Weihnachten auf Fanø

E-Zugfahrt Padborg-Esbjerg und zurück: 310,2km = 5,40kg CO2/Nase
Diesel-Bus Esbjerg/Bahnhof – Fähre und zurück: 4km = 0,38kg CO2/Nase
E-Fähre Esbjerg-Nordby und zurück: ca. 4km = 0,32kg CO2/Nase
FeWo 51m², 7 Tage, 2 Leute = 9,639kg CO2/Nase

Dieses Jahr haben wir Weihnachten erstmals ohne unsere Tochter gefeiert und die dänische Nordseeinsel Fanø erkundet. Gerade einmal 3.270 Menschen leben hier auf 61,1 km2. Am 20.12. kommen wir in Fanøs Hauptort Nordby an, gelegen an der Ostseite der Insel mit Blick auf Esbjergs Industrieromantik auf dem Festland.

Æ klæg

Weil wir unsere Ferienwohnung erst ab 16 Uhr betreten können und noch Zeit haben, trinken wir unterwegs noch ein Bier und essen Chips in einer Mischung aus Kneipe und Café. Wie man den südjütischen Dialekt-Begriff æ klæg übersetzen könnte (ich bin mir ziemlich sicher, dass æ = ein ist), darüber streiten sich Google und DeepL. Ersterer schlägt „Oh, cool!“ vor, letzterer meint, dass es „æ klebrig“ heißen könnte. In der gemütlichen Kneipe lassen sich jedenfalls viele Brettspiele spielen, und die Auswahl an Biersorten ist sehr groß. (Havnevej 2, Nordby)

Dann nehmen wir die 48 Gehminuten bis zu unserer Ferienwohnung in Fanø (Vesterhavets)Bad in Angriff (3,5km ab Fähre). Auf dem Weg liegt der SuperBrugsen-Markt (Hovedgaden 87, Nordby), der wie bei uns in Padborg viele Biowaren führt.

Kellers Badehotel

Es erweist sich leider, dass Fanø Bad relativ heruntergekommen ist (tiefe Wasserlöcher auf dem Strand), und mit unserer Ferienwohnung sieht es nicht viel besser aus. Aber wir trinken abends einen vorzüglichen Rotwein im vollbesetzten Kellers Badehotel (Strandvejen 48, Fanø Bad), und das versöhnt. Auch die Bedienung dort ist sehr zuvorkommend.

Tags darauf ist Wintersonnenwende, wir feiern mit Kerzen die Wiedergeburt des Lichts und machen einen langen Strandspaziergang, sammeln Wellhornschnecken, Strahlenkörbchen und Amerikanische Schwertmuscheln. Dann laufen wir noch einmal nach Nordby und besorgen im SuperBrugsen weitere weihnachtliche Kerzen mit Tannenbäumen drauf, rote Tulpen (in Ermangelung roter Glaskugeln) und alles, was wir für’s Weihnachtsessen noch brauchen. Kurzer Abendspaziergang: Wir stellen fest, dass es in den Nebenstraßen von Fanø Bad keine Straßenlaternen gibt – sie sind so stockdunkel, dass man eine Taschenlampe braucht!

Und wir müssen leider auch feststellen, dass es quasi keine Busse hierher gibt: Der Linienbus ab Nordby (30 DKR) fährt nur an Sams-, Sonn- und Feiertagen nachmittags hierher, jedoch NIE einer dorthin zurück. Und ja, zwischen 18 und 23 Uhr kann man sich einen etwas teureren Telebus (40 DKR) mit 2 Stunden  Vorlauf bestellen, aber am 24.12. nimmt z.B. niemand den Hörer ab. Es empfiehlt sich daher keine FeWo in Fanø Bad, auf dieser Insel machen nur Nordby und Sønderho Sinn.

Auch am 22.12. machen wir einen Strandspaziergang, diesmal weit nach Norden auf den Søren Jessens Sand. Der Name geht auf einen Seeman zurück, der hier Anfang des 18. Jahrhunderts mit seinem Schiff auf Grund lief. Wir sammeln ein mehrere Meter langes Kabel und eine Kinder-Sicherheitsweste ein und entsorgen sie ordnungsgemäß. Danach besuchen wir

Fanø Chocolade

im Lærkevej 4 in Fanø Bad. Hier werden die (nichtveganen) Pralinen noch in Handarbeit hergestellt. Sie schmecken himmlich! Einige der 11 magischen Sorten: Sanddorn, Apfelsine, Minze, Lakritzkaramel, Schwarze Johannisbeere oder Salzkaramel. Zu Kaffee, Kakao usw. kann man gegen 5 DKR Aufpreis Hafer- statt Kuhmilch bekommen. Alles sehr lecker!

Anschließend laufen wir noch zum Spar (Strandvejen 27, zwischen Fanø Bad und Nordby gelegen) und kaufen Bio-Müsli. Auch Bio-Brot gibt es übrigens, in der Tiefkühltruhe.

Rechtzeitig zu einem schönen Sonnenuntergang kommen wir wieder am Meer an.

Auf nach Sønderho

Tags darauf, am 23.12.,  treffen wir uns im 09:10er-Bus von Nordby nach Sønderho mit meiner Schwester Gaby und ihrem Freund Holger, die für vier Nächte in Nordby untergekommen sind. Sønderho gilt als schönstes Dorf Dänemarks. Viele reetgedeckte Häuser empfangen uns. Da die Hüft-OP Holgers noch nicht lange zurück liegt, beschränken wir uns auf die Sehenswürdigkeiten im Dorfkern.

Sønderho Kirke

Die Kirchen in Sønderho und Nordby stammen aus dem 18. Jahrhundert, enthalten aber auch Inventar aus früheren Zeiten, die hiesige z.B. ein romanisches Taufbecken. Die beiden Kirchen ersetzten die Rindbys in der Inselmitte, die zu klein geworden war. Sie sind etwas ganz Besonderes: fast quadratisch im Grundriss, wurden die Bänke an DREI Seiten rund um den Altar angeordnet. Hier in Sønderho hängen 15 Segelschiffe von der Decke, damit hat das kleine Dorf (300 Einwohner) die höchste Anzahl von Kirchenschiffen in ganz Dänemark.

