Dienstag, 14.8.2018: Von der Schönheit des Widerstands

Stuttgart-Sillenbuch: Martin-Luther-Kirche und Anna-Haag-Platz

Einen größeren Gegensatz könnte es fast nicht geben: Im Hintergrund die evangelische Kirche unseres Stadtteils, 1933 unter Hakenkreuzfahnen eingeweiht, im Vordergrund der nach der Sillenbucher SPD-Politkerin und Pazifistin benannte Anna-Haag-Platz.

Vor 1933 mussten die Sillenbucher sonntags hinunter nach Rohr-acker, um Gott zu dienen. Besonders eifrig waren sie nicht und galten deshalb als ziemlich gottlos. Doch dann kamen die Nazis und alles wurde gut. Im Buch von Christian Glass, „Sillenbuch & Riedenberg“, heißt es:

„Immerhin ist (NSDAP-)Ortsgruppenleiter Karl Dreizler seit 1927 Kirchengemeinderat. Als Landesbischof Theophil Wurm die Martin-Luther-Kirche fünf Monate nach der Machtübernahme der NSDAP einweiht, ist ganz Sillenbuch mit Hakenkreuzfahnen geschmückt.“

Wie anders Anna Haag, seit 1926 Stuttgarterin. Mitte Juni 1940 beginnt sie ein Tagebuch, das sie unweigerlich den Kopf gekostet hätte, hätten die Nazis es entdeckt. Ja, ihr Widerstand ist nur ein innerer, heute 500 Seiten eng mit Schreibmaschine betippt, damals handgeschrieben und versteckt. Aber immerhin, besser als Mitläufertum und die Behauptung, man hätte von der Ermordung der Juden erst 1945 erfahren. Auszüge aus ihrem Tagebuch sind auf dem Anna-Haag-Platz zu lesen, umrahmt von Lavendelbüschen.

Wenn auch während der Nazizeit nur im inneren Widerstand, mutig war sie doch, die Anna Haag: Kaum war der Krieg zu Ende, trat sie schon 1945 wieder der SPD bei und begann, sich erfolgreich politisch zu engagieren – zu einer Zeit, als das für Frauen noch mehr als unüblich war. Wikipedia schreibt:

„Anna Haag engagierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für den Wiederaufbau Stuttgarts und setzte sich für die politische Bildung von Frauen ein. So war sie unter anderem Mitglied des Städtischen Beirats der Stadt Stuttgart und Mitbegründerin der Arbeitsgemeinschaft Stuttgarter Frauen. (…)

1946 wurde Haag in die Verfassungsgebende Landesversammlung und anschließend in den ersten Landtag von Württemberg-Baden berufen. Sie war eine von nur zwei Frauen (sic!). Mitglied blieb sie bis 1950.

Anna Haag engagierte sich für die Anerkennung der Hausfrauenarbeit als vollgültige Arbeit und für die Ablehnung des Kriegsdienstes mit der Waffe. Der Satz „Niemand darf zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“ aus dem von ihr eingebrachten Gesetz Nr. 1007 des Landes Württemberg-Baden wurde – leicht abgeändert – später in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen („Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“, Art. 4 Abs. 3 GG).“

Auch Anna Haag ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Optimistinnen länger leben – sie wird 94 Jahre alt und lebt bis zum Schluss getreu ihrer Maxime:

„Um eines Altersglückes willen darf der alte Mensch seine Altersweisheit, die zu neunzig Prozent aus Milde allem menschlichen Irren gegenüber besteht, auch auf sich selbst anwenden. Er braucht seine Fehlleistungen und Irrwege nicht wegzuleugnen. Aus der Freude an geistiger Ehrlichkeit, wiederum ein Vorzug des Alt-Seins, kann er zu seinem Leben, gewoben aus Freuden und Leiden und durchschossen von Irrtümern und Fehlleistungen, sagen: Trotz alledem, ja!“

Montag, 13.8.2018: Reisenotizen zwischen Bonn und Stuttgart

Blick von Bonn über den Rhein aufs Siebengebirge

Im orange-rosa Morgengrauen, kurz vor halb sechs, wache ich Gästezimmer meiner Bonner Freundin auf. Eine meiner sieben Perseiden-Sternschnuppen, die „Gesundheit“, scheint schon gewirkt zu haben: Ich brauchte für die Nacht kein Opiat und bin damit auf dem Weg des Ausschleichens der Schmerzstiller ein gutes Stück weitergekommen!

Draußen beginnt es zu regnen, eine Wohltat für die Natur. So mache ich einen Teil meiner Morgengymnastik im Zimmer und lasse mich nur für das letzte Viertel vom Himmel berieseln, bevor ich mich unter die Dusche stelle, anziehe und anschließend mit Qi-Gong-Kugeln (chinesisch, Metall mit Glocken darin) meine rechte Hand trainiere. Im Haus ist noch alles still, und ich versuche, eine Gemeinnützigkeitssatzung für unser Ökoglückshaus im thüringischen Greiz zu entwerfen.

