
Zug von Rothenburg nach Stuttgart: 148km x 0,026kg = 3,85 kg CO2
Unterkunft: privat im Zimmer des abwesenden Sohnes = 0 kg CO2
24 Jahre und exakt 4 Monate habe ich in Stuttgart gewohnt und gearbeitet. Deshalb sind die üblichen touristischen Events wie Stadtrundfahrten nichts für mich. Und ins Musical? Ich war in meinem ganzen Leben noch nicht in einem. Was ich jedoch sehr bedauere: Just in der Woche, in der mein Mann und ich da sind, gibt es weder im FITZ Figurentheater noch im Theater am Faden bei der über 80jährigen Frau Brehme in Heslach Veranstaltungen. Dabei gehören diese beiden zu meinen Stuttgarter Lieblingsorten… Helga Brehme bezeichnet sich selbst als glücklichsten Menschen der Welt, und das strahlt sie bei den Aufführungen in ihrem magisch-verwunschenen Fachwerkhaus auch aus.
Die Freundin, bei der wir nächtigen, muss leider arbeiten. So schmeiße ich nur schnell mein Gepäck ab und gehe mit einer anderen Freundin ins Völkerkundemuseum. Schließlich habe ich ja mal mit großer Freude Ethnologie studiert! Erst erfrischen wir uns jedoch mit Getränken im angeschlossenen Restaurant Hegel Eins, das sowohl von Michelin als auch von Gault & Millau ausgezeichnet worden ist. Dann geht es in eine kleine Ausstellung über Frauenleben in Afrika, Beschneidung inklusive, bevor wir die Sammlungen im Erdgeschoss und ersten Stock besichtigen – Afrika, Orient, Ozeanien und Südasien. Das Museum stammt aus dem Jahre 1889, hat also eine lange und auch kolonialistische Geschichte. Seit 2010 ist Inés de Castro Direktorin und versucht, die patriarchal-hegemoniale Sichtweise über Bord zu werfen.
Tags darauf trinke ich mit meinem Mann noch Harry’s Kaffeerösterei in der Eberhardstraße exzellenten Americano, bevor er sich zu einem Treffen mit Freunden aufmacht.
Ich schlendere zur historischen Markthalle. Sie stammt aus dem Jahre 1914 und ist eine echte Stuttgarter Sehenswürdigkeit. Dort gibt es inzwischen viel mehr Biostände als zu meiner Zeit. Ich kaufe ich kaufe am Stand der Bio-Bäckerei Baier eine leckere vegane Foccaccia mit Tomaten.

Weiter geht es zum Schlossplatz. Im Kunstgebäude (das ist das mit dem goldenen Hirschen auf der Kuppel) läuft gerade die Ausstellung „Das kalte Herz“ – moderne Kunst im Gespräch mit dem früh verstorbenen Stuttgarter Romantiker Wilhelm Hauff. Das Märchen erzählt die Geschichte des armen Schwarzwald-Köhlers Peter Munk, der sich nach Reichtum und sozialer Anerkennung sehnt. Dabei trifft er auf das freundliche Glasmännlein und den finsteren Holländer-Michel. Wie das weiter- und ausgeht, musst du schon selbst nachlesen. Im Museumsshop (die Ausstellung läuft noch bis zum 4.10.26) gibt es jede Menge rosarote Herz-Devotionalien zu kaufen. Ich enthalte mich.
Vor der berühmten Stuttgarter Oper (sie war schon häufig Oper des Jahres) setze ich mich in den Schlosspark und vespere meine Foccaccia. Danach laufe ich weiter zum Charlottenplatz. Im Weltladen erstehe ich Bio-Kaugummi, thailändisches Geschenkband und ein neues weißes Baumwoll-Kopftuch (vermutlich in der Vorahnung, dass mein von zu Hause mitgebrachtes kurz darauf just in Stuttgart seinen Geist aufgeben würde).
Weiter geht es zum Arthaus Kino Atelier am Bollwerk. Eigentlich mag ich das Delphi von der Atmosphäre und den Sichtverhältnissen her lieber, aber heute passt mir das Bollwerk-Programm besser. Um 15:20 Uhr beginnt der Film Vivaldi und ich. Überraschenderweise ruft mein Mann vorher an und stößt dazu. Sehr bunter, sehr bewegender Film – die Frauen quasi rechtlos im Venedig des 18. Jahrhunderts – und Vivaldis Musik wird uns noch ein Stück nähergebracht.
Während mein Mann sich danach mit einem anderen Freund trifft, fahre ich zurück zu meiner Freundin. Wir machen Salat und gehen danach noch bei der Vana Eismanufaktur in der Breitscheidstr. 20 genießen. Es gibt dort sehr viel bio, sehr viel vegan, und es ist einfach super-lecker. Ich schlecke Schoko- und Mandeleis. Ein absolutes Muss!
Einen Tag später mache ich einen Ausflug in den Schwarzwald, hierzu gibt es einen gesonderten Artikel.
Am letzten Tag gießen mein Mann und ich das Grab von Verwandten in Alt-Sillenbuch und fahren dann mit dem Bus hinunter zum Necker nach Esslingen. Zwei Dinge haben wir vor: Besuch des Schreiber-Museums und des Merkelschen Bades. Im Bus flaxe ich, dass das Schreiber-Museum ja vielleicht geschlossen hat. Spaßeshalber schaut mein Mann nach, und zu unserer großen Überraschung ist es tatsächlich wegen Hitze geschlossen! Zum Merkelschen Bad verweise ich auf meinen Artikel vom 10.3.2019. Es hat uns auch diesmal richtig großen Spaß gemacht in diesem wunderschönen Jugendstil-Mineralbad!
Nur wenige Kleinigkeiten zur Ergänzung:
* Im Bio-Bistro Brot & Café essen und trinken wir etwas – und treffen dort die Mutter eines Schulfreundes unserer Tochter.
* Sehenswert, wenn auch düster, ist die Stadtkirche von Esslingen, St. Dionys, aus dem 13. Jahrhundert.
* Auf dem Weg zum Bahnhof entdecken wir schließlich noch die Eiszeit: Ein Steg führt über den Neckarnebenarm direkt zur Alten Zimmerei. An diesem malerischen Ort in Sichtweite der Doppeltürme der Stadtkirche St. Dionys betreibt Simone Meier-Röhn ihr Eiscafé mit biologischen Eissorten, die sie direkt vor Ort herstellt. Darunter sind sowohl feines Milcheis wie die Haussorte „Weiße Schokolade mit Karamell und Haselnüssen“, als auch Sorbets mit mindestens 50% Fruchtanteil. Das konsequente Konzept bringt mit, dass Erdbeereis erst dann auf der Karte steht, wenn die heimischen Früchte reif sind. Lecker!
An unserem letzten Abend schließlich laden wir meine Freundin ins Restaurant ein: Im Soy Club Stuttgart gibt es ausschließlich vegane Kost! Wir sitzen bei strahlendem Sonnenschein im Freien und lassen es uns gut gehen.