Natürlich hat bis auf den Dagli‘ Brugsen-Markt (Landevejen 42, Sønderho) alles geschlossen, aber auch so ist es schön, das Dorf zu erkunden. Es war im 19. Jahrhundert eine Künstlerkolonie und hat ein eigenes, zu dieser Jahreszeit geschlossenes Kunstmuseum. Ich würde hier wirklich gerne einmal „in der Saison“ eine Ferienwoche verbringen!

Ravsmeden Jens Peter Jensen

Wörtlich übersetzt: Der „Bernsteinschmied“ (also: -schleifer) Jens öffnet um 11 Uhr sein kleines Geschäft (Landevejen 40, Sønderho). Ich erstehe sehr schöne Bernsteinknöpfe, die zur hiesigen Frauentracht gehören. 220 DKR für sechs Stück, nicht geschenkt, aber sie sind es wert.

Café Tre Søstre

Dann kehren wir bei den „Drei Schwestern“ im Landevejen 60 ein, die zur selben Zeit öffnen. Das Geschirr ist leider auf To Go eingerichtet, aber man kann hier auch nett sitzen und Zeit verbringen. Es gibt Hummus-Sandwiches, Gløgg und Tee. Schöne Fotobände über die Fanøer Trachten liegen aus, und auf gut getroffenen Zeichnungen sind die Besitzerin und ihr Mann dargestellt – in Hochzeitstracht! Trachten, Musik und Tanz der Insel sind noch so lebendig, dass die Einwohner*innen beschlossen haben, einen Antrag auf Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbeliste zu stellen. Wer sie dabei gerne unterstützen möchte, kann sich wenden an: info@fanokulturarv.dk.

Fanø Krogaard

Kurz nach 13 Uhr fahren wir mit dem Bus zurück nach Nordby. Es erfordert einiges Suchen, aber schließlich gelingt es uns, ein gutes und gleichzeitig OFFENES Restaurant zu finden. Im Fanø Krogaard (übersetzt: Krughof, Langelinie 11, Nordby) bekomme ich eine völlig außergewöhnliche vegane Vorspeise: grüne Oliven mit ebenso grünen und kleinen Pfirsichen (!), eingelegt in Olivenöl, mit Thymian und geriebener Zitronenschale. Das beste Auswärts-Essen des gesamten Urlaubs!

Am 24.12. laufen Gaby und Holger zu uns. Ich koche zunächst das traditionelle Weihnachtsdessert „Risengrød“, danach geht es runter zum Strand. Zwischendurch bricht ganz wunderbar die Sonne durch die Wolken. Zurück in der FeWo bereite ich Rapunzel-Tomaten-Salat als Vorspeise und Bratkartoffeln mit Lauch und Tofu als Hauptgericht zu. Nach dem Essen bescheren wir, und um 17 Uhr geht es im Halbdunkel wieder auf die Ostseite der Insel zur

Nordby Kirke.

Um 18 Uhr findet in dieser historischen Umgebung zum ersten Mal ein evangelischer Weihnachtsgottesdienst in DEUTSCHER Sprache statt. Es ist ein Experiment, und zwar ein gelungenes: Die Kirche ist rappelvoll! Der Pfarrer selbst ist extra aus Northeim bei Göttingen angereist und hält eine sehr stimmungsvolle Predigt, bei der es um die Friedensbotschaft geht und darum, dass die roten Kugeln an vielen Bäumen (nicht an dem im Kirchenraum) eigentlich Paradiesäpfel darstellen – ein Zeichen, dass der Garten Eden wiederkommen kann.

Nach dem Gottesdienst gehen wir durch den festlich-lichtergeschmückten Ort (mehr, als in Deutschland üblich) zur Ferienwohnung meiner Schwester, spielen eine Runde „Bazaar“ und laufen danach auf neuen Wegen, weihnachtsbeleuchtet, zurück nach Fanø Bad.

Esbjerg

Auch am 25.12. gehen mein Mann Klaus und ich etwas abseits der Hauptstraße durch den Dünenwald. Ganz nah von uns läuft ein Reh über den Weg. Fasanen gibt es auf der Insel ebenfalls. Am Hafen treffen wir Gaby und Holger und nehmen die Fähre in die Industriestadt Esbjerg. Eine Robbe taucht im Wattenmeer auf!

1870 hatte Esbjerg erst 470 Einwohner, heute sind es 73.000 – damit ist es die 5.größte Stadt Dänemarks. Auch hier hat fast alles zu. Wir durchqueren die Fußgängerzone vom einen Ende zum anderen. Am Marktplatz ist eine Schlittschuhbahn aufgebaut und auch ein spannendes Café geöffnet, das Gallardo (Torvet 17). Dessen Essensqualität überzeugt leider nicht. Aber die Optik! Ungewöhnliche Glasmalereien von einem Ende zum anderen.

Zurück gehen wir auf anderen Wegen durch einen kleinen Park und an der Oper vorbei zum Hafen und besteigen die Fähre bei Sonnenuntergang. Wunderschön!

Abends spielen wir ein Escape-Spiel bei Gaby: „Der rätselhafte Zauberwald“ (https://www.moses-verlag.de/Der-raetselhafte-Zauberwald-Escape-Spiel/090395). Wir finden den Ausgang nicht… Dann heißt es wieder Heimlaufen nach Fanø Bad. Nach dem Essen versuchen Klaus und ich, durch die von Autofahrern verursachten tiefen Pfützen an den Strand zu kommen und Bernstein zu suchen. Letzteres gelingt uns nicht – wir haben leider keine Gummistiefel mit in den Urlaub genommen!

Rindby Strand

An unserem letzten Urlaubstag wandern Klaus und ich zwischen den Dünen zum Ort Rindby Strand – noch weniger attraktiv als Fanø Bad! Am Meer entlang geht es dann zurück gen FeWo. Im Fanø Lys (Strandvejen 59, Fanø Bad), wo man auch Kerzen selber ziehen kann, kaufen wir noch drei verschiedene Arten von unveganen Rumkugeln: Apfelsine, Saison und Dubai, und machen uns mit unserer Beute zurück in unser Domizil. Hier gibt es Resteessen (inklusive Rapunzel) und besagte Rumkugeln – lecker!

