Zug von Bonn nach Rothenburg: 332km x 0,026kg = 8,632kg CO2 Unterkunft 20 m², 4 Nächte allein, 2 Nächte zu zweit, 0,054kg/m² = 5,4kg CO2
Warum habe ich zwischen meinen Besuchen bei Freundinnen in Bonn und Stuttgart das fränkische Rothenburg ob der Tauber als Reiseziel gewählt? Dafür gab es eine Vielzahl von Gründen:
* Zum einen sollte der Ort in einer vertretbaren Entfernung zwischen den beiden Zielen liegen.
* Zum anderen habe ich für meinen Weihnachtsblog dezidiert nach einem Ort mit entsprechendem Museum oder Shop gesucht – und Rothenburg bietet beides – was die Shops anbelangt, sogar im Plural, 365 Tage im Jahr. Selbst das örtliche Gebäck ist winterlich, es heißt Schneeballen. Das obige Guckkästlein, das man auch mit der Post verschicken kann, habe ich z.B. in der Kunsthandlung Endlein in der Unteren Schmiedgasse 2 erworben. Ich werde mich bei meinen Rothenburg-Artikeln auf diesem Blog hier auf die Nicht-Weihnachts-Attraktionen beschränken und verweise ansonsten auf meine Webseite Magische Weihnachten. * Drittens ist das Städtchen nicht nur an sich sehr romantisch, sondern auch noch höchst malerisch hoch über (also: ob) dem Taubertal gelegen.
* Viertens war ich das letzte Mal als Kind dort. * Und schlussendlich bietet es genau an Pfingsten jedes Jahr UNESCO-Welterbe vom Feinsten.
Also nichts wie hin, z.B. über Pfingsten (so wie ich) – oder in der Adventszeit!
Da ich sechs Jahre in Köln gewohnt und währenddessen teils auch in Bonn gearbeitet habe, ist mir dieser Teil des Rheinlands seit Jahrzehnten vertraut. Deshalb gibt es heute keine Tipps für Anfänger-Tourist*innen.
In den zweieinhalb Tagen, die ich diesmal bei meiner Freundin verbringe, gehe ich viel in den Rheinauen spazieren, mit Blick aufs Siebengebirge. Ein kleine Fähre bringt mich auch rüber nach Nieder- (und Ober-)Dollendorf (gehört zur Gemeinde Königswinter). Die Kirche St. Michael mit ihrem romanischen Glockenturm ist leider geschlossen. Nur aus zweiter Hand kann ich von einer örtlichen Eigentümlichkeit berichten: An drei Tagen im Jahr (Fronleichnam, zur Kirmes Ende September und am Fest des Heiligen Sebastian) wird hier gebeiert. Darunter versteht man ein spezielles Anschlagen der Glocken von Hand, mit besonderen Melodien und Texten. Wenn du mehr über diesem rheinländischen Brauch wissen möchtest, findest du weitere Infos (inkl. einem kleinen Niederdollendorfer Video) hier bei Wikipedia.
Sehr empfehlenswert ist die Bonner Kinemathek in der Brotfabrik, ebenfalls rechtsrheinisch im Stadtteil Beuel gelegen. In diesem Programmkino kannst du Filmkunst jenseits des Ami-Mainstreams erleben. Meine Freundin und ich entscheiden uns für Richard Linklaters „Nouvelle Vague“, eine Hommage an Jean-Luc Godard und das Paris des Jahres 1960. Im Theater der Brotfabrik (selbes Gebäude, selber Stock) werden auch ukrainischsprachige Stücke wie die „Konotoper Hexe“ oder Amateurtheater wie „Circe“ angeboten. Magisch! Und das Kinoprogramm ist abwechslungsreicher als in unserem Flensburger Pendant 51 Stufen, wo die Filme nur einmal pro Woche wechseln.
Ein weiterer Höhepunkt meines diesjährigen Aufenthalts ist der Besuch des modernen Bundeskunsthalle auf der Bonner Museumsmeile. Hier habe ich schon einige wirklich bemerkenswerte Ausstellungen gesehen, diesmal ist es nun eine über Amazonien (läuft noch bis 9.8.2026). Halbethnographisch werden indigene Sichtweisen auf die Welt und die Umsetzung in Kunst gezeigt. Schon der Eingangsbereich in die Ausstellung ist faszinierend! Ich erlerne die Technik des Rundwebens mit Pappteller und Bast und erwerbe eine peruanische Fairtraide-Rassel, eine Kalebasse mit eingeritztem Frosch-Motiv von Amazon Ecology.
Doch nach drei Nächten geht es schon weiter, mein nächster Stopp wird Rothenburg ob der Tauber in Franken sein.
Viele exotische Tiere haben sich mittlerweile im milden Bonner Klima häuslich eingerichtet. Dazu gehören Halsband- und der etwas größere Alexandersittich mit rund 2.400 Vögeln, die sich in der Dämmerung laut kreischend auf ihren Schlafbäumen versammeln. Sie stammen vermutlich von der Gefangenschaft entflohenen Haustieren ab und ursprünglich aus Afrika und Asien. Zu Zeit wird geprüft, ob sie in die Schwarze Liste invasiver Arten aufgenommen werden sollen.