Später, nach dem Frühstück mit exotisch verpacktem Bio-Schwarztee aus Georgien, machen wir noch einen Spaziergang ans Bonn-Plittersdorfer Rheinufer, denn wie sagt meine Freundin so richtig: „Man kann nicht Bonn besuchen, ohne am Rhein gewesen zu sein.“

Nach einem kleinen Mittagessen und selbst gesammelten und -gekochten Zinnkrauttee brechen wir zum Bonner Hauptbahnhof auf. Hier heißt es Abschied nehmen, auch von meiner Tochter Lenja, die noch bis Samstag in Bonn bleiben wird.

Mein Zug hat verzeihliche zweiundzwanzig Minuten Verspätung (Notarzt-Einsatz). Zum Ausgleich gönne ich mir einen doppelten Espresso und ein Laugengebäck mit Vitamin-E-reichen Sonnenblumenkernen, die zudem mehr Eiweiß enthalten als ein Steak. Im Intercity werde ich mit der saubersten IC-Toilette aller Zeiten belohnt, sie blitzt richtig. Und mit einem freundlichen Schaffner, der anstandslos akzeptiert, dass ich statt meiner Bahncard 25 nur eine Fotokopie vorweisen kann (ich erinnere mich genau, wo zu Hause ich das Original liegt). Und mit einer Rückfahrt wieder auf einer der neun schönsten Bahnstrecken Deutschlands, durch das Mittelrheintal – diesmal sogar mit einem Fensterplatz in Fahrtrichtung auf der flusszugewandten Seite. An Orten vorbei, die so verwunschen heißen wie Namedy, Urmitz, Spay, und natürlich Loreley-Felsen und Bacharach, das mich immer an Heinrich Heines Rabbi erinnert. Heute ist definitiv ein Glückstag, womit schon eine weitere wunderschöne Sternschnuppe mir einen Wunsch erfüllt hat!

Nach Bingen fange ich an zu lesen. Meine Freundin hat mir zum Geburtstag eine Ausgabe der französischsprachigen Zeitschrift „écoute“ geschenkt. Darin gibt es eine nette kleine Fortsetzungsgeschichte von Élisabeth Fétizon, „Das Rätsel von Saint-Trémeur“, aus der ich einen kleinen Ausschnitt hier übersetze, weil er so gut zum Thema dieses Blogs passt:

„Mme Dreau kam vor dieser Kapelle aus dem 15. Jahrhundert an und war wie jedes Mal bewegt von ihrer Schönheit. Die Einfachheit der Kapelle mit ihrem langen, niedrigen Kirchenschiff und ihrem zerbrechlichen Kirchenturm, der sich gegen den Himmel erhob, war von einer seltenen Eleganz. Die alte Dame näherte sich einer Tür aus rotem Holz, die schön mit dem weißen Turm des Gebäudes kontrastierte.“

So geht Schönheit also auch!

Freitag, 10.8.2018: Perfekter Geburtstag

Ich liebe meine Geburtstage, auch wenn dieser schon der 58. ist – da ich 109 Jahre alt werden möchte, kann ich noch weitere 51 erleben! Weil am 10. August zumeist Sommerferien sind, feiern wir fast immer an irgend einem schönen Urlaubsort. Diesmal sind wir in Stuttgart geblieben: meiner CRPS-Erkrankung und unserer alten Katze Kalas zuliebe.

Das größte und schönste Geschenk erhalte ich gleich morgens beim Aufwachen: Es ist heute zum ersten Mal wieder angenehm kühl – nach der Hitzewelle der Vortage eine Wohltat. Mein Mann Klaus bringt mir Espresso ans Bett, unsere Tochter Lenja setzt sich zwischen uns, und dann packe ich erst einmal Geschenke aus. Nach dem Frühstück mit Kerzenschein und Sonnenblumen-Servietten unternehme ich eine kleine schamanische Reise in den ersten Himmel der Oberwelt, bevor wir den Nachmittag im Kunstmuseum Stuttgart verbringen mit Bio-Sencha-Bloom-Tee, juiz Bio-Rhabarber-Lavendel-Limo im Bistro und natürlich der Sonderausstellung, „mixed realities“, die noch bis zum 26.8.18 zu bestaunen ist. Wie verbinden KünstlerInnen die physisch-reale mit der virtuellen Welt? Und was macht das mit uns? Wie können wir uns in dieser Welt bewegen, ohne dass uns gleich schwindelig wird? Ein einfaches Beispiel für das, worum es in dieser Ausstellung geht, sind die 3D-Brillen, die man manchmal im Kino kriegt. Die gibt es hier auch, aber noch viel mehr. Am meisten fasziniert mich die abu-dhabische Künstlerin mit dem schönen Namen Mélodie Mousset, die uns erlaubt, in einer blau-roten Sandlandschaft Arme und Hände per Knopfdruck auseinander sprießen zu lassen, analog (oder doch eher digital?) zur magischen Hana-Hana-Frucht der japanischen Manga-Serie „One Piece“. Und meine Tochter Lenja? Die ist als zukünftige Mediendesign-Studentin eh begeistert.

Via Charlottenplatz (Weltladen!) laufen wir hoch zum Eugensplatz mit seinem Galateabrunnen – einem der romantischsten Orte Stuttgarts mit einer wunderbaren Aussicht, von der prächtigen Nymphe Galatea ganz zu schweigen. Und nicht zu vergessen: einem Denkmal für Loriots Mops, ohne den ein Leben zwar vorstellbar, aber sinnlos wäre.