Nächstes Mal wird unsere Ferienwohnung wohl in Nordby oder Sønderho liegen.

 

 

 

 

 

Abschied von Ribe

Riis-Museum

Im Riis-Museum

Frühmorgens regnet es noch, aber dann kommt die Sonne heraus und ein Regenbogen überspannt die Straße. Zum Geburtstag meines Mannes backe ich uns Pumpkin Tassenkuchen in der Mikrowelle. Das ist zwar bio, schreit aber nicht nach Wiederholung. Dann packen wir, räumen auf und verlassen unsere Bleibe Hos Helle gegen halb elf. Unser Gang führt uns noch einmal ins Kaffe Smeden, denn uns plagt Espressodurst.

Jacob A. Riis Museum

Danach beschließen wir, ins Riis-Museum (Sortebrødregade 1) zu gehen. Es ist in einem alten Fachwerkhaus untergebracht, zusammen mit dem Hexenjagd-Museum, welches wir uns aber ersparen. Jacob August (1849-1914) verbrachte hier einen Großteil seiner Kindheit und Jugend als rebellischer Lehrersohn. Schließlich schuftete er als Hilfsarbeiter. Mit 15 verliebte er sich unsterblich in die drei Jahre jüngere Adoptivtochter des reichsten Mannes der Stadt, des bereits erwähnten Fabrikanten Giørts. Elisabeth wollte jedoch nichts von ihm wisse. Jacob ging nach Kopenhagen, wurde Tischler, wanderte nach Amerika aus (wie 10% der dänischen Bevölkerung damals), lebte in Slums und auf der Straße und wurde nur durch Zufall Reporter und Fotograf. Er dokumentierte das Elend der Armen und wurde dadurch berühmt. Der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt bezeichnete ihn als seinen Freund. Der dänische König Christian IX. verlieh ihm den höchsten Orden. Und seine Elisabeth, die heiratete er zum Schluss doch noch, 1876. In den USA sind Straßen und Plätze nach ihm benannt, auch wenn ihn hier, in seiner Heimat, kaum jemand kennt.

Es ist eine Lebensgeschichte, die meinen Mann und mich sehr bewegt. Seinem Thema, den Allerärmsten zu helfen, ist er bis zum Schluss treu geblieben. Ich kann das Museum allerwärmstens empfehlen.

In den Gassen von Ribe

In den Gassen von Ribe

Pizza Express und 7/11

Da uns wieder einmal der Hunger plagt, essen wir am Torvet 9 Durum mit Falaffel. Um 14:21 Uhr geht es dann wieder heimwärts, diesmal nur mit Zügen und zweimal umsteigen. In Kolding gibt es gleich am Bahnhof eigentlich ein sehr gutes Café, Freddys, aber das hat leider sonntags geschlossen. So müssen wir uns im 7/11 mit Biotee „Marokkanische Minze“ und Biokaffee begnügen.

Im letzten Zug haben wir dann Fenster nach Westen und können so die goldene Stunde zumindest erahnen – es ist etwas zu wolkig. Kurz nach 17 Uhr sind wir wieder zu Hause. Es war ein spannender Ausflug!

Unterwegs in Ribe

Blick auf Ribe

Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden und ins Gemeinschaftsbad gegangen, ohne Licht zu machen. Durch das Dachfenster strahlten die Sterne herein, direkt vor mir stand der Orion mit Beteigeuze. Schon lange habe ich keinen so schönen Nachhimmel mehr gesehen. Und dann fiel eine kleine Sternschnuppe herab! Eichendorff fiel mir ein:

…so sternklar war die Nacht!
Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus.
Flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Riberhus Slotsbanke

Vormittags sind wir dann zum Schlosshügel spaziert, am westlichen Stadtrand Ribes gelegen. Die Steine der mittelalterlichen Burg wurden im Laufe der Jahrhunderte von den Menschen abgetragen und für andere Bauwerke recycelt. Heute stehen auf dem Hügel inmitten eines kleinen Sees nur noch kümmerliche Mauerreste, von denen aus man einen schönen Blick auf den Dom und die Altstadt hat. In der Südwestecke der Anlage wurde 1913 eine Bronzestatue der Künstlerin Anne Marie Carl-Nielsen (1863-1945) aufgestellt. Sie zeigt Königin Dagmar, die auf einem wellenumbrandeten Boot steht. Dagmar, die beim Volk sehr beliebt war und um die sich viele Legenden ranken, ist 1212 in Ribe gestorben.

Eigentlich wollen wir danach zur Kammerschleuse laufen, die rund 6km entfernt an der See liegt. Der erste Teil des Weges ist auch recht schön, aber nachdem wir die Ausfallstraße überquert haben, geht es immer nur am Straßenrand entlang. Das wird uns nach wenigen hundert Metern dann doch zu eintönig, zumal das Wetter nach Meinung der Meteorologen schlecht werden soll. Also kehren wir um und laufen auf einem anderen Weg zurück zum Domplatz.

Kaffe Smeden

Ganz in der Nähe des Doms liegt in der Fußgängerzone das Café Smeden. Im Overdammen 3 werden „ökologische Erlebnisse“ angeboten. 90-100% der Waren sind hier bio, sie haben damit eine dänische Goldmedaille für nachhaltige Restaurants gewonnen – und werden auch sehr häufig zum besten Café der Stadt gekürt. Auf Nachfrage verraten sie auch, was sie an veganen Speisen gerade da haben. Ich esse eine große Kokosmakrone und trinke einen doppelten Espresso. Vom Ambiente her weniger spannend als das Terpager, aber von der Qualität der Zutaten her natürlich erste Sahne.

Der Dom zu Ribe

Der Dom zu Ribe

Anschließend erklimmen wir den Bürgerturm des Doms. Als wir genau auf der Höhe der Marienglocke sind, beginnt sie zu läuten: Es ist 11:30 Uhr. Ich erschrecke sehr. Oben auf dem Turm schaut man weit über das flache Land zum Meer. Von hier aus scheint es nur ein Katzensprung bis zur Kammerschleuse zu sein!

