Spannend: Die Färöer im Vorfrühling

Sonnenaufgang bei der Ankunft in Tórshavn. (c) Gabriele Pfeifer
Sonnenaufgang über Nólsoy bei der Ankunft in Tórshavn. (c) Gabriele Pfeifer

Zug Padborg-Hirtshals und zurück: je 350km und je 14kg CO² (hoher Wert wegen Schienenersatzverkehr auf einer Teilstrecke)
Fähre Hirtshals-Tórshavn und zurück: je 1.150km und je 220kg CO²
Ökohotel Tórshavn, 3 Nächte im Doppelzimmer / pro Nase: 15kg Co² pro Nacht
Kleinwagen für 2 Tage, besetzt mit 3 Personen: 300km, 21l E10 = 48,72kg CO², pro Nase also 16,24kg CO²
Gesamt: knapp 530kg CO²

Montag, 9.3.2026: Unterwegs auf die Färöer (zu deutsch: Schafsinseln)

Während wir im Sommer 2022 zu viert erstmals auf die Färöer gefahren sind – siehe meine entsprechenden Blogbeiträge –  waren wir 2024 und 2025 nur zu zweit dort, im März. Auch dieses Jahr fahren wir wieder im März hin, diesmal jedoch zu sechst – mein Mann Klaus, unsere Tochter, ihr Freund, meine Schwester, meine Freundin und ich. 

Warum im ungemütlichen Vorfrühling?  Nun, hier gibt es Jahr für Jahr an zwei Terminen extrem billige Pauschalangebote der Reederei Smyril Line: 4 Nächte auf der Fähre Norröna und 3 Nächte im Bio-4-Sterne-Hotel Brandan (letztere incl. Frühstück und Wein während der Happy Hour) für gerade einmal 320€ pro Nase im Doppelzimmer. Wenn man ein Auto dabei hat – für uns war es billiger.

In diesem Jahr fuhr unsere RoPax-Fähre am Sonntag, dem 8. März, um 15 Uhr von Hirtshals ab. Dorthin zu kommen, ist mit Öffis schon ein kleines Abenteuer für sich und funktioniert nur, wenn man zwischendurch einmal übernachtet. Letztes Jahr sind wir in einem Venus-Appartement direkt in Hirtshals untergekommen, diesmal bei meiner Freundin in Saltum.

Die Reiseroute verlangt allein bis Saltum fünffaches Umsteigen, fast alles mit Umsteigezeiten von nur 5-8 Minuten. In Deutschland unmöglich, aber bei uns in Dänemark funktioniert das beinahe immer – und so auch diesmal! Irgendwann fing dann auch meine die deutschen Verhältnisse gewohnte Schwester an zu entspannen.

Am nächsten Tag dann hat uns meine Freundin nach Løkken gebracht, von dort ging es mit dem Schnellbus nach Hjørring, mit dem Zug nach Hirtshals und mit dem Shuttlebus zur Fähre. Ohne eine einzige Minute Verspätung!

Wir sind mit der Norröna bei Nebel und fast spiegelglatter See abgefahren, inzwischen sind aber die Wellen ein klein wenig höher, und die meisten von uns haben schon vorsorglich färöische Tabletten gegen Reisekrankheit eingenommen (gibt’s in der Reception für knapp 50 DKR). Meine Freundin ist allerdings in der Kabine geblieben und hat nicht gefrühstückt…

Grundsätzlich essen wir in der Nóatún-Cafeteria, weil am billigsten. Nóatún heißt wörtlich übersetzt Schiffsplatz und ist in der nordischen Mythologie der Wohnsitz des Meeresgottes Njördr. Außerdem ist es noch der Titel eines Romans des färöischen Schriftstellers William Heinesen, auf deutsch erhältlich und sehr empfehlenswert (hier kannst du ihn bestellen: https://www.buch7.de/produkt/noatun-william-heinesen/1062355723?ean=9783945370520).

Für Veganer*innen gibt es in der Cafeteria Pizza (sehr mächtig und fast nicht schaffbar) oder Pommes. Morgens und abends Buffet mit veganen Optionen (für Mittag- und Abendessen kann man auf einer Liste nachlesen, was vegan ist). Kaffee, Milch und einige Teesorten (momentan z.B. Pfefferminze) sind bio, und auf Nachfrage bekomme ich sogar Bio-Haferdrink.

Gestern Abend haben wir noch ein weiteres Highlight der Norröna-Fähre entdeckt: Im Fernseher ist arte eingespeist, und so konnten wir das Ende von “Mord im Orientexpress” schauen und anschließend einen Dokumentarfilm über Agatha Christie…

Zum Chillen, Lesen, Spielen und Schreiben halten wir uns übrigens stundenlang in der Laterna-Magica-Bar auf Deck 10 auf.

Das Leben ist schaukelig, aber schön! Morgen, am Dienstag, werden wir um 7.30 Uhr in Tórshavn ankommen. Ich freue mich sehr!!!

 

Regierungsviertel Tórshavn. (c) Klaus Bertram
Das Regierungsviertel in Tórshavn. (c) Klaus Bertram

Dienstag, 10.3.2026: Tórshavn auf Streymoy

Die Fähre ist pünktlich angekommen, hinter der vorgelagerten Insel Nólsoy geht die Sonne auf. Im Hotel Brandan (Oknarvegur 2, 100 Tórshavn, https://hotelbrandan.com) verstauen wir unsere Koffer und Rucksäcke im Gepäckaufbewahrungsraum. Durch den malerisch-romantischen Stadtwald Vidarlundin laufen wir anschließend runter zur Altstadt.

Dann heißt es frühstücken im Café Paname (Vaglid 4, paname@paname.fo ). Leider gibt es dort keine veganen Gerichte, aber die Brötchen sind hausgemacht und sehr lecker. Das Café ist Teil der großen Inselbuchhandlung H.N. Jacobsens Bókahandil (Vaglid 2, https://bokhandil.fo/) wo man neben färöischsprachiger auch viel englische und dänische Bücher, Spiele, Schreibwaren bekommt. Ich erstehe einen kleinen Gedichtband in limitierter 300er-Auflage. Die Buchhandlung ist so berühmt, dass sie es sogar zu einem Eintrag im deutschsprachigen Wikipedia gebracht hat!

Klaus bemüht sich um einen Leihwagen beim örtlichen Anbieter (https://rent.fo/, R. C. Effersøesgøta 17).  Nicht ganz leicht, aber nach einigem Hin und her klappt es, und wir können sogar das Auto schon vor der eigentlichen Mietzeit abholen.

Anschließend zeigen wir Schwester und Freundin das schwarzgeteerte Holzhaus mit Grasdach, das uns 2022 als Ferienwohnung diente. Dann geht es rüber ins Regierungsviertel mit seinen ochsenblutfarbenen Holzhäusern und durch das älteste Viertel der Stadt, Reyna.

Im Öström (Skálatrød 18, auf Facebook erreichbar) kann man jede Menge färöische Handwerkskunst kaufen (incl. Strickwaren) und inzwischen auf Outdoorbekleidung. Hier habe ich schon viel gekauft, aber diesmal werde ich nicht fündig.

Unsere nächste Trinkpause ist fällig, diesmal im Kaffihusid (Undir Bryggjubakka, https://www.kaffihusid.fo/) am WESThafen. Auch hier nichts Veganes (ich werde es die nächsten Tage mit Knieschmerzen büßen), aber Biolimo. Dann trennen sich unsere Wege, da nicht alle mit zum örtlichen Musiklabel TUTL-Records mitwollen (Niels Finsens gøta 9c, https://www.tutlrecords.com/). Ich erstehe zwei Jazz- und eine Wikingrock-CD. Übrigens: Du kannst hier auch in die Musik reinhören, bevor du dich entscheidest.

Um 14 Uhr können wir schließlich unsere Zimmer beziehen, auspacken, und um 17 Uhr treffen wir uns in zur Happy Hour in der Lounge. Hier bekommt man grundsätzlich einen Bio-Weiß- oder Rotwein Hausmarke kostenlos – und Klaus und ich kriegen  sogar einen qualitativen Upgrade, weil der Barkeeper sich von den letzten beiden Malen an uns erinnert!

