Färöische Kunst und verzauberter Parkwald: Torshavn (FO/DK)

Alle vier lieben wir Kunst, und deshalb führt uns der zweite Tag auf den Färöern gleich in die Nationalgalerie im Norden der Hauptstadt Torshavn. Es ist etwas neblig, als wir an der Niels Finsens Göta auf den Bach am südlichen Ausläufer des Vidarlundin Parks stoßen. Dort erlegt ein gläserner St. Georg seinen Drachen, umschwommen von sehr diesseitigen Stockenten.

Im Stadtpark Vidarlundin

Atemberaubend ist dieser Park, die größte Plantage auf der ganzen Inselgruppe. Wir laufen leicht bergauf, am Bach Havnara entlang, der in kleinen Kaskaden zu Tal stürzt. Weiter westlich gibt es noch einen kleinen See. Und überall steht Kunst herum, schwimmen Enten (sogar eine Warzenente entdecke ich), und der Star, der ist etwas ganz besonderes – eine färöische Unterart der normalen Stars, glitzernd auch er.

LISTASAVN Foroaya – Die Nationalgalerie der Färöer

Die Nationalgallerie Listasavn ist eines der schönsten Erlebnisse während unseres Urlaubs. Hier wird ausschließlich färöische Kunst ausgestellt – und davon gibt es unendlich viel. Im Gegensatz beispielsweise zum Louvre mit Raub und Kauf aus aller Herren Länder erfahren wir an diesem Ort wirklich etwas über die Inselgruppe, auf der wir zu Besuch sind – dabei trotzdem weit entfernt von jeglicher Art spießigen Heimatmuseumsfeelings.

Besonders gut gefallen mir das “Boot” von Frida Zachariassen. Auch  der färöische Kettentanz von Samal Joensen-Mikines hat es mir angetan. Und natürlich die vielen Bilder von William Heinesen, der gleichzeitig der berühmteste Schriftsteller der Färöer war und ist. Wir erleben die färöische Natur und einzigartige Landschaft, die grünen Hügel, farbenfrohen Dörfer und die wilde See der 18 Inseln (zu denen noch viele kleine Extrafelsen stoßen). Von innen lässt sich eine von ihnen, Litla Dimun, mittels einer raumfüllenden Metallskultpur begehen (Ole Wich, 2009). Aber auch eine Frau beeindruckt mich sehr: Elinborg Lützen (1919-1995), die berühmteste Grafikerin der Insel. Leider gibt es ihre Bücher im Museumsshop nicht in deutscher oder englischer Sprache zu kaufen.

Ganz zum Schluss dürfen wir noch einen Sonderraum betreten. Er entpuppt sich als der schönste des ganzen Museums. Ein komplett aus Glas gestalteter Kubus, überwiegend in Blautönen gehalten, magisch beleuchtet, erlaubt er durch spezielle Anordnung vieler Spiegel, 700 m in die Himmelshöhe und Meerestiefe zu schauen. Faszinierend wie ein Blick in den Weltraum oder aus einem U-Boot! Wir machen unendlich viele Fotos. Geschaffen wurde dieses über-unter-irdische Kunstwerk von Trondur Patursson (The Deep Blue, 1996).

Anschließend vergnügen wir uns sehr lange im Museumsshop, der gleichzeitig Café ist und malen die Bilder Heinesens als Mandalas aus. Wir überlegen, nicht nur etwas zu trinken, sondern auch Souvenirs zu kaufen (und tun’s dann doch nicht, die Preise). Unsere Tochter und ihr Freund sind so vertieft, dass sie bleiben, bis das Museum um 17 Uhr schließt.

Mein Mann und ich hingegen laufen weiter durch den Vidarludin auf anderem Weg zurück gen Zentrum und entdecken ganz neue verzauberte Figuren im Park sowie zwischen den Häusern. 

Niels Finsen – ein färöischer Nobelpreisträger

Und selbst das Denkmal für den färöischen Arzt und Nobelpreisträger Niels Ryberg Finsen weiter unten in der Stadt wirkt verwunschen. Er forschte über die Notwendigkeit von ausreichend Vitamin D und Sonnenlicht für die Gesundheit – im nebelverhangenen Torshavn wahrlich eine größere Rarität als in Süditalien. Finsen starb sehr jung, mit nur 43 Jahren an Pseudoleberzirrhose.

Wir hingegen flüchten uns zurück in unsere malerische Ferienwohnung, in das Torfhaus Undir Ryggi 15.

Anschrift:
Listasavn National Gallery of the Faroe Islands, Gundadalsvegur 9, 100 Torshavn, www.art.fo 

Ankunft in einer magischen Stadt: Torshavn (Färöer, FO/DK)

 

Unser Ferienhaus in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer

Immer montags um 7.30 Uhr legt die M/S Norröna der Reederei Smyril Line in Torshavn, der Hauptstadt der Färöer an. Die Färöer gehören zwar zum Königinreich Dänemark, sind aber weitestgehend autonom.

undir ryggi

Da es insgesamt nur knapp 54.000 Färinger gibt, ist ihre Hauptstadt entsprechend klein – und sehr verwunschen. Unser Ferienhäuschen liegt in der Altstadt in einer malerischen Gasse namens Undir Ryggi, was ich mir mit “Unter dem Rücken” übersetze. 

Es ist eines jener uralten Häuser mit grasbewachsenem Torfdach auf Birkenrinde, schwarz geteert, mit weiß abgesetzten Fenstern und grünen Türen. Eng schmiegt es sich an die grauschwarzen Felsen, auch die Wege bestehen aus Felsbrocken, zwischen die ab und an etwas Teer gekippt wurde. Um das Häuschen herum wächst ein wenig Gras und Farn, aber vor den Fenstern gibt es winzige Blumenkästen mit Steingartengewächsen. Dicht daneben stehen die anderen Häuser, zu einem davon gehört eine Hainbuche, die auch auf unser Grundstück wächst. Überall geht es steil bergauf oder steil bergab, mit vielen Stäffeles. Die Müllabfuhr ist hier dementsprechend eine Abholung zu Fuß.