Als wir wieder auf der Empore stehen (wo sich ein kleines Museum befindet), beginnt die Orgel zu spielen und eine grauhaarige Frau mit glockenhellem Sopran singt wunderschön. Drei Lieder. Gud, min herre…

Das Allerfaszinierendste an diesem romanischen Bau aber ist der Altarraum. Er wurde im 20. Jahrhundert höchst eigenwillig, frei fabulierend und bunt von Carl-Henning Pedersen ausgemalt. Auch die Fenster stammen von ihm. Die mythischen Wesen dort zeigen das himmlische Licht, eine blaue Legende und auch, in der Mitte des Gewölbes, direkt unter Jesus und Maria, ein Einhorn. Das Kraftzentrum liegt genau zwischen den Dreien, über dem Altarkreuz. Und dazu die Sopranistin, äußerst magisch!

Ribe Glas

Schräg gegenüber vom Haupteingang der Kirche liegt eine ausgesprochen spannende Glasmanufaktur (Torvet 17). Hier erstehe ich einen großen Knopf, golden mit schwarzen, sich kreuzenden Linien und Punkten. Natürlich haben sie auch Engelkitsch, vor allem aber gutes Kunsthandwerk in allen Farben des Regenbogens.

Weitere interessante Orte sind der Second-Hand-Laden Habengood (Von Støckens Plads 4) mit vielen alten Schallplatten, auch z.B. Kate Bushs Wuthering Heigths, Matchbox-Autos und Tim-und-Struppi-(Rintintin-)Bildern, die alte Apotheke (Overdammens Idebutik, Hausnr. 5) oder der Kunsthandwerksladen Artizan (Nederdammen 35), wo wir eine Papageientaucher-Postkarte für unsere Tochter erstehen. Im Hornwarenladen (Nederdammen 28) kauft mein Mann ein völlig unbearbeitetes, großes Rinderhorn, aus dem er ein Kunstwerk machen möchte.

Quedensgård Café og Krambod

Dann packt uns der Hunger. Wir kehren im Quedensgård (Overdammen 10) ein. Empfehlenswert dort sind die vielen Biolimonaden dänischer und italienischer Provinienz. Aber der vegane Unbio-Burger (stolze 185 Kronen) ist lieb- und einfallslos und verdient nur ein „Ausreichend“. Immerhin macht er satt. Der Nippes, den es vor Ort ebenfalls zu kaufen gibt, sieht nach Made in China aus.

Museet Ribes Vikinger

Zum Schluss laufen wir noch bei Regen zum Wikingermuseum (Odins Plads 1). Da wir uns vom letzten Besuch her noch lebhaft an die Ausstellung erinnern, beschränken wir uns diesmal auf den Shop. Ich erstehe ein wissenschaftliches Werk über Hexerei und unterhalte mich länger mit einer rotgelockten Angestellten mittleren Alters über das Thema.

Inzwischen ist es dunkel. Wir sind zurück Hos Helle, mein Mann hat uns Rotwein eingeschenkt. Ich lese bei Thorkild Björnvig über unsere aktuelle Mondphase (von mir ins Deutsche übersetzt):

Der Halbmond zwischen den Hügeln schwebt
niedrig über der Tiefe; unter ihm
sammeln sich ungewisse Schatten, breitet
sich des Schlafes Märchengarten aus.

Wir beenden den Tag mit einem Nachtspaziergang bei Mondschein.

 

Ribe – die älteste Stadt Dänemarks

 

Das Flüsschen Ribe

Hinfahrt mit 2 Elektrobussen und Zug: 99,8 km / 4,003 kg CO²
Rückfahrt mit Zug: 156 km / 4,056kg CO²
Unterkunft 18 m², 2 Personen, 2 Nächte:  0,972kg CO²/Person

Es ist nicht unser erster Ausflug nach Ribe – aber das erste Mal, dass wir hier auch übernachten, und das gleich zweimal. Anlass ist der 64. Geburtstag meines Mannes!

Ribe wurde spätestens 710 gegründet und war ein wichtiger Handelsplatz der Wikinger, gelegen an einem damals auch für große Schiffe befahrbaren Fluss, der Ribe Å, und ganz in der Nähe der Nordsee. Das mittelalterlich-romantische Stadtbild ist fast vollständig erhalten geblieben, viele Häuser stammen noch aus dem 15. Jahrhundert und der Dom, drittältester von ganz Skandinavien, ist romanisch mit gotischen Überformungen.

Das Flüsschen verzweigt sich hier zu einem Delta, und so wirkt der heute knapp 9.000 Einwohner zählende Ort ein bisschen wie Venedig oder Amsterdam im Kleinen. Man hört das Tosen des Wassers, das über Wehre schiesst, und immer wieder überqueren wir Brücken aus Holz oder Stein.

Ribe: Terpager - Kaufmannsladen und Café

Terpager

Um die Mittagszeit kommen wir am Bahnhof an und laufen zunächst zielgerichtet zu Terpager in der Fußgängerzone: Hier gibt es (neben dem ältesten Kaufmannsladen Dänemarks) auch ein Restaurant-Bistro, in einem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1442! In den Regalen steht Selbsteingemachtes, das sie für ihre unkonventionellen Gerichte verwenden, und auch das Brot ist selbstgebacken. Mein Mann entscheidet sich für ein veganes Sandwich mit Krautsalat, ich für eine ebenfalls vegane Suppe, dazu trinken wir Kombucha und Rotwein, später noch Espresso, der hier zusammen mit stillem Wasser serviert wird. Das Geschirr ist handgetöpfert, das Ambiente historisch und die Bedienung ausgesprochen freundlich. Ich bin glücklich. Verwundert es euch, dass wir bei jedem unserer Ribe-Besuche hier einkehren? (Anschrift: Mellemdammen 18)

Kunstmuseum

Anschließend gehen wir zum Kunstmuseum. Dieser Bau ist neuer: Der englische Garten wurde 1859 angelegt, die Villa, von den Einheimischen bald nur noch „das Schloss“ genannt, 1864 im historisierend-kitschigen Renaissancestil erbaut. Dem Besitzer Giørts gehörte eine Baumwollfabrik, er war seinerzeit der größte Arbeitgeber Ribes. Nach einer Explosion in seinem Werk ging er jedoch Konkurs und verließ den Ort. Seine Pflegetochter Elisabeth heiratete einen der berühmtesten Söhne der Stadt, den Fotografen und Journalisten Jacob August Riis (siehe dazu auch den Artikel „Abschied von Ribe“, 2.11.25).

