Donnerstag, 6.9.2018: Reiseglück

Auch wenn das nun nicht zum täglichen Beüben meiner Stärken wie dem Schönheitssinn gehört: Reisen macht mich glücklich, je weiter, je besser und: je fremdländischer, je besser. Es gibt nur eine Ausnahme: Ich reise nicht gern in Kriegs- und Krisengebiete. Ich habe das sowohl in Türkisch-Kurdistan (damals unter Kriegsrecht) als auch in Israel-Westjordanland-Gazastreifen erlebt und weiß: Ich will nicht Angst um mein Leben oder vor Verhaftung aus politischen Gründen haben.

Ich vermute, dass die Lust am Reisen genetisch bedingt ist: Mein Urgroßvater fuhr zur See und arbeitete später bei der Bahn, nachdem eine Trosse ihm die Hand zertrümmert hatte. Man sagt, er habe an jedem Endbahnhof eine Geliebte gehabt. Mein Großvater wiederum arbeitete vor dem Dritten Reich in Mailand und Barcelona und musste schließlich vor den Nazis über Polen in die Schweiz fliehen, wo er bis 1948 lebte.

Mein Vater schließlich hat schon in den 60er und 70er Jahren mit uns Kindern große Reisen unternommen, als die meisten Leute noch jahraus jahrein nur an die Nordsee oder in die Berge nach Österreich fuhren. Als ich sechs war, feierten wir mit vielen anderen das Mitssommerfest in Südschweden. Später lernten wir auch Nordschweden kennen und außerdem Dänemark, Finnland, Russland (Leningrad!), Frankreich, die Schweiz natürlich, Österreich, Jugoslawien, Griechenland und Italien. Und selbstverständlich hatte mein Vater alle Segelscheine, auch wenn er nie mit mir gesegelt ist.

Die massiven Glücksgefühle beim Reisen habe ich jedoch erst kennengelernt, als ich es nach dem Studium zum ersten Mal wagte, allein zu verreisen: Gebucht hatte ich lediglich den Flug und die ersten drei Nächte in der Jugendherberge von Reykjavik, und reisen wollte ich mit dem Linienbus einmal rund um Island. Schon im Flieger hatte ich Glückstränen in den Augen, später kamen sie dann auch einmal im Bus, als die Fensterscheibe das Licht in einen Regenbogen verwandelte – und beim unerwarteten Anblich des Polarlichts (es war erst September!).

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, singt Reinhard Mey, und ich kann das bestätigen, selbst bei Geschäftsreisen weine ich manchmal vor Glück, wenn wir die Wolkendecke durchstoßen haben. Mittlerweile zahle ich natürlich den CO²-Ausgleich via atmosfair (https://www.atmosfair.de/de/), damit mein Fliegen nicht andere unglücklich macht.

Am allerliebsten aber reise ich mit und schlafe ich auf Schiffen, selbst wenn sie gerade so schräg liegen, dass man ein zweites Brett einrasten lassen muss, um nicht aus der Koje zu kullern (so geschehen auf der Noorderlicht vor Spitzbergen, https://oceanwide-expeditions.com/de/unsere-schiffe/sv-noorderlicht). Das letzte mal übergeben musste ich micht mit sechs Jahren auf der Fähre nach Südschweden. Mein Privatrezept gegen flaues Gefühl im Magen: ein trockenes Brötchen und ein Glas Bier. Wissenschaftlich anerkannt ist hingegen Ingwer, gleich ob als Tee oder Bonbon. Natürlich habe ich inzwischen den Segelschein für Binnengewässer und das Bodensee-Schifferpatent. Und Tochter Lenja ist infiziert: den Optimistenschein hat sie schon, nächstes Jahr soll der erste Segelschein für Erwachsene folgen.

Wenigsten eine kleine Schifffahrt muss deshalb in jedem Urlaub dabei sein – und sei es auch nur eine popelige Kanalüberquerung mit einer winzigen Fähre. Und so ist es auch kein Wunder, dass ich am Tag, bevor ich im July ins Krankenhaus sollte, noch schnell mit Lenja eine Fahrt mit dem Neckarkapitän von Bad Cannstatt durch die Mühlhausener Schleuse und zurück gemacht habe – Dampferfahren als Schiffsglück für Arme eben. Wenn mein Kräuterglück dem nicht entgegenstünde, würde ich gern auf einem Hausboot leben…

Heute bin ich nicht mit einem Schiff, sondern nur mit der Deutschen Bahn unterwegs, begleitet von Bio-Lakritz, das mein Mann Klaus mir gestern geschenkt hat. Ich liebe Lakritz.  Anlass meiner Reise ist mein drittes Heilpraktiker-Seminar, für das ich in Sindelfingen keinen passenden Termin gefunden habe. Was lag also näher, als zum Seminar nach BERLIN zu fahren und dies gleich mit Besuchen bei meiner Stiefmutter und meiner Schwester zu verbinden, bei der ich wohnen werde?

Zugfahren ist auf jeden Fall schöner als Autobahnfahren (von unseren beiden letzten Greiz-Aufenthalten sind meine Familie und ich da noch leidgeprüft). Den ersten Teil der Zugstrecke kenne ich sehr gut: Mannheim – Frankfurt – Fulda – Eisenach – Erfurt (von dort aus würde ein Regionalzug direkt nach Greiz fahren). Dann geht es abenteuerlich weiter durch Sachsen nach Halle, Leipzig und schließlich Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, bevor wir von Süden aus nach Berlin einfahren. Ich muss an die schrecklichen Demos der Nazis in Chemnitz und Köthen denken. Was ein Glück, dass wir unser Haus im thüringischen Greiz gekauft haben!

