-Artikeln auf diesem Blog hier auf die Nicht-Weihnachts-Attraktionen beschränken und verweise ansonsten auf meine Webseite Magische Weihnachten. * Drittens ist das Städtchen nicht nur an sich sehr romantisch, sondern auch noch höchst malerisch hoch über (also: ob) dem Taubertal gelegen.
* Viertens war ich das letzte Mal als Kind dort. * Und schlussendlich bietet es genau an Pfingsten jedes Jahr UNESCO-Welterbe vom Feinsten.
Also nichts wie hin, z.B. über Pfingsten (so wie ich) – oder in der Adventszeit!
Da ich sechs Jahre in Köln gewohnt und währenddessen teils auch in Bonn gearbeitet habe, ist mir dieser Teil des Rheinlands seit Jahrzehnten vertraut. Deshalb gibt es heute keine Tipps für Anfänger-Tourist*innen.
In den zweieinhalb Tagen, die ich diesmal bei meiner Freundin verbringe, gehe ich viel in den Rheinauen spazieren, mit Blick aufs Siebengebirge. Ein kleine Fähre bringt mich auch rüber nach Nieder- (und Ober-)Dollendorf (gehört zur Gemeinde Königswinter). Die Kirche St. Michael mit ihrem romanischen Glockenturm ist leider geschlossen. Nur aus zweiter Hand kann ich von einer örtlichen Eigentümlichkeit berichten: An drei Tagen im Jahr (Fronleichnam, zur Kirmes Ende September und am Fest des Heiligen Sebastian) wird hier gebeiert. Darunter versteht man ein spezielles Anschlagen der Glocken von Hand, mit besonderen Melodien und Texten. Wenn du mehr über diesem rheinländischen Brauch wissen möchtest, findest du weitere Infos (inkl. einem kleinen Niederdollendorfer Video) hier bei Wikipedia.
Sehr empfehlenswert ist die Bonner Kinemathek in der Brotfabrik, ebenfalls rechtsrheinisch im Stadtteil Beuel gelegen. In diesem Programmkino kannst du Filmkunst jenseits des Ami-Mainstreams erleben. Meine Freundin und ich entscheiden uns für Richard Linklaters „Nouvelle Vague“, eine Hommage an Jean-Luc Godard und das Paris des Jahres 1960. Im Theater der Brotfabrik (selbes Gebäude, selber Stock) werden auch ukrainischsprachige Stücke wie die „Konotoper Hexe“ oder Amateurtheater wie „Circe“ angeboten. Magisch! Und das Kinoprogramm ist abwechslungsreicher als in unserem Flensburger Pendant 51 Stufen, wo die Filme nur einmal pro Woche wechseln.
Ein weiterer Höhepunkt meines diesjährigen Aufenthalts ist der Besuch des modernen Bundeskunsthalle auf der Bonner Museumsmeile. Hier habe ich schon einige wirklich bemerkenswerte Ausstellungen gesehen, diesmal ist es nun eine über Amazonien (läuft noch bis 9.8.2026). Halbethnographisch werden indigene Sichtweisen auf die Welt und die Umsetzung in Kunst gezeigt. Schon der Eingangsbereich in die Ausstellung ist faszinierend! Ich erlerne die Technik des Rundwebens mit Pappteller und Bast und erwerbe eine peruanische Fairtraide-Rassel, eine Kalebasse mit eingeritztem Frosch-Motiv von Amazon Ecology.
Doch nach drei Nächten geht es schon weiter, mein nächster Stopp wird Rothenburg ob der Tauber in Franken sein.
Viele exotische Tiere haben sich mittlerweile im milden Bonner Klima häuslich eingerichtet. Dazu gehören Halsband- und der etwas größere Alexandersittich mit rund 2.400 Vögeln, die sich in der Dämmerung laut kreischend auf ihren Schlafbäumen versammeln. Sie stammen vermutlich von der Gefangenschaft entflohenen Haustieren ab und ursprünglich aus Afrika und Asien. Zu Zeit wird geprüft, ob sie in die Schwarze Liste invasiver Arten aufgenommen werden sollen.