Nach seiner Pleite verkaufte Giørts Haus und Grundstück an 15 Bürger der Stadt, und so war der Weg frei für ein Kunstmuseum. Es wurde 1891 eröffnet und ist auf dänische Kunst von 1750-1950 spezialisiert. Im obersten Stockwerk gibt es aber auch Sonderausstellungen, im Moment z.B. eine über die Maleren Ebba Carstensen, 1885-1967 (noch bis zum 18.1.2026). Sie war eine wirklich ungewöhnliche Frau, die unverheiratet mit Mutter und Tochter in Kopenhagen lebte. Vor allem eines ihrer Sommerhausbilder, …., wirkt ganz expressionistisch, magisch und verwunschen.

Da alles im Museumsshop derzeit reduziert ist, kaufe ich noch einen Bildband der Fotografin Kirsten Klein: Mytesteder.

(Adresse: Sct. Nicolai Gade 10)

Hos Helle

In der Nähe des Doms erstehe ich noch einen Kettenanhänger aus Silber in Form eines Drachens. Dann ist es Zeit, unser Quartier „Hos Helle“ am Nederdammen 30 zu beziehen. Es liegt im Hinterhof eines Fachwerkhauses ganz unterm Dach auf 18 m², mit Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbad. Die werden wir heute Nacht mit zwei deutschen Frauen teilen. Alles ist sehr gemütlich, schlicht und sauber und äußerst individualistisch: Man geht durch Helles Haus, die auf den beiden unteren Etagen wohnt. Und: Die Blumen in unserem Zimmer sind echt! Das alles für nur rund 155€, also weniger als 80€ für 2 Personen pro Nacht, Kaffee und Tee (u.a. Bio-Earl Grey) inclusive. Mehr kann man nicht erwarten! Bin gespannt, wie es sich im Bett schlafen lässt.

Nachdem es dunkel geworden ist, machen wir noch einen Nachtspaziergang und erkunden mehrere Gassen, die wir noch nicht kannten. Alte Straßen, der zunehmende Mond am Himmel, das Rauschen der Ribe Å, einige verkleidete Hexen. Es ist so romantisch!

 

Apfelfest im Museum Oldemorstoft (Padborg, DK)

Alle Jahre wieder im September oder Oktober findet im malerischen Heimat- und Zollmuseum Oldemorstoft ein Aktionstag rund um den Apfel statt.

der wilde jäger von oldemorstoft

Oldemorstoft, das ist ein viele Jahrhunderte alter Hof, der ursprünglich ausserhalb des Dorfes lag und einem Valdemar gehörte. Oder aber vielleicht doch seiner Grossmutter, denn wörtlich übersetzt heisst „oldemor“ eben „Grossmutter“. Bezeugt ist der Hof seit 1472. Viele Sagen ranken sich um ihn, so auch eine Version des Wilden Jägers, der hier in der magischen Johannisnacht (vom 23. auf den 24. Juni) sein Unwesen treiben soll.

warum alte apfelsorten besser verträglich sind

Heute aber ist das Wetter schön, die Sonne scheint, und erstaunlich viele Besucher sind gekommen. Experten bestimmen die Sorten des Mitgebrachten. Es gibt Führungen durch die Apfelplantage mit ihren vornehmlich alten Sorten. Aber auch an die Apfelallergiker ist gedacht: Wir erfahren, dass vor allem die modernen Sorten wie Braeburn, Elstar, Granny Smith oder Gala Allergien auslösen – ganz einfach, weil sie viel weniger Polyphenole enthalten als die alten Sorten. Da sind wir doch froh, dass wir neben unserem mittelprächtigen Topaz auch einen Gravensteiner gepflanzt haben (Gråsten auf dänisch geheißen), der zu den Guten gehört.

Wir probieren und kaufen hiesigen Honig, nehmen an einer Apfel-Lotterie teil und trinken frisch gepressten Most – einfach köstlich! Darüber hinaus ist der Eintritt ins Museum inklusive Kaffeestube an diesem Sonntag kostenlos. Und so wird unser kleiner Ausflug zu einem der Glücksmomente des Tages.

flensburger apfelfahrt

Und wem dies noch nicht genug Apfel war, der kann vom 14. – 16. Oktober an der Flensburger Apfelfahrt teilnehmen.

Anschriften:
* Museum Oldemorstoft, Bovvej 2, 6330 Padborg, http://www.oldemorstoft.dk/
* Flensburger Apfelfahrt: Museumshafen Flensburg, Herrenstall 11, 24937 Flensburg, https://museumshafen-flensburg.de/de/feste-veranstaltungen/apfelfahrt

Lebendige Ziegelei: Cathrinesminde (Broager, DK)

Der riesige Ringofen der Ziegelei

Traumhaft schön an den nördlichen Ausläufern des Flensborg Fjords liegt das kleine Städtchen Broager. Gegenüber auf der deutschen Seite erkennt man die Spitze der Halbinsel Holnis. Viele Ziegeleien säumten um 1900 die Flensburger Förde – allein zwischen Broager und Brunsnæs waren es acht. Von diesen steht heute nur noch die Cathrinesminde, als Industriedenkmal konserviert, von 1732 bis 1968 in Betrieb.

det levende teglværk
Das Tossemarens Trio spielt zum Tanz auf

Zu bestimmten Zeiten während der dänischen Sommerferien (in diesem Jahr vom 21. bis 24. Juli) erwacht das Museum aus seinem Dornröschenschlaf und wird zu „Det levende teglværk“ – „Die lebendige Ziegelei“. Dann präsentieren Menschen in historischen Trachten, wie die Arbeiter*innen um 1900 hier lebten. Es wird geklöppelt, der Gemüsegarten gepflegt, ein Pferd arbeitet an der Knetmühle.

Die Knetmühle

Und die Ziegel werden geformt, getrocknet und gebrannt. Schwerarbeit! Doch Frauen spielen zum Tanz auf, Kinderspiele wie damals können ausprobiert werden, und im südjütländischen Dialekt werden Märchen erzählt.