Im Gegensatz zu den Nazis habe ich keine Angst vor Fremden. Am liebsten möchte ich alle Länder dieser Welt kennenlernen. Dreieinhalb Staaten pro Jahr müssten es dafür dann allerdings schon sein, und 2018 war ich leider – auch wegen meiner Radiusfraktut und dem CRPS – noch nirgends. Bisher kann ich erst mit 29 besuchten Staaten aufwarten (DDR nicht mitgerechnet) – 194 plus 12 umstrittene gibt es jedoch. Nicht üppig also… Es ist nicht die Lust am Abhaken und damit Besitzen. Ich entdecke gern. Ich bin seeeehr neugierig (und damit sind wir dann wieder bei meinen Kernkompetenzen). Wenn ich etwas Neues sehe – höre – rieche – schmecke, bin ich glücklich. Monotonie (die Plattenbauten im ehemaligen Ostblock…) macht mich unglücklich.

Ursprünglich sollte dies hier ja nur ein veganer Bio-Reiseblog werden (alle drei Punkte machen mich glücklich), nun ist er mit dem Motto „Tagesreisen zu Glück und Schönheitssinn“ doch umfassender als geplant – und ich brauche nicht über einzelne Bio-Teebeutel in irgendeinem blutigen Steakhaus berichten.

Und in diesem Moment:

Von Ferne grüßt die Wartburg Eisenach,
Eisenach, das ich noch nie gesehen, nur durchfahren hab,
Eisenach, das Klaus scheu gemieden, aus dem seine Mutter stammt.
Eisenach in Thüringen wie Greiz.
Back to the roots für Klaus, wenn wir nach Thüringen ziehn.
Thüringen, das ich hegen, pflegen und lieben will.

 

Mittwoch, 5.9.2018: Beziehungsglück

14.02.2014: Hochzeit im Stuttgarter Neuen Schloss. Mein Vater ist Trauzeuge.

Heute vor sechzehn Jahren habe ich Klaus zum ersten Mal geküsst – dieses Datum ist in unsere Eheringe eingraviert. Exakt einen Monat zuvor, am 5.8.2002, hatten wir uns kennengelernt, in der S-Bahn vom Stuttgarter Flughafen Richtung Innenstadt. Ich kam gerade von einer Urlaubsreise durch Südnorwegen zurück und war ziemlich aufgedreht, weil gepäcklos – meine Habseligkeiten drehten noch in Amsterdam auf dem Förderband. Als in Leinfelden ein schwarz gekleideter, schlanker, dunkelhaariger Mann mit grauen Augen zustieg, dessen Rucksack sperrangelweit offen stand, sprach ich ihn sofort an. Wir unterhielten uns angeregt, und als ich an der Schwabstraße aussteigen musste, gab er mir seine Telefonnummer.

So fing es an. Wir trafen uns in den nächsten Wochen häufig, aber es blieb platonisch, bis ich ihn am besagten Septemberabend fragte, worum wir eigentlich die ganze Zeit so intensiv diskutierten – um eine Freundschaft oder eine Beziehung?

Eigentlich war alles klar. Und während ich bis zu diesem Moment immer verhütet hatte, haben Klaus und ich von der ersten Nacht an dies nicht getan – wir wollten beide ein Kind miteinander. Der errechnete Geburtstermin für Lenja war der 3.6.2004. Aber wie ein Freund, der Hexer Peter, so treffend sagte: „Wenn du möchtest, dass sie erst am 5.6. auf die Welt kommt, wird genau das auch geschehen.“

Und so kam es denn, allerdings bescherte es mir weit über dreißig Stunden Wehen, denn die begannen pünktlich schon am 3. Juni. Aber die 5 ist nun einmal unsere Glückszahl…

Ich habe einen wundervollen Mann und eine ganz besondere Tochter bekommen. „She is going the fairy way“, sagte mein Kollege Alastair schon, als sie gerade anfing zu laufen. „Und wie geht es deiner Elfe?“ wollte erst diese Woche eine Bauchtanzfreundin wissen. Uns als Eltern war es immer wichtig, nicht-direktiv ihr gegenüber zu sein. Sie sei hochbegabt, wird immer wieder vermutet, für uns zählt aber nicht, ob sie das Abitur macht, sondern dass sie ein freier (auch frei denkender), glücklicher Mensch wird.

Geheiratet haben wir erst sehr spät, an einem Tag, dessen Quersumme ebenfalls 5 ist: am 14.02.2014, dem Valentinstag. Wir waren das erste Brautpaar, das sich im Stuttgarter Neuen Schloss das Ja-Wort gegeben hat (siehe Foto), Lenja durfte die Urkunde mit unterschreiben und bekam ebenfalls einen Ring – ihrer ist aus Silber, unsere sind aus Russengold. Zwei Hänse fungierten als Trauzeugen – mein Vater und Klausens Halbbruder.

Ich habe es nie bereut, Klaus geheiratet zu haben – er ist für mich ein idealer Mann, und häufig bin ich schon um ihn beneidet worden. Auch unsere Tochter bestätigt uns, dass wir weit weniger streiten als alle anderen Eltern, die sie kennt (hmm, ganz sicher bin ich nicht: eventuell streitet meine Erfurter Freundin genauso selten mit ihrem Mann).

Vielleicht steht ja Beziehung bei Ihnen nicht auf der Prioritätenliste – für mich aber (wie Sie auf der Seite links nachlesen können, „Über mich und diesen Blog“) sind lieben und mich lieben lassen ganz oben bei den Charakterstärken, die mich glücklich machen – zusammen mit dem Schönheitssinn, um den es ja neben dem Glück im allgemeinen in diesem Blog geht. Klaus und Lenja sind mein großes Glück.