Ähnliches gilt für die kanadische Nonnengans und vor allem die hässliche, laute Nilgans, die sich insbesondere im Rheinauenpark und entlang des Rheinufers stark ausbreitet. Sie ist mittlerweile fester Bestandteil des Stadtbildes, verkotet die Parks und verdrängt heimische Wasservögel. Dazu noch zeigt sie sich als wenig scheu und manchmal sogar aggressiv.
Ergänzt werden diese Vögelchen durch südamerikanische Nutrias (Bisamratten), die einer Pelztierfarm entkamen. Sie graben große Löcher in die Böschungen und fressen nützliche Wasserpflanzen und Teichmuscheln und knabbern in der Rheinaue die Rinde von Bäumen ab, sodass sie absterben.
Leider werden all diese invasiven Arten nach wie vor von unwissenden Menschen gefüttert. Wenn du dann noch deinen Garten mit einer amerikanischen Thuja-Hecke umgibst, japanischen Hortensien pflanzt, deinen englischen Rasen regelmäßig niedermähst und pestizidgetränkte Unbio-Lebensmittel isst, hast du alles getan, um der Biodiversität in Deutschland den Garaus zu machen!
Aber es gibt noch Hoffnung. Bei meinen Spaziergängen am Bad Godesberger Rheinufer entdecke ich auch Bunt- und Grünspecht, Eichelhäher, Kleiber und Amseln, giftigen Hecken-Kälberkropf, Weißes Labkraut, Acker-Rettich, Weg-Rauke, Raue Gänsedistel, Acker-Hornkraut und Wilde Sumpfkresse, neben vielen anderen Arten. Bitte lasst euch nicht vertreiben!
CO2: Zugstrecke MA-BO 214km = 5,5kg CO2 Unterkunft in Bonn: privat = 0kg CO2
Zu den schönsten Zugstrecken Deutschlands zählt die Bahnfahrt entlang des Rheins. Schon kurz vor Mainz erhascht man erste Blicke auf den großen Fluss, und danach wird es dann richtig romantisch. Voraussetzung: Du nimmst nicht die vielerorts unterirdische rechtsrheinische Strecke, sondern die linke via Koblenz. Sie führt durch das UNESCO-Welterbe „Oberes Mittelrheintal“ mit seinen Burgen, Kapellen und Weinbergen.
Auf der rechten Seite kommen zunächst Rüdesheim und das Niederwalddenkmal, dann bei uns Bingen mit dem Binger Loch. Etwas weiter den Strom hinab passieren wir Bacherach, das mich immer an den dortigen Rabbi aus der Feder Heinrich Heines und die Judenverfolgung erinnert. Ganz besonders gefällt mir das Örtchen Kaub: Hier liegt auf einer kleinen Insel mitten im Fluss die rotweiß gestrichene Burg Pfalzgrafenstein. Auf ihrer gegen Eisgang verstärkten Spitze hält ein goldener Löwe Schwert und Wappenschild. Sie stammt aus dem Jahr 1326 und diente der Überwachung des Schiffszolls, nicht als Wohnstatt. Der barocke Turmhelm wurde allerdings erst 1714 aufgesetzt. Die Burg ist heute für Besucher zugänglich und mit einer Personenfähre erreichbar.
Aber nun kommt auch schon die Loreley, eine Felswand am rechten Ufer an der tiefsten und engsten Stelle des Mittelrheins. 1801 von Clemens Brentano galt die Geschichte der dort hausenden Nixe schon zu Heines Zeiten 1824 als altes Volksmärchen:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Mährchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar; Ihr gold’nes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr gold’nes Haar.
Sie kämmt es mit gold’nem Kamme, Und singt ein Lied dabei; Das hat eine wundersame, Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh’.
Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lore-Ley getan.
Das Gedicht wurde alsbald vertont und war so beliebt, dass selbst die Bücher verbrennenden Nazis es nicht verbieten wollten. Jedoch behaupteten sie, nicht der getaufte Jude Heine, sondern ein Unbekannter sei der Verfasser gewesen.
Nach Koblenz wird die Bahnstrecke etwas weniger romantisch, ist aber immer noch schön. Um 21 Uhr komme ich schließlich am Bonner Hauptbahnhof an und werde von meiner Freundin abgeholt.
Alle zwei Jahre findet im Mannheimer Jugendforum im Mai eine anarchistische Buchmesse statt, 2026 zum achten Mal. Ich selbst bin seit 2024 für die Graswurzelrevolution mit dabei und betreue zusammen mit einem Kollegen aus Marseille und einem aus Kelkheim den Stand.
Auf der Messe kann man anarchistische Sach- und Fachbücher, aber auch Literarisches und Kinderbücher bekommen, daneben Sticker, T-Shirts, Hoodies, kurdische Tücher oder Infos über die Sea Punks, die mit einem eigenen Schiff auf dem Mittelmeer Flüchtlinge in Seenot retten.
Begleitet wird dies von jeweils zwei parallel stattfindenden Buch- oder Projektvorstellungen mit Diskussion pro Doppelstunde. Auch wir zeigen dort zwei unserer neuen Titel: “Die Kriegslogik durchbrechen!” (wo es um den Gaza-Konflikt geht) und “Anarchistisches Recht”, was sich auf dieser Messe später als unser Bestseller erweist.