 

arbeiterleben vor 100 jahren

Drei der gemauerten Arbeiterwohnungen direkt neben dem riesigen, begehbaren Brennofen kann man auch heute noch besichtigen. Sie sind eingerichtet, wie es 1900, 1930 und 1960 üblich war: ärmlich! Der Ziegelei-Besitzer hingegen wohnte in einer Villa oben auf dem Berg. Die zehn bis zwanzig Arbeiter*innen, die hier fest lebten, mussten Tag und Nacht zur Verfügung stehen, Kinder eingeschlossen. Um 1900 betrug die Wochenarbeitszeit sechzig Stunden Minimum. Die vielen Saisonarbeiter hausten dagegen in Holzbaracken, denn nur von April bis November wurden Ziegel gebrannt.

Wir aber haben es heute gut und schauen gemütlich dem großen Waschtag mit Waschbrett zu.

Blick von der Mole auf den Fjord

Und wir laufen auf der mittlerweile mit wilden Karotten und gelbem Steinklee überwucherten Mole, über die Arbeiterinnen fertiggebrannte Ziegel zu den Schiffen brachten. Ziegelbruch wurde direkt in die Förde geworfen, und deshalb ist das Wasser jetzt, im Jahre 2022, zu flach für größere Boote. Übrigens: Der berühmte dänische Wanderweg Gendarmestien führt direkt hier vorbei. Unser Ausflug wird abgerundet durch einen Besuch im Café und dem Museumsshop. Cathrinesminde: Ein Ort zum Wiederkommen!

Anschrift:
* Cathrinesminde Teglværk, Illerstrandvej 7, DK-6310 Broager, http://www.msj.dk
* Mehr über den Gendarmesti: https://www.visitsonderjylland.de/gendarmenpfad

Rømø: Kiefernwälder und breite Strände (DK)

Blick durch Kiefern auf die Ostseite des Watts


Als wir auf dem Damm zur Insel Røm fahren, herrscht gerade Ebbe. 9,2 Kilometer lang rollen wir über das zweispurig asphaltierte Watt unserem Ziel entgegen. Es ist der bisher heißeste Tag des Jahres, mitten in den hiesigen Sommerferien. Aber hier, auf der südlichsten Nordseeinsel Dänemarks, werden lediglich angenehme 24 Grad im Schatten gemessen. Nur ein ganz zartes, kaum wahrnehmbares Lüftchen weht über das UNESCO-Welterbe Wattenmeer. Entsprechend groß ist der Andrang zum Hauptstrand, in der Verlängerung des Dammes, einfach immer geradeaus. Ein langer Stau zeichnet sich ab.

Der süden rømøs

Und so machen wir spontan kehrt und fahren gen Süden zum Sønderstrand. Wir vier Frauen haben uns beim Dänischlernen in Aabenraa kennengelernt. Ich war bisher erst einmal, vor zwei Jahren, auf Rømø. Aber meine Sprachschul-Kameradinnen kennen sich aus und erzählen, wie still und romantisch es hier vor zwanzig Jahren noch war, und welch schöne Ferien sie unter anderem mit ihren Pferden auf der Insel verbracht haben. Heute ist alles touristisch, und viele der Neubauten gehören leider zur hässlichen Sorte. Aber ich liebe die Heidelandschaft und die Kiefernwälder, die hier „Plantagen“, also angepflanzt sind: Kirkeby Plantage mit der sehenswerten, beschaulichen Inselkirche aus dem 13. Jahrhundert, und weiter im Süden die Vraaby Plantage.

Wie wir es uns erhofft hatten, ist der Sønderstrand weniger überlaufen. Auf Rømø fährt man mit dem Auto auf den Strand, denn er ist bis zu vier Kilometer breit. Für mich der breiteste, den ich je gesehen habe. Das birgt die Gefahr in sich, im Sand steckenzubleiben oder aber, wenn man sich bei Ebbe zu weit vorgewagt hat, von der Flut eingeschlossen zu werden. Jedoch haben wir Halbmond, somit Nipptide und parken im sicheren Abstand von der Wasserkante im Schatten eines Campingbusses.

Dann nehmen wir unsere Rucksäcke und Taschen und laufen die letzten tausend Meter über Sand, Sand und Sand hin zum Wasser. Während zwei von uns nur bis zu den Knien hinein wollen, gehen ich und die Fahrerin tiefer hinein. Für mich ist es das erste Mal Schwimmen in diesem Jahr. Und das Wasser so ruhig, dass ich mich sogar als Tote Frau auf den Rücken legen kann. Herrlich!

Anschließend waten wir am Meeressaum entlang. Drei Kilometer weiter südlich kann man die Nordspitze Sylts sehen, und die roten Fähren, die zwischen dort und Rømø verkehren. Wir entdecken tote blaue Nesselquallen und Strandkrabben-Gehäuse. Hier gibt es Herz-, Sandklaff-, Mies- und leider auch Amerikanische Schwertmuscheln zu Hauf, dazu viele Austern. Wir sind glücklich. Aber die Flut kommt schnell. Aus den Gängen der Wattwürmer gluckert die Luft nach oben. Überrascht stellen wir fest, wie spät es schon ist.

Das Polizeigebäude von Rømø

romantik pur: cafe hattesgaard
Hattesgaard

Auf dem Rückweg halten wir an einem baumumstandenen, nostalgischen Reetdach-Haus aus dem Jahre 1914. Hier gibt es ein großes Café, Antik und Trödel. Leider sind wir zu spät dran, und es wird gerade geschlossen. Doch auch von außen finden wir sie in diesem Moment mit aller Macht: die dänische Hygge.

 

Anschriften:
* Sct. Clemens Kirke, Havnebyvej 152, 6792 Rømø,  https://www.sctclemensromo.dk/ (mit Konzerten und Führungen)
* Hattesgaard Rømø, Café – Antik & Genbrug, Hattesvej 17, 6792 Rømø,  https://www.hattesgaard.dk/

 

 

Kære grænse – meine liebe Grenze

Gendarmestien bei Kollund – auf der anderen Seite des Fjords: Deutschland

Von neoliberal bis sozialistische Internationale: Niemand mag Grenzen. Zumindest nicht die Grenzen der anderen. Sie sind zum Beispiel wirklich unpraktisch und stören den Handel… Aus der deutschen Kleinstaaterei entstanden also 1871 ein Nationalstaat und nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik Deutschland. Aber damit nicht genug: Im Rahmen des Schengen-Abkommens fielen 1985 die Schlagbäume, und 2002 ersetzten viele EU-Mitgliedsstaaten ihre nationalen Währungen durch den Euro.