Und so habe ich meinem Mann gestern auf dem Rückweg von der Ergotherapie eine rote Strauchrose gepflückt, Kornelkirschen und ein paar Brombeeren, die ich zufällig noch entdeckte (er liebt Brombeeren sehr). Na ja, und ein Kuss durfte natürlich auch nicht fehlen!

Samstag, 1.9.2018: Karlsruhe – Das persische Café

Meine Familie und ich haben die Nacht in der Jugendherberge Karlsruhe eher schlecht als recht verbracht – werden aber mit dem vermutlich besten Frühstück entschädigt, das ich je in einer Jugendherberge genossen habe: Kaffee, Milch, Kakao und sämtliche Tees sind Bio und teilweise Fairtrade, und es gibt vier verschiedene vegane Pasteten zu wirklich frischen Brötchen in reichhaltiger Auswahl, nebst Obstsalat, Gurken und Tomaten.

Gegen neun Uhr haben wir ausgecheckt und schlendern auf neuen Wegen Richtung Süden zum Hauptbahnhof. Wir erkunden einen großen Flohmarkt, ohne etwas zu kaufen und landen schließlich in der Waldstr. 81 in einer persischen Café-Creperie, Safran, von einer noch jungen, unverschleierten Frau geführt, die begeistert von unserer Stuttgarter Oper schwärmt, als sie erfährt, woher wir kommen. Neben unseren Espressi gibt es wundervollen, selbst hergestellten Wassermelonensaft und persisches Gebäck mit Pistazien und Kardamom – köstlich. Das Café ist gleichzeitig ein Teeladen, mit Dutzenden von Sorten, mit japanischen Teekännchen, aber auch etwas persischer Keramik, und das alles zwar modern eingerichtet, aber gleichzeitig von bunten Lämpchen in wechselnden Farben beleuchtet. Das macht Freude! Und erinnert mich gleichzeitig an ein magisches Buch, das ich vor Jahren gelesen habe: „Das persische Café“ – ein Roman mit Rezepten von Marsha Mehran, © Limes Verlag 2005 (sehr empfehlenswert).

Danach führt der Weg uns wieder an der Mauer des Zoologischen Stadtgartens entlang zum Hauptbahnhof, wir müssen uns mehr beeilen, als uns lieb ist – zu schön war es in Karlsruhe.

Der Nachmittag in Stuttgart verläuft ruhig, Freundin Maja ruft an und Freundin Lilian kommt zu Espresso und Sonnentor-Glückstee zu Besuch, wir alle sind etwas müde, aber guter Dinge.

Freitag, 31.8.2018: Was macht Karlsruhe so besonders?

Karlsruhe: Blick von der Bahnhofstraße in den Japanischen Garten

Den Karlsruhe Schlosslichtspielen ist es zu verdanken, dass meine Familie und ich zum ersten Mal seit langem wieder gemeinsam ins Badische fahren, mit dem Intercity diesmal. Sobald wir den Bahnhofsvorplatz überquert haben, um zur Jugendherberge zu laufen, wird alles anders, als wir es von einer Stadt mit gut 300.000 Einwohnern erwarten: Während die Stuttgarter Königstraße zum Beispiel eine belebte, gesichtslose Fußgängerzone mit Neubauten und einem Filialisten neben dem anderen ist, schmiegt sich die Karlsruhe Bahnhofstraße baumbeschattet an den Zoologischen Stadtgarten: Da gibt es zunächst einmal den Schwanensee, auf dem Boote entlangziehen, dann den Heckengarten und schließlich den Japangarten, während linkerhand ein Buddhismus-Zentrum und ruhige Wohnhäuser locken. Autos gibt es kaum, dafür jede Menge Fahrräder – Karlsruhe ist eine junge Stadt, nicht nur geschichtlich, sondern auch dank der heute hier Lebenden, eine Stadt der Studenten und der Kreativen. Das merken wir auch an den Geschäften und Cafés. Und: Es gibt noch weit mehr alte Häuser als in Stuttgart, wo man nach dem Krieg alles im Stil der 50er Jahre neubaute und vor allem: autogerecht wieder aufbaute, während die Karlsruher ihre Straßen fahrradgerecht gestaltet haben. Und tramgerecht, was gegenüber unserer Stuttgarter U-Bahn sehr nostalgisch wirkt.

Karlsruhe Nymphengarten

Nachdem wir uns in einem Familienzimmer der Jugendherberge im Norden der Innenstadt wohnlich eingerichtet haben, gehen wir zurück gen Süden zur Kriegsstraße, durch den Nymphenpark hindurch, denn hier soll es ein gutes Restaurant geben: „My Heart Beats Vegan“. Das tut es auch, nur hätten wir an einem Freitag um 18.30 Uhr besser reservieren sollen – das wirklich große Lokal ist komplett ausgebucht! Wir sind sehr enttäuscht, zumal das Essen auf den Tellern wirklich lecker aussieht.

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als über die Kreuzstraße gen Schloss zu laufen und zu gucken, was sich links und rechts so bietet. Am Marktplatz entdecken wir eine Filiale der Edelburger-Kette „Hans im Glück“ und kehren ein. Auch dieses Lokal ist sehr groß (gehen die Badener lieber aus als die Schwaben?), und wie üblich ist die Partymusik zu laut, aber es gibt Platz für uns, und so esse ich einen veganen Burger (nicht den, den ich bestellt habe, aber immerhin) mit Salat und trinke einen leckeren Durstlöscher Erdbeer-Basilikum. Das Lokal schaut exakt so aus wie seine Zwillingsbrüder in Wuppertal und Stuttgart und versetzt einen nicht nur in die Atmosphäre des Märchens, sondern auch in die eines Birkenwaldes. Natürlich haben wir uns von Karlsruhe etwas Abenteuerlicheres erwartet, aber wir wollen den Beginn der vierten Schlosslichtspiele nicht durch noch längere Restaurantsuche verpassen.