Ähnliches gilt für die kanadische Nonnengans und vor allem die hässliche, laute Nilgans, die sich insbesondere im Rheinauenpark und entlang des Rheinufers stark ausbreitet. Sie ist mittlerweile fester Bestandteil des Stadtbildes, verkotet die Parks und verdrängt heimische Wasservögel. Dazu noch zeigt sie sich als wenig scheu und manchmal sogar aggressiv.
Ergänzt werden diese Vögelchen durch südamerikanische Nutrias (Bisamratten), die einer Pelztierfarm entkamen. Sie graben große Löcher in die Böschungen und fressen nützliche Wasserpflanzen und Teichmuscheln und knabbern in der Rheinaue die Rinde von Bäumen ab, sodass sie absterben.
Leider werden all diese invasiven Arten nach wie vor von unwissenden Menschen gefüttert. Wenn du dann noch deinen Garten mit einer amerikanischen Thuja-Hecke umgibst, japanischen Hortensien pflanzt, deinen englischen Rasen regelmäßig niedermähst und pestizidgetränkte Unbio-Lebensmittel isst, hast du alles getan, um der Biodiversität in Deutschland den Garaus zu machen!
Aber es gibt noch Hoffnung. Bei meinen Spaziergängen am Bad Godesberger Rheinufer entdecke ich auch Bunt- und Grünspecht, Eichelhäher, Kleiber und Amseln, giftigen Hecken-Kälberkropf, Weißes Labkraut, Acker-Rettich, Weg-Rauke, Raue Gänsedistel, Acker-Hornkraut und Wilde Sumpfkresse, neben vielen anderen Arten. Bitte lasst euch nicht vertreiben!
CO2: Zugstrecke MA-BO 214km = 5,5kg CO2 Unterkunft in Bonn: privat = 0kg CO2
Zu den schönsten Zugstrecken Deutschlands zählt die Bahnfahrt entlang des Rheins. Schon kurz vor Mainz erhascht man erste Blicke auf den großen Fluss, und danach wird es dann richtig romantisch. Voraussetzung: Du nimmst nicht die vielerorts unterirdische rechtsrheinische Strecke, sondern die linke via Koblenz. Sie führt durch das UNESCO-Welterbe „Oberes Mittelrheintal“ mit seinen Burgen, Kapellen und Weinbergen.
Auf der rechten Seite kommen zunächst Rüdesheim und das Niederwalddenkmal, dann bei uns Bingen mit dem Binger Loch. Etwas weiter den Strom hinab passieren wir Bacherach, das mich immer an den dortigen Rabbi aus der Feder Heinrich Heines und die Judenverfolgung erinnert. Ganz besonders gefällt mir das Örtchen Kaub: Hier liegt auf einer kleinen Insel mitten im Fluss die rotweiß gestrichene Burg Pfalzgrafenstein. Auf ihrer gegen Eisgang verstärkten Spitze hält ein goldener Löwe Schwert und Wappenschild. Sie stammt aus dem Jahr 1326 und diente der Überwachung des Schiffszolls, nicht als Wohnstatt. Der barocke Turmhelm wurde allerdings erst 1714 aufgesetzt. Die Burg ist heute für Besucher zugänglich und mit einer Personenfähre erreichbar.
Aber nun kommt auch schon die Loreley, eine Felswand am rechten Ufer an der tiefsten und engsten Stelle des Mittelrheins. 1801 von Clemens Brentano galt die Geschichte der dort hausenden Nixe schon zu Heines Zeiten 1824 als altes Volksmärchen:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Mährchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar; Ihr gold’nes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr gold’nes Haar.
Sie kämmt es mit gold’nem Kamme, Und singt ein Lied dabei; Das hat eine wundersame, Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh’.
Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lore-Ley getan.
Das Gedicht wurde alsbald vertont und war so beliebt, dass selbst die Bücher verbrennenden Nazis es nicht verbieten wollten. Jedoch behaupteten sie, nicht der getaufte Jude Heine, sondern ein Unbekannter sei der Verfasser gewesen.