Mittags kocht ein Kollektiv (unterstützt von den Anwesenden) herrliches veganes Essen (besser als in vielen Restaurants), Fladen mit Kreuzkümmel, Dhal, Nudeln mit Tofu usw., dazu gibt es Salate, und das alles gegen Spende (3-5€ waren erwünscht).
Und nach Ende jeden Messetags gibt es natürlich noch Abendveranstaltungen, Kinofilme, Singen für Leute, die nicht singen können, weitere Diskussionen. Nach elf Stunden Standdienst pro Tag bin ich dafür allerdings zu k.o. Aber: Ich komme bestimmt wieder 2028!
Direkt gegenüber dem NYX-Hotel, in dem ich residiere, befindet sich das EinTanzHaus. Es ist in der säkularisierten Trinitatis-Kirche aus den 50er Jahren untergebracht. Hier genieße ich den schönsten Abend meines Mannheim-Aufenthalts. Für 19:30 Uhr laden sie ein zu einem kostenlosen Folk-Abend. Und er ist nicht nur kostenlos, sondern man bekommt in der magischen Kirchenatmosphäre sogar noch etwas geschenkt: An allen Sitzplätzen rund um die Tanzfläche stehen große Teller mit warmer, duftender, vegetarischer Blechpizza und Karaffen mit Wasser.
Zunächst einmal sollen wir uns in Dreiergruppen zusammenfinden und mit einer Polonaise auf die Bühne schreiten. Der Tanz wird immer wilder und geht immer mehr durcheinander, bis wir schließlich alle hellwach, mit klopfenden Herzen und strahlend auf die Sitzbänke fallen, um uns zu stärken und einander vorzustellen. Währenddessen gehen die Tänzer*innen, die uns eingeladen haben, nacheinander von Tisch zu Tisch und erzählen, was sie vorführen und uns beibringen wollen. Eine Inderin ist dabei, zwei türkische Kurdinnen, rumänische Geiger, eine Frau, die sich auf Hulahoop-Kunst versteht, ein Österreicher, der uns Schuhplattler nahebringt, eine Hiphopperin und eine Frau, die die französische Version davon tanzt, die in etwa Danse du Peuple heißt.
Und bei allem heißt es mitmachen! Auch wenn es Begabtere als mich gibt: Es ist wunderschön! Zwischendurch gibt es immer so etwas wie Disko, nur dass die Musik zum Beispiel eine Tarantella ist. Am Ende bedeutet der Österreicher uns, mit den Händen einen Schuplattlertakt auf den Boden zu klatschen. Und da wir nun ja alle schon unten auf der Erde sind, legen wir uns zum letzten Lied der Länge nach hin, schließen die Augen und genießen die Musik.
Als dann die Lichter wieder heller werden, stehen wir auf. Am Ausgang begleiten uns die Rumänen auf ihren Geigen spielend. Es ist 22 Uhr, noch ein klein bisschen abenddämmernd, und am liebsten würde ich mir die Abschiedsmelodie für den Rest meines Lebens merken – und kann sie doch am nächsten Morgen nicht mehr rekapitulieren.
Auf meiner 150-Wünsche-Liste für die nächsten Monate stand u.a. Diskotanz. Dass er auf diese Weise in Erfüllung gehen würde, konnte ich nicht ahnen. Magisch war’s, von der ersten bis zur letzten Minute. Im Juni 2026 findet in der Kirche die nächste kostenlose Folkdans-Party statt. Bitte geht hin!
Blick von der Mannheimer Neckarbrücke auf ein Schiff mit Pappkamerad*innen
CO2-Werte:
Zugfahrt Padborg-Mannheim: 716km x 0,026kg CO2 = 18,62kg
Hotel Mannheim: 16m² x 4 Nächte x 0,054kg = 3,46kg
Ich bin wieder auf dem Weg gen Süden, diesmal für 25 Nächte und insgesamt 2.575 km. Die ersten vier Tage verbringe ich in Mannheim. Aber zunächst einmal heißt es, dorthin zu kommen. Der schönste Teil der Zugstrecke in Schleswig-Holstein liegt rund um Rendsburg: Hier führt der Weg auf einer riesigen Eisenbahnbrücke über die Häuschen, die winzigen Menschlein und den Nord-Ostsee-Kanal, den ich gern einmal vom Anfang bis zum Ende laufen würde. Einen Teil davon erwanderten wir mit unserer damals etwa zehnjährigen Tochter bei der Querung des Bundeslandes von Kiel bis Meldorf. Um die Eisenbahnbrücke in voller Pracht bewundern zu können, musst du in Fahrtrichtung auf der linken Seite des Zuges sitzen.
Warum Mannheim? Nicht wegen der Kindheitserinnerungen – in den 70ern gab es in der Innenstadt noch das Kaufhaus Horten, und wir fuhren regelmäßig samstags zum Einkaufen dorthin. So konnte meine Mutter, die den Umzug von Berlin in den Odenwald nicht vertragen hatte, ab und an ein wenig Stadtluft schnuppern.
Horten gibt es nicht mehr, stattdessen alle zwei Jahre die Anarchistische Buchmesse Mannheim, 2026 zum achten Mal. Dort stellt auch die Graswurzelrevolution ihre Titel vor, und ich mache wieder Standdienst. 2024 schlief ich bei einem linken Wohnprojekt im Wohnzimmer auf der Matratze. Das war zwar spannend, nett und obendrein kostenlos, aber diesmal habe ich mich trotzdem für ein Hotelzimmer entschieden, auch wenn ich das selbst zahlen muss. Die Fahrtkosten hingegen trägt der Verlag.