Vom Marktplatz aus können wir schon das Schloss sehen, und trotz des Nieselregens sind bereits viele Leute dort. Wir schaffen es jedoch, Holzklappstühle in der ersten Reihe zu ergattern. Der Eintritt ist frei, aber um Spenden wird gebeten, und so kaufen wir für Tochter Lenja ein orangenes 5€-Armband in Signalfarbe.

Schlosslichtspiele: Jesper Wachtmeisters „Reflections“

Was uns dann ab 20.30 Uhr erwartet, ist wahrhaft magisch. Auf die Fassade des Schlosses werden 3D-Lasershows projiziert, die zuweilen große Kunst sind und mir immer wieder Lachen und erstaunte Ausrufe entlocken. Da schwimmen Papierfische durch das Meer, Riesen laufen herum, die Fassade wird so lange gewaschen und überschwemmt, bis das Gebäude in sich zusammenbricht, und wir tauchen ein in neue, ganz fremde, wunderbare Welten. Am besten gefallen mir die

  • „Reflections“ von Jesper Wachtmeister und der Solaris Filmproduktion aus Schweden (https://vimeo.com/136217210): Ein neuer Tag beginnt im Karlsruher Schlosspark, der Markgraf fährt in einer Kutsche vor, doch wie in einem Karussell beschleunigt sich seine Fahrt und entfesselt eine wahrhaft berauschende Bilderflut –
  • sowie „Cleansing“ von Eyal Gever aus Israel (http://www.eyalgever.com/cleansing/), dessen „#Laugh“ sogar dank der NASA im Weltraum produziert wird, mithilfe eines 3D-Druckers, der auch in der Schwerelosigkeit funktioniert.

Die Lichtspiele laufen in diesem Jahr noch bis zum 9. September. Leider schwächeln Mann und Tochter, und so machen wir uns schon kurz nach 22 Uhr auf den Heimweg, während die Show noch anderthalb Stunden weitergeht. Ja, wegen der Zugfahrt und der Übernachtung war es ein teures Vergnügen, aber trotzdem jeden Euro wert!

Die Straßen zurück zur Jugendherberge haben ebenfalls etwas Magisches, so wie ich es manchmal in Turin oder Barcelona erlebt habe. Fast keine Autos sind unterwegs, und ich habe das Gefühl, sie gehörten auch gar nicht hierher in diese Wundernachtstadt.

 

Donnerstag, 30.8.2018: Unikate statt Massenproduktion

Der Donnerstag ist traditionell der dem Jupiter geweihte Glückstag. Und ich will heute über etwas berichten, was mich glücklich macht: Die Plakate des Hermann Andrea Bauer (früher: Hermann Bassé, da war er noch mit meiner ebenfalls früheren Bauchtanzlehrerin Katinka Bassé verheiratet).

Hermann Bauer wohnt bei uns in Stuttgart-Sillenbuch und malt jeden Tag ein Bild (das Projekt Tagesbilder startete schon 2011) oder Plakat. Mit derselben Intensität ist er Schauspieler und Musiker (Gitarrist).

Dank Hermann Bauer haben wir das Glück, dass auf Veranstaltungen bei uns im Stadtteil (vor allem die im Clara-Zetkin-Haus) mit höchst individuellen Plakaten aufmerksam gemacht wird – sind sie nicht wunderschön?

 

Mittwoch, 29.8.2018: Agathe Tyche – das gute Glück

Tyche von Antiochia, Eutychides, ca. 3. Jh. v.u.Z.

Was den Römern die Göttin Fortuna, das war den alten Griechen Tyche – Tochter der Aphrodite und Göttin des durchaus wandelbaren Glücks, den Menschen nicht unbedingt und immer wohlgesonnen, wie die Statue oben zeigt (der Mensch, auf den sie tritt, ist der personifizierte Fluss Orontes).

Deshalb galt es, sie zu besänftigen – nach dem Mahl wurde ihr zusammen mit dem Agathos Daimon, dem guten Geist des Hauses, unter Segensformeln eine Weinspende dargebracht.

Agathe Tyche, das ist aber auch im Jahre 1777 der „Stein des guten Glücks“, den Goethe als Denkmal in seinem Garten im Weimarer Ilmpark setzen ließ. Er ist eines der ältesten, wenn nicht das älteste abstrakte Kunstwerk in Deutschland – hier eine einfache Zeichnung:

Das Monument besteht aus einem 90x90x90 cm großen, männlich-ruhendem Würfel aus dunklem Stein, auf dem eine fast ebenso große Kugel quasi schwebt – Symbol seiner Liebe zur verheirateten Charlotte von Stein und Ausdruck seines Glücksempfindens in diesem Haus und in diesem Garten.

Eine schnurgerade Malvenallee hin zu dem Rondell. Das Podest, auf dem das Denkmal steht, ist auf einer Seite etwas breiter: Hier soll sich der Besucher hinstellen, mitten ins steinerne Heiligtum für die Frau von Stein, mit Blick ins Ilmtal.

Heutzutage berühren Besucher die Kugel, um sich ein bisschen Glück mit nach Hause zu nehmen.

Wenn Sie mehr über Goethes Gärten in Weimar erfahren möchten, dann sei Ihnen das Buch „Der Garten am Haus – Thüringer Kleinode zwischen Zierde und Nutzen, Band 1: Historische Gärten“ von Annette Seemann und Constantin Beyer empfohlen, © VDG Weimar 2015.