Im Inneren finden wir niedrige, milchweiß gestrichene Holzdecken, einen Dielenfußboden. Küche, Ess- und Wohnzimmer sind eins, nur das Duschbad wurde abgetrennt. Über eine abenteuerliche Holzstiege gelangen wir auf den Dachboden, der in zwei Schlafzimmer unterteilt ist. Nur in der Mitte können wir stehen. Überall hängen alte s/w-Familienfotos, passend zum Design des Geschirrs, aber auch viele andere färöische Bilder und Poster.

Noch nie habe ich ein Feriendomizil erlebt, bei dem Küche und Bad dermaßen umfangreich ausgestattet waren. Dafür sind die Betten sehr weich und sehr durchgelegen: Mein Po ist des Nächtens definitiv der tiefste Punkt. Trotzdem schlafe ich erstaunlich gut und bin morgens immer als erste wach. Von unserem Schlafsofa aus geht der Blick direkt auf den Hafen. 

Im Wohnzimmer liegen viele Kissen und eine Wolldecke, alles in grau-braun-schwarz-weiß, mit typisch färöischen Mustern. Den Bodenteil meiner Morgen-Meditationsgymnastik werde ich auf der Decke machen, die erstaunlich weich und unkratzig ist. Für die Streckübungen hingegen muss ich mich vor die Haustür stellen, wegen der geringen Deckenhöhe. Aber das macht alles nichts: Ich fühle mich in dem Haus geborgen.

frühstücken im café paname

Unser erstes färöisches Frühstück nehmen wir im Café Paname gleich gegenüber dem Rathaus ein. Die Brötchen dort sind selbstgemacht, und eisgekühltes Leitungswasser gibt es kostenlos dazu. Außerdem werden Butter, Käse und die typische färöische Marmelade gereicht: Rhabarber. Diese Pflanze nimmt hier gigantische Höhen an, während die Engelwurz eher klein bleibt – umgekehrt wie bei uns.

Das Café beherbergt ebenfalls die älteste Buchhandlung der Stadt, wirklich sehr gut ausgestattet auch mit dänischen und englischen Büchern – und hier kann ich sogar einen färöisch-deutschen Sprachführer erwerben, nebst einem klassischen färöischen Roman in englischer Sprache, der meinen Namen trägt: Barbara (von Jörgen-Frantz Jacobsen).

Er beschreibt das Leben der legendären Beinta Broberg, die im 17./18. Jahrhundert nacheinander mit drei Inselpfarrern verheiratet war – die ersten beiden starben jeweils nach erstaunlich kurzer Zeit. Der Autor hat das Leben dieser Femme fatale so spannend beschrieben, dass das Buch in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt worden ist.

färöische musik

Noch etwas Spannendes finden wir gleich am ersten Morgen: Den Shop des färöischen Musiklabels TUTL, wo ich im Laufe der Tage vier CDs aus dem Bereich färöischer Jazz, Grottenkonzert und Poesie erwerben werde. So eigen und ungewöhnlich wie alles hier (siehe auch meinen Beitrag: https://pfeiferin.de/die-faeroeer-das-land-von-sowohl-als-auch-fo-dk/).

shoppingcenter auf färöisch


Am Rande der Innenstadt liegt ein kleines Einkaufszentrum namens SMS mit einer schönen, die Farbe wechselnden Glaskunsttreppe im Innern. Hier gibt es drei Imbiss-Restaurants, Bekleidungsgeschäfte, Drogerie, zur Freude meiner Tochter auch eine Niederlassung der dänischen Sostrene Grenes, und natürlich einen großen Supermarkt. Hier gibt es viel Bio, aber natürlich mit Inselaufschlag. Am meisten begeistert die Jungen, dass man hier kostenlos Glasflaschen bekommt (schön mit Kühen drauf), in die man sich die frische Milch selbst abfüllen kann. Was wir auch tun.

tinganes, die thing-landzunge

Spätnachmittags zieht es meinen Mann und mich noch auf die andere Seite des Osthafens, auf die Halbinsel Tinganes. Hier scheint, ebenso wie in unserer Gasse, die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Holzhäuser sind allerdings überwiegend rot angemalt. Wir befinden uns im uralten Regierungsvierteil, das unprätentiöser nicht sein könnte. Nirgendwo gibt es eine Absprerrung, ein Polizeiauto oder ähnliches, nur die Häuschen, dicht an dicht, dazwischen Kopfsteinpflaster, und zu den Hafenbecken links und rechts hin Felsen, auf denen es sich gut klettern lässt.

Zum Land hin wird die Halbinsel durch einen Hügel begrenzt, auf dem die Havna Kirkja liegt, davor Treppen mit Kunst und buten Blumenbeeten. Das Stadtviertelchen Reyn östlich davon ist eines der ältesten der Stadt und dermaßen pittoresk, dass an allen Zugängen Schilder aufgestellt sind, man möge doch bitte die Privatsphäre der dort Lebenden respektieren und zum Beispiel nicht in die Zimmer hinein fotografieren.

Wir setzen uns in das Kaffihusid am Westhafen, das gleichzeitig Kunst anbietet, beispielsweise vier kleine Aquarelle im Format A7 für 200 dänische oder färöische Kronen, das sind rund 25 Euro. Wir trinken heiße Schokolade, genießen den Ausblick aufs Wasser, die alten und neuen Schiffe, und fühlen uns wie verzaubert.

