
Bei einem Gang durch das Rothenburg Museum, das im Mittelalter ein Dominikanerinnen-Kloster war, findest du in Kreuzgang und Klostergarten viel Ruhe und Beschaulichkeit (außerhalb des Klosters ist auch eine Art Kräutergarten angelegt, allerdings ziemlich schlecht in Schuss). Im Museum erfährst du viel über die Geschichte der Stadt: Die Bewohner*innen haben zum Beispiel bereits 1938 zu 98% die Nazis gewählt.Und schon zwei Wochen vor dem Novemberprogrom 1938 rühmten sie sich, komplett judenfrei zu sein.
Dazu passt, dass der Dominikanerorden (spöttisch als Hunde des Herrn übersetzt) für die Verfolgung von Häretiker*innen und die Verbrennung der Hexen zuständig war. Auch berüchtigte antisemitische Schriften verfasste er. (Wie genau es meine Tante geschafft hat, im 20. Jahrhundert Dominikanerin und erklärtermaßen Hexe zu sein und sich die Grabrede von einem eigens aus Italien zurückgekehrten Franziskaner halten zu lassen, ist mir heute noch nicht ganz klar. Aber es macht einen Teil ihrer schillernden Persönlichkeit aus.)
Jedenfalls erfährt man in diesem Museum nicht nur alles über Modeln oder sieht den Original-Humpen, aus dem Nusch 1631 seinen Meistertrunk tat. Man lernt auch, warum die Steinfigur des biblischen Moses Teufelshörner trägt: Es ist ein Fehler der Vulgatabibel, bei der das hebräische Wort keren versehentlich mit Hörner statt Strahlen übersetzt wurde.
Meine Freundin und ich machen eine Museumsführung namens „Reinheit ob der Tauber“ mit, bei der es um das jüdische Leben in Rothenburg geht. Diese Führung kann ich NICHT empfehlen! Der Führer ist Archäologe aus Nürnberg und kann zwar einiges zu den Ausgrabungen der letzten Zeit sagen, hat aber vom Judentum wirklich überhaupt keine Ahnung, sodass es sogar für mich, die ich gewiss keine Spezialistin bin, sehr peinlich ist.
Jedenfalls waren die Einwohner*innen der Stadt schon in früheren Jahrhunderten, lange vor der Nazizeit, ausgezeichnet darin, gegen ihre jüdische Bevölkerung Progrome zu verüben (was der Führer eher verharmlost).
Neben der tendenziell vernachlässigten Judaica-Sammlung des Museums gibt es in Rothenburg aber mehrere weitere Orte, die auf die Juden und Jüdinnen im Frankenstädtchen verweisen. Da ist zum einen die Judengasse selbst, in der die Menschen jahrhundertelang leben mussten. Das Wohnhaus Nr. 10 stammt aus dem Jahre 1409 und beherbergt im Keller eine überaus sehenswerte Mikwe, ein rituelles Tauchbad, das offenbar auch von der Nachbarschaft genutzt wurde. Das gesamte Haus gehört zum Kultur Erbe Bayern und ist für die Öffentlichkeit zugänglich.
Im Burggarten an der Kapelle erinnert ein Gedenkstein mit schreienden Menschen, die im Feuer umkommen an das Rintfleisch-Progrom des Jahres 1298 wegen angeblicher Hostienschändung: Am 25. Juni waren 53 Tote zu beklagen (nach anderer Quelle 57), am 18. Juli weitere mindestens 36; der Rest der jüdischen Gemeinde, knapp 450 Menschen, floh daraufhin in die Rothenburger Reichsburg, die ab Sonntag, 20. Juli, belagert und am 22. Juli eingenommen wurde; alle Juden wurden ermordet.
Auch das Gärtlein vor dem Judentanzhaus in der Georgengasse 17 besuchen wir. Bereits im Mittelalter gab es in der Stadt ein jüdisches Tanzhaus, der aktuelle Bau ist ein Fachwerkhaus, ursprünglich aus dem Jahre 1613. Er wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut.
Übrigens ist der berühmteste Rothenburger just ein jüdischer Mensch: Rabbi Meir ben Baruch (auch genannt Meir von Rothenburg), eine der wichtigsten Autoritäten für halachische Rechtsfragen, lebte hier mehr als vierzig Jahre lang. Er starb 1293 aus antisemitischen Gründen in Ensisheimer Gefangenschaft .
Wieviele Menschen jüdischer Konfession heute in Rothenburg leben, ist unklar. Im nicht weit entfernten Nürnberg waren es 2024 2.355.