Fr, 24.8. – Mo, 27.8.2018: Greiz – Vom Hässlichen zum Schönen


Hier ist es schön: Blick aus unserer Dachgeschoss-Ferienwohnung auf die Greizer Neustadt

Am Freitag sind meine Familie und ich wieder nach meiner Morbus-Sudeck-Behandlung im Krankenhaus mit einem Mietwagen ins ostthüringische Greiz gefahren. Durchaus schwierig, eine Unterkunft zu finden, alles einigermaßen Bezahlbare schien ausgebucht, aber schließlich kamen wir doch in einer netten Dachgeschosswohnung in der Neustadt unter, mit einem phantastischen Preis-Leistungs-Verhältnis.

Der Grund für unser Kommen: Wir haben endlich von der Stadt die Erlaubnis bekommen, die Wohnung unseres letzten, bereits Ende Mai verstorbenen Mieters zu räumen. 69 Jahre ist der Mann alt geworden, er war Alkoholiker, Kettenraucher und litt unter dem Vermüllungssyndrom. Ich habe noch nie so ein ekelhafte Wohnung betreten, geschweige denn ausgeräumt, trotz Atemschutz und Ganzkörperkondom à la Tatortreiniger – den Gestank atme ich ein, und er hängt auch zum Schluss in meinem schwarzen gewachsten Rock fest. Und: Die Wohnung lebt. Verschimmelt ist eh alles auf den ungewaschenen Tellern und in den ebenso ungewaschenen Töpfen, der Schimmel ist sogar schon eingetrocknet. Nachdem ich auf den Eiern im Kühlschrank hunderte von quicklebendigen Maden entdeckt und einmal „Hilfe!“ gerufen habe, versiegeln wir ihn mit Panzerband, bevor wir ihn transportieren.

Samstag und Sonntag brauchen wir, um alles in Schwerlastsäcke zu packen (ich) und die Möbel klein zuschlagen (mein Mann Klaus) und vor das Haus zu tragen – unsere Tochter Lenja lassen wir lieber mit dem Allessauger in den anderen Stockwerken saugen und später wischen, zu groß ist mir als Mutter das Gesundheitsrisiko für mein Kind.

Sehr einsam sei er gewesen, sagt eine Nachbarin mit kleinem Hund, drei Entziehungskuren habe er gemacht, sie habe ihn einmal in seiner Wohnung besucht, er habe ihr leid getan, aber sie beneide uns nicht um unsere Aufgabe. Wann kippt es bei einem Menschen? Was genau ist ihm widerfahren? Er hatte zu DDR-Zeiten viele Preise gewonnen im Federball und Tischtennis und auch im Angeln, war Maschinenbaumeister, Unteroffizier, NDPD-Mitglied (ging nach der Wiedervereinigung in der FDP auf), Gewerkschaftsmitglied und irgendwann auch einmal verheiratet. Nach der Wende: Keinerlei Urkunden mehr. Später gab es dann eine Helga, die im Stockwerk unter ihm wohnte und von der er noch drei Namensbecher hatte. Sie starb in jungen Jahren 2005. Wann ist es gekippt: Nach der Wende? Oder als Helga starb? Wann zerbricht ein Mensch? Wie kann ein Mensch so unglücklich werden? Und wo hat die Stadt ihn eigentlich begraben?

Für den Montag haben wir einen Zehn-m³-Mischcontainer bestellt, aber der erweist sich als zu klein, wir brauchen die doppelte Menge. Um 16 Uhr ist alles in den Containern, wir dürften sogar noch etwas Elektroschrott obendrauf packen, aber dann müsste man wieder hin- und herräumen, denn wegen der Oberleitungen im Stadtteil soll nichts überstehen, und wir sind alle mit unseren Kräften am Ende.

Wir waren in der ganzen Zeit dankbar für die gute Dusche in unserer Ferienwohnung, für das Bio-Essen von Aldi (der Greizer Biomarkt hatte am Freitag leider schon vor unserer Ankunft geschlossen und ist samstags eh zu) – und nach unserer Montagsaktion schließlich für Waffeln-mit-Heidelbeeren und mehr im Eiscafé Doimo, das wir schon von unserem letzten Aufenthalt kannten. Dann heißt es noch Greizer Sekt und Grün-Bitter aus dem ebenfalls vogtländischen Reichenbach für unseren Vermieter besorgen, der während unserer Abwesenheit sich um Katze Kalas gekümmert hat – und zurück geht es nach Stuttgart. Auf unserem Weg von einem stark sanierungsbedürftigen Doppelhaus zu einem Ökoglückshaus Greiz sind wir ein gutes Stück weitergekommen.

Und noch ein Positives hat dieses Horror-Wochenende (das ich vermutlich mein Lebtag nicht vergessen werde): meine Hand ist deutlich beweglicher – und ich konnte sogar das Opiat um weitere 33% verringern. Vielleicht sollte ich häufiger Entrümpeln….

Freitag, 24.8.2018: Frida Kahlo, das Lapidarium und die Zacke

Obwohl noch nicht der Día de los Muertos ist, der mexikanische Allerseelentag am 2.11., besuchte uns gestern die verstorbene Frida Kahlo in Stuttgart. Genauer gesagt, kam sie ins Lapidarium in der Mörikestraße geflogen, jenem eigentümlichen Garten, der voller Statuen und Steinfragmente steckt – von der Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Der ehemalige römische Garten der Villa Ostertag-Siegle beherbergt neben vielen anderen Dannecker berühmte Nymphengruppe mit Sitzplatz unter Ahörnern und Blick auf eine Wandelhalle mit Gräberfunden aus römischer Zeit, Pan, Putten und einer Kopie des Apollos von Belvedere (das Original besitzt die katholische Kirche, der Vatikan).