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Anschriften:

Die Färöer: Das Land von sowohl – als auch (FO/DK)

FäröischesSchafAusgemalt
Ein färöischer Widder unterhält sich mit einem Paar in Tracht (ausgemalt von Barbara)

„The land of maybe“ nannten die britischen Besatzungssoldaten zwischen 1940 und 1945 die Färöer. Denn „maybe“, also: vielleicht, war die übliche Antwort der einheimischen Färinger auf die Frage, ob der Weg x morgen passierbar sein oder der Flughafen am Abend im dicken Nebel verschwinden würde. Das Wetter auf den magischen Färöern ist unberechenbar – und die Menschen hier nehmen’s gelassen.

jeder mensch ist künstler*in

Aber nicht nur ein Vielleicht zeichnet das Leben hier aus, sondern ebenfalls ein Sowohl – als auch. Der Fahrer, der uns tagsüber in einem der kostenlosen, etwas klapprigen Stadtbusse durch Torshavn kutschiert, ist vielleicht abends Rockmusiker. Die Verkäuferin in der Design-Boutique arbeitet bestimmt nebenbei als Silberschmiedin. Denn soviel Kunst, Musik, Literatur und Design, wie uns die knapp 54.000 färöischen Menschen zeigen, kann es nur geben, wenn alle in ihrer Freizeit singen, malen, schreiben, stricken – also kreativ sind. 

Papageienwal in unserem Ferienhaus

Jedes Ding hier scheint ein zweites Gesicht zu haben: Der Felsen dort ist ein Troll. Da, wo das geisterhafte Huldrefolk wohnt, sollte man keine Straße bauen. Die Seeanemone im Meer, die wie eine Pflanze ausschaut, ist ein Tier. Eine Ente im Stadtpark-Wald sieht aus wie ein Truthahn (und entpuppt sich im Internet als Warzenente). Viele Schafe sind schwarzweiß gefleckt wie Kühe. Das Boot ist ein Wal – oder ein Papageientaucher. 

William Heinesens Liv (1977) interpretiert von Barbara

Rhabarber wächst zwei Meter hoch, doch die Bäume bleiben häufig klein. Der international berühmte färöische Schriftsteller William Heinesen (1900-1991) war gleichzeitig Grafiker und Komponist. Das Dach unseres schwarz geteerten Holzhauses ist ein mit Birkenrinde nach unten abgedichteter sattgrüner Torfrasen.

Hier arbeiten die  musen zusammen

Aber nicht nur das: Gern werden die musischen Hauptgattungen auch miteinander verknüpft. Und so fordert uns das Kunstmuseum Listasavn in Torshavn bei einigen Bildern auf, mit dem Handy einen QR-Code einzuscannen und in Betrachtung des Gemäldes die Musik zu hören, die genau dazu komponiert worden ist. Laut, damit die anderen im Museum auch etwas davon haben. Oder: Auf den CDs Kristian Blaks, eines der bedeutendsten zeitgenössischen Jazzkomponisten hier, werden Gedichte rezitiert.

Die Färinger leisten sich: eine eigene Universität, alljährlich ein riesiges Musikfestival namens Sommertónar (mit 2022 knapp 200 Konzerten zwischen Mai und September!), ein eigenes CD-Label (TUTL), einen eigenen Fernsehsender (Sjónvarp), ein eigenes Symphonieorchester, das sich auch vor dem Zusammenspielen mit der Metalband Týr nicht scheut – und vieles mehr.

der färöische kettentanz

Ohne diese Liebe zu Kunst und Kultur, die den ganzen Alltag durchwebt, hätten die Färinger als eigenständiges Volk mit Autonomiestatus innerhalb des dänischen Königreichs nicht überlebt. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts zählten sie nicht mehr als viertausend Seelen – eigentlich zu wenig, um eine ganz besondere altnordische Sprache und Kultur zu bewahren. Aber die Färöer tanz(t)en ihren traditionellen, noch aus dem Mittelalter stammenden Kettentanz. Zu ihm wurden über die Jahrhunderte hinweg die vielen, bis zu hundertstrophigen Balladen gesungen. Und der- oder diejenige, die/der die meisten Gedichte auswendig kannte, genoss hohes Ansehen in der Gemeinschaft. Auch heute noch wird zum Beispiel auf Familienfesten stundenlang zusammen gesungen und getanzt. Und alle sind stolz auf ihre Eigentümlichkeiten. So überlebt eine Kultur mit nur wenigen tausend Muttersprachler*innen zwischen Felsen, Trollen, Stürmen, norwegischen Überfällen und dänischer Kolonisation bis zum heutigen Tag.

Links:
* National Gallery of the Faroe Islands Listasavn, Gundadalsvegur 9, FO-110 Tórshavn, https://art.fo/
* Kristian Blak, Reynagöta 12, FO-100 Tórshavn, https://www.kristianblak.com/ 
* über William Heinesen: http://visittorshavn.fo/william-heinesen/
* Fernsehsender Sjónvarp: https://kvf.fo/nskra/sv
* Der Shop des Labels TUTL befindet sich in der Niels Finsensgöta 9c, FO-Tórshavn, https://www.tutlrecords.com/

Mit der M/S Norröna auf die Färöer (FO/DK)

Smyril Line
Auf der M/S Norröna, der Fähre der färöischen Reederei Smyril Line

Viele Deutsche haben das Wort Färöer vielleicht schon gehört, können aber nicht wirklich sagen, was und wo das ist. Die Färöer, also “Schafsinseln”, liegen nordwestlich von Schottland mitten im Atlantik. Sie gehören zu Dänemark, sind aber, genauso wie das ebenfalls dänische Grönland, autonom.


