Mannheim: Barocke Planquadrate und Neckar

Blick von der Mannheimer Neckarbrücke auf ein Schiff mit Pappkamerad*innen
Blick von der Mannheimer Neckarbrücke auf ein Schiff mit Pappkamerad*innen

CO2-Werte:
Zugfahrt Padborg-Mannheim: 716km x 0,026kg CO2 = 18,62kg
Hotel Mannheim: 16m² x 4 Nächte x 0,054kg = 3,46kg

Ich bin wieder auf dem Weg gen Süden, diesmal für 25 Nächte und insgesamt 2.575 km. Die ersten vier Tage verbringe ich in Mannheim. Aber zunächst einmal heißt es, dorthin zu kommen. Der schönste Teil der Zugstrecke in Schleswig-Holstein liegt rund um Rendsburg: Hier führt der Weg auf einer riesigen Eisenbahnbrücke über die Häuschen, die winzigen Menschlein und den Nord-Ostsee-Kanal, den ich gern einmal vom Anfang bis zum Ende laufen würde. Einen Teil davon erwanderten wir mit unserer damals etwa zehnjährigen Tochter bei der Querung des Bundeslandes von Kiel bis Meldorf. Um die Eisenbahnbrücke in voller Pracht bewundern zu können, musst du in Fahrtrichtung auf der linken Seite des Zuges sitzen.

Warum Mannheim? Nicht wegen der Kindheitserinnerungen –  in den 70ern gab es in der Innenstadt noch das Kaufhaus Horten, und wir fuhren regelmäßig samstags zum Einkaufen dorthin. So konnte meine Mutter, die den Umzug von Berlin in den Odenwald nicht vertragen hatte, ab und an ein wenig Stadtluft schnuppern.

Horten gibt es nicht mehr, stattdessen alle zwei Jahre die Anarchistische Buchmesse Mannheim, 2026 zum achten Mal. Dort stellt auch die Graswurzelrevolution ihre Titel vor, und ich mache wieder Standdienst. 2024 schlief ich bei einem linken Wohnprojekt im Wohnzimmer auf der Matratze. Das war zwar spannend, nett und obendrein kostenlos, aber diesmal habe ich mich trotzdem für ein Hotelzimmer entschieden, auch wenn ich das selbst zahlen muss. Die Fahrtkosten hingegen trägt der Verlag.

Aufgrund der langen Strecke reise ich schon am Vortag an. Mein Zug hat Padborg offiziell um 9.02 Uhr verlassen (de facto etwas später) und trudelt schon kurz nach 17 Uhr in Mannheim ein – wider Erwarten habe ich sogar den Anschluss in Hamburg geschafft. „Mythos Akko“ hat jemand unterwegs an eine Ziegelwand gesprayt, und sofort kommt bei mir noch größere Fernweh auf, ich muss an Wüste und Orient denken, auch wenn vielleicht nur irgend eine schnöde Firma gemeint ist. „Mannheim-Mythos“ hingegen, das klingt von vornherein schräg. Dabei hat die Kurpfälzerin eine der größten (barocken) Schlossanlagen der Welt. Auch die Anlage der Innenstadt in Planquadraten geht auf den Fürsten Friedrich IV. und das Jahr 1606 zurück, Ausdruck barocker Naturbeherrschungssucht. Auch mein Hotel befindet sich hier, F4, 4, es heißt NYX, gehört zur Leonardo-Gruppe, versteht sich als Arthaus und nachhaltig.

Bei abflauendem Gewitter-Regen-Sturm laufe ich vom Bahnhof dorthin. Unterwegs gönne ich mir noch bei Alnatura ein leckeres, veganes Rhabarberstückle.

Das Hotel liegt in der Nähe der Fressgass‘ (der Name ist Programm) gegenüber der Synagoge. Die Lobby: bunt neonbeleuchtet. Das kleine Zimmer im vierten Stock zeigt zum Glück auf den Hinterhof. Es ist dunkelbraun-rot gehalten und auf der einen Seite mit einer Schleiereule, auf der anderen mit einem Leoparden geschmückt. Das muss man mögen, ich tu’s eher nicht. Deckenbeleuchtung und Stuhl sind leider Fehlanzeige.

Nach dem Auspacken und Bildtelefonieren mit Mann und Tochter mache ich mich auf den Weg ins Programmkino Odeon. Dort läuft der Film „Rose“, eine Frau, die sich während des Dreißigjährigen Krieges als Mann durchschlägt und diese Frechheit am Ende mit dem Leben bezahlt… Das Ganze in schwarz-weiß gedreht und sehr bewegend. Ein empfehlenswertes, auch am Mittwoch gut besuchtes Kino (obwohl sie keinen Wein verkaufen :-)).

Die Nacht im Hotel verläuft ruhig, und das Frühstück am nächsten Morgen ist auch für Veganer*innen einigermaßen Okay, obwohl sie jede Menge Schilder falsch verteilt haben und man eher nach der Farbe beurteilen muss, welche Marmelade was ist. Auf Nachfrage gab es sogar Pflanzendrink, in diesem Fall Soja mit Vanille. Bio ist nur der Tee, der Rest von der Qualität her eher unteres Niveau.

 

 

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