Nach Koblenz wird die Bahnstrecke etwas weniger romantisch, ist aber immer noch schön. Um 21 Uhr komme ich schließlich am Bonner Hauptbahnhof an und werde von meiner Freundin abgeholt.
Alle zwei Jahre findet im Mannheimer Jugendforum im Mai eine anarchistische Buchmesse statt, 2026 zum achten Mal. Ich selbst bin seit 2024 für die Graswurzelrevolution mit dabei und betreue zusammen mit einem Kollegen aus Marseille und einem aus Kelkheim den Stand.
Auf der Messe kann man anarchistische Sach- und Fachbücher, aber auch Literarisches und Kinderbücher bekommen, daneben Sticker, T-Shirts, Hoodies, kurdische Tücher oder Infos über die Sea Punks, die mit einem eigenen Schiff auf dem Mittelmeer Flüchtlinge in Seenot retten.
Begleitet wird dies von jeweils zwei parallel stattfindenden Buch- oder Projektvorstellungen mit Diskussion pro Doppelstunde. Auch wir zeigen dort zwei unserer neuen Titel: “Die Kriegslogik durchbrechen!” (wo es um den Gaza-Konflikt geht) und “Anarchistisches Recht”, was sich auf dieser Messe später als unser Bestseller erweist.
Mittags kocht ein Kollektiv (unterstützt von den Anwesenden) herrliches veganes Essen (besser als in vielen Restaurants), Fladen mit Kreuzkümmel, Dhal, Nudeln mit Tofu usw., dazu gibt es Salate, und das alles gegen Spende (3-5€ waren erwünscht).
Und nach Ende jeden Messetags gibt es natürlich noch Abendveranstaltungen, Kinofilme, Singen für Leute, die nicht singen können, weitere Diskussionen. Nach elf Stunden Standdienst pro Tag bin ich dafür allerdings zu k.o. Aber: Ich komme bestimmt wieder 2028!
Direkt gegenüber dem NYX-Hotel, in dem ich residiere, befindet sich das EinTanzHaus. Es ist in der säkularisierten Trinitatis-Kirche aus den 50er Jahren untergebracht. Hier genieße ich den schönsten Abend meines Mannheim-Aufenthalts. Für 19:30 Uhr laden sie ein zu einem kostenlosen Folk-Abend. Und er ist nicht nur kostenlos, sondern man bekommt in der magischen Kirchenatmosphäre sogar noch etwas geschenkt: An allen Sitzplätzen rund um die Tanzfläche stehen große Teller mit warmer, duftender, vegetarischer Blechpizza und Karaffen mit Wasser.
Zunächst einmal sollen wir uns in Dreiergruppen zusammenfinden und mit einer Polonaise auf die Bühne schreiten. Der Tanz wird immer wilder und geht immer mehr durcheinander, bis wir schließlich alle hellwach, mit klopfenden Herzen und strahlend auf die Sitzbänke fallen, um uns zu stärken und einander vorzustellen. Währenddessen gehen die Tänzer*innen, die uns eingeladen haben, nacheinander von Tisch zu Tisch und erzählen, was sie vorführen und uns beibringen wollen. Eine Inderin ist dabei, zwei türkische Kurdinnen, rumänische Geiger, eine Frau, die sich auf Hulahoop-Kunst versteht, ein Österreicher, der uns Schuhplattler nahebringt, eine Hiphopperin und eine Frau, die die französische Version davon tanzt, die in etwa Danse du Peuple heißt.
Und bei allem heißt es mitmachen! Auch wenn es Begabtere als mich gibt: Es ist wunderschön! Zwischendurch gibt es immer so etwas wie Disko, nur dass die Musik zum Beispiel eine Tarantella ist. Am Ende bedeutet der Österreicher uns, mit den Händen einen Schuplattlertakt auf den Boden zu klatschen. Und da wir nun ja alle schon unten auf der Erde sind, legen wir uns zum letzten Lied der Länge nach hin, schließen die Augen und genießen die Musik.