Vom Nordwesten Dänemarks, dem kleinen Ort Hirtshals, verkehrt regelmäßig eine Autofähre dorthin. Sie gehört der Reederei Smyril Line, benannt nach dem färöischen Wort für den kleinen Raubvogel Merlin. Und sie dient – ähnlich wie die Hurtigruten in Norwegen – gleichzeitig der Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern.

die anreise


Allein schon die Fahrt nach Hirtshals erscheint uns, die wir Deutsche Bahn gewohnt sind, wie ein stressiges Abenteuerlein gleich zu Beginn: Wir müssen an einem Samstag von süddänischen Padborg aus fünf Mal umsteigen, Start 7.06 Uhr, geplante Ankunft 13.24 Uhr, Ablegen der Fähre 16.30 Uhr. Noch dazu gibt es ausgerechnet an diesem Wochenende auf einem Teilstück Schienenersatzverkehr. Während aber die DB teilprivatisiert ist und Geld erst zurückerstattet, wenn der Zug mehr als zwei Stunden verspätet ist, zahlt ihr hiesiges Pendant DSB schon bei einer Verspätung ab 20 Minuten. Und vielleicht macht das ja den Unterschied aus – jeder unserer Züge ist pünktlich, der Bus sogar überpünktlich! Wir entspannen uns. 


Die nächste Überraschung erwartet uns dann in Hirtshals: Direkt am Bahnhof gibt es einen Zubringerbus zur Smyril Line. Wir hatten uns bereits auf eine gut 3 km lange Wanderung mit schwerem Gepäck durchs Industriegebiet eingestellt und zahlen deshalb gern die 30 DKr (rund 4 €) pro Nase, die dieser Service extra kostet.

wir gehen an bord


Die Fähre ist riesengroß, aber jetzt, gegen Ende August, schon nicht mehr ganz ausgebucht, sodass wir einen kostenlosen Upgrade von “mit eingeschränkter Aussicht” auf “volle Aussicht” bekommen.


Kaum an Bord, heißt es, die Uhren auf färöische Zeit umstellen, eine Stunde zurück. Dann beginnen wir, das Schiff zu erkunden, das für zwei Nächte unsere Heimat sein soll. Es hat zehn Decks, die natürlich nicht alle betreten werden dürfen. Jede Kabinentür ist mit einem anderen Tier bemalt, bei uns mit einem Dorsch/Kabeljau (auf färöisch Toskur), und dadurch ein klein wenig individuell.

alte fotos erzählen geschichte


Im ganzen Schiff sind die Wände mit Vergrößerungen alter färöischer Schwarzweiß-Fotos tapeziert, mit Bilderklärungen in drei Sprachen, darunter deutsch. So lässt sich schon einiges über die Inselgruppe erfahren. Außerdem aber gibt es kostenlose Reiseführer. Sie sind sehr ausführlich und liebevoll geschrieben, von Menschen, die ihre Heimat wirklich kennen und mögen.


Langsam verschwindet das Festland am östlichen Horizont, die Wellen werden etwas stärker. Die Sonne scheint, und das Schiff ist groß, trotzdem spürt man den Seegang ordentlich. Und auf dem zweiten Deck, wo sich (im Preis inbegriffen) Fitnesscenter, eine kleine Sauna und ein Schwimmbad befinden, sieht man es auch: Wir haben ein richtiges Wellenbad, ausgelöst nur durch die Schwankungen der Fähre! Eine Gaudi für alle Kinder und natürlich auch für uns Erwachsene.


Mein Mann liebt es am meisten, auf Deck 9 ganz vorn am Bug hinter Plexiglas-Windschirmen zu sitzen und aufs Wasser und den Horizont zu schauen. Ich kann auf Deck 10 morgens fast gänzlich ungestört am Heck meine Meditationsgymnastik machen.


Und im Schiff, da hat es mir auf Ebene 5 vor allem die Café-Bar-Bücherei angetan, wo am ersten Abend ein junger Färöer recht gut zur Gitarre singt, Beatles, Bobby McGee, färöische und auch dänische Lieder. Ich bin nicht die einzige, die mitsingt.


Am Sonntag Nachmittag passieren wir die Shetland Inseln auf der Steuerbordseite. Und dann steuern wir nordwestlich über den offenen Atlantik, mit bis zu 2,50 Meter hohen Wellen.  Montag früh gegen 7.30 Uhr erreichen wir Torshavn, die Hauptstadt der Färöer.

Deutschsprachige Webseite der Reederei: https://www.smyrilline.de/

Elfenwiese, Rumpelstilzchen und Hexenkraut in Glücksburg (D)

An den Ochseninseln vorbei über die Flensburger Förde

Mit der M/S Viking schippern wir von Flensburg über die Förde nach Glücksburg. Es herrscht schönstes Augustwetter, ohne ein Wölkchen am Himmel. Dazu gibt es Schauergeschichten. Via Lautsprecher erfahren wir im launigen Ton, wo der Galgen stand, wie Margrethe I. zu Tode kam und von den 14 Hexen, die in Flensburg ermordet wurden – von Johann Brade (vor 1548) bis Catharina Jensen (im Jahre 1620). Aber das trübt 2022 die Stimmung der Mitreisenden nicht.

heute back ich, morgen brau ich
Rumpelstilzchen im Wald

Vom Schiffsanleger in Glücksburger Ortsteil Sandwig heisst es erst einmal, Richtung Innenstadt laufen, knapp 2 km durch den Wald! Immer wieder stoßen wir dabei auf Kunstwerke, darunter Hartmut Mahlers „Rumpelstilzchen“ – offenbar hat ihn ein Stück Holz an den Zwerg erinnert.

 
café am schloss
Glücksburg – Café am Schloss (beim Rosarium)

Im Zentrum besuchen wir zunächst einmal das Café am Schloss aus dem Jahre 1833 (direkt neben dem äußerst sehenswerten Rosarium gelegen) und gönnen uns im rauchfreien (!), romantischen Garten ausnahmsweise etwas Unveganes. Wir bereuen es nicht. Mein Käsefrühstück (gibt’s bis 12 Uhr) ist extrem lecker und besteht aus:

FEINE AUSWAHL AN BLÜTENKÄSE, ALLGÄUER BERGKÄSE MIT
MANGOCHUTNEY, FEIGENKARREE, SAHNIGER FRISCHKÄSE
MIT HAUSGEMACHTEM PESTO, WEIDEBUTTER,
ERDBEERMARMELADE, DAZU ALLERLEI SCHMACKHAFTE DEKO,
EIN KORB MIT OFENFRISCHEN BRÖTCHEN UND
SCHWARZBROT.