Dann heißt es, für’s Abendessen ein veganes Restaurant zu finden, was sich als einigermaßen schwierig erweist. Wir landen bei einem Chinesen in der Nähe des Norröna-Hafens, wo ich eine sehr mäßige Kohl-Tofu-Suppe esse. Auch die anderen sind nicht begeistert.

Im Dunkeln laufen den Berg hinauf zurück gen Hotel, Klaus holt unterwegs noch das Auto ab, und fallen müde ins Bett. Im norwegischen Fernsehen läuft ein englischsprachiger Hercule-Poirot-Film…

Blick von Sandur aufs Meer, (c) Klaus Bertram
Blick von Sandur aufs Meer, (c) Klaus Bertram

Mittwoch, 11.3.2026: Kirkjubøur (Streymoy) und Sandoy

In meinem Nordischen Literaturkreis hatten wir in der dänischen Ausgabe ein Buch der färöischen Schriftstellerin Katrin Otarsdóttir gelesen: Pigen i verden (Das Mädchen in der Welt). Hauptperson ist ein elfjähriges Mädchen in den 70er-/80er-Jahren, das seine Sommerferien bei den Großeltern verbringt. Auch wenn keine Insel- oder gar Ortsnamen erwähnt werden, habe ich doch mit ein wenig Recherche herausbekommen, dass der Roman in Sandur auf Sandoy spielt und mir gewünscht, dass wir dorthin fahren, nachdem wir uns in der Bio-Bäckerei Breydvirkid (Jónas Broncksgøta 44, https://www.visittorshavn.fo/fo/place/breydvirkid/) in Tórshavn mit Proviant versorgt haben. Diese Bäckerei ist wirklich äußerst empfehlenswert, wir besuchen sie jedes Mal, wenn wir auf den Färöern sind! Kaum ein Tourist verirrt sich hierher, aber die Einheimischen stehen manchmal Schlange bis auf die Straße.

Zunächst einmal müssen wir die Hauptinsel Streymoy queren. Wir machen kurz Rast in Kirkjubøur, das schon seit meinem Aufenthalt 2022 einer meiner färöischen Lieblingsorte ist. Hier kannst du mehr über ihn lesen: https://pfeiferin.de/faeroeer-wanderung-von-kirkjuboeur-nach-torshavn-fo-dk/. Wir zeigen den anderen Olafskirche, Domruine und den äußerst pittoresken Bauernhof, heute sturmumtost, dann geht es weiter.

Während die Kleine im obigen Roman damals noch per Fähre auf die Insel kam, haben wir seit Dezember 2023 die Möglichkeit, einen mautpflichtigen Unterwassertunnel zu nehmen, einer der beiden mit färöischer Kunst geschmückten. In unserem Fall sind es 5 Buchten, die Edward Fuglø in Leuchtfarben ausgemalt hat, und zwar so, dass man bei Hin- und Rückfahrt etwas anderes sieht: Die Motive knüpfen an die Inseln Streymoy und Sandoy an – jeweils passend zur Fahrtrichtung. Strichmännchen-Wikinger, Boote, Schafe. Sehr spannend. Ich denke, wenn man aus beruflichen Gründen täglich dort durchfänrt, wird man auch nach einigen Monaten jedes Mal noch ein neues Detail entdecken, da die Felsmalereien ja mit 80 km/h an einem vorbeiflitzen.

Wir haben einen Sturmtag erwischt, mit Böen über 90 km/h. Wir besichtigen Sandur und ein wenig des Drumherums. Den großen See, den das Romanmädchen mit ihrem Großvater umrundet, sehen wir schon vom Auto aus, da gibt es auf unserer Seite jetzt keinen Fußweg mehr. Und das unheimliche, verlassene Haus an seinem oberen Ende? Ist das jetzt eine Schule, also nicht die, in der der Großvater unterrichtete? Oder doch das etwas entfernt liegende, verottende Gemäuer dort hinten?

In dieser Kirche war der Großvater Küster. Und hier ist der kleine See, in der ihre Mutterschwester in einem ihrer vielen Badeanzüge geschwommen ist… Hier hing die Kleine von der Kaimauer und traute sich vor lauter Schüchternheit nicht, um Hilfe zu rufen, obwohl sie nicht schwimmen konnte. In der örtlichen Tourist Information wird für Osterbingo geworben und für einen Verein, der ein Wikingerlanghaus aufbauen will, in dem man dann auch das damalige Leben nachspielen will.

Wir fahren weiter zum Dorf Húsavík. Hier bläst der Wind schier noch stärker, die Wellen donnern an den Strand, es ist schwer, sich gerade zu halten oder ein unverwackeltes Foto zu schießen. Hauptsehenswürdigkeit sind die Tumbakki, kleine, grasbedeckte Steinhäuschen, die früher vermutlich der Lagerung von Lebensmitteln dienten. Ein schmucker Ort, uralt und sagenumwoben.

Im Dorf Skálavík soll die Hauptsehenswürdigkeit das Café’in á Mølini sein. Es existiert auch, hat aber geschlossene Gesellschaft, und ansonsten wirkt der Ort sehr trostlos. Hier möchte man keinen Urlaub machen!

Wir fahren also zurück nach Tórshavn, erfreuen uns an der Happy Hour und fahren dann zum Abendessen in die Stadt. Diesmal entscheiden wir uns für’s Kafé Kaspar (Aarvegur 4-10, https://kaspar.fo/). Sie sind auf Burger und Bagels spezialsiert, es gibt verschiedene vegane Optionen und sogar färöisches Bio-Bier. Das Publikum: eher jünger. Was eine Erleichterung nach dem Chinesen vom Vorabend!

Gasadalur mit Mulorfossur, (c) Klaus Bertram
Gásadalur mit Múlafossur, (c) Klaus Bertram

Donnerstag, 12.3.2026: Eysturoy, Streymoy und Vágar

Heute ist es weniger stürmisch als am Mittwoch, was ein Glück. Wir fahren zunächst (über die Brücke im Norden, also ohne Maut!) auf die Insel Eysturoy zum Dorf Eidi und suchen dort nach einem Aussichtspunkt auf die Felsformation Risin og Kellingin (Riese und Hexe). Ich beschließe, eine für den Autoverkehr im Winterhalbjahr geschlossene Straße hinaufzulaufen und erhasche tatsächlich einen Blick auf den größeren Teil (Risin?) der Felsinseln.

Zurück auf Streymoy (also der Hauptinsel, auf der auch Tórshavn liegt) fahren wir zum Dorf Saksun, das ich noch nicht kenne. Es hat nur 10 Einwohner, liegt aber so verwunschen-magisch zwischen hohen Bergen eingeklemmt, dass viele Touristen dorthin wollen, die sich zudem offenbar teils wie die Axt im Walde benehmen. Das war den Menschen vor Ort zu viel. Sie bauten zwei große Parkplätze, verschlossen die Kirche und haben zwar eine Art Museum dort (im Winter zu), zeigen sich aber ansonsten so abweisend wie nur irgend möglich. Die Beschreibung im Reiseführer klingt, als ob man auch mit entsicherter Schrotflinte rechnen muss, wenn man ein Privatgelände betritt. Was der Magie keinen Abbruch tut, fast im Gegenteil….

Anschließend geht es durch einen mautpflichtigen Tunnel auf die Insel Vágar. Hier gibt es zwar keine Kunst, aber an der tiefsten Stelle doch eine unterseeische Beleuchtung in blau-grün-türkis-lila.

In Midvágar hatte die berühmteste Frau der Insel im 18. Jahrhundert ihren Witwensitz, Barbara, eigentlich Beinta, verewigt im Roman von Jørgen-Frantz Jacobsen. Sie war sehr abenteuerlustig und überlebte drei Pastoren-Ehemänner kurz hintereinander. Der letzte starb an Typhus und die beiden anderen natürlich auch an irgendwas, die Frage ist nur, an was. Wenn du das Buch gerne auf deutsch lesen möchtest, hier der Link: https://www.buch7.de/contributor/J%C3%B8rgen-Frantz%20Jacobsen.

Da meine Freundin ein E-Auto fährt, sind wir schon den halben Tag auf der Suche nach Schnellladestationen – was auf den Färöern leider noch ein sehr schwieriges Unterfangen ist. 50kW sind schon super, meist gibt es weniger, und wir wollen ja nicht den Tag an einer Aufladestation verbringen! Jedenfalls laden wir am Flughafen ein wenig auf und fahren dann weiter. 