Als dann die Lichter wieder heller werden, stehen wir auf. Am Ausgang begleiten uns die Rumänen auf ihren Geigen spielend. Es ist 22 Uhr, noch ein klein bisschen abenddämmernd, und am liebsten würde ich mir die Abschiedsmelodie für den Rest meines Lebens merken – und kann sie doch am nächsten Morgen nicht mehr rekapitulieren.
Auf meiner 150-Wünsche-Liste für die nächsten Monate stand u.a. Diskotanz. Dass er auf diese Weise in Erfüllung gehen würde, konnte ich nicht ahnen. Magisch war’s, von der ersten bis zur letzten Minute. Im Juni 2026 findet in der Kirche die nächste kostenlose Folkdans-Party statt. Bitte geht hin!
Blick von der Mannheimer Neckarbrücke auf ein Schiff mit Pappkamerad*innen
CO2-Werte:
Zugfahrt Padborg-Mannheim: 716km x 0,026kg CO2 = 18,62kg
Hotel Mannheim: 16m² x 4 Nächte x 0,054kg = 3,46kg
Ich bin wieder auf dem Weg gen Süden, diesmal für 25 Nächte und insgesamt 2.575 km. Die ersten vier Tage verbringe ich in Mannheim. Aber zunächst einmal heißt es, dorthin zu kommen. Der schönste Teil der Zugstrecke in Schleswig-Holstein liegt rund um Rendsburg: Hier führt der Weg auf einer riesigen Eisenbahnbrücke über die Häuschen, die winzigen Menschlein und den Nord-Ostsee-Kanal, den ich gern einmal vom Anfang bis zum Ende laufen würde. Einen Teil davon erwanderten wir mit unserer damals etwa zehnjährigen Tochter bei der Querung des Bundeslandes von Kiel bis Meldorf. Um die Eisenbahnbrücke in voller Pracht bewundern zu können, musst du in Fahrtrichtung auf der linken Seite des Zuges sitzen.
Warum Mannheim? Nicht wegen der Kindheitserinnerungen – in den 70ern gab es in der Innenstadt noch das Kaufhaus Horten, und wir fuhren regelmäßig samstags zum Einkaufen dorthin. So konnte meine Mutter, die den Umzug von Berlin in den Odenwald nicht vertragen hatte, ab und an ein wenig Stadtluft schnuppern.
Horten gibt es nicht mehr, stattdessen alle zwei Jahre die Anarchistische Buchmesse Mannheim, 2026 zum achten Mal. Dort stellt auch die Graswurzelrevolution ihre Titel vor, und ich mache wieder Standdienst. 2024 schlief ich bei einem linken Wohnprojekt im Wohnzimmer auf der Matratze. Das war zwar spannend, nett und obendrein kostenlos, aber diesmal habe ich mich trotzdem für ein Hotelzimmer entschieden, auch wenn ich das selbst zahlen muss. Die Fahrtkosten hingegen trägt der Verlag.
Aufgrund der langen Strecke reise ich schon am Vortag an. Mein Zug hat Padborg offiziell um 9.02 Uhr verlassen (de facto etwas später) und trudelt schon kurz nach 17 Uhr in Mannheim ein – wider Erwarten habe ich sogar den Anschluss in Hamburg geschafft. „Mythos Akko“ hat jemand unterwegs an eine Ziegelwand gesprayt, und sofort kommt bei mir noch größere Fernweh auf, ich muss an Wüste und Orient denken, auch wenn vielleicht nur irgend eine schnöde Firma gemeint ist. „Mannheim-Mythos“ hingegen, das klingt von vornherein schräg. Dabei hat die Kurpfälzerin eine der größten (barocken) Schlossanlagen der Welt. Auch die Anlage der Innenstadt in Planquadraten geht auf den Fürsten Friedrich IV. und das Jahr 1606 zurück, Ausdruck barocker Naturbeherrschungssucht. Auch mein Hotel befindet sich hier, F4, 4, es heißt NYX, gehört zur Leonardo-Gruppe, versteht sich als Arthaus und nachhaltig.
Bei abflauendem Gewitter-Regen-Sturm laufe ich vom Bahnhof dorthin. Unterwegs gönne ich mir noch bei Alnatura ein leckeres, veganes Rhabarberstückle.