Dazu trinke ich einen Earl Grey namens „Watt denn hier los“. Er stammt von der Hamburger Teemanufaktur Samova und ist sogar Bio! Einzig der Espresso schmeckt mir zu bitter. Aber ansonsten: Ich komme auf jeden Fall wieder!

dolmenpfad und elfenwiese
Grab 4 des Dolmenpfads

Dann laufen wir weiter zum Staatsforst Friedeholz im Norden dieser nördlichsten Stadt Deutschlands (Alternative: Bus Linie 21, Haltestelle Schwennaustraße). Was hier beginnt, ist ein wahrer Zauberwald, mit Wildschweingehege und dem 4,6 km langen Dolmenpfad, der vorbeiführt an mehr als zehn Grosssteingräbern der Jungsteinzeit und bronzezeitlichen Grabhügeln. Wer wurde hier im Buchenwald bestattet? Die Schaman*innen des Ortes, die vielleicht auch gleichzeitig weltliche Führer*innen waren? An Grab Nr. 4 sehe ich eine kleine Frau im langen, weißlichen Wollgewand vor mir, die zusammen mit den anderen Leuten des Dorfes ihre Vorgängerin beerdigt.

Die Elfenwiese

Rund um die geheimnisvolle Elfenwiese führt dieser Dolmenpfad. Schwarzbackige Grasfrösche, winzig kleine und große, hüpfen über unseren Weg. Der Elfentanzplatz ist ein 3,5 ha großes Hochmoor, das zwar inzwischen trockener wird (immer mehr Birken wachsen dort), aber nach wie vor nur von leichtgewichtigen Elfen und Feen überquert werden kann. Wir setzen uns auf eine Bank am Rande und beobachten eine große Königslibelle. Morgens, wenn die Nebel vom Wasser aufsteigen, vermeinen Einheimische hier in Schleier gehüllte Wesen tanzen zu sehen, und die abgestorbenen Bäume tun ihr Übriges. Aber es ist früher Nachmittag, und so genießen wir einfach den Wald, die Aussicht und die Stille. Binsengras wächst hier und ganz in der Nähe auch Wollgras.

Das unscheinbare Hexenkraut

Wie es sich für einen echten Zauberwald gehört, gibt es überall blutstillendes Hexenkraut (Circaea lutetiana) mit seinen kleinen weißen Blüten. In früheren Jahrhunderten war es so selten, dass frau es nur fand, wenn sie sich hoffnungslos verirrt hatte. Dann aber konnte sie es für Liebeszauber verwenden und zum Schutz des Viehs, sofern ihr der Weg nach Hause doch noch glückte. Schon ein Blütlein täglich genügte den Frauen, um sich für das andere Geschlecht attraktiver zu machen.

 

Ein wunderbar kühler, feuchter Kraftplatz ist dieser Wald an einem heißen Sommertag wie diesem – hoffentlich kann ich ihn bald wieder besuchen!

ANSCHRIFTEN:

 

Lebendige Ziegelei: Cathrinesminde (Broager, DK)

Der riesige Ringofen der Ziegelei

Traumhaft schön an den nördlichen Ausläufern des Flensborg Fjords liegt das kleine Städtchen Broager. Gegenüber auf der deutschen Seite erkennt man die Spitze der Halbinsel Holnis. Viele Ziegeleien säumten um 1900 die Flensburger Förde – allein zwischen Broager und Brunsnæs waren es acht. Von diesen steht heute nur noch die Cathrinesminde, als Industriedenkmal konserviert, von 1732 bis 1968 in Betrieb.

det levende teglværk
Das Tossemarens Trio spielt zum Tanz auf

Zu bestimmten Zeiten während der dänischen Sommerferien (in diesem Jahr vom 21. bis 24. Juli) erwacht das Museum aus seinem Dornröschenschlaf und wird zu „Det levende teglværk“ – „Die lebendige Ziegelei“. Dann präsentieren Menschen in historischen Trachten, wie die Arbeiter*innen um 1900 hier lebten. Es wird geklöppelt, der Gemüsegarten gepflegt, ein Pferd arbeitet an der Knetmühle.

Die Knetmühle

Und die Ziegel werden geformt, getrocknet und gebrannt. Schwerarbeit! Doch Frauen spielen zum Tanz auf, Kinderspiele wie damals können ausprobiert werden, und im südjütländischen Dialekt werden Märchen erzählt.

 

arbeiterleben vor 100 jahren

Drei der gemauerten Arbeiterwohnungen direkt neben dem riesigen, begehbaren Brennofen kann man auch heute noch besichtigen. Sie sind eingerichtet, wie es 1900, 1930 und 1960 üblich war: ärmlich! Der Ziegelei-Besitzer hingegen wohnte in einer Villa oben auf dem Berg. Die zehn bis zwanzig Arbeiter*innen, die hier fest lebten, mussten Tag und Nacht zur Verfügung stehen, Kinder eingeschlossen. Um 1900 betrug die Wochenarbeitszeit sechzig Stunden Minimum. Die vielen Saisonarbeiter hausten dagegen in Holzbaracken, denn nur von April bis November wurden Ziegel gebrannt.

Wir aber haben es heute gut und schauen gemütlich dem großen Waschtag mit Waschbrett zu.