Aufgrund der langen Strecke reise ich schon am Vortag an. Mein Zug hat Padborg offiziell um 9.02 Uhr verlassen (de facto etwas später) und trudelt schon kurz nach 17 Uhr in Mannheim ein – wider Erwarten habe ich sogar den Anschluss in Hamburg geschafft. „Mythos Akko“ hat jemand unterwegs an eine Ziegelwand gesprayt, und sofort kommt bei mir noch größere Fernweh auf, ich muss an Wüste und Orient denken, auch wenn vielleicht nur irgend eine schnöde Firma gemeint ist. „Mannheim-Mythos“ hingegen, das klingt von vornherein schräg. Dabei hat die Kurpfälzerin eine der größten (barocken) Schlossanlagen der Welt. Auch die Anlage der Innenstadt in Planquadraten geht auf den Fürsten Friedrich IV. und das Jahr 1606 zurück, Ausdruck barocker Naturbeherrschungssucht. Auch mein Hotel befindet sich hier, F4, 4, es heißt NYX, gehört zur Leonardo-Gruppe, versteht sich als Arthaus und nachhaltig.
Bei abflauendem Gewitter-Regen-Sturm laufe ich vom Bahnhof dorthin. Unterwegs gönne ich mir noch bei Alnatura ein leckeres, veganes Rhabarberstückle.
Das Hotel liegt in der Nähe der Fressgass‘ (der Name ist Programm) gegenüber der Synagoge. Die Lobby: bunt neonbeleuchtet. Das kleine Zimmer im vierten Stock zeigt zum Glück auf den Hinterhof. Es ist dunkelbraun-rot gehalten und auf der einen Seite mit einer Schleiereule, auf der anderen mit einem Leoparden geschmückt. Das muss man mögen, ich tu’s eher nicht. Deckenbeleuchtung und Stuhl sind leider Fehlanzeige.
Nach dem Auspacken und Bildtelefonieren mit Mann und Tochter mache ich mich auf den Weg ins Programmkino Odeon. Dort läuft der Film „Rose“, eine Frau, die sich während des Dreißigjährigen Krieges als Mann durchschlägt und diese Frechheit am Ende mit dem Leben bezahlt… Das Ganze in schwarz-weiß gedreht und sehr bewegend. Ein empfehlenswertes, auch am Mittwoch gut besuchtes Kino (obwohl sie keinen Wein verkaufen :-)).
Die Nacht im Hotel verläuft ruhig, und das Frühstück am nächsten Morgen ist auch für Veganer*innen einigermaßen Okay, obwohl sie jede Menge Schilder falsch verteilt haben und man eher nach der Farbe beurteilen muss, welche Marmelade was ist. Auf Nachfrage gab es sogar Pflanzendrink, in diesem Fall Soja mit Vanille. Bio ist nur der Tee, der Rest von der Qualität her eher unteres Niveau.
Padborg-Hamburg-Lübeck per Zug: 2x 230 km à 26g = 11,96kg 2 Nächte im Motel One, 16 m², pro Nase: 0,864kg Gesamt: 12,824kg Jahresbudget incl. Essen und Trinken: 2.000 kg
Für ein romantisches Wochenende zu zweit ist Lübeck ideal! Ich hatte Klaus zu Weihnachten einen Gutschein für’s dortige Wassertheater geschenkt, und den wollte er nun (März 2026) einlösen. Zum Übernachten entschieden wir uns schnell für das Motel One (Schüsselbuden 15, https://www.motel-one.com/de/hotels/luebeck/hotel-luebeck/), weil direkt am Rathausmarkt mitten in der Altstadt gelegen. Um er kurz zu machen: Wir haben die Wahl nicht bereut, obwohl die Kirchenglocken mit der Zeitumstellung lautstark zu kämpfen hatten. Das Motel bemüht sich um Nachhaltigkeit, auf dem Frühstücksbuffet ist fast alles bio (mit erstaunlich vielen veganen Optionen) und das Hotelpersonal wirklich außergewöhnlich freundlich. Mit einem Wort: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt zu 100%.
Auch mit der Deutschen Bahn hatten wir diesmal auf beiden Strecken Glück – sämtliche Züge waren pünktlich!
Die Altstadt von Lübeck ist UNESCO Welterbe, und das zu Recht. Romantischer kann eine deutsche Stadt nicht sein. Und es dort ist viel mehr los als im fast dreimal so großen Stuttgart – Menschen in Cafés, kreative Geschäfte und vieles mehr. Am liebsten würde ich mir dort eine Ferienwohnung kaufen, aber das gibt unser Budget nicht her. So weiß ich jedoch sicher: Wir kommen wieder!
Zunächst einmal heißt es nach unserer Ankunft: den Hunger stillen, und das tun wir im Marae – Kaffee & Zauberei (Engelsgrube 59, https://marae.de/). Hier ist alles vegan, fast alles bio – und darüber hinaus schmeckt es einfach klasse. „Marae“, verraten uns die Besitzer, werden die Gemeinschaftshäuser der Ureinwohner Neuseelands (Maori) genannt, in denen sich die Menschen treffen, um zu essen, zu trinken, sich zu unterhalten & zu beratschlagen, oder einfach Zeit zusammen zu verbringen. Und von Neuseeland schwärmen sie beide. Gemütliches Ambiente, rundum empfehlenswert!