Weiter geht es zum Biorestaurant Lässig, direkt an der U- Bahnhaltestelle Heidehofstraße (Freie Hochschule). Hier habe ich einen Tisch für die Familie und meine beiden Freundinnen Maja und Lilian reserviert. Gleich vorab: Das Restaurant ist sehr empfehlenswert, wir verbringen einen schönen Abend bei Kerzenlicht und Blumen im Freien. Ich habe für mich ein veganes Überraschungsessen bestellt und genieße: frisches Brot mit exzellentem Olivenöl, ein Amuse-gueule aus gehackter grüner Melone, Bruschetta und ein Risotto mit getrockneten Tomaten und Pinienkernen, dazu als Aperitif einen alkoholfreien Rosencocktail und später dann alkoholfreies Pils und Espresso – eins wie das andere perfekt!

Meine beiden Freundinnen haben eine arbeitsreiche Woche hinter sich, und so verabschieden wir uns um halb zehn – Klaus, Lenja und ich ziehen allein weiter zur Sternwarte Uhlandshöhe, für uns drei Neuland. Obwohl der Himmel leicht bewölkt ist, haben sich viele Leute eingefunden. Wir sehen den mittleren Stern der Achse der Großen Bärin und erleben, dass er in Wirklichkeit ein Doppelstern ist, später kommt dann Saturn hinzu, weiße Ringe auf weißem Planeten, es sieht unwirklich aus und ist doch so real. Für Klaus und mich ist dies der allerschönste Teil des ungewöhnlichen Tages.

Donnerstag, 9.8.2018: Lachyoga

Seit einem Monat bin ich zertifizierte Lachyoga-Leiterin der „Laughter Yoga International University“ – ein kleiner Baustein meines Heilpraktikerinnen-Studiums. Demnächst werde ich nun hier in Stuttgart Lachyoga anbieten. Aber was ist das eigentlich, Lachyoga? Nun, zu allererst: Es sind Übungen, die glücklich machen!

Erfunden hat sie 1995 ein indischer Arzt, Dr. Madan Kataria, der feststellte, dass Kinder zwar rund dreihundert Mal am Tag lachen – Erwachsene aber nur noch zehn Mal: Und raten Sie, wer glücklicher ist!

Inzwischen gibt es Lachyoga-Gruppen in rund 60 Ländern auf der Welt. Beim Lachyoga erfreuen wir uns nicht an einem gelungenen Witz, sondern wir lachen einfach so, ohne Grund, mit voller Absicht. Das wirkt in den ersten Sekunden etwas gekünstelt, aber dem Körper ist es völlig egal, ob ein Lachen natürlich ist oder nicht, er setzt Endorphine frei, körpereigene Opiate, die Schmerzen stillen und uns glücklich und gesünder machen – und manchmal sogar ganz gesund. Und irgendwann steckt uns das Lachen in der Gruppe an, wir möchten uns am liebsten ausschütten vor Lachen und uns auf dem Boden wälzen.

Also am besten jeden Tag Lachyoga machen, zehn bis dreißig Minuten reichen; allein geht es auch, aber in der Gruppe ist es schöner, zum Beispiel in einem örtlichen Lachclub, demnächst auch in Stuttgart-Sillenbuch! Bei Interesse melden Sie sich einfach bei mir unter barbara@pfeiferin.de.

 

Mittwoch, 8.8.2018: Blumenhäuser

Akanthus-Ornament am Haus Hackstr. 78

Warum schmücken wir unsere Städte so wenig mit Blumen? Im 19. Jahrhundert wurden die Häuser zumindest noch mit steinernen Blumen verziert – wir hier auf dem Foto aus der Umgebung des Stuttgarter Karl-Olga-Hospitals, welches selbst noch florale Elemente präsentiert.

Noch schöner als die steinernen Blumen sind Häuser, die unter überbordenden echten Pflanzen fast verschwinden mögen.

Ich erinnere mich an ein Jazz-Festival in Wales, das Städtchen nahm an einem Wettbewerb zum schönsten Dorf der Region teil, und das war es auch wirklich – jedes Haus mit Blumen geschmückt. Oder an eine Geschäftsreise nach Barcelona mit einem privaten Ausflug ins mittelalterliche Girona, zur Temps de Flors, ein geradezu magisches Ereignis jedes Jahr im Mai (hier ein Link: https://www.freibeuter-reisen.org/temps-de-flors-girona-im-blumenrausch/).

Warten wir also nicht darauf, dass die Stadtväter irgendwann irgendetwas begrünen, pflanzen wir selbst die schönsten Blumen aller Zeiten vor unsere Fenster, auch an vierspurigen Straßen – zur Freude der Vorbeigehenden!