Auch das malerisches Dorf Bøur hat vor seinem Eingang einen Parkplatz. Hier hat man einen herrlichen Blick auf die Basalt-Felsformation Drangarnir, die auf vielen Postkarten zu finden ist.

Weiter geht es zum – für mich – absoluten Highlight des Tages, dem Dorf Gásadalur. Es liegt auf einer Ebene hoch über dem Wasser, umgeben von abweisenden Riesenbergen. Der Abstieg zum Wasser ist für Touristen so gefährlich, dass er schlicht verboten wurde. Bis 2006 war das Dorf nur mit Boot oder per Hubschrauber zu erreichen. Dann wurde ein einspuriger Tunnel durch die Felsen gesprengt – auf der Hinfahrt hat man Vorfahrt, auf der Rückfahrt heißt es rückwärts fahren, sofern einem jemand entgegen kommt.

Schafe, Ponies und Hunde laufen frei herum. Eines der Holzhäuser hat einen Felsen integriert – hier wohnen Elfen, deshalb durfte er nicht entfernt werden.

300m von der Straße entfernt ist ein Wasserfall, Múlafossur, der sich ins schäumende, tosende Meer ergießt, auch er ein Postkartenmotiv. In den Felsen nisten Sturmseeschwalben. Es ist so schön hier, dass ich am liebsten nicht fahren möchte, aber die Autofahrer – also Freundin und Mann – haben natürlich das Sagen.

Abends gehen wir nochmals in Kaspars, diesmal esse ich Bagel statt Burger. Dann tanken Klaus und ich auf, geben das Auto ab und laufen zurück zum Hotel. Den Abend beschließen wir mit einem weiteren Hercule-Poirot-Film im norwegischen Fernsehen.

Sándagerdi, Tórshavn, (c) Klaus Bertram
Sandágerdi, Tórshavn, (c) Klaus Bertram

Freitag, 13.3.2026: Tórshavn

Unser letzter Tag ist angebrochen: Um 20 Uhr soll die Fähre zurück nach Dänemark ablegen. Wir teilen uns in Zweiergrüppchen auf. Klaus und ich frühstücken schon um 8 Uhr wollen bei – für färöische Verhältnisse – schönem Wetter noch zu Fuß hoch zum Oygjarvegur-Aussichtspunkt. Er bietet tatsächlich eine gute Sicht auf Hafen und Meer, bei Sonnenschein und Regenbogen. Beim Hotel Føroya gibt es einen kleinen Fußweg parallel zur Straße.

Kurz nach elf Uhr treffen wir die anderen in der Nationalgalerie Listasavn Forøya (Gundalsvegur 9, https://art.fo/). Leider sind sie gerade dabei, eine komplett neue Ausstellung aufzubauen. So kommen wir zwar kostenlos ins Museum – aber es gibt auch nur einen Bruchteil der Kunst zu schauen. Schade! Selbst die Beschriftungen fehlen teils, aber ich erinnere mich, dass eine Metallkonstruktion die kleinste färöische Insel, Lítla Dímun, darstellt und man das Kunstwerk auch betreten darf….

Mit den Kindern laufen wir zu viert durch den Vidarlundin gen Innenstadt. Wir entdecken eine seltene Krickente, ein Männchen, das zwischen den vielen Stockenten ein wenig verlassen wirkt. Auch heute ist der Stadtwald sehr magisch!

Wir essen noch schnell eine Süßigkeit in der Konditorei Gómagott (Niels Finsens Gøta 17, https://gomagott.fo/). Und ja, hier gibt es auch Veganes, und Leckeres mit dazu! Dann trennen sich unsere Wege erneut.

Klaus und ich wandern über den Friedhof Gamli Kirkjugadur (Doktor Jacobsens gøta), auf dem oben genannter Jørgen-Frantz Jacobsen begraben liegt, aber auch die Heilerin Anne Sophie Danielsen (1858-1934).  Am Krankenhaus vorbei geht es zum städtischen Sandstrand Sandágerdi in der Nähe des Aquariums (das kenne ich von früher, nicht empfehlenswert). Er ist deutlich kleiner als der von Aabenraa, aber es gibt einen Miniwasserfall, einen tiefen Bach, die Sandá, die hier mündet, und jede Menge Strandläufer, die hin- und herflitzen. Nicht sehenswert genug für Leute, die zum ersten Mal und nur kurz in Tórshavn sind – aber wir sind hier schon zum zweiten Mal. Dann laufen wir via Westhaben noch einmal zum Café Paname, ich trinke färöischen Kräutertee Nr. 2. Der Abschluss: Die Besichtigung von Leuchtturm und Wallanlagen an der Yviri vid Strond. Diese Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert heißt auf färöisch Skansin, also Schanze.

Der Leuchtturm auf Skansin, mit mir im Vorder- und der Norröna im Hintergrund, (c) Klaus Bertram
Der Leuchtturm auf Skansin, mit mir im Vorder- und der Norröna im Hintergrund, (c) Klaus Bertram

20 vor 6 treffen wir uns mit allen anderen am Parkplatz, checken ein und sitzen schon kurz nach 18 Uhr beim Abendessen im Nóatún. Und auf der Rückreise nehmen wir alle so rechtzeitig Antikotzpillen, dass niemand von uns in der Kabine bleiben muss!

Auf dem Nordatlantik, (c) Klaus Bertram
Auf dem Nordatlantik, (c) Klaus Bertram

Sonntag, 15.3.2026: Hirtshals und Zugfahrt nach Padborg

Die anderthalb Tage auf dem Schiff sind mit lesen, reden, stricken und Spiele spielen – einfach mit slappe af, also entspannen / abschlaffen schnell vergangen.

Am Sonntag treffen wir pünktlich um 11 Uhr Ortszeit bei Nebel in Hirtshals ein. Meine Schwester und ich verabschieden uns von den Autofahrer*innen, lassen uns vom Shuttlebus zum Bahnhof kutschieren und laufen, da unser Zug erst um halb zwei fährt, von dort aus zum Café Lilleheden (Hjørringgade 2, https://www.restaurantlilleheden.dk/), schön in der Nähe des Wassers gelegen und auch sonst einladend. Ich trinke Rooibos-Tee aus einem japanischen Eisenkännchen, dazu den örtlichen Kümmel-Kräuterschnaps Bjesk, später noch Espresso und Dansk Vand.

Die Rückfahrt verläuft planmäßig. In Aarhus haben wir etwas länger Aufenthalt. Der Hauptbahnhof ist groß und mit einem Einkaufszentrum verbunden. Empfehlen kann ich das Emmerys, ein Bio-Caféhaus mit Bäckerei (M.P. Bruunsgade 25, https://emmerys.dk/), wo ich diesmal ein Körnerbrötchen und einen Espresso auf die Hand zu mir nehme. Emmerys hat viele Filialen in Kopenhagen und Aarhus – und alles ist zu 100% Bio!

Pünktlich um 19:30 Uhr kommen wir in Padborg an, trotz sechsmal Umsteigen. Insgesamt ein schöner, ereignisreicher Urlaub!

 

Färöer: Kirche, Kunst und Heide (FO/DK)

Unirdische Kunst: Kettentanz unter dem Meer

Am letzten Tag vor Abfahrt unseres Smyril-Line-Schiffes gen Ost-Island besuche ich morgens zunächst einmal den Gottesdienst in der hölzernen Torshavner Hafenkirche aus dem 18. Jahrhundert. Betet, so wird euch das Licht der Welt gegeben, steht auf färöisch über dem Altar, wenn ich es recht übersetze…

Havnar Kirkja

Evangelisch-schlicht ist der Innenraum gehalten: die Decke weiß mit himmelblauen Kassetten, von denen goldene Sterne blinken. Bänke und Kanzel sind gleich gestrichen, in ocker-braun-gold. Drei Votivschiffe hängen von der Decke. Das Altarbild zeigt die Kreuzesabnahme Christi.

Ich bin Viertel vor Beginn dort und damit eine der ersten – viele kommen gerade eben pünktlich oder auch ein wenig zu spät. Voll ist die Kirche, rund achtzig Besucher zähle ich, darunter viele junge Menschen und auch kleine Kinder, die frei herumrennen. Ein Junge umläuft sogar den Altar. Selbst die Orgelempore ist gut besetzt. Der Grund wird bald klar: Heute findet eine Taufe statt. Und zwar die von Eda Karolina Lak, einem zarten, kränklich, blässlich aussehenden Wesen. Eine Frau trägt färöische Tracht, die anderen alles von festlich, über Tüll – bis hin zu ausgetretenen Turnschuhen. 