Das Hotel liegt in der Nähe der Fressgass‘ (der Name ist Programm) gegenüber der Synagoge. Die Lobby: bunt neonbeleuchtet. Das kleine Zimmer im vierten Stock zeigt zum Glück auf den Hinterhof. Es ist dunkelbraun-rot gehalten und auf der einen Seite mit einer Schleiereule, auf der anderen mit einem Leoparden geschmückt. Das muss man mögen, ich tu’s eher nicht. Deckenbeleuchtung und Stuhl sind leider Fehlanzeige.
Nach dem Auspacken und Bildtelefonieren mit Mann und Tochter mache ich mich auf den Weg ins Programmkino Odeon. Dort läuft der Film „Rose“, eine Frau, die sich während des Dreißigjährigen Krieges als Mann durchschlägt und diese Frechheit am Ende mit dem Leben bezahlt… Das Ganze in schwarz-weiß gedreht und sehr bewegend. Ein empfehlenswertes, auch am Mittwoch gut besuchtes Kino (obwohl sie keinen Wein verkaufen :-)).
Die Nacht im Hotel verläuft ruhig, und das Frühstück am nächsten Morgen ist auch für Veganer*innen einigermaßen Okay, obwohl sie jede Menge Schilder falsch verteilt haben und man eher nach der Farbe beurteilen muss, welche Marmelade was ist. Auf Nachfrage gab es sogar Pflanzendrink, in diesem Fall Soja mit Vanille. Bio ist nur der Tee, der Rest von der Qualität her eher unteres Niveau.
Padborg-Hamburg-Lübeck per Zug: 2x 230 km à 26g = 11,96kg 2 Nächte im Motel One, 16 m², pro Nase: 0,864kg Gesamt: 12,824kg Jahresbudget incl. Essen und Trinken: 2.000 kg
Für ein romantisches Wochenende zu zweit ist Lübeck ideal! Ich hatte Klaus zu Weihnachten einen Gutschein für’s dortige Wassertheater geschenkt, und den wollte er nun (März 2026) einlösen. Zum Übernachten entschieden wir uns schnell für das Motel One (Schüsselbuden 15, https://www.motel-one.com/de/hotels/luebeck/hotel-luebeck/), weil direkt am Rathausmarkt mitten in der Altstadt gelegen. Um er kurz zu machen: Wir haben die Wahl nicht bereut, obwohl die Kirchenglocken mit der Zeitumstellung lautstark zu kämpfen hatten. Das Motel bemüht sich um Nachhaltigkeit, auf dem Frühstücksbuffet ist fast alles bio (mit erstaunlich vielen veganen Optionen) und das Hotelpersonal wirklich außergewöhnlich freundlich. Mit einem Wort: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt zu 100%.
Auch mit der Deutschen Bahn hatten wir diesmal auf beiden Strecken Glück – sämtliche Züge waren pünktlich!
Die Altstadt von Lübeck ist UNESCO Welterbe, und das zu Recht. Romantischer kann eine deutsche Stadt nicht sein. Und es dort ist viel mehr los als im fast dreimal so großen Stuttgart – Menschen in Cafés, kreative Geschäfte und vieles mehr. Am liebsten würde ich mir dort eine Ferienwohnung kaufen, aber das gibt unser Budget nicht her. So weiß ich jedoch sicher: Wir kommen wieder!
Zunächst einmal heißt es nach unserer Ankunft: den Hunger stillen, und das tun wir im Marae – Kaffee & Zauberei (Engelsgrube 59, https://marae.de/). Hier ist alles vegan, fast alles bio – und darüber hinaus schmeckt es einfach klasse. „Marae“, verraten uns die Besitzer, werden die Gemeinschaftshäuser der Ureinwohner Neuseelands (Maori) genannt, in denen sich die Menschen treffen, um zu essen, zu trinken, sich zu unterhalten & zu beratschlagen, oder einfach Zeit zusammen zu verbringen. Und von Neuseeland schwärmen sie beide. Gemütliches Ambiente, rundum empfehlenswert!