Nun, zumindest beim Euro haben die Dänen nicht mitgespielt – ein Königreich ohne Kronen als Währung, das geht nicht. Dass es aber wirklich auch eine physische Grenze zwischen Dänemark und Deutschland gibt und dass man sie schließen kann, wurde den Anwohnern im Dezember 2019 wieder bewusst, als Dänen den 70km langen Anti-Schweinepest-Wildschweinzaun fertigstellten (teuer, vermutlich nutzlos und für die Umwelt schädlich). Und 2020 wurde es uns allen schmerzlich deutlich: Dänemark machte seine Grenzen im Rahmen der Corona-Pandemie komplett dicht – für die Leute im Grenzgebiet, die unter der Woche gern in Flensburg und sonntags in Padborg einkaufen, eine Katastrophe.

Aber Grenzen sind auch spannend und können glücklich machen. Jede Schamanin, jede Hexe weiß das, denn das Wort Hexe kommt von hagazussa, der Zaunreiterin, die mit dem einem Bein fest in der alltäglichen Wirklichkeit und mit dem anderen in der Anderswelt steht.

Auch ohne Anderswelt inspirieren Grenzen: Was machen die Dänen auf der anderen Seite des Zauns anders und besser als Deutsche, was können wir lernen, über Gelassenheit, hygge bis hin zum Feste feiern und Tanzen und Singen um den Weihnachtsbaum? Nicht umsonst gelten die Dänen als zweitglücklichstes Volk Europas (nach den Finnen).

Ein ganz besonderer GrenzPFAD ist der Gendarmstien. Er startet in unserer zukünftigen Heimat Padborg und führt in fünf Etappen 74 km weit nach Osten bis nach Skovby. Hier patroullierten von 1920 bis 1958 auf der Jagd nach Schmugglern die dänischen Grenzgendarmen entlang der Flensburger Förde – unterbrochen durch die Zeit der Nazis, die alle Gendarmen gefangen nahmen und viele ermordeten. Der Wanderweg ist heute einer der schönsten Dänemarks und einer von nur zweien des Landes, der das Prädikat „Leading Quality Trails – Best of Europe“ (www.era-ewv-ferp.com) erhalten hat.

Wie traumhaft der Gendarmstien ist, konnten wir dieses Jahr im August live erleben, als wir an meinem Geburtstag ein kleines Stück der ersten Etappe im Kollund Skov liefen, durch hügeligen Küstenwald mit steilen Abhängen und tiefen Schluchten – siehe Foto. Aber auch ansonsten kreuzten wir in diesem Urlaub häufig den berühmten Wanderweg, selbst ganz in der Nähe unserer Ferienwohnung in Kollund Østerskov führte er vorbei. Eben ein sehr „ausgedehnter Glücksort“, wie das Buch „Glücksorte in und um Flensburg“ von Sörensen/Siedhoff zu Recht urteilt, versehen mit einem Dutzend Aussichtspunkten und 42 Sehenswürdigkeiten. Davon sechs in Padborg, mit dabei ein Erdtelefon in Bov, mit dem man grenzüberschreitenden Kontakt aufnehmen kann – das eine Ende ist in Dänemark, das andere in Deutschland. Nicht zuletzt kann mensch während der fünf Etappen viele seltene Tiere und Pflanzen entdecken, vom schillernden Eisvogel über Schwarzspecht, Bergmolch und Gänsesäger bis hin zu Orchideen wie Zweiblatt, Sumpfwurz und Knabenkraut.

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es unterwegs viele, einschließlich einfacher, offener Hütten mitten im Wald, die man bei der Kommune mieten kann. Und vielleicht gehört auch bald in Padborg unser neues Haus dazu, unter dem Stichwort „Öko-B&B, vegan und vegetarisch“ – damit schon der Start glücklich macht!

Bis bald!

 

Glücklich in Dänemark, Teil 1: Nach Padborg ziehen?

Was fällt dir zu Dänemark ein? Vielleicht: Alle duzen sich, alles ist hyggelig, dazu noch Andersens Märchen, Sandstrand, Christiania in Kopenhagen, Carlsberg-Bier, Smörrebröd, dänische Möbel und Legoland. Aber ganz gewiss nicht Padborg. Wer oder was ist also Padborg?

Pfingsten 2020: Auf der Rückfahrt vom coronageplagten Fehmarn wird uns klar, dass wir Ostsee (ich) oder Nordsee (Klaus) dem Vogtland (wo unser nach wie vor sanierungsbedürftiges Haus steht) ganz eindeutig vorziehen. Und dass es also viel sinnvoller ist, als Rentner*in nach Schleswig-Holstein denn nach Thüringen zu ziehen.

Auf Immoscout24 versuchte ich deshalb, mit der Maus eine Linie um S-H zu ziehen mit der Maßgabe: Haus oder Wohnung bis 100.000 Euro. Am liebsten in Lübeck oder Flensburg. Nun, es gelang mir nicht, den Strich exakt entlang der deutsch-dänischen Grenze zu ziehen – ich erwischte noch ein paar Kilometer in Dänemark und damit: Padborg! Und dort ein Haus aus dem Jahre 1927 im Rahmen unseres Preislimits.

Ich wette, niemand außer den Padborgern selbst und den Leuten in unmittelbarer Nähe kennt Padborg. Es ist einfach der erste dänische Ort jenseits der Grenze und damit IC-Haltestelle: Von hier aus kommt man per Bahn in Nullkommanichts nach Hamburg und Kopenhagen – und in nur zehn Minuten nach Flensburg. Ansonsten zeichnet es sich durch jede Menge Spediteure, ein kleines Museum, eine Bibliothek und zwei Supermärkte aus, die auch sonntags geöffnet haben – und 4.337 Einwohner.