Zwei Frauen halten den Gottesdienst ab, die Pastorin jung, lächelnd, im schwarzen Ornat mit weißer, gestärkter Halskrause – als sie das Abendmahl ausgibt noch dazu mit weißem Überwurf. Ihre ältliche Helferin hingegen gehört zu den sportlich Gekleideten.

Acht Psalmen sind angeschlagen, aber noch viel mehr Lieder werden gesungen. Es gibt zwei Psalmenbücher, nur bei dem kleineren, jüngeren hat man sich meiner erbarmt und die Noten dazugedruckt. Ich entdecke das italienische Santa Lucia mit färöischem Text. 

Zum Abendmahl knien die Leute, jede*r hat einen kleinen Extrapokal, aus dem sie oder er das Blut Christi empfängt. Die Pastorin predigt mit Freude über Jesus, die Pharisäer (nach Lukas), Erotik, Prostituierte und die Hells Angels. 

Es wird viel aufgestanden, sich wieder gesetzt, die Pastorin singt mit ihrem sehr schönen Sopran vor, die Gemeinde antwortet. Ab und an tritt mir eine kleine Rührungsträne ins Auge. Zum Abschluss reicht die Pastorin allen, auch mir, die Hand.

Vor der Kirche stehen dann richtig viele Menschen in Tracht herum, Männer und Frauen, offenbar gibt es noch eine Anschlussveranstaltung. Ich bin sehr beeindruckt und bewegt.

Per Bus durch einen außerirdischen Tunnel

Während ich den Gottesdienst allein besucht habe, bin ich um 13.05 Uhr wieder mit den anderen zu einem äußerst ungewöhnlichen Kunsterlebnis vereint: der Linienbusfahrt ab Fähranleger in Torshavn durch den 11 km langen Untermeerestunnel zwischen den Inseln Streym- und Eysturoy. Er ist gleichzeitig der Welt erster Kreisverkehr unter dem Meer.

Was an einem Tunnel so ungewöhnlich sein soll? Nun, sein Mittelpunkt, der Verkehrskreisel, ist von zwei Künstlern gestaltet und fast schon unwirklich schön. Weil wir mit einem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs sind, bekommen wir davon nur den Kunst- und nicht den Musikteil dargeboten. Im eigenen Auto hätten wir noch per Radio auf UKW 97 gehen und die dazugehörige Spezialkomposition von Jens L. Thomsen erleben können. In ihr sind die Laute vom Tunnelbau verarbeitet.

Aber auch ohne musikalische Untermalung ist das Kunstwerk, das wir an diesem Tag insgesamt dreimal im Vorbeifahren sehen, äußerst beeindruckend. Der Verkehrskreisel ahmt die Form einer riesigen, kuppelförmigen Qualle nach. Alles ist in aquamarinblaues, karminrotes, grünes oder gelbes Licht getaucht. Und in der Mitte sieht man die lebensgroßen Silhouetten vieler Menschen in einem großen Kreis. Einer der bekanntesten färöischen Künstler, Trondur Patursson, ließ sich für diese Installation vom färöischen Kettentanz inspirieren, wo sich die Teilnehmer an den Händen haltend in einer Schleife fortbewegen und lange Balladen gesungen werden: Ausdruck für die Kraft der Gemeinschaft beim Tanz ins Licht.

Wanderung von Nes nach Saltangara

Nur wenige Sekunden dauert das Kunsterlebnis. Wir fahren mit dem Bus bis zur Endstation in Toftir und besuchen alle Sehenswürdigkeiten in dem kleinen Ort und dem angrenzenden Dorf Nes (darunter eine britische Kanone aus dem 2. Weltkrieg). Dann versuche ich, den Wanderweg rund um den Toftavatn zu finden, denn zurück nach Torshavn fährt der Bus heute erst ab Runavik – und auf der Durchgangsstraße zu laufen macht keinen großen Spaß.

Rauhe Heidelandschaft am Toftavatn

Am Sportplatz von Toftir findet heute eine große Auto-Verkaufsshow statt, und alle, alle aus den umliegenden Orten sind versammelt. Das Wetter spielt mit: Wir haben strahlendblauen Himmel. Endlich erblickt der Freund meiner Tochter den Einstieg in diese zwar steile, aber für Wanderer und Spaziergänger sehr gut ausgebaute Märchenwelt. Rund um den Tovtavatn erstreckt sich das größte Heidegebiet der Färöer. Rau und verzaubernd ist diese eigenartige Landschaft, mit vielen Vogelarten. Ganz spontan meint unsere Tochter: “Wenn ich in Toftir oder Runavik leben würde, wäre ich jeden Tag hier.”

Singschwäne und Wollgras

Weil wir bis zur Abfahrt des Busses noch Zeit haben und alle etwas hungrig und durstig sind, laufen wir von Runavik noch kurz bis ins angrenzende Saltangara. Im dortigen Café Cibo, das wirklich lange Öffnungszeiten hat, ist der Treffpunkt für alle aus der Umgebung, von Familien mit Kindern bis hin zu Motorradcliquen. Die Pommes-Portionen sind so groß, dass ich später auf das Abendessen verzichte.

Und zum krönenden Abschluss fährt der Linienbus uns noch einmal durch unseren unirdischen, färöischen Meereskunsttunnel.

Der Leuchtturm von Torshavn mit Befestigungsanlage

Am folgenden Tag heißt es dann: Ferien-Torfhaus verlassen und mit der Smyril Line weiter nach Island reisen. Erst zehn Tage später werden wir auf dem Rückweg nach Dänemark wieder in Torshavn anlegen – und dürfen nur für knapp drei Stunden von Bord. Wir nutzen die Zeit, um in der Kunsthandwerks-Galerie Öström im Westhafen einzukaufen, sehr empfehlenswert. Wir essen etwas und spazieren dann noch durch die Altstadt auf der Halbinsel Tinganes. Es fühlt sich an wie nach Hause Kommen.

Skal og farvæl Føroyar!

Links:

Färöer: Wanderung von Kirkjuböur nach Torshavn (FO/DK)

Der schönste Tag unserer Färöer-Woche beginnt. Wie fast jeden Tag von Mittwoch bis Sonntag stehen wir erst einmal Schlange in der besten Bäckerei Torshavns, Breydvirkid, nur wenige Gehminuten von unserem Ferienhaus “Undir Ryggi” entfernt. Dank Breydvirkid beginnen unsere Torshavn-Tage mit Biobrot und -brötchen in einer reichhaltigen Auswahl, frisch aus dem Ofen.

Die Biobäckerei Breydvirkid

…wurde von den beiden jungen Unternehmerinnen Frida und Randi gegründet, die man vielleicht auch direkt hinter dem Tresen antrifft. Neben Sauerteigbrot und anderen Köstlichkeiten gibt es einen kleinen Kühlbereich mit Milch, Joghurt, Eis und anderen Bioprodukten. Und das Spannende: Hier in der Jonas Broncks Göta 44 stehen die EINHEIMISCHEN an, gefühlt sind wir die einzigen Touristen. Besonders empfehlen kann ich das Vollkornkastenbrot. Übrigens wanderte der Namensgeber der Straße in die USA aus. Und es geht das Gerücht, dass der New Yorker Stadtteil Bronx nach ihm benannt wurde.

Mit dem Stadtbus nach Kirkjuböur

Nach dem Frühstück fahren mein Mann und ich mit einem der roten Stadtbusse kostenlos nach Kirkjuböur. Die Busse sind alle etwas klapprig, und offenbar ist unserer nicht mehr ganz fahrtüchtig. Jedenfalls bittet der Busfahrer an geeigneter Stelle alle Fahrgäste, das Vehikel zu wechseln. Das war bestimmt die richtige Entscheidung, denn die Fahrt danach ist an einigen Stellen durchaus halsbrecherisch und einspurig, dafür umso spannender.