Dienstag, 7.8.2018: Lyrik unterwegs in Stuttgarter Bahnen

Diwan des persischen Dichters Hafis, Miniaturmalerei 1585

Auch heute bin ich wieder mit Bus und U-Bahn zur ambulanten Behandlung im Karl-Olga-Hospital unterwegs, und wie in vielen Stuttgarter U-Bahnen grüßt mich auch heute ein Gedicht an der Wand. Ich kann es nur (vermutlich falsch) aus dem Gedächtnis zitieren, es ist von Erich Jooß und heißt

Fundstücke

Obwohl in Stein eingeschlossen
hat sich die kleine Feder
ihre Leichtigkeit bewahrt
als sie
am Anbeginn der Schöpfung
sich von einem Vogel gelöst hat
und zur Erde herab fiel

Ist das nicht schön? Schon seit 1987 wird in Stuttgarter U-Bahnen Poesie präsentiert, und etwa alle halbe Jahre wechseln die Gedichte. An eins von vor zwanzig Jahren kann ich mich noch erinnern, wenn auch nicht mehr an den Autor:

Der Eisbär

Der Eisbär prustet und erklimmt
den Eisberg der im Eismeer schwimmt
und schreitet groß und stark und weiß
durch den Palast aus grünem Eis

Ich habe zwar Germanistik studiert, bin aber keine Poetik-Spezialistin – ich genieße einfach nur. Und ich glaube, das tun fast alle Menschen, changierend zwischen abgedroschenem Schlager und Celans „Schwarzer Milch der Frühe“. Gereimtes, die absolute Schönheit der Form, in der kein Wort an anderer Stelle stehen oder ersetzt werden dürfte, berührt uns einfach mehr als Prosa. Und das scheint sogar beim abgedroschensten Herz-Schmerz-Poem noch zu funktionieren.

Aber machen Gedichte auch glücklich? Doch, da bin ich mir sicher. Im Moment lese ich zum Beispiel Hilde Domin, die wegen der Nazis Deutschland verlassen musste und erst viel später wieder zurück kam. Glück auch im Exil, das hat sie empfunden, wenn der Wind ihr den Duft von Linden und sonnigem Heu herbei trug. Heimatduft eben: „Wolken von Zärtlichkeit fangen mich ein, und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.“ Ich sehe den Zahn förmlich vor mir, es ist ein Kinderzahn, und er tut nicht wirklich weh, außer ein ganz klein bisschen.

(aus: Windgeschenke, in „Nur eine Rose als Stütze“. Gedichte, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1959)

Dienstag, 31.7.2018: Der Duft von Bienenwachs

 

Die erste Nacht wieder zu Hause in Stuttgart-Sillenbuch verlief seltsam: Immer, wenn ich aufwachte, glaubte ich zunächst, noch im Karl-Olga-Hospital zu sein – das offene Fenster links von mir, die Zimmertür verborgen hinter einem Vorsprung rechts von mir: an beiden Orten dieselbe Aufteilung.

Traum und Wirklichkeit vermischten sich – ich will heute über Bienenwachs schreiben, aber was hat das mit der Aboriginees-Gruppe Yothu Yindi zu tun, die in der Krankenhauslektüre auftauchte, und von der ich hier daheim eine CD habe? Sie hat keinen Musiktitel über Bienen oder Wachs geschrieben, wenn auch das Mundstück meines Eukalyptus-Didgeridoos aus Bienenwachs ist. Doch im Halbschlaf, da war die Verbindung eine ganz selbstverständliche.

Zunächst aber hieß es heute erst einmal, einen Teil meines Alltags zurück zu gewinnen, soweit das mit einer Hand, die trotz Opiaten erst zu 30% wieder funktioniert, eben möglich ist. Ich war im Krankenhaus, in der Ergotherapie, kurz in der Schule, bei der SparDa, bei Alnatura und beim niedergelassenen Chirurgen. Nun wieder daheim, am bisher heißesten Tag des Jahres, draußen bei meiner Tochter Lenja auf der Südseite des Hauses sind es mittlerweile über 42°C, hier drinnen knapp 27°.

Ich habe mir endlich wieder einen Epresso ganz nach meinem Geschmack gekocht, wenn es auch von der Kraft her fast nicht möglich war: Bio-Espressobohnen aus dem Kühlschrank geholt und in der Messingmaschine mit der Hand gemahlen. Auf den Boden des DeLonghi-Siebträgers kommen Cardamom-Samen aus vier bis fünf Hülsen, darüber das Pulver, nicht allzu fest gepresst. Hmmm!

Aber warum Bienenwachs? Gestern ziepte den Opiaten zum Trotz die OP-Narbe, und mir fiel nicht ein, wohin ich die Bepanthensalbe aufgeräumt hatte. Also versuchte ich es im Badezimmer mit „Bienen-Erich‘s Hautsalbe mit Propolis“ (Olivenöl, Bienenwachs, Avocadoöl, Propolis, Aloe Vera, Hamamelis), eigentlich mal für Klaus gekauft, aber er nutzt sie kaum. Sie roch wunderbar und half sofort.

Ich liebe Bienenwachs. Die Kerzen auf unserem alljährlichen Weihnachtsbaum (für mich alte Berlinerin am besten eine Kiefer) enthalten fast immer wenigstens zehn Prozent Bienenwachs, ich habe Bienenwachskerzen in große Ostseemuscheln hineingegossen, ich mache meine Salben und Cremes mit Bienenwachs. Ich besitze einen gewachsten Rock und eine gewachste Jacke. Es dient als Wärmepackung bei Husten und Erkältung sowie gegen Schmerzen der Muskeln und Gelenke. Ein anderes Wachs als das der Biene half mir bei den Olgaschwestern über die Nächte: Ohropax mit Paraffin. Ohne Duft, wie schade.