Über diesen Apollo äußerte Goethe einst, er übersteige alle Denkbare und habe ihn aus der Wirklichkeit hinaus gerückt – von daher verwundert es also auch nicht, dass wir hier der 1954 gestorbenen Malerin Frida und und ihrem Gitarre spielenden und singenden, langhaarigen, platonischen Freund Pedro begegnen. Zumal sie zu Baden-Württemberg eh eine innige Beziehung hatte – ihr Vater war gebürtiger Pforzheimer.

Eingeladen haben die K21-Anstifter zusammen mit dem StadtPalais – Museum für Stuttgart, und so viele sind gekommen, dass immer neue Stühle und Bänke herbeigeholt werden müssen. Eine Schauspielerin, Tänzerin, Verwandlungskünstlerin und Sängerin mit dem Namen Eunike Engelkind, die schöne, gute Siegesgöttin, Kind eines Engels, stellt passenderweise Frida dar, in bunten Kleidern, wie Frida sie geliebt hätte, grellbunt, wie Frida Farben mochte, und fragt uns: „Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel habe?“ Die Flügel brauchte Frida tatsächlich, um sich mit ihren dauernden, grausamen Schmerzen zu verbünden, die sie seit einer Kinderlähmung plus einem grauenvollen Verkehrsunfall mit 18 Jahren bis zu ihrem Tod mit nur 47 Jahren täglich quälten – 1953 musste ihr sogar das rechte Bein amputiert werden. Eine rebellische Kommunistin blieb sie trotzdem, bis zum Schluss, und zwischendrin war sie auch die Geliebte Trotzkis. Was für ein gutes Vorbild für mich Morbus-Sudeck-Geplagte!

Fridas letztes Bild zeigt Wassermelonen auf brauner Erde vor blauweißem Himmel, köstliche, duftende Wassermelonen, und auf der ganz vorne, in der Mitte steht: „VIVA LA VIDA“. Das Rebellisch-Trotzige „Es lebe das Leben“, vor der harmonischen Frühabendstimmung im Lapidarium. Es ist noch hell, aber der Mond schon aufgegangen, als wir nach Ende der Vorstellung mit einem der zwei schönsten öffentlichen Verkehrsmittel Stuttgarts vom Marienplatz nach Degerloch fahren: mit der Zahnradbahn, hier liebevoll Zacke genannt, Aussicht auf Stuttgart gibt es gratis dazu. Viva la vida!

 

Donnerstag, 23.8.2018: Die Form der Schönheit

Welche Form hat die Schönheit eigentlich? Wie kann sie zu einer Quelle der Lebenskunst werden? Und wie lässt sich Schönheit im Alltagsleben verwirklichen? Diesen Fragen geht der Kölner Autor Frank Berzbach in einem kürzlich bei Eichborn erschienen und schön gestalteten Essay (mit Lesebändchen, welch ein Luxus!) nach.

Viele Bereiche macht er aus, in denen sich Schönheit verwirklichen lässt, einer davon ist das Heilige, Sakrale, während er bemängelt, dass die Kunstproduktion der Jetztzeit sich häufig nicht mehr mit dem Schönen, sondern ab und an sogar mit dem Hässlichen beschäftigt.

In Opposition zur Schönheit stehen für ihn Lärm, Zerstörung und Rausch, Computerspiele, Krieg, Aggression und Folter. Um so mehr erstaunt sein Faible für Herrenmagazine und den Lebensstil ihrer Herausgeber sowie für Pin-ups, die ja nun genau mit Krieg (Pin-ups auf Bombern) und Aggression gegen Frauen (Vergewaltigung durch Soldaten) jedwede Menge zu tun haben. Was nutzt Schönheit, wenn sie zur Ware verkommt, und eine Marilyn Monroe (die auch als Pin-up posierte) am Ende ihres kurzen Lebens, von Drogen zerstört, Selbstmord begeht, falls sie nicht doch ermordet wurde? Die Herausgabe von Herrenmagazinen und Modezeitschriften mag es den Herausgebern ermöglichen, ein schönes Leben zu führen – für Models ist fast immer das Gegenteil der Fall. Übrigens: Die dort verwendeten „schönen“ High-Heels ruinieren jeden Frauenfuß ohne Ausnahme nachhaltig, die orthopädischen Probleme und die Schmerzen im Alter sind immens – und was haben deformierte Füße (wo Herr Berzbach doch behauptet, gegen Schönheits-OPs zu sein) und Schmerzen mit einem Leben in Schönheit zu tun? Müssen die high-heels-deformierten Frauen dann die Orte der Berzbachschen Schönheit und der Foucaultschen Heterotropien verlassen?

Warum sich Berzbach zur selben Zeit über Pin-ups in der Kirche entrüstet (genauer gesagt: über den Auftritt von Pussy Riot in einer russischen Kirche zum Ärger Putins), das entzieht sich nun vollständig meinem Verständnis, denn zumindest sind diese Frauen doch schön, sogar sehr schön und die Kleiderausschnitte tief, es gibt sogar den Ansatz eines Can-Cans, auch wenn die Worte des Punk-Gebets selbst nicht ästhetizistisch-schön, sondern eben wahr und politisch sind (https://www.youtube.com/watch?v=grEBLskpDWQ). Wahrheit und Liebe, sagt Herr Berzbach, seien untrennbar mit Schönheit verbunden. Stört es ihn etwa, dass die Frauen ihre Gesichter verhüllt haben? Aber das kommt in den Herrenmagazinen doch auch vor! Oder liegt es daran, dass man, spießbürgerlich betrachtet, einfach nicht tut, was Pussy Riot getan hat? Oder sollte es Herr Berzbach sein, der bestimmt, was politische Wahrheit und damit schön ist?

