Unterwegs in Ribe

Blick auf Ribe

Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden und ins Gemeinschaftsbad gegangen, ohne Licht zu machen. Durch das Dachfenster strahlten die Sterne herein, direkt vor mir stand der Orion mit Beteigeuze. Schon lange habe ich keinen so schönen Nachhimmel mehr gesehen. Und dann fiel eine kleine Sternschnuppe herab! Eichendorff fiel mir ein:

…so sternklar war die Nacht!
Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus.
Flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Riberhus Slotsbanke

Vormittags sind wir dann zum Schlosshügel spaziert, am westlichen Stadtrand Ribes gelegen. Die Steine der mittelalterlichen Burg wurden im Laufe der Jahrhunderte von den Menschen abgetragen und für andere Bauwerke recycelt. Heute stehen auf dem Hügel inmitten eines kleinen Sees nur noch kümmerliche Mauerreste, von denen aus man einen schönen Blick auf den Dom und die Altstadt hat. In der Südwestecke der Anlage wurde 1913 eine Bronzestatue der Künstlerin Anne Marie Carl-Nielsen (1863-1945) aufgestellt. Sie zeigt Königin Dagmar, die auf einem wellenumbrandeten Boot steht. Dagmar, die beim Volk sehr beliebt war und um die sich viele Legenden ranken, ist 1212 in Ribe gestorben.

Eigentlich wollen wir danach zur Kammerschleuse laufen, die rund 6km entfernt an der See liegt. Der erste Teil des Weges ist auch recht schön, aber nachdem wir die Ausfallstraße überquert haben, geht es immer nur am Straßenrand entlang. Das wird uns nach wenigen hundert Metern dann doch zu eintönig, zumal das Wetter nach Meinung der Meteorologen schlecht werden soll. Also kehren wir um und laufen auf einem anderen Weg zurück zum Domplatz.

Kaffe Smeden

Ganz in der Nähe des Doms liegt in der Fußgängerzone das Café Smeden. Im Overdammen 3 werden „ökologische Erlebnisse“ angeboten. 90-100% der Waren sind hier bio, sie haben damit eine dänische Goldmedaille für nachhaltige Restaurants gewonnen – und werden auch sehr häufig zum besten Café der Stadt gekürt. Auf Nachfrage verraten sie auch, was sie an veganen Speisen gerade da haben. Ich esse eine große Kokosmakrone und trinke einen doppelten Espresso. Vom Ambiente her weniger spannend als das Terpager, aber von der Qualität der Zutaten her natürlich erste Sahne.

Der Dom zu Ribe

Der Dom zu Ribe

Anschließend erklimmen wir den Bürgerturm des Doms. Als wir genau auf der Höhe der Marienglocke sind, beginnt sie zu läuten: Es ist 11:30 Uhr. Ich erschrecke sehr. Oben auf dem Turm schaut man weit über das flache Land zum Meer. Von hier aus scheint es nur ein Katzensprung bis zur Kammerschleuse zu sein!

Als wir wieder auf der Empore stehen (wo sich ein kleines Museum befindet), beginnt die Orgel zu spielen und eine grauhaarige Frau mit glockenhellem Sopran singt wunderschön. Drei Lieder. Gud, min herre…

Das Allerfaszinierendste an diesem romanischen Bau aber ist der Altarraum. Er wurde im 20. Jahrhundert höchst eigenwillig, frei fabulierend und bunt von Carl-Henning Pedersen ausgemalt. Auch die Fenster stammen von ihm. Die mythischen Wesen dort zeigen das himmlische Licht, eine blaue Legende und auch, in der Mitte des Gewölbes, direkt unter Jesus und Maria, ein Einhorn. Das Kraftzentrum liegt genau zwischen den Dreien, über dem Altarkreuz. Und dazu die Sopranistin, äußerst magisch!

Ribe Glas

Schräg gegenüber vom Haupteingang der Kirche liegt eine ausgesprochen spannende Glasmanufaktur (Torvet 17). Hier erstehe ich einen großen Knopf, golden mit schwarzen, sich kreuzenden Linien und Punkten. Natürlich haben sie auch Engelkitsch, vor allem aber gutes Kunsthandwerk in allen Farben des Regenbogens.

Weitere interessante Orte sind der Second-Hand-Laden Habengood (Von Støckens Plads 4) mit vielen alten Schallplatten, auch z.B. Kate Bushs Wuthering Heigths, Matchbox-Autos und Tim-und-Struppi-(Rintintin-)Bildern, die alte Apotheke (Overdammens Idebutik, Hausnr. 5) oder der Kunsthandwerksladen Artizan (Nederdammen 35), wo wir eine Papageientaucher-Postkarte für unsere Tochter erstehen. Im Hornwarenladen (Nederdammen 28) kauft mein Mann ein völlig unbearbeitetes, großes Rinderhorn, aus dem er ein Kunstwerk machen möchte.

Quedensgård Café og Krambod

Dann packt uns der Hunger. Wir kehren im Quedensgård (Overdammen 10) ein. Empfehlenswert dort sind die vielen Biolimonaden dänischer und italienischer Provinienz. Aber der vegane Unbio-Burger (stolze 185 Kronen) ist lieb- und einfallslos und verdient nur ein „Ausreichend“. Immerhin macht er satt. Der Nippes, den es vor Ort ebenfalls zu kaufen gibt, sieht nach Made in China aus.

Museet Ribes Vikinger

Zum Schluss laufen wir noch bei Regen zum Wikingermuseum (Odins Plads 1). Da wir uns vom letzten Besuch her noch lebhaft an die Ausstellung erinnern, beschränken wir uns diesmal auf den Shop. Ich erstehe ein wissenschaftliches Werk über Hexerei und unterhalte mich länger mit einer rotgelockten Angestellten mittleren Alters über das Thema.

Inzwischen ist es dunkel. Wir sind zurück Hos Helle, mein Mann hat uns Rotwein eingeschenkt. Ich lese bei Thorkild Björnvig über unsere aktuelle Mondphase (von mir ins Deutsche übersetzt):

Der Halbmond zwischen den Hügeln schwebt
niedrig über der Tiefe; unter ihm
sammeln sich ungewisse Schatten, breitet
sich des Schlafes Märchengarten aus.

Wir beenden den Tag mit einem Nachtspaziergang bei Mondschein.

 

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