Konstanz: Zwischen Menschenverbrennung und Kunst

Blick vom Landungssteg auf die Konstanzer Uferpromenade
Blick vom Landungssteg auf die Konstanzer Uferpromenade

Zug Stuttgart-Konstanz 174km mit der Gäubahn (über Rottweil und Radolfzell) x 0,04kg CO2 = 6,96kg
7 Nächte in Konstanz, Ferienwohnung 20 m² zu zweit: 10 x 7 x 0,054kg CO2 = 3,78kg
Rückfahrt Konstanz-Padborg mit der malerischen Schwarzwaldbahn 991km x 0,026kg CO2 = 25,77kg
Gesamt: 36,51kg CO2
<Im Durchschnitt sollte man pro Tag nicht mehr als 2,33kg CO2 verbrauchen, Essen etc. inklusive, um den Klimawandel nicht weiter anzuheizen. Notlösung: Ausgleichszahlung bei atmosfair.>

Ich bin nicht zum ersten Mal in Konstanz, denn erstens liegt es nicht weit von meinem früheren Wohnort Stuttgart entfernt, und zweitens studiert derzeit unsere Tochter dort Biologie. Leider ist unsere diesmalige Ferienwohnung in der St. Johanngasse 6 nicht empfehlenswert: Sie liegt zwar direkt am Münster, mitten im ältesten Viertel der Stadt, und das Haus stammt aus dem Jahre 1275, sie wirkt auch auf den allerersten Blick romantisch mit ihrer rohen Steinmauer am Kopf des Bettes, ist aber auf den zweiten Blick (a) dreckig, (b) abends extrem schlecht beleuchtet und hat (c) einen so kleinen Tisch, dass man daran nur schlecht essen, geschweige denn ordentlich am Laptop arbeiten kann.

Warum ich bei meinem Besuch in diesem Jahr immer wieder an Jan Hus denken muss, den Prager Reformator, den sie hier am 6.7.1415 bei lebendigem Leib verbrannt haben, obwohl ihm zuvor freies Geleit zugesichert worden war, weiß ich nicht sicher. Wir sind weder im Hus-Museum noch stolpern wir über eines der Mahnmale. Trotzdem erinnern mich die uralten Häuser an ihn. Und natürlich die Tatsache, dass Konstanz über die Jahrhunderte hinweg katholisch geblieben ist.

Blütenbrot
Blütenbrot von der Bio-Bäckerei Zuck & Kaun

Zunächst heißt es aber ökologisch einkaufen, und das ist zum Glück nicht schwer: Direkt um die Ecke gibt es das Backstüble Zuck & Kaun. Die Bio-Bäckerei im Herzen von Konstanz bietet Brote, Kleingebäck (z. B. Brötchen), süße Teilchen und Kuchen in Bioland-Qualität. Dabei legt sie großen Wert darauf, möglichst regionale Bio-Rohstoffe zu verwenden. Hier erstehen wir unter anderem ein herrliches Brot, über und über mit bunten Blüten bestreut. Etwas mehr Richtung Bahnhof liegt dann der Alnatura-Biomarkt, der zu recht günstigen Preisen alles bietet, was mensch zum Essen braucht. Wir kochen und promenieren dann am Abend das Konstanzer Bodenseeufer entlang, wo gerade ein Volksfest stattfindet.

Später während unseres Aufenthalts entdecken wir noch den Wochenmarkt auf dem St.-Stephans-Platz (diens- und freitags) und dortselbst einen wirklich exzellenten, wenn auch nicht ganz billigen Demeter-Stand des Pestalozzi Kinderdorfs Stockach.

Am Sonntag besuchen wir zwei Kunstausstellungen gegenüber dem Münster im Kulturzentrum: Hier gibt es in jeder Ecke des Gebäudes andere Künstler*innen zu bewundern, jeweils mit gesondertem Eintritt (und manchmal ohne Kosten). In der constance contemporary Kunstbaustelle zeigen sie unter dem Motto „Das Nichts ist so viel wie das Etwas“ Werke des schwäbischen Künstlers Willi Siber, die meinen Mann faszinieren. Mir gefallen vor allem seine magischen, farbigen Werke (die Ausstellung ist mittlerweile beendet). Im alten Gewölbekeller (noch bis 30.8.26 zu bewundern) heißt die Ausstellung vom Kollektiv Korpa „Woven Bodies, Stitched Apart“, die sich mit unserer hyperkapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft auseinandersetzt. Am besten gefällt mir die schon fast kitschige Blüte von Charlotte English aus dem Jahre 2025, eine Romantisierung ihrer Trauer um die verstorbene Mutter.