Ich liebe auch Tannenhonig, aber das Bienenwachs ist mir noch wichtiger. Was bedeutet mir sein Duft?

Das allerschönste, nicht vom Aussehen, sondern vom Duft her, ist das Wachszimmer von Wolfgang Laib im Untergeschoss des Stuttgarter Kunstmuseums am Schlossplatz (Wohin bist du gegangen – wohin gehst du?). Es ist eng im Wachsgang, die Besucher treten einzeln ein und sprechen sich miteinander ab. Früher einmal lag neben seinem begehbaren und beleuchteten Bienenwachszimmer ein riesiger Lavendelteppich, und die Kombination dieser beiden Elemente war schlicht betörend. Vielleicht hatte sich der Lavendel irgendwann ausgeduftet, jedenfalls existierte dann nur noch das Bienenwachs-Zimmer. Und wer weiß, vielleicht ist das Zimmer inzwischen auch auf Wanderschaft in einem anderen Museum und hier bei uns in Stuttgart durch ein neues Blütenstaub-Pollen-Wachs-Reis-Milch-Marmor-Kunstwerk Laibs ersetzt? Sogar die, die sich Experten nennen, schwärmen: Welt aus Wachs und Blütenstaub, die Schönheit des Blütenstaubs, die Kunst der Ruhe, das Licht der Bienen, die außerweltliche Ruhe. Das wundersame Werk des Wolfgang Laib.

Der wundersame Duft und die Schönheit des Bienenwachses. Für mich, für dich. Und zumindest, was ein anderes Produkt der Biene, eben den Honig, anbelangt, in gewisser Weise auch meine Berufung: Mein erstes schamanisches Krafttier, das selbstgefundene, ist der Eurasische Luchs. Er steht für mich, meine Persönlichkeit. Das zweite Krafttier wurde mir von einer weiteren Teilnehmerin eines Workshops vor vielen Jahren geschenkt: die Braunbärin. Sie brachte mir jedoch keine Kraft, Weitsicht oder ähnliches aus dem Wald mit, sondern ganz schnöde: Honig! Nahrungserwerb, Essen, die Süße des Lebens. Mein Leben, meine Berufung, mein Beruf, meine Aufgabe. Die Mutterbärin ernährt mich mit süßem Honig. Wie soll mein Leben da nicht spannend und wunderschön sein? Wunden heilen mit Manuka-Honig, Viren und Krebs besiegen mit Propolis, Schmerzen lindern mit Wachs – Geschichten also von Schönheit und duftendem Glück. Da strahle auch ich gern wie ein Honigkuchenpferd!

Samstag, 28.7.2018: Gelbkopf-Amazonen in Bad Cannstatt

 

Während draußen vor dem Krankenhausfenster unsichtbar aber lautstark die Sittiche durch die Robinie schreien (sie sind vor biblischen dreißig Jahren aus dem hiesigen Zoo, der Wilhelma, ausgebrochen), schnarcht im Bett neben mir die russische Großmutter weiter fröhlich vor sich hin. MDR-Klassik dringt aus den Kopfhörern, die barocke Opernarie vorhin quietschte und knirschte, aber jetzt ist eine Art chinesische Kaufhausoper angesagt, die mit der Qualität der Hospital-Kopfhörer deutlich besser harmoniert. Im Gegensatz zu den erstickend heißen letzten Tagen weht heute ein angenehm kühler Wind durch das Krankenhauszimmer und umschmeichelt meinen Körper. Verkehrsgeräusche dringen von der Straße herauf. Keine Chance zum Schlafen, aber eine umso größere für einen Neubeginn, für (m)ein Leben, das dem persönlichen Entdecken von Schönheit in allen Facetten gewidmet sein soll. Nein, das geht nicht ganztags in einem Büro, das geht mit Reise- und Entdeckungsjournalismus.

Ich denke an die Nacht gestern, an die Jahrhundert-Mondfinsternis, an den flachen Blutmond, und wie unser Trabant am Ende gleich einer milchgelben Kugel durch das Weltall schoss, zum Anfassen schön. An den alten Musikprofessor im Dunkeln neben mir, den ich wahrscheinlich nicht wiedersehen und auch gar nicht wiedererkennen würde. Ich denke an meinen toten Vater und daran, wie sehr ihm diese magische Nacht wohl gefallen hätte.

Ein Neubeginn im Krankenhaus, im Hospital der Olgaschwestern, mit vielen Originalbildern an den Wänden, nicht alle künstlerisch wertvoll, aber alle authentisch. Ein Bio-Obstkörbchen von meiner Freundin Maja steht im Kühlschrank, mit meinen geliebten saftigen Pfirsichen, mit Pflaumen, Weintrauben und Aprikosen und zwei süßen Reineclauden aus meinem eigenen Garten.

Www.pfeiferin.de wird nun also doch zu einem Reiseblog, zum Entdeckerblog, aber nicht nur von bio + vegan, denn die sind nur ein Teil von Schönheit und Rosenduft, wenn auch kein ganz unwichtiger.

