Dienstag, 7.8.2018: Lyrik unterwegs in Stuttgarter Bahnen

Diwan des persischen Dichters Hafis, Miniaturmalerei 1585

Auch heute bin ich wieder mit Bus und U-Bahn zur ambulanten Behandlung im Karl-Olga-Hospital unterwegs, und wie in vielen Stuttgarter U-Bahnen grüßt mich auch heute ein Gedicht an der Wand. Ich kann es nur (vermutlich falsch) aus dem Gedächtnis zitieren, es ist von Erich Jooß und heißt

Fundstücke

Obwohl in Stein eingeschlossen
hat sich die kleine Feder
ihre Leichtigkeit bewahrt
als sie
am Anbeginn der Schöpfung
sich von einem Vogel gelöst hat
und zur Erde herab fiel

Ist das nicht schön? Schon seit 1987 wird in Stuttgarter U-Bahnen Poesie präsentiert, und etwa alle halbe Jahre wechseln die Gedichte. An eins von vor zwanzig Jahren kann ich mich noch erinnern, wenn auch nicht mehr an den Autor:

Der Eisbär

Der Eisbär prustet und erklimmt
den Eisberg der im Eismeer schwimmt
und schreitet groß und stark und weiß
durch den Palast aus grünem Eis

Ich habe zwar Germanistik studiert, bin aber keine Poetik-Spezialistin – ich genieße einfach nur. Und ich glaube, das tun fast alle Menschen, changierend zwischen abgedroschenem Schlager und Celans „Schwarzer Milch der Frühe“. Gereimtes, die absolute Schönheit der Form, in der kein Wort an anderer Stelle stehen oder ersetzt werden dürfte, berührt uns einfach mehr als Prosa. Und das scheint sogar beim abgedroschensten Herz-Schmerz-Poem noch zu funktionieren.

Aber machen Gedichte auch glücklich? Doch, da bin ich mir sicher. Im Moment lese ich zum Beispiel Hilde Domin, die wegen der Nazis Deutschland verlassen musste und erst viel später wieder zurück kam. Glück auch im Exil, das hat sie empfunden, wenn der Wind ihr den Duft von Linden und sonnigem Heu herbei trug. Heimatduft eben: „Wolken von Zärtlichkeit fangen mich ein, und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.“ Ich sehe den Zahn förmlich vor mir, es ist ein Kinderzahn, und er tut nicht wirklich weh, außer ein ganz klein bisschen.

(aus: Windgeschenke, in „Nur eine Rose als Stütze“. Gedichte, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1959)

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