Aber was ist mit der See? Nun, die nächsten Ostseestrände sind der deutsche in Wassersleben (6,3km) und der dänische in Kollund (9,5km). Nur zur Nordsee dauert es etwas länger: Bis nach Emmerlev Sogn muss man 57,6km radeln. Auch nicht die Welt.

Warum also nicht glücklich in Padborg, auch wenn es im Gegensatz zu Greiz kein einziges rotes oder blaues Sternchen für besondere kulturelle Sehenswürdigkeiten oder Naturschönheiten hat? Nun, vor das dänische Glück hat der dänische Staat die Notwendigkeit gesetzt, eine dänische Niederlassungserlaubnis zu bekommen. Warten wir es also ab!

 

Der Glück bringende Eisvogel

Ein Vogel wie Eisen, oben metallisch-türkis schillernd, unten rostbraun – ein farblich so auffälliges Tier muss in unseren Breiten einfach eins Glücksbringer sein! Im thüringischen Greiz kann man ihn mit etwas Glück an der Weißen Elster beobachten, ein geduldiger Jäger, der blitzschnell ins Wasser taucht und mit einem kleinen Fisch im Schnabel zurückkommt. Wenn ein Mensch ihn erstmals sieht, wirkt er so unwahrscheinlich wie ein Traum. Als Glücksbringer gilt er auch den thüringischen Glasbläsern in Lauscha, die ihn als Weihnachtsbaumschmuck verkaufen:

Sein australischer Verwandter wird Lachender Hans genannt, und mein Biologielehrer auf dem Gymnasium bezeichnete auch unseren einheimischen Eisvogel so, obwohl sein Gesang etwas weniger ausdrucksstark ist.

Bei Wikipedia heißt es zur Benennung:

Im Jahr 1758 bezeichnete Linné den Eisvogel als Alcedo ispida. Der lateinische Name Alcedo ist abgeleitet vom griechischen Halkyon, was so viel wie „die auf dem Meer Brütende“ bedeuten kann: Die um ihren Gemahl Keyx trauernde Alkyone und er selbst waren nach ihrem Tod von einem barmherzigen Gott in Eisvögel verwandelt worden. Jeden Winter trägt nun die Eisvogelhenne ihren toten Partner zu Grabe. Danach baut die Henne ein Nest, das sie auf den Wellen treiben lässt. Hinein legt sie die Eier und brütet ihre Küken aus. Nestbau und Brüten geschieht in den halkyonischen Tagen, das sind die je sieben windarmen Tage vor und nach der Wintersonnenwende. Die alten Griechen und Römer hielten den Mythos für real. Plutarch dachte, das Nest bestünde aus ineinander verflochtenen, kleinen Fischgräten und Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis historia um 70 nach Christus von einem schwammähnlichen, nicht durch Eisen zerschlagbaren Nest. Selbst noch im 19. Jahrhundert hielt man die halkyonischen Tage für die Brutzeit des Eisvogels.

Zur Herkunft des deutschen Namens gibt es mehrere Theorien. So lässt sich der Name wahrscheinlich vom althochdeutschen „eisan“ ableiten, was „schillern“ oder „glänzen“ bedeutet und auf das glänzend-farbige Gefieder des Vogels bezogen ist. Wenige Autoren beziehen den Namen tatsächlich auf das Eis, indem sie einen Bezug zu seinem Aufenthalt an zugefrorenen Gewässern, dem Abeisen oder zu toten Tieren im Eis herstellen. Andere beziehen sich auf die „eisblauen“ Rückenfedern oder seine leichtere Auffindbarkeit bei Eis und Schnee. Zuletzt gehen einige Autoren davon aus, dass der Name ursprünglich „Eisenvogel“ bedeutet haben sollte, da die Rückenfedern des Vogels stahlblau oder die Unterseite rostrot gefärbt sei.

In englischsprachigen Ländern heißt er „Kingfisher“ und bei den Schweden „Kungsfiskare“. Als weiterer Name wird die Bezeichnung Sankt-Martins-Vogel oder Martinsfischer in Frankreich, Spanien und Italien verwendet.

Mythologie und Sage

Auf Grund der oben erwähnten griechischen Sage um überdauerte der Glaube an die Gattenliebe und die Treue des Eisvogels bis mindestens ins 19. Jahrhundert hinein. So ging der Naturforscher Conrad Gessner 1669 davon aus, dass das Weibchen beim Tod des Männchens einen Trauergesang anstimmen würde. Er soll Macht und Reichtum, Frieden und Schönheit verheißen. Zudem gilt er als GLÜCKSBRINGER. Zuletzt soll er den Fischern reichen Fang und den Schiffern eine gute Reise ermöglichen.

Nach einer französischen Sage wurde der damals noch grau gefärbte Eisvogel von Noah der Taube nachgeschickt. Er sollte erkunden, ob sich die Wasser der Sintflut zurückgezogen hätten. Da er auf seinem Flug einem Sturm ausweichen musste, flog er so hoch, dass die Oberseite die Farbe des Himmels annahm und die Unterseite von der Sonne rot gebrannt wurde. Als der Bote Bericht erstatten wollte, konnte er die Arche nicht mehr finden, so dass er noch heute die Gewässer nach Noah suchend abstreift.

Talismane aus Eisvogelfedern und -bälgen wurden früher gegen Blitzschlag eingesetzt. Das am Hals getragene getrocknete Herz sollte vor Gift und schwerer Not schützen. Mumifizierte Vögel dienten als Mittel zur Mottenabwehr und an einem Faden aufgehängt auch als Kompass und Wetterfahne. Sich widersprechenden Theorien zufolge sollte der Schnabel immer nach Norden oder in Windrichtung zeigen.  Paracelsus nahm an, dass der Eisvogel nach seinem Tod nicht verfaule, so dass der Naturforscher Balthasar Sprenger 1753 einen bestätigenden Artikel darüber abfasste.

Und wo finden wir dieses Kleinod in der Natur? Nun mit etwas Glück zum Beispiel im Padborger Tunneldal am Gendarmstien, beim Kruså-See – aber auch am Max-Eyth-See in Stuttgart stehen die Fotografen stundenlang, um DAS Bild des Vogels zu schießen.