Das Zimmer hier geht nach Westen, und allmählich stehlen sich gen Sonnenuntergang ein paar milchige Strahlen unter der Wolkendecke hervor. Das neue Leben beginnt kurz vor 20 Uhr und nur wenige Tage vor dem 5. August, dem Tag, an dem mein Mann Klaus und ich uns vor sechzehn Jahren kennengelernt haben. Es startet in einem orangenen Freie-Aktive-Schule-T-Shirt und einer quietschgrünen Klettershorts mit Regenbogenstickerei. Es startet mit einem Beutel Bio-Glückstee von Sonnentor. Es beginnt mit einem lädierten Körper und einem begeisterten, begeisternden Geist – und das liegt nicht an den Opiaten, die ich seit einigen Tagen nehme!

Freitag, 27.7.2018: Mondfinsternis über dem Karl-Olga-Hospital

Manchmal stellt das Glück mir ein Bein und wirft mich auf mich selbst zurück: Ich muss für zwei Wochen ins Krankenhaus wegen eines Komplexen Regionalen Schmerzsyndroms. Ja, das ist ein bisschen wie ein Klosteraufenthalt – Zeit, nach mir selbst zu schauen. Ich genieße die Zeit. Was will ich mit den nächsten 52 Jahren meines Lebens anfangen, was macht mich glücklich? Im Beruf, der Freizeit, mit der Familie?

Der Psychologe Martin Seligman verrät es mir: Alles, was meine lachende Neugier und meinen Lerneifer befriedigt, die Liebe zu meinem Mann (und meine Fähigkeit, mich von ihm lieben lassen), Klugheit und Besonnenheit, mein absoluter Schönheitssinn, mein Optimismus und meine Spiritualität.

Wie aber kann ich das mit meinem Beruf verbinden? Nun, indem ich über alles Schöne schreibe, das ich entdecke. Zum Beispiel heute Nacht auf der Dachterrasse des Karl-Olga-Hospitals mitten in Stuttgart. Es ist die längste Mondfinsternis dieses Jahrhunderts, anderthalb Stunden dauert sie, bei sternenklarem Himmel und einem strahlenden Mars rechts unterhalb unseres Trabanten.

An Schlaf wäre eh nicht zu denken, denn in das zweite Bett meines Doppelzimmers haben sie in dieser Nacht eine russische Babuschka mit deutschem Familiennamen und den Körpermaßen und Schnarchgeräuschen eines Walrosses einquartiert – sie spricht fast kein Wort Deutsch und starrt die meiste Zeit mit kleinen, eisblauen Augen mal schweigend mal murmelnd vor sich hin. Also zwei Stockwerke nach oben fahren, auf dieser Terrasse war ich noch nie!

Zunächst aber muss ich den Mond suchen, denn am Horizont ist es noch ein wenig dunstig, und in welche Himmelsrichtung soll ich schauen? Schließlich kommt mir die Logik zur Hilfe: Wo die Sonne untergegangen ist, weiß ich, und wenn der Mond im Erdschatten liegt, muss er in der entgegengesetzten Richtung, im Osten, zu suchen sein. Und da steht er auch, fahl und blutig. Natürlich bin ich nicht allein. Auch andere laufen hin und her, gern mit Handys am Ohr. Eine Mittvierzigerin stellt sich einen Meter neben mich und kommentiert ihrer Telefonpartnerin, welche sich auf der Toilette oder im Bad befindet, im breitesten Schwäbisch jedes Detail. Leider verlässt ihr Pendant das Stille Örtchen nicht, und so ist den Banalitäten schier kein Ende gesetzt.

Schließlich kommt mir eine Idee: Mein Vater hatte sich im vergangenen Jahr zu seiner Beerdigung alle Strophen von Matthias Claudius‘ „Der Mond ist aufgegangen“ gewünscht. Ganz alle fallen mir nicht mehr ein, aber doch viele, und ich fange an zu singen. Instinktiv geht die Dame davon. Stattdessen stellt sich ein alter Herr im gestreiften Hemd neben mich, fast nur ein Schatten. Hat er einen weißen Bart?

„Matthias Claudius, das singt doch heute leider niemand mehr!“

„Sie hören doch, dass ich es singe!“

„Ja, aber die jungen Leute kennen das Lied nicht mehr!“

„Meine Tochter schon!“

„Kennen Sie „Abendstille überall?““

Ich fange an, es zu singen, schaffe aber die hohen Töne nicht (ich bin halt nicht eingesungen in dieser Nacht) und muss mich entschuldigen. Zu meinem inneren Erröten stellt sich heraus, dass er ein pensionierter Musikprofessor ist, der im selben Stadtteil wohnt wie ich, Spezialist für Mendelssohn-Bartholdy. Seine Mutter war Pianistin und spielte die jüdischen Komponisten auch vor Wehrmachtsoffizieren und Generälen, während er bei ihren Konzerten heimlich unter dem Flügel saß. Als er 1945 acht Jahre alt war, mussten sie aus Polen fliehen. Seine Tochter hat ihn nun gebeten, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Er sieht den Untergang des Abendlandes unaufrinnbar auf uns alle zukommen, weil niemand sich mehr ausreichend mit den Klassikern und Romantikern beschäftigen würde, wie er meint. Auch hier muss ich ihm widersprechen, denn an Waldorfschulen wird das ja durchaus noch gepflegt, und auch mein eigenes Kind interessiert sich dafür. Nein, die Mehrheit der Bevölkerung ist das nicht, aber das Bildungsbürgertum war noch nie die Mehrheit der Bevölkerung.