Kommen wir zu dem, was Frank Berzbach außer Pin-ups noch liebt: die Schönheit von Fahrrädern, Schallplatten und Plattenspielern, Bücher, Jazz, Füllhalter und Bleistifte, Papier und Notizbücher, Tätowierungen (übrigens in der Ethnologie ein Zeichen für gewalttätige Kulturen – Menschen müssen dafür Schmerz ertragen können und üben damit schon mal für den Krieg mit den Nachbarn – ich mag sie als Ethnologin deshalb nicht), Kirchen, Klöster, Museen und Hotels, Schuhe und das Meer, inhabergeführte Ladengeschäfte, Tee- und Kaffeehäuser. Bis auf die Tätowierungen kann ich ihm da wieder folgen.

Berzbach behauptet, dass nur wenige Frauen Jazz mögen, und wird sich freuen zu hören, dass ich eine davon bin – vielleicht dank meines verstorbenen Vaters, der mich schon früh in Konzerte zum Beispiel des United Jazz & Rock Ensembles mitnahm. It‘s the Bourbon Skiffle Company, allways happy, happy as can beeeee…. Am meisten schätze ich den Cross-over zwischen Jazz und Weltmusik.

Wir besitzen in der Familie kein Auto, sondern benutzen Fahrräder, öffentliche Verkehrsmittel und unsere Füße – und haben sogar unseren Vermieter überzeugt, es uns gleich zu tun.

Stattdessen besitze ich noch eine ganze Reihe von Schallplatten und einen halbautomatischen Plattenspieler. Aber ich höre auch CDs und SWR2 (und ganz manchmal Klassik Radio, das mir aber auf Dauer zu platt und zu sehr von Werbung verseucht ist – was dem Konzept von „Klassik zum Wohlfühlen“ massiven Abbruch tut, jedenfalls was mein Wohlgefühl anbelangt).

Als Germanistin und Verlagskauffrau liebe ich selbstverständlich Bücher – eine Zeitlang war ich sogar Mitglied bei den Bücherfrauen. Vor allem liebe ich auch schön gemachte Bücher, solche, die Buchpreise für ihre Gestaltung gewinnen. Oder die Bücher (und T-Shirts) der Buchkinder Leipzig (https://www.buchkinder.de/die-idee/). Ich habe noch kein einziges Buch online gelesen, obwohl mein eigener Kräuterkrimi online bei Amazon publiziert worden ist – mir fehlt dabei das Haptische (https://www.amazon.de/Alraunen-Galgenbuckel-Ein-Stuttgarter-Kr%C3%A4uterkrimi-ebook/dp/B01H25SY7Q/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1535022139&sr=8-1&keywords=Alraunen+am+Galgenbuckel).

Ich besitze ebenfalls viele Bleistifte und einen Füllfederhalter (und spiele gerade mit dem Gedanken an den Kauf eines zweiten als Ersatz für den kaputt gegangenen). Papier und Notizbücher gehören dazu.

Über Kirchen, inhabergeführte Ladengeschäfte und Museen habe ich schon auf diesem Blog berichtet – das Meer wird dazukommen, sobald wir wieder einmal dorthin fahren, denn am liebsten würde ich am Meer wohnen, zum Beispiel in Flensburg oder Lübeck.

Und es wird es Herrn Berzbach auch freuen, dass ich gestern im Harry‘s gesessen und Leute geguckt habe. Das Harry‘s ist eine Kaffeerösterei in der Stuttgarter Eberhardstraße. Hier wird einem der doppelte Espresso an der Theke serviert mit einem Glas stillen Wasser und einem Täfelchen Zartbitterschokolode mit Kakaosplittern, dazu habe ich noch einen Tartufo dolce Menta von Tartuflanghe genossen – und später für meinen Mann als Freitagsgeschenk noch Erdbeerpralinen erstanden, die unter der schönen Bezeichnung „Frucht & Sinne – Leidenschaft“ verkauft werden und Fairtrade sind. Kein Caféhaus im engeren Sinne, aber eben ein inhabergeführtes Kaffeehaus mit eigener Philosophie: https://harrys-kaffee.de/philosophie/

Ach ja, und die Schuhe: Heute wurde mir netterweise ein neues Paar zum Anprobieren zugeschickt, weil es im Laden gerade nicht vorrätig war. Ich bin gespannt…

Aber ist das alles, worum es bei der Schönheit des Alltags geht? Ja, Herr Berzbach erwähnt auch die Kreativität, und immerhin hat er ja ein Buch geschrieben, das ist doch schon mal was. Ja, und er erwähnt auch die Meditation und das Heilige. Trotzdem bleibt er mir zu sehr an der äußeren Form hängen und kommt zu wenig auf die innere Form der Schönheit zu sprechen. Ich vermute nämlich, dass es eine innere Form der Schönheit gibt, und dass ich irgendwann in diesem Blog nicht mehr nur über die Schönheit des Zitronenfalters sprechen werde, der gerade kurz an mein Fenster geflogen ist, bevor er weitergegaukelte. Ein Gedicht vermittelt etwas von dieser inneren Schönheit, manchmal ein Musikstück oder ein Gemälde. Und trotzdem ist es nicht einfach der Goldene Schnitt (den Berzbach in seinem Essay übrigens nicht erwähnt) oder irgend eine Technik, die etwas zu etwas Schönem machen.

Es ist ein eher ein inneres Leuchten und Strahlen. Die drei Frauen von Pussy Riot haben es übrigens, in ihren Gesichtern, dieses Leuchten (https://de.wikipedia.org/wiki/Pussy_Riot). Und vielleicht hätte die russische Christ-Erlöser-Kirche auch solch ein Leuchten, wenn sie kein Dach hätte, sondern nach oben offen wäre, zum Himmel hin, wo nach christlichem Glauben Gott sitzt.