In Kirkjuböur

Das winzige Dorf ist der geschichtlich wichtigste Ort der Inselgruppe, ruhig, mit torfgedeckten Häusern, schwarz geteert, mit rot umrahmten Sprossenfenstern. Vor der Reformation um 1560 herum befand sich hier das geistliche und kulturelle Zentrum der Färöer – Kirkjuböur war sogar Bischofssitz. Noch immer beherrschen drei Gebäude aus jener Zeit den Ort: die Domruine der St.-Magnus-Kathedrale, die Dorfkirche St. Olaf und ein uraltes Bauernhaus. Ursprünglich soll sich der größte Teil des Ortes weiter unten in der Nähe des Meeres befunden haben – und bei einer Sturmflut untergegangen sein.

St. Olaf

Zunächst besuchen wir die kleine Dorfkirche. Sie stammt aus dem Jahre 1111 und wurde dem heiligen Olaf von Norwegen geweiht. Heute ist sie die einzige durchgängig genutzte mittelalterliche Kirche auf den Färöern. In der Ostmauer sieht man noch das Loch, vor dem die Leprakranken dem Gottesdienst beiwohnen konnten. Die Kirche ist orgellos und mit einem Altarbild des färöischen Malers Samuel Joensen-Mikines geschmückt.

Die Domruine

Im Anschluss erkunden wir die gotische Ruine der Kathedrale. Sie war dem Heiligen Magnus der Orkney-Inseln gewidmet und wurde zwische 1330 und 1340 fertiggestellt. Es heißt, sie sei damals eine der schönsten Kirchen der nordischen Länder gewesen. Teile des Inventars befinden sich heute im Kulturhistorischen Museum in Torshavn. Mit Aufgabe des Bischofssitzes im Rahmen der Reformation wurde sie teilweise abgebrochen, wirkt aber immer noch imposant. Und ein wenig gruselig, gewiss spukt es hier auch in Vollmondnächten oder bei Sturm.

Das Pachthofhaus

Dann wagen wir uns gegen einen kleinen Obulus und trotz des Kettenhundes (er tut mir leid!) in das alte Bauernhaus. Es ist der färöerweit größte Erbpachthof, ein sogenannter Königsbauernhof. Denn nach der Reformation wurde alles Kirchenland vom dänischen König eingezogen und anschließend weiterverpachtet. Schon von außen ist das Haus wundervoll beschnitzt und in Rot und Blau prächtig bemalt. Es wird mittlerweile in der 17. Generation von der Familie Patursson bewohnt. Das Gebäude ruht auf den bis zu zwei Meter dicken Fundamenten des entweder unvollendeten oder aber zertörten Bischofssitzes. Heute gehört es zu den ältesten noch bewohnten Holzhäusern Europas. Deshalb sind einige Bereiche privat und nicht zu besichtigen. Der Rest aber hat es in sich und gehört mit zu dem Schönsten, was ich auf den Färöer bisher gesehen habe.

Aus der Zeit vor 1350 stammt der früheste Teil des Hofes. Das sind die aneinander gebauten Stokkastovur (Blockhäuser), insbesondere die Roykstovan (Rauchstube). Fertig aus Norwegen soll die Roykstovan gekommen sein. Was wohl so zu deuten ist, dass sie dort abgebrochen und dann hier auf dem nicht ganz passenden alten Fundament wieder zusammengesetzt wurde.

Das abgeschlossene Zimmer im Obergeschoss (wir dürfen nur durch ein Guckloch hineinlinsen) war einst Arbeitszimmer der Bischöfe. Frei zugänglich ist hingegen die Rauchstube im Erdgeschoss. Hier beeindruckt uns vor allem eine Holzschnitzerei, die den Kopf des einäugigen Gottes Odin zeigt. Er hing, wenn ich es recht erinnere, mehrere Tage kopfüber in der Weltenesche Yggdrasil und gab ein Auge hin, um Weisheit zu erlangen. Auch ritt er ein achtbeiniges Pferd, Sleipnir, das uns später in Nordisland wiederbegegnen wird. Von allen männlichen Göttern ist er mir am nächsten, die Sehnsucht nach Weisheit kann ich so gut verstehen!

ein könig auf der Flucht

Der Sage nach soll König Sverre von Norwegen (er regierte von 1177-1202) nach der Flucht seiner Mutter Gunnhild aus Norwegen in Kirkjuböur geboren worden sein. Gunnnhild fand Arbeit am Bischofssitz und versteckte den Säugling in einer Höhlungg am Hang, die heute mit einem roten Kreuz gekennzeichnet ist. Sicher ist jedenfalls, dass Sverre auf den Färöern aufwuchs.

Eine “leichte” Wanderung zurück

Zurück nehmen mein Mann und ich nicht den Bus (er fährt samstags eh nur 3x am Tag), sondern wagen die von den Reiseführern als “einfach” und “für Kinder geignet” bezeichnete Wanderung über den Berg zurück nach Torshavn. Offiziell soll der Weg nur zwei Stunden dauern, wir brauchen aber doch mehr, knapp drei Stunden. Was daran liegt, dass ich im Gelände die langsamste Geherin aller Zeiten bin, wir werden immer wieder überholt, zumeist von jungen Männern.

steinsetzungen markieren den weg

Der Weg ist gut markiert, anfangs im Ort mit roten Holzpflöcken, in der Wildnis dann mit den berühmten färöischen Steinhaufen/-pyramiden, die man nicht abtragen oder gar aus Jux und Dollerei versetzen darf – es könnte für Nachfolgende tötlich enden. Als schlammig und an vielen Stellen am besten direkt in den vielen Rinnsalen zu begehen erweist er sich. Der Wanderführer bezeichnet die Oberfläche mit “Gras- und steinige Pfade”. Irgendwann kommt uns eine Dreiergruppe entgegen, von denen einer rote Chucks trägt und ansonsten ein wenig heruntergekommen wirkt – ob er den steilen Abstieg nach Kirkjuböur heil überstanden hat? Jedenfalls sind auch bei “leichten” Routen auf den Färöern Wanderschuhe angemessen. Auch wenn diese 7km lange Strecke (von den jeweiligen Ortsausgängen gemessen!) bestimmt eine der Hauptwanderwege der Färöer ist, erleben wir immer wieder eine große Stille, unterbrochen nur vom Plätschern der Wasser und den Schreien der Möwen. 

Wir haben wirklich gutes, trockenes Wetter und genießen so die Aussicht auf die Inseln Sandoy, Hestur, Koltur und Vagar. Auf letzterer spielt ein Teil des Romans “Barbara” von Jörgen-Franz Jacobsen, denn die männliche Hauptperson Paul ist dort als Pastor eingesetzt.

der alte versammlungsort reynsmulalag

Unterwegs kommen wir an Reynsmulalag vorbei, einer Stelle schon relativ nahe an Torshavn, die wie ein natürliches Amphitheater in die Landschaft eingebettet ist. Hier ist die Akustik besonders gut, weshalb an diesem Ort seit 1850 jene Volksversammlungen stattfanden, an denen auch William Heinesen schon als Achtjähriger teilnahm. Ein aus Steinen errichtetes Podium gibt es hier. Die Versammlungen wurden und werden mit Flaggen und Reden begangen, und eigens dafür komponierte patriotische Lieder werden gesungen.

Auch viele Frauen nahmen den steilen Weg von Torshavn auf sich, wie historische Aufnahmen und Bilder beweisen. Gut können wir uns vorstellen, wie die Menschen auf dem Hügel vor dem Podium saßen und zum Beispiel Joannes Patursson (1856-1946) lauschten, einem Pionier der färingischen Unabhängigkeitsbewegung. Da die Färöer inzwischen zwar immerhin autonom, aber noch nicht vollständig von Dänemark unabhängig sind, gibt es derartige öffentliche Treffen an dieser Stelle immer noch, beispielsweise am Nationalfeiertag Olavsöka am 28./29. Juli jeden Jahres.

Schließlich kommen wir unten im Tal an und erreichen eine Haltestelle des Stadtbusses 2, der ungefähr alle 15 Minuten fährt – wir haben es uns verdient. Und unser schönster Tag auf den Färöern endet bequem.

Links:

Ausflug auf die färöischen Nordinseln: Klaksvik (Bordoy, FO/DK)

 

Während die roten Stadtbusse in Torshavn freundlicherweise gratis sind (und der Begriff Stadt wird durchaus weit gefasst), muss man für die blauen Überlandbusse denn doch ein kleinen Obulus entrichten (90 Kronen/gut 12 Euro pro Strecke und Nase). Dafür zählt dann aber auch die Busfahrt nach Klaksvik im Norden der Inselgruppe mit zu unseren schönsten Färöer-Erlebnissen. Atemberaubende Berge, Wasserfälle und Fjorde wechseln sich kurzweilig ab.