Niederegger Marzipan-Museum – der Gründer in seinem Element
Anschließend wollen wir ins Buddenbrookhaus (Mengstr. 4), aber das ist geschlossen und wird bis 2030 renoviert, wovon die Webseite kein Sterbenswörtchen erwähnt. Also besuchen wir das Niederegger Marzipanmuseum(Breite Str. 89, https://www.niederegger.de/). Es ist ein bisschen versteckt, zuerst muss man durch den Laden im EG, dann durch’s Café im 1. Stock, um schließlich im 2. Stock alles über die Geschichte der Marzipanherstellung zu erfahren. Da’s keinen Eintritt kostet, kann ich den Besuch empfehlen. Hier siehst du das Holstentor aus Marzipan, lebensgroße Menschen aus selbigem Stoffe und kannst dich auf Tafeln informieren. Marzipan galt früher einmal als Heilmittel und wurde in Apotheken verkauft! Das Café hingegen ist altbacksch, der Shop überfüllt. Es gibt zwar veganes Marzipan, aber kein Bio. Wir kaufen deshalb nichts ein.
Nach einem kurzen Abstecher zum Hotel kann ich meinen Mann überreden, mit mir zur Breiten Str. 13 zu laufen. Dort befindet sich ein weiterer Marzipanhersteller, nämlich Mest (https://www.mest.de/). Hier geht es ganz anders zu als beim von Touris überlaufenen Niederegger: ruhig, gelassen, freundlich. Und: Es gibt nicht nur veganes Marzipan, sondern auch Bio! Wir decken uns ein und sind rundum zufrieden. Nähere Informationen findest du hier: https://magische-weihnachten.de/luebecks-bestes-marzipan-bei-mest/.
Für den Abend haben wir uns kurzfristig Tickets für die Musik- und Kongresshalle Lübeck besorgt (Willy-Brandt-Allee 10, https://www.muk.de/). Die Norwegerin Tabita Berglund dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester, Solist ist der russische Pianist Alexander Melnikov. Ein kurzes Werk des (wie wir leider erfahren müssen: Faschisten) Geirr Tveitt steht auf dem Programm, gefolgt von einem Klavierkonzert Tschaikowskys und einer Sinfonie von Sibelius. Vom musikalischen Gesichtspunkt her ein gelungener Abend, aber die Architektur der MUK ist eine Katastrophe. Wir hatten uns Karten in der Billigkategorie 4 gekauft – und das bedeutete, dass die Füße in der Luft baumelten! So etwas habe ich noch nie erlebt. Ab davon gab es im 2. Rang gerade einmal 2 (zwei!) Toiletten Unisex. Da es nicht ausverkauft war, haben wir uns in die Kategorie 3 umgesetzt, wo immerhin die Füße zwar nicht komplett, aber doch so einigermaßen den Boden erreichten – wirklich bequem war es dort immer noch nicht. Die MUK setzt auf Nachhaltigkeit, aber was habe ich davon, wenn mir die Blutzirkulation in den Beinen abstirbt?
Logo der Buchhandlung Makulatur, Lübeck
Tags darauf sind wir Landpomeranzen erstmal bei Regen shoppen gegangen. Die spannendste Buchhandlung Lübecks (wir haben vier besucht) ist nach meinem Dafürhalten die maKULaTUR (Hüxstr. 87, https://www.makulatur.com/kontakt.html). Hier kaufe ich gleich mehrere Titel ein und fühle mich auch im Nachhinein bestätigt: Die Besitzerinnen haben 2016 und 2018 den Deutschen Buchhandlungspreis bekommen (wir erinnern uns, das ist der, den der unsägliche Kulturminister Weimer den linken Buchhandlungen seit 2026 nicht mehr verleihen will).
Manufakturladen „Goldener Hirsch“
Im Weltladen Lübeck (Hüxstr. 83-85, https://weltlaeden.de/luebeck/) erstehe ich Bio-Kümmel, der eh auf unsrer Padborger Einkaufsliste stand. Ganz ungewöhnlich ist auch der Manufakturladen „Goldener Hirsch“ (Hüxstr. 76, https://www.goldenerhirsch-luebeck.de/). Hier gibt es Nachhaltiges und Faires aus der Region, nämlich Made by 35 Nordlichtern. Mich verlocken Bienenwachs-Baumkerzen, natürlich teuer als bei dm, aber eben auch norddeutsche Handarbeit. Egal, für was du dich interessierst, ein Besuch lohnt hier auf jeden Fall!
Inzwischen hat uns der Kuchenhunger gepackt. Wir gehen deshalb zur Parallelstraße. In der ONE Fairtrade Altstadtrösterei (Fleischhauerstr. 81, https://onefairtradeshop.de/pages/cafe-luebeck-one-altstadtroesterei) kannst du im historischen Ambiente (einem Dielenhaus aus dem Jahre 1479) shoppen und schmausen. Ich entscheide mich für eine vegane Hefe-Zimt-Schnecke und einen Bio-Americano. Zum Abschluss bekomme ich noch ein Stempelkärtchen: Der 10. Kaffee wird auf’s Haus gehen.