Blick von der Mole auf den Fjord

Und wir laufen auf der mittlerweile mit wilden Karotten und gelbem Steinklee überwucherten Mole, über die Arbeiterinnen fertiggebrannte Ziegel zu den Schiffen brachten. Ziegelbruch wurde direkt in die Förde geworfen, und deshalb ist das Wasser jetzt, im Jahre 2022, zu flach für größere Boote. Übrigens: Der berühmte dänische Wanderweg Gendarmestien führt direkt hier vorbei. Unser Ausflug wird abgerundet durch einen Besuch im Café und dem Museumsshop. Cathrinesminde: Ein Ort zum Wiederkommen!

Anschrift:
* Cathrinesminde Teglværk, Illerstrandvej 7, DK-6310 Broager, http://www.msj.dk
* Mehr über den Gendarmesti: https://www.visitsonderjylland.de/gendarmenpfad

Rømø: Kiefernwälder und breite Strände (DK)

Blick durch Kiefern auf die Ostseite des Watts


Als wir auf dem Damm zur Insel Røm fahren, herrscht gerade Ebbe. 9,2 Kilometer lang rollen wir über das zweispurig asphaltierte Watt unserem Ziel entgegen. Es ist der bisher heißeste Tag des Jahres, mitten in den hiesigen Sommerferien. Aber hier, auf der südlichsten Nordseeinsel Dänemarks, werden lediglich angenehme 24 Grad im Schatten gemessen. Nur ein ganz zartes, kaum wahrnehmbares Lüftchen weht über das UNESCO-Welterbe Wattenmeer. Entsprechend groß ist der Andrang zum Hauptstrand, in der Verlängerung des Dammes, einfach immer geradeaus. Ein langer Stau zeichnet sich ab.

Der süden rømøs

Und so machen wir spontan kehrt und fahren gen Süden zum Sønderstrand. Wir vier Frauen haben uns beim Dänischlernen in Aabenraa kennengelernt. Ich war bisher erst einmal, vor zwei Jahren, auf Rømø. Aber meine Sprachschul-Kameradinnen kennen sich aus und erzählen, wie still und romantisch es hier vor zwanzig Jahren noch war, und welch schöne Ferien sie unter anderem mit ihren Pferden auf der Insel verbracht haben. Heute ist alles touristisch, und viele der Neubauten gehören leider zur hässlichen Sorte. Aber ich liebe die Heidelandschaft und die Kiefernwälder, die hier „Plantagen“, also angepflanzt sind: Kirkeby Plantage mit der sehenswerten, beschaulichen Inselkirche aus dem 13. Jahrhundert, und weiter im Süden die Vraaby Plantage.

Wie wir es uns erhofft hatten, ist der Sønderstrand weniger überlaufen. Auf Rømø fährt man mit dem Auto auf den Strand, denn er ist bis zu vier Kilometer breit. Für mich der breiteste, den ich je gesehen habe. Das birgt die Gefahr in sich, im Sand steckenzubleiben oder aber, wenn man sich bei Ebbe zu weit vorgewagt hat, von der Flut eingeschlossen zu werden. Jedoch haben wir Halbmond, somit Nipptide und parken im sicheren Abstand von der Wasserkante im Schatten eines Campingbusses.

Dann nehmen wir unsere Rucksäcke und Taschen und laufen die letzten tausend Meter über Sand, Sand und Sand hin zum Wasser. Während zwei von uns nur bis zu den Knien hinein wollen, gehen ich und die Fahrerin tiefer hinein. Für mich ist es das erste Mal Schwimmen in diesem Jahr. Und das Wasser so ruhig, dass ich mich sogar als Tote Frau auf den Rücken legen kann. Herrlich!

Anschließend waten wir am Meeressaum entlang. Drei Kilometer weiter südlich kann man die Nordspitze Sylts sehen, und die roten Fähren, die zwischen dort und Rømø verkehren. Wir entdecken tote blaue Nesselquallen und Strandkrabben-Gehäuse. Hier gibt es Herz-, Sandklaff-, Mies- und leider auch Amerikanische Schwertmuscheln zu Hauf, dazu viele Austern. Wir sind glücklich. Aber die Flut kommt schnell. Aus den Gängen der Wattwürmer gluckert die Luft nach oben. Überrascht stellen wir fest, wie spät es schon ist.

Das Polizeigebäude von Rømø

romantik pur: cafe hattesgaard
Hattesgaard

Auf dem Rückweg halten wir an einem baumumstandenen, nostalgischen Reetdach-Haus aus dem Jahre 1914. Hier gibt es ein großes Café, Antik und Trödel. Leider sind wir zu spät dran, und es wird gerade geschlossen. Doch auch von außen finden wir sie in diesem Moment mit aller Macht: die dänische Hygge.

 

Anschriften:
* Sct. Clemens Kirke, Havnebyvej 152, 6792 Rømø,  https://www.sctclemensromo.dk/ (mit Konzerten und Führungen)
* Hattesgaard Rømø, Café – Antik & Genbrug, Hattesvej 17, 6792 Rømø,  https://www.hattesgaard.dk/

 

 

Sommerfest in Haithabu (Busdorf, D)

Haithabu: Reetdachhäuser

Ich stelle mir vor, ich lebe im frühen 9. Jahrhundert, vor der Christianisierung, in Haithabu. Meine Stadt gehört heute zum UNESCO-Welterbe, aber das weiß ich natürlich nicht. Sie ist ein wichtiger Handelsplatz, denn bis Haithabu fahren die Schiffer von der Ostsee. Hier laden sie ihre Waren auf Karren um und transportieren sie am Danewerk entlang bis zur Treene. Von dort aus gibt es dann wieder Schiffe bis zur Nordsee.

Haithabu: Landungssteg mit Boot aus der Wikingerzeit

Ich bin früh aufgewacht, alle schlafen noch – auch mein Mann, der Schmied Bertram, benannt nach den beiden Raben Odins. Auf dem Steg genieße ich die Aussicht über die hier sehr breite Schlei, traumhaft schön! Aber es stinkt, denn wir werfen unsere Schlacht- und auch viele andere Abfälle hinein. Die Rauchschwalben fliegen tief, später wird es regnen.