Niederegger Marzipan-Museum – der Gründer in seinem Element
Anschließend wollen wir ins Buddenbrookhaus (Mengstr. 4), aber das ist geschlossen und wird bis 2030 renoviert, wovon die Webseite kein Sterbenswörtchen erwähnt. Also besuchen wir das Niederegger Marzipanmuseum(Breite Str. 89, https://www.niederegger.de/). Es ist ein bisschen versteckt, zuerst muss man durch den Laden im EG, dann durch’s Café im 1. Stock, um schließlich im 2. Stock alles über die Geschichte der Marzipanherstellung zu erfahren. Da’s keinen Eintritt kostet, kann ich den Besuch empfehlen. Hier siehst du das Holstentor aus Marzipan, lebensgroße Menschen aus selbigem Stoffe und kannst dich auf Tafeln informieren. Marzipan galt früher einmal als Heilmittel und wurde in Apotheken verkauft! Das Café hingegen ist altbacksch, der Shop überfüllt. Es gibt zwar veganes Marzipan, aber kein Bio. Wir kaufen deshalb nichts ein.
Nach einem kurzen Abstecher zum Hotel kann ich meinen Mann überreden, mit mir zur Breiten Str. 13 zu laufen. Dort befindet sich ein weiterer Marzipanhersteller, nämlich Mest (https://www.mest.de/). Hier geht es ganz anders zu als beim von Touris überlaufenen Niederegger: ruhig, gelassen, freundlich. Und: Es gibt nicht nur veganes Marzipan, sondern auch Bio! Wir decken uns ein und sind rundum zufrieden. Nähere Informationen findest du hier: https://magische-weihnachten.de/luebecks-bestes-marzipan-bei-mest/.
Für den Abend haben wir uns kurzfristig Tickets für die Musik- und Kongresshalle Lübeck besorgt (Willy-Brandt-Allee 10, https://www.muk.de/). Die Norwegerin Tabita Berglund dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester, Solist ist der russische Pianist Alexander Melnikov. Ein kurzes Werk des (wie wir leider erfahren müssen: Faschisten) Geirr Tveitt steht auf dem Programm, gefolgt von einem Klavierkonzert Tschaikowskys und einer Sinfonie von Sibelius. Vom musikalischen Gesichtspunkt her ein gelungener Abend, aber die Architektur der MUK ist eine Katastrophe. Wir hatten uns Karten in der Billigkategorie 4 gekauft – und das bedeutete, dass die Füße in der Luft baumelten! So etwas habe ich noch nie erlebt. Ab davon gab es im 2. Rang gerade einmal 2 (zwei!) Toiletten Unisex. Da es nicht ausverkauft war, haben wir uns in die Kategorie 3 umgesetzt, wo immerhin die Füße zwar nicht komplett, aber doch so einigermaßen den Boden erreichten – wirklich bequem war es dort immer noch nicht. Die MUK setzt auf Nachhaltigkeit, aber was habe ich davon, wenn mir die Blutzirkulation in den Beinen abstirbt?
Logo der Buchhandlung Makulatur, Lübeck
Tags darauf sind wir Landpomeranzen erstmal bei Regen shoppen gegangen. Die spannendste Buchhandlung Lübecks (wir haben vier besucht) ist nach meinem Dafürhalten die maKULaTUR (Hüxstr. 87, https://www.makulatur.com/kontakt.html). Hier kaufe ich gleich mehrere Titel ein und fühle mich auch im Nachhinein bestätigt: Die Besitzerinnen haben 2016 und 2018 den Deutschen Buchhandlungspreis bekommen (wir erinnern uns, das ist der, den der unsägliche Kulturminister Weimer den linken Buchhandlungen seit 2026 nicht mehr verleihen will).