Die Marotte des Lübecker Figurentheaters & Museums Kolk 17, ca. 1770-1790
Doch nun ist es wieder Zeit für einen Museumsbesuch. Lübeck beherbergt gleich mehrere Figuren-/Marionettentheater, und in einem davon, dem Kolk 17 (in der gleichnamigen Straße, https://kolk17.de/de) gibt es auch ein wirklich spannendes Mitmach-Museum. Zur Zeit läuft die Ausstellung „Figurentheater – Spiel des Lebens“. Wir dürfen Marionetten an ihren Fäden bewegen (es wird mittels Schautafeln erklärt, wie man das macht) – die Menschen, die auf der Straße vorbeigehen, haben die Möglichkeit zuzuschauen. Wie funktioniert eine bunt gefärbte Straußenfeder als Figur? Und wie kann ich mir am Computer einen Marionettenavatar basteln und ihn chinesische Puppenspiel-Abenteuer bestehen lassen? Von den spannendsten Marionetten gibt es kleine Kärtchen zum Mitnehmen, und so weiß ich nun: Die schwerste Figur der Sammlung wiegt über 7kg, die leichteste weniger als ein Gramm. Aus Südostchina stammt eine rätselhafte Eisenstabfigur. Älteste Figur der Sammlung ist eine Marotte, die es bis zum Eintrag in Wikipedia gebracht hat: Bevor der Ausdruck Marotte eine schrullige Angewohnheit bezeichnete, war er eine Stabfigur und nicht nur ein Requisit, sondern auch das Sprachrohr des Hofnarren, der sie bewegte. Die Marotte durfte Kritik üben, die seinem Spieler sonst verboten war. Wir sind vom Museum rundum begeistert. Übrigens: Jeden ersten Mittwoch im Monat findet hier nachmittags von 15-17 Uhr ein Forschungscafé statt, wo man Figuren ausprobieren, Szenen entwickeln, Fragen stellen und vieles mehr kann. Im Museumsshop kaufen wir noch einen kleinen Korkenkopf namens Lydia. „Nicht er, sondern seine Pralinen weckten die größere Leidenschaft in Lydia“, heißt es im Begleitprospekt der Künstlerin Renate Ellereit-Laube aus Garbsen. Inzwischen sitzt sie mit genießerisch geschlossenen Augen auf unserer Rotweinflasche hier in Padborg….
Café Affenbrot, Lübeck
Dann laufen wir einmal quer durch die Altstadt zum Café Affenbrot (Kanalstr. 70, https://cafeaffenbrot.de/). Es ist ein vegetarisch-veganes Café-Restaurant, möglichst regional und konsequent Bio. Vermutlich das älteste seiner Art in Lübeck, und die Leute wirken so, wie man sich die Alternativen im 20. Jahrhundert vorstellte. Viele Männer mit schönen, langen Haaren… Vom Ambiente her nicht ganz so gemütlich wie das Marae, aber durchaus nett. Ich trinke Tee, Espresso, Limoncello und speise Falafelbratlinge mit Salat. Gesamtnote gut.
Wasser Marionetten Theater, Lübeck
Doch nun ist es endlich so weit: Der Anlass unseres Lübeck-Besuches, das Wasser Marionetten Theater (Kanalstr. 108, https://www.wassertheater.de/) öffnet seine Pforten, und wir sitzen sogar in der ersten Reihe! Es ist eine Zwei-Personen-Show des Ehepaares Wolf und Anna Malten, er spielt Flügel und erzählt, sie bewegt die Figuren. Schon seit 36 Jahren gibt es das Theater, mit eigens für das Leben im Aquarium entworfenen Marionetten. 3.000 Liter Wasser fasst das Becken, und das Stück heißt „Waterstories“: „Kaum waren die Figuren ihren dunklen Kisten entstiegen, erzählten sie uns ihre Träume. Wir haben gelauscht und ihre Geschichten sichtbar gemacht: in fantastischen Bildern, Worten und Musik. Die Sprache dieser Figuren ist ihre Bewegung. Sie schweben und tanzen unter Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft“ – so werben die beiden für die Vorstellung. Das Ganze erinnert ein wenig an das Prager Schwarze Theater – nur dass es eben unter Wasser stattfindet. Wirklich einzigartig und traumhaft, da haben sie recht – ich hätte mir allerdings ein klein bisschen mehr Handlung gewünscht. Trotzdem würde ich jederzeit gerne wiederkommen.
Behnhaus Lübeck
Am nächsten Morgen checken wir nach einem üppigen Frühstück aus und laufen mit unserem Gepäck zum Museum Behnhaus (Königstr. 9-11, https://museum-behnhaus-draegerhaus.de/), das seit November 2025 nach Renovierung wieder geöffnet hat. Das Behnhaus hat eine lange Baugeschichte, deren Anfänge im Mittelalter liegen. Der älteste Teil ist der durch die Sanierung nun zugängliche Keller. Dessen Mauern stammen aus dem späten 13. Jahrhundert. Du solltest unbedingt dorthin gehen, auch wenn du nicht aufs Klo musst – er ist, auch in der Art, wie sie ihn wieder hergerichtet haben, eine Sehenswürdigkeit für sich! In seiner heutigen Form wurde das Haus um 1800 im Stil des Klassizismus errichtet, und die einzelnen Räume sind mit wunderschönen Decken- und Wandmalereien geschmückt. Das Museum präsentiert Schätze von Caspar David Friedrich bis Edvard Munch, also Romantik bis klassische Moderne. Viel ist es nicht, das Museum bildet mit dem Haus nebenan, dem Drägerhaus, eine Einheit – und hier wird momentan noch fleißig saniert. Man kann also gespannt sein, wie umfangreich die Präsentation nach Abschluss der Bauarbeiten sein wird. Besonders angetan hat es mir übrigens ein Bild des Romantikers Carl Blechen, Landstraße im Winter bei Mondschein – die Äste der kahlen Bäume formen eine Art gotischen Spitzbogen à la Mittelalter, ohne dass er in idealistische Überhöhung der Landschaft oder Biedermeier-Kitsch abgleiten würde. Du kannst dir das Bild hier online anschauen: https://sammlung.museum-behnhaus-draegerhaus.de/werk/landstrasse-im-winter-bei-mondschein-25.