Flussaufwärts sammle ich in einem Weidenkorb Mädesüß, Dost und Königskerze, denn ich bin die Heilerin der Stadt. Aus einer Quelle schöpfe ich Wasser in meinen Bottich.

Dann kehre ich zurück in unser dunkles, reetgedecktes Haus. Das einzige Licht fällt von oben herein, durch den Rauchabzug direkt über der Feuerstelle. Ich entfache das Feuer und hänge einen Eisentopf darüber (Bertram hat ihn geschmiedet!). Dann schütte ich das Quellwasser und Gerstengrütze hinein, dazu etwas kostbares Salz. Während die Grütze langsam gart, gehe ich wieder hinaus und hänge die Heilpflanzen an geflochtenen Bastfäden zum Trocknen unter das Dach.

Mein Mann, der nicht-wikinger

Ich liebe meinen Mann, denn er ist als Jüngling nie auf „Wiking“, also auf Raubzug, gefahren. Die anderen belächeln ihn zwar deshalb, aber als Schmied fürchten sie ihn auch, denn obwohl er nie Schwerter, sondern nur Beile, Messer und Speerspitzen zum Jagen fertigt, steht er doch mit dem Odin, dem Gott der Zauberer, im Bunde.

sommerfest in haithabu

Die Schwerter, die ein Händler gestern aus dem Rheinland weit im Süden mitgebracht hat, sind von ausgezeichneter Qualität und deshalb von den jungen Männern heiß begehrt. Zu Ehren des Händlers haben wir gestern ein großes Sommerfest gefeiert. Der Met floss in Strömen, ein Schaf wurde geschlachtet. Dort drüben ist seine Haut aufgespannt. Ich habe auf meiner Knochenflöte gespielt, wir haben gesungen und getanzt. Ein schönes Fest!

Jetzt schlafen noch viele ihren Rausch aus, aber am Nachmittag werden sie gewiss Schaukämpfe mit ihren neuen Schwertern veranstalten. Dann werde ich in den Wald gehen und Engelwurz suchen. Und mein Mann wird aus seiner Schmiede nicht hervorkommen, denn unser Nachbar braucht viele Nägel, um eine Truhe damit zu beschlagen.

und heute?

Auch heute gibt es noch viele Feste und Veranstaltungen in Haithabu – also nichts wie hin zu diesem Glücksort! Die nächsten sind:

  • Sommermarkt in Haithabu, 14.-17.7.2022. Handel und Handwerk wie vor 1000 Jahren.
  • Tuche für Pumphose und Tunika, 18.7.-11.8.2022. Die Tuchhändlerin zeigt ihr Sortiment.
  • Der Taschenmacher ist in der Stadt, 18.-19.7.2022
  • Vom Korn zum Brot, 18.7.2022. Mahlen, kneten, backen.

Anschrift:
Wikinger Museum Haithabu, Haddebyer Chaussee B76, 24866 Busdorf (bei Schleswig), https://haithabu.de/

 

Glücksort Schloss Gottorf (Schleswig, D)

Barocke Südfassade des Schlosses Gottorf
Barocke Südfassade des Schlosses Gottorf

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass es in einer Kleinstadt wie Schleswig solch ein riesiges Schloss gibt. Hier residierten lange nach den Wikingern einst Herzöge und Könige. Nun ist Gottorf eine Museumsinsel für’s Glück, deren Größe jedoch erahnen lässt, wieviel Schweiß und Blut dieser Bau die Untertanen gekostet hat. 

Das Wort Museumsinsel lässt mich natürlich an die Berliner Museumsinsel denken. Aber wenn es dort um internationale Kunst und Kultur geht, so hier eher um norddeutsch-dänische.

Wir betreten das Gelände von der Ostseite her über eine romantische weiße Holzbrücke und konzentrieren uns – die Zeit ist knapp und meine Freundin nicht gut zu Fuß – auf die Jugendstilsammlung im ersten Stock des Südflügels sowie die Galerie der Klassischen Moderne in einem der Nebengebäude. Einige Skulpturen gibt es im Außengelände gratis mit dazu.

Karl Hartung: Stehende Figur 1956/57

Und so sehe ich nun zum ersten Mal in meinem Leben Werke der in Dänemark sehr berühmten Skagen-Maler Anna und Michael Ancher live – sie waren sogar schon Thema in der Sprachschule. Dazu einige kolonialistisch-nationalsozialistischer Künstler, aber auch viele, die damals als entartet diffamiert wurden: Ernst Ludwig Kirchner gefällt mir, auch Max Pechstein (besonders das Bild „Der Tanz“ aus dem Jahre 1912), Max Beckmann oder Oskar Kokoschka. Am meisten aber beeindrucken mich die Schwarz-Weiß-Blätter von Käthe Kollwitz zum Thema Bauernkrieg (wie z. B. „Die Gefangenen“) und ihre Selbstportraits. Meine Freundin hingegen liebt vor allem den fliegenden Engel Barlachs („Der Schwebende“).

Wie viel werden wir an diesem Vormittag von dem unendlich großen Gelände gesehen haben? Ein Zwanzigstel? Wir kommen wieder!

Mittagstisch

Aber es ist Mittagszeit, und so besuchen wir das indische Restaurant Puri Puri, das fußläufig zu erreichen ist – mit einem großen Angebot an veganen und vegetarischen Gerichten in guter Qualität. Ich entscheide mich für frische Okraschoten mit Basmatireis, Papadam, indisches Kingfisher Bier und Tee aus frischer Pfefferminze – lecker.

Unterwegs nach Kappeln

Zurück fahren wir einen Umweg über das klitzekleine, direkt an der Schlei gelegene Dorf Goltoft. Sehr empfehlenswert zum Urlauben, denn hier gibt es einen Bioladen, Bio-Ferienunterkünfte, einen Kanuverleih und eine Handweberei mit großem weißem Hund.