Endstation ist Klaksvik, die zweitgrößte Stadt der Inselgruppe. Rund um die Bucht Bordoyarvik verläuft die Hauptstraße mit Geschäften und der Tourist Information, wo wir einen Stadtplan erhalten. Bevor wir aufbrechen, stärken wir uns aber erst einmal im Café Frida mit Espresso.

Christianskirkjan mit uraltem Opfer-Taufbecken

Anschließend statten wir der Hauptsehenswürdigkeit, der Christianskirche, einen Besuch ab. Dort bekommen wir sogar eine ganz persönliche Sonderführung in dänischer Sprache in die sehenswerte Krypta, und die Orgel-CD wird extra für uns angeschmissen, was ich allerdings als etwas störend empfinde. Die Kirche stammt aus dem Jahre 1963, beherbergt aber ein riesiges älteres Fresko des dänischen Malers Joakim Skovgaard. Unter dem Dachfirst hängt ein Boot von Vidareidi, mit dem früher der dortige Pfarrer zu anderen Dörfern und Inseln seines weitläufigen Pastorats gerudert wurde. Am besten aber gefällt mir der Taufstein. Er ist aus dem dänischen Nordjütland hierher gekommen und sein Alter wird auf 4.000 Jahre geschätzt – vermutlich diente er einst als Opferschale.

Klaksvik: Kunst im Stadtpark

 

 

Sehenswert: Die Plantage im Südosten der Stadt 

Dann spazieren wir zur Südbucht, vorbei an einem Bild à la Banksy, schauen der Skulptur eines Kopfspringers bei seiner unendlichen Tätigkeit zu und lauschen dem Klackern der Kiesel, wenn sich das Wasser nach jeder kleinen Welle wieder zurückzieht. Schließlich laufen wir ganz in den Südosten zum örtlichen Stadtparkwald, den wir bis auf eine andere Frau ganz für uns allein haben, magisch mit wildem Bach, Bäumen und Fuchsien und unbedingt sehenswert.

 

 

Brauerei Föroya

Da das Klaksviker Museum schon geschlossen hat, als wir wieder zurück in den Ort kommen, statten wir der größten Brauerei der Färöer (sinnig Föroya geheißen) einen Besuch ab und erstehen ein Sixpack Bio-Bier direkt vom Hersteller.

Janis Joplin im Café Frida

Zurück im Café Frida genießen wir Ingwertee aus lustigen Riesentassen. Meine zeigt Janis Joplin, die Sängerin des Lieds “Me and Bobby McGee”, was mir eh schon den ganzen Tag durch den Kopf gegangen ist. Welch ein Zufall!

Jazz und Blues in der Blabar, Torshavn – oder auch nicht

Mit dem Bus geht es zeitig wieder zurück nach Torshavn, denn abends wollen wir noch an einem Konzert der Sommertonar-Musikfestivals in der Blabar teilnehmen. “The Land of Maybe” heißt die Gruppe. In der Jazz-and-Blues-Bar ist es nett – aber die Band die Gruppe entspricht nicht wirklich unseren Vorstellungen (weder Jazz noch Blues), und so gehen wir einigermaßen zeitig wieder nach Hause. Trotzdem ein äußerst schöner, gelungener Tag.

Anschriften:

Färöische Kunst und verzauberter Parkwald: Torshavn (FO/DK)

Alle vier lieben wir Kunst, und deshalb führt uns der zweite Tag auf den Färöern gleich in die Nationalgalerie im Norden der Hauptstadt Torshavn. Es ist etwas neblig, als wir an der Niels Finsens Göta auf den Bach am südlichen Ausläufer des Vidarlundin Parks stoßen. Dort erlegt ein gläserner St. Georg seinen Drachen, umschwommen von sehr diesseitigen Stockenten.

Im Stadtpark Vidarlundin

Atemberaubend ist dieser Park, die größte Plantage auf der ganzen Inselgruppe. Wir laufen leicht bergauf, am Bach Havnara entlang, der in kleinen Kaskaden zu Tal stürzt. Weiter westlich gibt es noch einen kleinen See. Und überall steht Kunst herum, schwimmen Enten (sogar eine Warzenente entdecke ich), und der Star, der ist etwas ganz besonderes – eine färöische Unterart der normalen Stars, glitzernd auch er.

LISTASAVN Foroaya – Die Nationalgalerie der Färöer

Die Nationalgallerie Listasavn ist eines der schönsten Erlebnisse während unseres Urlaubs. Hier wird ausschließlich färöische Kunst ausgestellt – und davon gibt es unendlich viel. Im Gegensatz beispielsweise zum Louvre mit Raub und Kauf aus aller Herren Länder erfahren wir an diesem Ort wirklich etwas über die Inselgruppe, auf der wir zu Besuch sind – dabei trotzdem weit entfernt von jeglicher Art spießigen Heimatmuseumsfeelings.

Besonders gut gefallen mir das “Boot” von Frida Zachariassen. Auch  der färöische Kettentanz von Samal Joensen-Mikines hat es mir angetan. Und natürlich die vielen Bilder von William Heinesen, der gleichzeitig der berühmteste Schriftsteller der Färöer war und ist. Wir erleben die färöische Natur und einzigartige Landschaft, die grünen Hügel, farbenfrohen Dörfer und die wilde See der 18 Inseln (zu denen noch viele kleine Extrafelsen stoßen). Von innen lässt sich eine von ihnen, Litla Dimun, mittels einer raumfüllenden Metallskultpur begehen (Ole Wich, 2009). Aber auch eine Frau beeindruckt mich sehr: Elinborg Lützen (1919-1995), die berühmteste Grafikerin der Insel. Leider gibt es ihre Bücher im Museumsshop nicht in deutscher oder englischer Sprache zu kaufen.

Ganz zum Schluss dürfen wir noch einen Sonderraum betreten. Er entpuppt sich als der schönste des ganzen Museums. Ein komplett aus Glas gestalteter Kubus, überwiegend in Blautönen gehalten, magisch beleuchtet, erlaubt er durch spezielle Anordnung vieler Spiegel, 700 m in die Himmelshöhe und Meerestiefe zu schauen. Faszinierend wie ein Blick in den Weltraum oder aus einem U-Boot! Wir machen unendlich viele Fotos. Geschaffen wurde dieses über-unter-irdische Kunstwerk von Trondur Patursson (The Deep Blue, 1996).

Anschließend vergnügen wir uns sehr lange im Museumsshop, der gleichzeitig Café ist und malen die Bilder Heinesens als Mandalas aus. Wir überlegen, nicht nur etwas zu trinken, sondern auch Souvenirs zu kaufen (und tun’s dann doch nicht, die Preise). Unsere Tochter und ihr Freund sind so vertieft, dass sie bleiben, bis das Museum um 17 Uhr schließt.

Mein Mann und ich hingegen laufen weiter durch den Vidarludin auf anderem Weg zurück gen Zentrum und entdecken ganz neue verzauberte Figuren im Park sowie zwischen den Häusern. 

Niels Finsen – ein färöischer Nobelpreisträger

Und selbst das Denkmal für den färöischen Arzt und Nobelpreisträger Niels Ryberg Finsen weiter unten in der Stadt wirkt verwunschen. Er forschte über die Notwendigkeit von ausreichend Vitamin D und Sonnenlicht für die Gesundheit – im nebelverhangenen Torshavn wahrlich eine größere Rarität als in Süditalien. Finsen starb sehr jung, mit nur 43 Jahren an Pseudoleberzirrhose.

Wir hingegen flüchten uns zurück in unsere malerische Ferienwohnung, in das Torfhaus Undir Ryggi 15.