Ich im Kaffeehaus Lübeck
Zum Abschluss unseres Lübeck-Aufenthaltes treibt es uns noch einmal in eines der vielen vollbesetzten Cafés: das Kaffeehaus Lübeck (Hüxstr. 35, https://kaffeehaus-luebeck.de/), ein Backsteinbau aus dem 13. Jahrhundert mit Stufengiebel, wo ich eine leckere vegane Brombeerbaisertorte genieße, zusammen mit einem Americano.
Dann heißt es Abschied nehmen. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir zurück zum (übrigens ebenfalls sehr schönen und alten) Kopfbahnhof und erfreuen uns daran, dass auch diesmal alle Züge pünktlich sind. Schön war’s! Wir kommen wieder, zumal wir noch laaaange nicht alles gesehen haben!
An den Ochseninseln vorbei über die Flensburger Förde
Mit der M/S Viking schippern wir von Flensburg über die Förde nach Glücksburg. Es herrscht schönstes Augustwetter, ohne ein Wölkchen am Himmel. Dazu gibt es Schauergeschichten. Via Lautsprecher erfahren wir im launigen Ton, wo der Galgen stand, wie Margrethe I. zu Tode kam und von den 14 Hexen, die in Flensburg ermordet wurden – von Johann Brade (vor 1548) bis Catharina Jensen (im Jahre 1620). Aber das trübt 2022 die Stimmung der Mitreisenden nicht.
heute back ich, morgen brau ich
Rumpelstilzchen im Wald
Vom Schiffsanleger in Glücksburger Ortsteil Sandwig heisst es erst einmal, Richtung Innenstadt laufen, knapp 2 km durch den Wald! Immer wieder stoßen wir dabei auf Kunstwerke, darunter Hartmut Mahlers „Rumpelstilzchen“ – offenbar hat ihn ein Stück Holz an den Zwerg erinnert.
café am schloss
Glücksburg – Café am Schloss (beim Rosarium)
Im Zentrum besuchen wir zunächst einmal das Café am Schloss aus dem Jahre 1833 (direkt neben dem äußerst sehenswerten Rosarium gelegen) und gönnen uns im rauchfreien (!), romantischen Garten ausnahmsweise etwas Unveganes. Wir bereuen es nicht. Mein Käsefrühstück (gibt’s bis 12 Uhr) ist extrem lecker und besteht aus:
FEINE AUSWAHL AN BLÜTENKÄSE, ALLGÄUER BERGKÄSE MIT MANGOCHUTNEY, FEIGENKARREE, SAHNIGER FRISCHKÄSE MIT HAUSGEMACHTEM PESTO, WEIDEBUTTER, ERDBEERMARMELADE, DAZU ALLERLEI SCHMACKHAFTE DEKO, EIN KORB MIT OFENFRISCHEN BRÖTCHENUND SCHWARZBROT.
Dazu trinke ich einen Earl Grey namens „Watt denn hier los“. Er stammt von der Hamburger Teemanufaktur Samova und ist sogar Bio! Einzig der Espresso schmeckt mir zu bitter. Aber ansonsten: Ich komme auf jeden Fall wieder!
dolmenpfad und elfenwiese
Grab 4 des Dolmenpfads
Dann laufen wir weiter zum Staatsforst Friedeholz im Norden dieser nördlichsten Stadt Deutschlands (Alternative: Bus Linie 21, Haltestelle Schwennaustraße). Was hier beginnt, ist ein wahrer Zauberwald, mit Wildschweingehege und dem 4,6 km langen Dolmenpfad, der vorbeiführt an mehr als zehn Grosssteingräbern der Jungsteinzeit und bronzezeitlichen Grabhügeln. Wer wurde hier im Buchenwald bestattet? Die Schaman*innen des Ortes, die vielleicht auch gleichzeitig weltliche Führer*innen waren? An Grab Nr. 4 sehe ich eine kleine Frau im langen, weißlichen Wollgewand vor mir, die zusammen mit den anderen Leuten des Dorfes ihre Vorgängerin beerdigt.