Schließlich landen wir am Hafen von Kappeln und schauen im Cameo beim Genuss von Bio-Tee (Roibusch-Vanille) von Strandkörben aus dem Öffnen und Schließen der klappbaren Schleibrücke zu, bevor es zurück nach Dänemark geht.

Ein schöner Ausflug, der glücklich macht!


Anschriften:

* Museumsinsel Schloss Gottorf, Schlossinsel 1, 24837 Schleswig, https://schloss-gottorf.de/de/startseite
* Indisches Restaurant Puri Puri, Lollfuß 96c, 24837 Schleswig, https://www.puripuri-schleswig.de/
* Bio-Hofladen und Bio-Ferienunterkünfte in Goltoft: Leah’s Snoopkram, Dorfstr. 10, 24864 Goltoft, https://www.leahs-snoopkram.de/ (von der Hauptstraße aus immer den zartrosa Schildern folgen)
* Handweberei Goltoft, Kathrin Schoppmeier, Webermeisterin, Teichstr. 1, 24864 Goltoft, https://www.ostseefjordschlei.de/poi/handweberei-goltoft (mit schönem Wollvorhang in Regenbogenfarben vor dem Eingang)
* Restaurant Cameo, Am Hafen 5, 24376 Kappeln, https://www.cameo-kappeln.de/

 

 

 

Pole Poppenspäler Museum und Künstlercafé (Husum, D)

 

Frau Holle und der böse Frost

Die ehemals graue Theodor-Storm-Stadt im Norden Deutschlands hat sich für uns Neudänen in eine bunte Stadt im Süden verwandelt. Auch jenseits der Pfade des Schimmelreiter-Autors lässt sich hier viel Magisches und Unkonventionelles entdecken, zumal an einem freundlichen Juli-Sonntag.

Kurz vor Mittag kommen wir mit dem 150er Bus vom Flensburger ZOB aus in Husum an und brauchen zunächst einmal eine Stärkung. Die finden wir im Künstlercafé, mit schönem Innenhof, freundlichem Personal, französischem Flair, viel veganem Essen und noch mehr Bio-Getränken. Kunst: Das ist hier nicht irgend ein Bild an der Wand – sondern die Backkunst einer Patisserie. Auch wenn wir uhrzeitbedingt keinen Kuchen probieren – er sieht verlockend aus und klingt auch so: Mango-Kokos-Tarte, Persische Datteltarte, Zar Nicolai, Partisanen Torte und viele andere verführen zum Schlemmen. Ich entscheide mich für den veganen „Flammkuchen Paris“ plus französischen Rotwein. Und weiß schon jetzt: Wir kommen wieder!

Anschließend geht es in das Renaissance-Schloss „vor“ (mittlerweile in) Husum, mit einer äußerst netten, sympathischen Empfangsdame ostdeutscher Provenienz, vor dem im Frühjahr Millionen magisch-violetter Krokusse blühen – bestimmt einen Ausflug wert (auch wenn eine meiner dänischen Freundinnen sich beschwert hat, der das viele Lila zu monochrom ist). Uns aber lockt die fantastische Welt des Pole Poppenspäler Museums im Schloss, zur Zeit (bis Januar 2023) mit der Ausstellung „Das Kaspertheater“.

Hier eine gruselige Variante des Spaßmachers als „Werner Brösel“

Das Kaschperletheater gehört zum immateriellen Welterbe der UNESCO, und hier im Museum sind die Mitwirkenden versammelt, Kasper, Punch und Pulcinella, aber auch ihre Gegenspieler. Vielleicht ist es den beschränkten Räumlichkeiten geschuldet, dass man leider über den Hohensteiner Kasper im Nationalsozialismus nur wenig erfährt. Aber Kasper war – ähnlich wie Till Eulenspiegel – mit seinem derben Humor schon immer ein Überlebenskünstler, und so schlägt er auch heute noch, tritratralla, der Kasper, der ist wieder da, mit seiner Pritsche auf das Böse ein, Ende gut, alles gut. Wenn er nicht selbst gerade der Böse ist, siehe Nazizeit! Die Ausstellung gefällt uns sehr, zumal wir seit dem Wegzug aus Stuttgart mit seinem FITZ und Frau Brehmes Puppentheater Figuren-Entzugserscheinungen haben. Deshalb kaufen wir auch gleich noch ein Poster für’s Wohnzimmer und nehmen zwei alte Figurenspiel-Zeitschriften mit.

Im Herbst finden hier wieder (so Corona will vom 15.-25.9.2022) die Pole Poppenspäler Tage statt, und wer mehr über das Metier des Puppenspielers wissen möchte, dem sei Storms gleichnamige Novelle empfohlen (https://www.buch7.de/produkt/pole-poppenspaeler-theodor-storm/1039018062?ean=9783150140031) oder aber La double vie de Véronique (Die zwei Leben der Veronika, https://www.buch7.de/produkt/la-double-vie-de-veronique-krzysztofpreisner-o/1024789562?ean=5060421560403), ein wahrhaft magischer französisch-polnischer Film.

Es gäbe in Husum noch eine weitere spannende Lokalität zu besuchen, das Weihnachtshaus im gründerzeitlichen Ambiente, aber dazu langt unsere Zeit diesmal leider nicht – wir kommen wieder!

Anschriften:
* Künstlercafé, Neustadt 13, 25813 Husum, http://www.künstlercafehusum.de
* Pole Poppenspäler Museum im Schloss vor Husum, König-Friedrich V.-Allee, 25813 Husum, https://www.pole-poppenspaeler.de/
* Weihnachtshaus Ingwert Paulsen jr. e.K., Nordbahnhofstr. 2, 25813 Husum,  https://das.weihnachtshaus.info/