Wir stehen ans Geländer gelehnt und schauen dem Mond zu, und natürlich kennt er „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ von Caspar David Friedrich, auch wenn nun hier ein Mann und eine Frau stehen und die Stimmung über den Dächern von Stuttgart eine ganz andere ist als die seinerzeit auf Rügen, es war doch Rügen? Und natürlich kenne ich „Peterchens Mondfahrt“ und habe es auch meiner Tochter vorgelesen.

Ein verzaubertes, surreales Gespräch, es schwebt wie der Mond über den Himmel hinweg, schwerelos und ohne Konsequenzen. Schließlich ist der Mond keine rotblasse, flache Scheibe mehr, sondern milchgelb und kugelrund, als ob wir ihn im nächsten Augenblick anfassen könnten, als ob er Teil eines Modells „Unser Sonnensystem“ wäre, mit kleinen Bällen in verschiedenen Farben. Oder eine Kugel Vanilleeis, bitte!

Wir stellen zur selben Zeit fest, dass es 23.07 Uhr ist und wir beide um 23 Uhr unsere Medikamente auf den Zimmern hätten einnehmen sollen. Er strebt nach links davon, ich nach rechts, und wahrscheinlich werde ich ihn bei Tageslicht nicht wiedererkennen.

Mittwoch, 21.3.2018: Die 7 Farben des Glücks

Die sieben Farben des Glücks – das sind die Farben des Regenbogens plus weiß – oder kennen Sie jemanden, der nicht beim Anblick eines Regenbogens glücklich ist? Die folgende Geschichte habe ich am 20.3.18 zu schreiben begonnen. Sie startet mit dem energieärmsten Licht, dem Rot, und ist nicht fertig. Wollen Sie sie weiterschreiben?

1. Krimsekt

Dr. Vassiljew wirkte mehr resigniert als vorwurfsvoll. „Warum sind Sie nicht früher gekommen?“, fragte er, obwohl es eigentlich keine Frage war. Was sollte Maria ihm darauf antworten? Sie zuckte die Schultern. Im Dorf Kopatschi, aus dem sie stammte, ging man nicht zum Arzt, sondern kurierte sich selber. Mit Beifuß zum Beispiel, auf russisch Tschernobyl, wie das nahe gelegene Kraftwerk. Oder mit Wodka. Sie hatte als Kindergärtnerin im Dorf gearbeitet. Heute war der Kindergarten das einzige Gebäude, das im Dorf noch stand. Der Kindergarten und ein Kriegerdenkmal. Erst sechs Tage nach dem Reaktorunfall wurden die gut tausend Einwohner ihres Dorfes evakuiert, es musste alles ganz schnell gehen und sollte ja auch nur für kurze Zeit sein. Was genau passiert war im Kernkraftwerk, erfuhren sie nicht. Und aus der kurzen Zeit waren mittlerweile fast 32 Jahre geworden. 32 Jahre, in denen dreißig Kilometer rund um Tschernobyl niemand dauerhaft wohnen durfte. Sperrzone. Einige alte Leute waren trotzdem zurückgekehrt, und die Behörden übersahen es geflissentlich. Maria nicht.

Zwei Koffer hatte Maria damals mitgenommen, und ihre Liebe zu Pflanzen und zu Kindern. Vier Jahre später lebte sie immer noch auf der Krim, und hinzugekommen war eine Liebe zum dortigen Sekt. Rot und süß musste er für sie sein. Rot und süß wie die Liebe zu Martin, einem Stuttgarter Ingenieur auf Auslandseinsatz. Martin war zwanzig Jahre älter als sie, aber was machte das?

Sie folgte ihm ins Schwabenland, in ein Häuschen zwischen Lemberger- und Trollingerreben. Nein, mit ihrem Krimsekt konnten es die Württemberger Weine nicht aufnehmen, aber sie gewöhnte sich an sie, sogar an den Schillerwein, lernte schnell Deutsch und arbeitete bald wieder in einem Kindergarten. Eigene Kinder bekamen Martin und sie nicht, obwohl sie es sich gewünscht hätte. Sie trauten sich nicht nachzuforschen, woran es lag. Dann starb Martin plötzlich. Ganz unglücklich rutschte er vom Dach des Gartenhäuschens ab, das er reparieren wollte, und brach sich das Genick. Rot und süß war die Liebe zwischen ihnen bis zum Schluss geblieben, und nun sah sie, wie die Nachbarn verständnislos den Kopf schüttelten, wenn sie glaubten, sie sähe es nicht. Den Kopf schüttelten darüber, wie ein Mann in Martins Alter noch auf das Dach eines Gartenhäuschens steigen konnte, um es zu reparieren. Obwohl sie es aus Gründen der schwäbischen Sparsamkeit andererseits natürlich sehr gut verstanden.

Damals war Maria sehr froh gewesen, dass sie die Stelle im Kindergarten hatte, trotzdem Martin ihr immer wieder gesagt hatte, dass es bei seinem Einkommen als Ingenieur bei Bosch nicht wirklich notwendig sei, dass sie arbeiten gehe. Nun war Martin schon zehn Jahre tot, aber die Kinder, die hatte sie immer noch. Die Kinder und ihre Streifzüge durch Wälder, Wiesen und natürlich auch Weinberge, sofern sie nicht gerade frisch gespritzt waren.