Die Elfenwiese
Rund um die geheimnisvolle Elfenwiese führt dieser Dolmenpfad. Schwarzbackige Grasfrösche, winzig kleine und große, hüpfen über unseren Weg. Der Elfentanzplatz ist ein 3,5 ha großes Hochmoor, das zwar inzwischen trockener wird (immer mehr Birken wachsen dort), aber nach wie vor nur von leichtgewichtigen Elfen und Feen überquert werden kann. Wir setzen uns auf eine Bank am Rande und beobachten eine große Königslibelle. Morgens, wenn die Nebel vom Wasser aufsteigen, vermeinen Einheimische hier in Schleier gehüllte Wesen tanzen zu sehen, und die abgestorbenen Bäume tun ihr Übriges. Aber es ist früher Nachmittag, und so genießen wir einfach den Wald, die Aussicht und die Stille. Binsengras wächst hier und ganz in der Nähe auch Wollgras.
Das unscheinbare Hexenkraut
Wie es sich für einen echten Zauberwald gehört, gibt es überall blutstillendes Hexenkraut(Circaea lutetiana) mit seinen kleinen weißen Blüten. In früheren Jahrhunderten war es so selten, dass frau es nur fand, wenn sie sich hoffnungslos verirrt hatte. Dann aber konnte sie es für Liebeszauber verwenden und zum Schutz des Viehs, sofern ihr der Weg nach Hause doch noch glückte. Schon ein Blütlein täglich genügte den Frauen, um sich für das andere Geschlecht attraktiver zu machen.
Ein wunderbar kühler, feuchter Kraftplatz ist dieser Wald an einem heißen Sommertag wie diesem – hoffentlich kann ich ihn bald wieder besuchen!
ANSCHRIFTEN:
Café am Schloss, Am Schlosspark 2a, 24960 Glücksburg (Ostsee), https://www.cafeamschloss.com/, geöffnet Mi-So von 9-17 Uhr
Ich stelle mir vor, ich lebe im frühen 9. Jahrhundert, vor der Christianisierung, in Haithabu. Meine Stadt gehört heute zum UNESCO-Welterbe, aber das weiß ich natürlich nicht. Sie ist ein wichtiger Handelsplatz, denn bis Haithabu fahren die Schiffer von der Ostsee. Hier laden sie ihre Waren auf Karren um und transportieren sie am Danewerk entlang bis zur Treene. Von dort aus gibt es dann wieder Schiffe bis zur Nordsee.
Haithabu: Landungssteg mit Boot aus der Wikingerzeit
Ich bin früh aufgewacht, alle schlafen noch – auch mein Mann, der Schmied Bertram, benannt nach den beiden Raben Odins. Auf dem Steg genieße ich die Aussicht über die hier sehr breite Schlei, traumhaft schön! Aber es stinkt, denn wir werfen unsere Schlacht- und auch viele andere Abfälle hinein. Die Rauchschwalben fliegen tief, später wird es regnen.
Flussaufwärts sammle ich in einem Weidenkorb Mädesüß, Dost und Königskerze, denn ich bin die Heilerin der Stadt. Aus einer Quelle schöpfe ich Wasser in meinen Bottich.
Dann kehre ich zurück in unser dunkles, reetgedecktes Haus. Das einzige Licht fällt von oben herein, durch den Rauchabzug direkt über der Feuerstelle. Ich entfache das Feuer und hänge einen Eisentopf darüber (Bertram hat ihn geschmiedet!). Dann schütte ich das Quellwasser und Gerstengrütze hinein, dazu etwas kostbares Salz. Während die Grütze langsam gart, gehe ich wieder hinaus und hänge die Heilpflanzen an geflochtenen Bastfäden zum Trocknen unter das Dach.
Mein Mann, der nicht-wikinger
Ich liebe meinen Mann, denn er ist als Jüngling nie auf „Wiking“, also auf Raubzug, gefahren. Die anderen belächeln ihn zwar deshalb, aber als Schmied fürchten sie ihn auch, denn obwohl er nie Schwerter, sondern nur Beile, Messer und Speerspitzen zum Jagen fertigt, steht er doch mit dem Odin, dem Gott der Zauberer, im Bunde.
sommerfest in haithabu
Die Schwerter, die ein Händler gestern aus dem Rheinland weit im Süden mitgebracht hat, sind von ausgezeichneter Qualität und deshalb von den jungen Männern heiß begehrt. Zu Ehren des Händlers haben wir gestern ein großes Sommerfest gefeiert. Der Met floss in Strömen, ein Schaf wurde geschlachtet. Dort drüben ist seine Haut aufgespannt. Ich habe auf meiner Knochenflöte gespielt, wir haben gesungen und getanzt. Ein schönes Fest!
Jetzt schlafen noch viele ihren Rausch aus, aber am Nachmittag werden sie gewiss Schaukämpfe mit ihren neuen Schwertern veranstalten. Dann werde ich in den Wald gehen und Engelwurz suchen. Und mein Mann wird aus seiner Schmiede nicht hervorkommen, denn unser Nachbar braucht viele Nägel, um eine Truhe damit zu beschlagen.
und heute?
Auch heute gibt es noch viele Feste und Veranstaltungen in Haithabu – also nichts wie hin zu diesem Glücksort! Die nächsten sind:
Sommermarkt in Haithabu, 14.-17.7.2022. Handel und Handwerk wie vor 1000 Jahren.
Tuche für Pumphose und Tunika, 18.7.-11.8.2022. Die Tuchhändlerin zeigt ihr Sortiment.
Der Taschenmacher ist in der Stadt, 18.-19.7.2022
Vom Korn zum Brot, 18.7.2022. Mahlen, kneten, backen.