Danach treffen wir uns mit unserer Tochter, ihrem Freund und dessen Eltern im türkischen Restaurant Minoo (mit nordafrikanischen Anklängen), das Essen ist zwar vegan, aber nicht sonderlich doll, die Atmosphäre im Hof hingegen sehr stimmungsvoll.

Anschließend wollen seine Eltern zurück nach Stuttgart und die „Kinder“ zum Aufräumen und Ausschlafen nach Hause (die Tage zuvor fand das Campusfestival statt). Klaus und ich fahren ein Stück mit ihnen zurück und gehen in das wirklich empfehlenswerte Programmkino Zebra. Hier darf man sogar regelmäßig montags am Abend nur das zahlen, was man kann (mindestens jedoch 2€). Wir schauen einen spannenden Dokumentarfilm von Julia Lemke und Anna Koch, Zirkuskind. Er erhielt bei der Berlinale 2025 eine lobende Erwähnung, 2026 außerdem den Preis der deutschen Filmkritik sowie den Deutschen Filmpreis. Das Leben einer deutschen Zirkusfamilie zwischen Realismus und Magie – FSK 0, du kannst ihn also auch mit deinen Kindern schauen, es lohnt sich. Die Tiere des Circus Arena, um den es im Film geht, werden angeblich gut gehalten und sind für die Menschen dort regelrecht Familienmitglieder. Ganz sicher bin ich mir zwar nicht, ob das so stimmt, hoffe es aber natürlich für die Tiere.

Veganes Bio-Eis im Café Liesel
Veganes Bio-Eis im Café Liesel

Am Montag (1.6.26) besuchen wir Dingelsdorf und dort die Kirche St. Nikolaus, die mir recht gut gefällt. Ansonsten hat dieser Ortsteil von Konstanz nicht viel zu bieten. Zum Glück haben wir ein Bodensee Ticket West, und können damit kostenlos mit dem Nahverkehr hin- und herfahren, was wir ausgiebig nutzen. Zurück in Konstanz machen wir eine kleine Hafenrundfahrt und essen dann köstliches, veganes Bio-Eis bei Liesel auf der Marktstätte. Danach holen wir unsere Tochter von der Arbeit ab und verbringen einen gemütlichen Abend mit dem Paar in seiner neuen Wohnung auf der anderen Rheinseite.

In den folgenden Tagen unternehmen wir viele Ausflüge – dazu gibt es gesonderte Artikel. Zwei weitere Orte in Konstanz verdienen jedoch noch Erwähnung: Da ist zunächst einmal Das Voglhaus in der Altstadt – ein Café und Restaurant mit sehr, sehr vielen Auszeichnungen, in denen man bio und vegan essen kann. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gute Erfahrungen hier gemacht. Diesmal gab es einen kleinen Wermutstropfen, vielleicht, weil wir zu kurz vor der Schließung dort waren: Die veganen Bratwürste waren quasi roh und kalt. Da alle Male zuvor das Essen wirklich gut schmeckte, möchte ich Das Voglhaus trotzdem empfehlen!

Die zweite Erwähnung: das Theater in Konstanz. Die Stadt beherbergt im ehemaligen Jesuitengymnasium die älteste noch bespielte Sprechbühne Deutschlands aus dem frühen 17. Jahrhundert. Daneben gibt es im Sommer Freilichtaufführungen auf dem Münsterplatz – in diesem Jahr Büchners Lustspiel Leonce und Lena. Wir selbst schauen uns ein Stück in der Spiegelhalle an, die direkt an der Bodenseeuferpromenade liegt: „Rollenwandel: Schiff der Träume“, nach einem Drehbuch von Federico Fellini. Eine opulente Traum- und Trauerreise, bei der die Schauspieler jeweils in mehrere Rollen schlüpfen, gesungen (gut!) und Klavier gespielt (ebenfalls gut!) wird auch. Das Spannende an der Sache: Hier hat nicht die Intendanz des Theaters entschieden, was in welcher Besetzung auf die Bühne kommt, sondern das Kollektiv. Das hat offenbar anfangs auch durchaus geknirscht, aber das Ergebnis ist überzeugend und magisch, und so kann man dem Ensemble nur viele weitere Vorstellungen in der nächsten Saison wünschen!

Nach einer Woche müssen wir zurück nach Dänemark. Es war bestimmt nicht unser letzter Aufenthalt in Konstanz – und wir kommen gern wieder, nur nehmen wir nächstes Mal auf jeden Fall eine andere FeWO!

 

 

 

 

 

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