In den letzten Wochen jedoch war sie nach der Arbeit immer gleich nach Hause gegangen. Sie fühlte sich müde und schwach, bekam schließlich eine Erkältung und leichtes Fieber. Ja, Zahnfleischbluten und blaue Flecken hatte sie auch, aber das war nichts Besonderes, die Zahnbürste hätte sie längst schon einmal wechseln sollen, und manchmal wusste sie nicht, woher ihre blauen Flecken kamen. War sie an die Ecke eines Tisches gestoßen? Musste sie eine Rauferei zwischen zwei Jungen trennen? Als aber das leichte Fieber auch am Wochenende schier nicht sinken wollte trotz all ihrer Hausmittel und sie nachts stark zu schwitzen begann, beschloss sie, doch einmal ihren alten russischen Hausarzt aufzusuchen. Der stammte zwar aus Moskau, war ihr aber manchmal doch näher als die deutschen Nachbarn.

Vassiljew wollte sie sofort ins Katharinenhospital einweisen, doch sie hatte müde lächelnd abgewinkt. „Geben Sie mir den Befund mit, Doktor. Ich muss noch ein paar Dinge regeln, morgen gehe ich dann ins Krankenhaus.“

Nun stand sie auf der Straße. Aber wollte sie wirklich ins Krankenhaus? Unbehandelt, hatte Vassiljew erklärt, würde sie binnen weniger Wochen an Leukämie sterben, und auch mit Behandlung stünden ihre Chancen nicht besonders gut. „Nicht besonders gut“, genau das waren seine Worte gewesen.

Ohne darüber nachzudenken, ging sie zur Bushaltestelle. Rosen- Ecke Seidenstraße, dort stand die Russische Kirche. Rote Rosen hatte sie zur Hochzeit mit Martin getragen, aber nicht die langstieligen dunkelroten, sondern prallgefüllte feuerrote. Ihre Eltern hatten sie atheistisch erzogen, nur die Großmutter hing dem alten Glauben an und schimpfte heimlich auf die gottvergessenen Atheisten.

Seit Maria in Stuttgart lebte, nahm sie manchmal an Gottesdiensten teil und trug in ihrer Tasche immer ein Kopftuch bei sich. Sie wusste nicht, ob sie wirklich glaubte oder nicht, aber sie mochte die Zeremonien, das stundenlange Stehen und sich tief verbeugen, und der Sprechgesang und die russischen Kirchenlieder gingen ihr zu Herzen. Heute war Montag und das Backsteingebäude für Touristen geschlossen. Aber sie wusste, wer den Schlüssel hatte. Der Diakon war auch tatsächlich zu Hause. Er schaute ihr in die Augen, schloss ohne zu fragen auf und ließ sie allein. Die Wände waren mit golden hinterlegten Bildern geschmückt, auf dem Boden lagen rote Teppiche und entlang dreier Wände zogen sich mit rotem Samt bezogene Bänke entlang. Der heilige Nikolaus war da, und Engel über Engel. Vor allem die Engel fielen ihr heute auf. Vor einem Marienbild entzündete sie eine Kerze und setzte sich auf die Bank an der Rückwand der Kirche. Sie war müde, so müde. Ein Engel müsste man sein, ein Engel, der fliegen konnte. Nicht fallen wie Martin, fliegen. Da war der segnende Jesus, ein aufgeschlagenes Buch in der rechten Hand. Neben ihm ein Engel mit Lanze in grünem Umhang, mit roten Socken. Der Engel im roten Umhang mit roten Socken, neben der Maria mit dem Jesuskind, trug ein Schriftstück. Was wollten sie ihr sagen?

Sie hörte ihre Großmutter. „Kindchen, glaub denen da oben nicht.“ Damit hatte sie nicht Gott, sondern die Kommunisten gemeint. Und die Ärzte und überhaupt alle Menschen, die sich als etwas Besseres dünkten. „Koch dir einen Borschtsch, dann wird alles wieder gut. Borschtsch ist so gut wie Gold.“ Warum fiel ihr das gerade jetzt ein? Wegen der rotbestrumpften Engel auf goldenem Grund? Maria lächelte in sich hinein. Ein Borschtsch würde ihr guttun.

Sie brachte dem Diakon noch immer lächelnd den Schlüssel zurück. Ihre Augen glitzerten. Er schaute sie fragend an, meinte aber nur zum Abschied: „Tochter, wenn du mich brauchst, kannst du jederzeit anrufen.“ Maria nickte.

Sie fuhr in die Innenstadt und ging in Stuttgarts berühmtesten Feinkostladen, kaufte Rote Beete, saure Sahne, Weißbrot, drei Flaschen roten Krimsekt und echten Kaviar und Hühnereier. Woher kam plötzlich ihre Energie? War ihr Fieber verflogen?

Zuhause angekommen, holte sich Maria zunächst eine Gartenschere und einen Korb, ging in den Garten und pflückte alle frühen Rosenblüten, weiße, rosafarbene und die knallroten von ihrer Hochzeit vor so vielen Jahren. Sie dufteten verführerisch! Dazu Wiesen-Bärenklau, die jungen Blätter und Stängel…

(c) auch auf den Titel by Barbara Pfeifer 2018