Manufakturladen „Goldener Hirsch“
Im Weltladen Lübeck (Hüxstr. 83-85, https://weltlaeden.de/luebeck/) erstehe ich Bio-Kümmel, der eh auf unsrer Padborger Einkaufsliste stand. Ganz ungewöhnlich ist auch der Manufakturladen „Goldener Hirsch“ (Hüxstr. 76, https://www.goldenerhirsch-luebeck.de/). Hier gibt es Nachhaltiges und Faires aus der Region, nämlich Made by 35 Nordlichtern. Mich verlocken Bienenwachs-Baumkerzen, natürlich teuer als bei dm, aber eben auch norddeutsche Handarbeit. Egal, für was du dich interessierst, ein Besuch lohnt hier auf jeden Fall!
Inzwischen hat uns der Kuchenhunger gepackt. Wir gehen deshalb zur Parallelstraße. In der ONE Fairtrade Altstadtrösterei (Fleischhauerstr. 81, https://onefairtradeshop.de/pages/cafe-luebeck-one-altstadtroesterei) kannst du im historischen Ambiente (einem Dielenhaus aus dem Jahre 1479) shoppen und schmausen. Ich entscheide mich für eine vegane Hefe-Zimt-Schnecke und einen Bio-Americano. Zum Abschluss bekomme ich noch ein Stempelkärtchen: Der 10. Kaffee wird auf’s Haus gehen.
Die Marotte des Lübecker Figurentheaters & Museums Kolk 17, ca. 1770-1790
Doch nun ist es wieder Zeit für einen Museumsbesuch. Lübeck beherbergt gleich mehrere Figuren-/Marionettentheater, und in einem davon, dem Kolk 17 (in der gleichnamigen Straße, https://kolk17.de/de) gibt es auch ein wirklich spannendes Mitmach-Museum. Zur Zeit läuft die Ausstellung „Figurentheater – Spiel des Lebens“. Wir dürfen Marionetten an ihren Fäden bewegen (es wird mittels Schautafeln erklärt, wie man das macht) – die Menschen, die auf der Straße vorbeigehen, haben die Möglichkeit zuzuschauen. Wie funktioniert eine bunt gefärbte Straußenfeder als Figur? Und wie kann ich mir am Computer einen Marionettenavatar basteln und ihn chinesische Puppenspiel-Abenteuer bestehen lassen? Von den spannendsten Marionetten gibt es kleine Kärtchen zum Mitnehmen, und so weiß ich nun: Die schwerste Figur der Sammlung wiegt über 7kg, die leichteste weniger als ein Gramm. Aus Südostchina stammt eine rätselhafte Eisenstabfigur. Älteste Figur der Sammlung ist eine Marotte, die es bis zum Eintrag in Wikipedia gebracht hat: Bevor der Ausdruck Marotte eine schrullige Angewohnheit bezeichnete, war er eine Stabfigur und nicht nur ein Requisit, sondern auch das Sprachrohr des Hofnarren, der sie bewegte. Die Marotte durfte Kritik üben, die seinem Spieler sonst verboten war. Wir sind vom Museum rundum begeistert. Übrigens: Jeden ersten Mittwoch im Monat findet hier nachmittags von 15-17 Uhr ein Forschungscafé statt, wo man Figuren ausprobieren, Szenen entwickeln, Fragen stellen und vieles mehr kann. Im Museumsshop kaufen wir noch einen kleinen Korkenkopf namens Lydia. „Nicht er, sondern seine Pralinen weckten die größere Leidenschaft in Lydia“, heißt es im Begleitprospekt der Künstlerin Renate Ellereit-Laube aus Garbsen. Inzwischen sitzt sie mit genießerisch geschlossenen Augen auf unserer Rotweinflasche hier in Padborg….
Café Affenbrot, Lübeck
Dann laufen wir einmal quer durch die Altstadt zum Café Affenbrot (Kanalstr. 70, https://cafeaffenbrot.de/). Es ist ein vegetarisch-veganes Café-Restaurant, möglichst regional und konsequent Bio. Vermutlich das älteste seiner Art in Lübeck, und die Leute wirken so, wie man sich die Alternativen im 20. Jahrhundert vorstellte. Viele Männer mit schönen, langen Haaren… Vom Ambiente her nicht ganz so gemütlich wie das Marae, aber durchaus nett. Ich trinke Tee, Espresso, Limoncello und speise Falafelbratlinge mit Salat. Gesamtnote gut.