Anschrift:
Listasavn National Gallery of the Faroe Islands, Gundadalsvegur 9, 100 Torshavn, www.art.fo 

Ankunft in einer magischen Stadt: Torshavn (Färöer, FO/DK)

 

Unser Ferienhaus in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer

Immer montags um 7.30 Uhr legt die M/S Norröna der Reederei Smyril Line in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer an. Die Färöer gehören zwar zum Königinreich Dänemark, sind aber weitestgehend autonom.

undir ryggi

Da es insgesamt nur knapp 54.000 Färinger gibt, ist ihre Hauptstadt entsprechend klein – und sehr verwunschen. Unser Ferienhäuschen liegt in der Altstadt in einer malerischen Gasse namens Undir Ryggi, was ich mir mit “Unter dem Rücken” übersetze. 

Es ist eines jener uralten Häuser mit grasbewachsenem Torfdach auf Birkenrinde, schwarz geteert, mit weiß abgesetzten Fenstern und grünen Türen. Eng schmiegt es sich an die grauschwarzen Felsen, auch die Wege bestehen aus Felsbrocken, zwischen die ab und an etwas Teer gekippt wurde. Um das Häuschen herum wächst ein wenig Gras und Farn, aber vor den Fenstern gibt es winzige Blumenkästen mit Steingartengewächsen. Dicht daneben stehen die anderen Häuser, zu einem davon gehört eine Hainbuche, die auch auf unser Grundstück wächst. Überall geht es steil bergauf oder steil bergab, mit vielen Stäffeles. Die Müllabfuhr ist hier dementsprechend eine Abholung zu Fuß.

Im Inneren finden wir niedrige, milchweiß gestrichene Holzdecken, einen Dielenfußboden. Küche, Ess- und Wohnzimmer sind eins, nur das Duschbad wurde abgetrennt. Über eine abenteuerliche Holzstiege gelangen wir auf den Dachboden, der in zwei Schlafzimmer unterteilt ist. Nur in der Mitte können wir stehen. Überall hängen alte s/w-Familienfotos, passend zum Design des Geschirrs, aber auch viele andere färöische Bilder und Poster.

Noch nie habe ich ein Feriendomizil erlebt, bei dem Küche und Bad dermaßen umfangreich ausgestattet waren. Dafür sind die Betten sehr weich und sehr durchgelegen: Mein Po ist des Nächtens definitiv der tiefste Punkt. Trotzdem schlafe ich erstaunlich gut und bin morgens immer als erste wach. Von unserem Schlafsofa aus geht der Blick direkt auf den Hafen. 

Im Wohnzimmer liegen viele Kissen und eine Wolldecke, alles in grau-braun-schwarz-weiß, mit typisch färöischen Mustern. Den Bodenteil meiner Morgen-Meditationsgymnastik werde ich auf der Decke machen, die erstaunlich weich und unkratzig ist. Für die Streckübungen hingegen muss ich mich vor die Haustür stellen, wegen der geringen Deckenhöhe. Aber das macht alles nichts: Ich fühle mich in dem Haus geborgen.

frühstücken im café paname

Unser erstes färöisches Frühstück nehmen wir im Café Paname gleich gegenüber dem Rathaus ein. Die Brötchen dort sind selbstgemacht, und eisgekühltes Leitungswasser gibt es kostenlos dazu. Außerdem werden Butter, Käse und die typische färöische Marmelade gereicht: Rhabarber. Diese Pflanze nimmt hier gigantische Höhen an, während die Engelwurz eher klein bleibt – umgekehrt wie bei uns.

Das Café beherbergt ebenfalls die älteste Buchhandlung der Stadt, wirklich sehr gut ausgestattet auch mit dänischen und englischen Büchern – und hier kann ich sogar einen färöisch-deutschen Sprachführer erwerben, nebst einem klassischen färöischen Roman in englischer Sprache, der meinen Namen trägt: Barbara (von Jörgen-Frantz Jacobsen).

Er beschreibt das Leben der legendären Beinta Broberg, die im 17./18. Jahrhundert nacheinander mit drei Inselpfarrern verheiratet war – die ersten beiden starben jeweils nach erstaunlich kurzer Zeit. Der Autor hat das Leben dieser Femme fatale so spannend beschrieben, dass das Buch in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt worden ist.

färöische musik

Noch etwas Spannendes finden wir gleich am ersten Morgen: Den Shop des färöischen Musiklabels TUTL, wo ich im Laufe der Tage vier CDs aus dem Bereich färöischer Jazz, Grottenkonzert und Poesie erwerben werde. So eigen und ungewöhnlich wie alles hier (siehe auch meinen Beitrag: https://pfeiferin.de/die-faeroeer-das-land-von-sowohl-als-auch-fo-dk/).

shoppingcenter auf färöisch


Am Rande der Innenstadt liegt ein kleines Einkaufszentrum namens SMS mit einer schönen, die Farbe wechselnden Glaskunsttreppe im Innern. Hier gibt es drei Imbiss-Restaurants, Bekleidungsgeschäfte, Drogerie, zur Freude meiner Tochter auch eine Niederlassung der dänischen Sostrene Grenes, und natürlich einen großen Supermarkt. Hier gibt es viel Bio, aber natürlich mit Inselaufschlag. Am meisten begeistert die Jungen, dass man hier kostenlos Glasflaschen bekommt (schön mit Kühen drauf), in die man sich die frische Milch selbst abfüllen kann. Was wir auch tun.

tinganes, die thing-landzunge

Spätnachmittags zieht es meinen Mann und mich noch auf die andere Seite des Osthafens, auf die Halbinsel Tinganes. Hier scheint, ebenso wie in unserer Gasse, die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Holzhäuser sind allerdings überwiegend rot angemalt. Wir befinden uns im uralten Regierungsvierteil, das unprätentiöser nicht sein könnte. Nirgendwo gibt es eine Absprerrung, ein Polizeiauto oder ähnliches, nur die Häuschen, dicht an dicht, dazwischen Kopfsteinpflaster, und zu den Hafenbecken links und rechts hin Felsen, auf denen es sich gut klettern lässt.

Zum Land hin wird die Halbinsel durch einen Hügel begrenzt, auf dem die Havna Kirkja liegt, davor Treppen mit Kunst und buten Blumenbeeten. Das Stadtviertelchen Reyn östlich davon ist eines der ältesten der Stadt und dermaßen pittoresk, dass an allen Zugängen Schilder aufgestellt sind, man möge doch bitte die Privatsphäre der dort Lebenden respektieren und zum Beispiel nicht in die Zimmer hinein fotografieren.

Wir setzen uns in das Kaffihusid am Westhafen, das gleichzeitig Kunst anbietet, beispielsweise vier kleine Aquarelle im Format A7 für 200 dänische oder färöische Kronen, das sind rund 25 Euro. Wir trinken heiße Schokolade, genießen den Ausblick aufs Wasser, die alten und neuen Schiffe, und fühlen uns wie verzaubert.

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Anschriften:

Die Färöer: Das Land von sowohl – als auch (FO/DK)

FäröischesSchafAusgemalt
Ein färöischer Widder unterhält sich mit einem Paar in Tracht (ausgemalt von Barbara)

„The land of maybe“ nannten die britischen Besatzungssoldaten zwischen 1940 und 1945 die Färöer. Denn „maybe“, also: vielleicht, war die übliche Antwort der einheimischen Färinger auf die Frage, ob der Weg x morgen passierbar sein oder der Flughafen am Abend im dicken Nebel verschwinden würde. Das Wetter auf den magischen Färöern ist unberechenbar – und die Menschen hier nehmen’s gelassen.

jeder mensch ist künstler*in

Aber nicht nur ein Vielleicht zeichnet das Leben hier aus, sondern ebenfalls ein Sowohl – als auch. Der Fahrer, der uns tagsüber in einem der kostenlosen, etwas klapprigen Stadtbusse durch Torshavn kutschiert, ist vielleicht abends Rockmusiker. Die Verkäuferin in der Design-Boutique arbeitet bestimmt nebenbei als Silberschmiedin. Denn soviel Kunst, Musik, Literatur und Design, wie uns die knapp 54.000 färöischen Menschen zeigen, kann es nur geben, wenn alle in ihrer Freizeit singen, malen, schreiben, stricken – also kreativ sind. 

Papageienwal in unserem Ferienhaus

Jedes Ding hier scheint ein zweites Gesicht zu haben: Der Felsen dort ist ein Troll. Da, wo das geisterhafte Huldrefolk wohnt, sollte man keine Straße bauen. Die Seeanemone im Meer, die wie eine Pflanze ausschaut, ist ein Tier. Eine Ente im Stadtpark-Wald sieht aus wie ein Truthahn (und entpuppt sich im Internet als Warzenente). Viele Schafe sind schwarzweiß gefleckt wie Kühe. Das Boot ist ein Wal – oder ein Papageientaucher. 