Wasser Marionetten Theater, Lübeck
Doch nun ist es endlich so weit: Der Anlass unseres Lübeck-Besuches, das Wasser Marionetten Theater (Kanalstr. 108, https://www.wassertheater.de/) öffnet seine Pforten, und wir sitzen sogar in der ersten Reihe! Es ist eine Zwei-Personen-Show des Ehepaares Wolf und Anna Malten, er spielt Flügel und erzählt, sie bewegt die Figuren. Schon seit 36 Jahren gibt es das Theater, mit eigens für das Leben im Aquarium entworfenen Marionetten. 3.000 Liter Wasser fasst das Becken, und das Stück heißt „Waterstories“: „Kaum waren die Figuren ihren dunklen Kisten entstiegen, erzählten sie uns ihre Träume. Wir haben gelauscht und ihre Geschichten sichtbar gemacht: in fantastischen Bildern, Worten und Musik. Die Sprache dieser Figuren ist ihre Bewegung. Sie schweben und tanzen unter Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft“ – so werben die beiden für die Vorstellung. Das Ganze erinnert ein wenig an das Prager Schwarze Theater – nur dass es eben unter Wasser stattfindet. Wirklich einzigartig und traumhaft, da haben sie recht – ich hätte mir allerdings ein klein bisschen mehr Handlung gewünscht. Trotzdem würde ich jederzeit gerne wiederkommen.
Behnhaus Lübeck
Am nächsten Morgen checken wir nach einem üppigen Frühstück aus und laufen mit unserem Gepäck zum Museum Behnhaus (Königstr. 9-11, https://museum-behnhaus-draegerhaus.de/), das seit November 2025 nach Renovierung wieder geöffnet hat. Das Behnhaus hat eine lange Baugeschichte, deren Anfänge im Mittelalter liegen. Der älteste Teil ist der durch die Sanierung nun zugängliche Keller. Dessen Mauern stammen aus dem späten 13. Jahrhundert. Du solltest unbedingt dorthin gehen, auch wenn du nicht aufs Klo musst – er ist, auch in der Art, wie sie ihn wieder hergerichtet haben, eine Sehenswürdigkeit für sich! In seiner heutigen Form wurde das Haus um 1800 im Stil des Klassizismus errichtet, und die einzelnen Räume sind mit wunderschönen Decken- und Wandmalereien geschmückt. Das Museum präsentiert Schätze von Caspar David Friedrich bis Edvard Munch, also Romantik bis klassische Moderne. Viel ist es nicht, das Museum bildet mit dem Haus nebenan, dem Drägerhaus, eine Einheit – und hier wird momentan noch fleißig saniert. Man kann also gespannt sein, wie umfangreich die Präsentation nach Abschluss der Bauarbeiten sein wird. Besonders angetan hat es mir übrigens ein Bild des Romantikers Carl Blechen, Landstraße im Winter bei Mondschein – die Äste der kahlen Bäume formen eine Art gotischen Spitzbogen à la Mittelalter, ohne dass er in idealistische Überhöhung der Landschaft oder Biedermeier-Kitsch abgleiten würde. Du kannst dir das Bild hier online anschauen: https://sammlung.museum-behnhaus-draegerhaus.de/werk/landstrasse-im-winter-bei-mondschein-25.
Ich im Kaffeehaus Lübeck
Zum Abschluss unseres Lübeck-Aufenthaltes treibt es uns noch einmal in eines der vielen vollbesetzten Cafés: das Kaffeehaus Lübeck (Hüxstr. 35, https://kaffeehaus-luebeck.de/), ein Backsteinbau aus dem 13. Jahrhundert mit Stufengiebel, wo ich eine leckere vegane Brombeerbaisertorte genieße, zusammen mit einem Americano.
Dann heißt es Abschied nehmen. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir zurück zum (übrigens ebenfalls sehr schönen und alten) Kopfbahnhof und erfreuen uns daran, dass auch diesmal alle Züge pünktlich sind. Schön war’s! Wir kommen wieder, zumal wir noch laaaange nicht alles gesehen haben!
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