William Heinesens Liv (1977) interpretiert von Barbara

Rhabarber wächst zwei Meter hoch, doch die Bäume bleiben häufig klein. Der international berühmte färöische Schriftsteller William Heinesen (1900-1991) war gleichzeitig Grafiker und Komponist. Das Dach unseres schwarz geteerten Holzhauses ist ein mit Birkenrinde nach unten abgedichteter sattgrüner Torfrasen.

Hier arbeiten die  musen zusammen

Aber nicht nur das: Gern werden die musischen Hauptgattungen auch miteinander verknüpft. Und so fordert uns das Kunstmuseum Listasavn in Torshavn bei einigen Bildern auf, mit dem Handy einen QR-Code einzuscannen und in Betrachtung des Gemäldes die Musik zu hören, die genau dazu komponiert worden ist. Laut, damit die anderen im Museum auch etwas davon haben. Oder: Auf den CDs Kristian Blaks, eines der bedeutendsten zeitgenössischen Jazzkomponisten hier, werden Gedichte rezitiert.

Die Färinger leisten sich: eine eigene Universität, alljährlich ein riesiges Musikfestival namens Sommertónar (mit 2022 knapp 200 Konzerten zwischen Mai und September!), ein eigenes CD-Label (TUTL), einen eigenen Fernsehsender (Sjónvarp), ein eigenes Symphonieorchester, das sich auch vor dem Zusammenspielen mit der Metalband Týr nicht scheut – und vieles mehr.

der färöische kettentanz

Ohne diese Liebe zu Kunst und Kultur, die den ganzen Alltag durchwebt, hätten die Färinger als eigenständiges Volk mit Autonomiestatus innerhalb des dänischen Königreichs nicht überlebt. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts zählten sie nicht mehr als viertausend Seelen – eigentlich zu wenig, um eine ganz besondere altnordische Sprache und Kultur zu bewahren. Aber die Färöer tanz(t)en ihren traditionellen, noch aus dem Mittelalter stammenden Kettentanz. Zu ihm wurden über die Jahrhunderte hinweg die vielen, bis zu hundertstrophigen Balladen gesungen. Und der- oder diejenige, die/der die meisten Gedichte auswendig kannte, genoss hohes Ansehen in der Gemeinschaft. Auch heute noch wird zum Beispiel auf Familienfesten stundenlang zusammen gesungen und getanzt. Und alle sind stolz auf ihre Eigentümlichkeiten. So überlebt eine Kultur mit nur wenigen tausend Muttersprachler*innen zwischen Felsen, Trollen, Stürmen, norwegischen Überfällen und dänischer Kolonisation bis zum heutigen Tag.

Links:
* National Gallery of the Faroe Islands Listasavn, Gundadalsvegur 9, FO-110 Tórshavn, https://art.fo/
* Kristian Blak, Reynagöta 12, FO-100 Tórshavn, https://www.kristianblak.com/ 
* über William Heinesen: http://visittorshavn.fo/william-heinesen/
* Fernsehsender Sjónvarp: https://kvf.fo/nskra/sv
* Der Shop des Labels TUTL befindet sich in der Niels Finsensgöta 9c, FO-Tórshavn, https://www.tutlrecords.com/

Mit der M/S Norröna auf die Färöer (FO/DK)

Smyril Line
Auf der M/S Norröna, der Fähre der färöischen Reederei Smyril Line

Viele Deutsche haben das Wort Färöer vielleicht schon gehört, können aber nicht wirklich sagen, was und wo das ist. Die Färöer, also “Schafsinseln”, liegen nordwestlich von Schottland mitten im Atlantik. Sie gehören zu Dänemark, sind aber, genauso wie das ebenfalls dänische Grönland, autonom.


Vom Nordwesten Dänemarks, dem kleinen Ort Hirtshals, verkehrt regelmäßig eine Autofähre dorthin. Sie gehört der Reederei Smyril Line, benannt nach dem färöischen Wort für den kleinen Raubvogel Merlin. Und sie dient – ähnlich wie die Hurtigruten in Norwegen – gleichzeitig der Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern.

die anreise


Allein schon die Fahrt nach Hirtshals erscheint uns, die wir Deutsche Bahn gewohnt sind, wie ein stressiges Abenteuerlein gleich zu Beginn: Wir müssen an einem Samstag von süddänischen Padborg aus fünf Mal umsteigen, Start 7.06 Uhr, geplante Ankunft 13.24 Uhr, Ablegen der Fähre 16.30 Uhr. Noch dazu gibt es ausgerechnet an diesem Wochenende auf einem Teilstück Schienenersatzverkehr. Während aber die DB teilprivatisiert ist und Geld erst zurückerstattet, wenn der Zug mehr als zwei Stunden verspätet ist, zahlt ihr hiesiges Pendant DSB schon bei einer Verspätung ab 20 Minuten. Und vielleicht macht das ja den Unterschied aus – jeder unserer Züge ist pünktlich, der Bus sogar überpünktlich! Wir entspannen uns. 


Die nächste Überraschung erwartet uns dann in Hirtshals: Direkt am Bahnhof gibt es einen Zubringerbus zur Smyril Line. Wir hatten uns bereits auf eine gut 3 km lange Wanderung mit schwerem Gepäck durchs Industriegebiet eingestellt und zahlen deshalb gern die 30 DKr (rund 4 €) pro Nase, die dieser Service extra kostet.

wir gehen an bord


Die Fähre ist riesengroß, aber jetzt, gegen Ende August, schon nicht mehr ganz ausgebucht, sodass wir einen kostenlosen Upgrade von “mit eingeschränkter Aussicht” auf “volle Aussicht” bekommen.


Kaum an Bord, heißt es, die Uhren auf färöische Zeit umstellen, eine Stunde zurück. Dann beginnen wir, das Schiff zu erkunden, das für zwei Nächte unsere Heimat sein soll. Es hat zehn Decks, die natürlich nicht alle betreten werden dürfen. Jede Kabinentür ist mit einem anderen Tier bemalt, bei uns mit einem Dorsch/Kabeljau (auf färöisch Toskur), und dadurch ein klein wenig individuell.

alte fotos erzählen geschichte


Im ganzen Schiff sind die Wände mit Vergrößerungen alter färöischer Schwarzweiß-Fotos tapeziert, mit Bilderklärungen in drei Sprachen, darunter deutsch. So lässt sich schon einiges über die Inselgruppe erfahren. Außerdem aber gibt es kostenlose Reiseführer. Sie sind sehr ausführlich und liebevoll geschrieben, von Menschen, die ihre Heimat wirklich kennen und mögen.


Langsam verschwindet das Festland am östlichen Horizont, die Wellen werden etwas stärker. Die Sonne scheint, und das Schiff ist groß, trotzdem spürt man den Seegang ordentlich. Und auf dem zweiten Deck, wo sich (im Preis inbegriffen) Fitnesscenter, eine kleine Sauna und ein Schwimmbad befinden, sieht man es auch: Wir haben ein richtiges Wellenbad, ausgelöst nur durch die Schwankungen der Fähre! Eine Gaudi für alle Kinder und natürlich auch für uns Erwachsene.


Mein Mann liebt es am meisten, auf Deck 9 ganz vorn am Bug hinter Plexiglas-Windschirmen zu sitzen und aufs Wasser und den Horizont zu schauen. Ich kann auf Deck 10 morgens fast gänzlich ungestört am Heck meine Meditationsgymnastik machen.


Und im Schiff, da hat es mir auf Ebene 5 vor allem die Café-Bar-Bücherei angetan, wo am ersten Abend ein junger Färöer recht gut zur Gitarre singt, Beatles, Bobby McGee, färöische und auch dänische Lieder. Ich bin nicht die einzige, die mitsingt.


Am Sonntag Nachmittag passieren wir die Shetland Inseln auf der Steuerbordseite. Und dann steuern wir nordwestlich über den offenen Atlantik, mit bis zu 2,50 Meter hohen Wellen.  Montag früh gegen 7.30 Uhr erreichen wir Torshavn, die Hauptstadt der Färöer.

Deutschsprachige Webseite der Reederei: https://www.smyrilline.de/