„Affektiertheit“, schreibt Herr Berzbach am Ende, „ist niemals schön und Schönheit ist immer unergründlich tief.“

Herr Berzbach wirkt durch seinen Text und seine Webseite auf mich wie ein dem Ästhetizismus verhafteter Mensch, wie ein Dandy des 21. Jahrhunderts und ein Flaneur, der trotz seiner Zen-Meditationen leider immer noch die Form der Schönheit der Lebenskunst über ihren Inhalt stellt. L’art pour l’art eben. Mein Leben ist jedoch nicht schön, weil ich in einem Kaffeehaus sitze, gut angezogen und umgeben von schönen Menschen. Sondern es speist sich zum Beispiel auch aus der Schönheit des Widerstands – auch im Alltag – und der hat eine ganz andere Form.

Aus diesem Grunde ziert nicht Herrn Berzbachs Buchcover diesen Blogbeitrag, sondern ein Foto von frischen, noch ungerösteten Kaffeebohnen.

Mittwoch, 22.8.2018: Das Wunder von Mals

Ein Dorf trotzt der Agrarindustrie: „Wir befinden uns im Jahr 2015. Ganz Südtirol wird von Apfelmonokulturen überrollt und in Pestizidwolken gehüllt. Ganz Südtirol? Nein! Eine Handvoll unbeugsamer Vinschger kämpft mit Erfolg für eine pestizidfreie Gemeinde Mals. Man wehrt sich mit einem Feuerwerk der Ideen gegen eine übermächtige Lobby aus Obstbauern, Bauernbund, Landesregierung und Pharmaindustrie.“ So startet der Trailer zu einem neuen Dokumentarfilm von Alexander Schiebel (Verleih: Wunderfilm, © 2018), der komplett durch Crowdfunding und mit Unterstützung des Umweltinstituts München finanziert wurde. Das gleichnamige Buch zum Film ist bereits Ende 2017 beim oekom-Verlag München erschienen (ISBN-13: 978-3-96006-014-7), und den Newsletter mit wöchentliche Updates über das Projekt erhält mensch über die Wunderwerkstatt in Meran.

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Die rund fünftausend Menschen in Mals empfinden sich als kleines, gallisches Dorf im oberen Vinschgau – ganz im Westen Südtirols. „Und wie das Spiel ausgeht: Das werden wir vielleicht bei Asterix und Obelix nachlesen können,“ erklärt der örtliche Tierarzt. Der Apotheker neben ihm lacht und meint, dass sie natürlich nicht verraten werden, dass sie den Zaubertrank von Miraculix besitzen…

Betttuchaktion der Malser Frauen

Ich hatte das Buch schon zu Weihnachten gelesen und war gespannt auf den Film. Mein Mann und Klaus und ich sind nun heute ins Arthaus-Kino atelier am bollwerk gefahren, wo er auf Anregung von und in Kooperation mit der Stuttgarter Slow-Food-Gruppe gezeigt und hinterher diskutiert wird. Gleich haben wir natürlich auch einen Bekannten aus der Stuttgarter K21-Bewegung getroffen – und so einiges an Widrigkeiten, mit denen die Malser zu kämpfen haben, kommt auch uns bekannt vor…

Den Zaubertrank von Miraculix, den werden die tapferen Malser tatsächlich brauchen, denn mittlerweile sind alle „Rädelsführer“ angeklagt und können nur hoffen, dass die nächste Instanz in Rom einsichtiger sein wird als die Südtiroler Landesregierung in Bozen. Das Verbrechen der Malser: Sie haben – wohlgemerkt in Übereinstimmung mit der örtlichen Gemeindesatzung – eine Volksabstimmung durchgeführt, bei der sich 75,8% der Wahlberechtigten für ein pestizidfreies Mals ausgesprochen haben (Wahlbeteiligung: 70%). Und das wollen sie nun eben auch durchsetzen. Eine Volksabstimmung mag zwar in der Verfassung der Gemeinde Mals stehen, Unrecht ist sie trotzdem, wettern Bauernverband und Landesregierung – denn mit Pestiziden verseuchte Südtiroler Äpfel, daran verdient man einfach mehr. Und gleich haben Unbekannte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einem Malser Biobauern Glyphosat auf die Obstbäume gespritzt. Alle Blätter sind abgefallen beziehungsweise hängen braun-verbrannt traurig ihre Blattspitzen nach unten – und der Mann darf für seine Meinungsäußerung vielleicht Konkurs anmelden.

Bei unserem letzten Urlaub in Südtirol konnte ich sie zwischen Bozen und Meran vom Linienbus aus vorbei flitzen sehen, die Obstmonokulturen. Meere aus Betonpfeilern, ein Baum wie der andere, keinerlei Vielfalt mehr. Das ist hässlich. Die Pestizide, die lagern sich sogar in den Sandkästen der Kinder der Bauern ab. Und das ist NICHT alternativlos, wie die Malser uns überdeutlich zeigen. Nur wollen die konventionellen Bauern es nicht hören – obwohl sie sie selbst mehrfach pro Woche einatmen und sich selbst und ihre Angehörigen damit vergiften. Langsam und stetig. Wie so häufig: Die Angst vor dem eigenständigen Denken scheint größer zu sein als die Angst vor Krebs (jeder Zigarettenraucher beweist es täglich).

Dass gemeinsamer Widerstand glücklich und schön macht, das sieht man wiederum den Malsern an: Trotz aller Probleme wird viel gelacht in diesem Dokumentarfilm – und das Strahlen, das reicht hinein bis in die Fältchen um die Augen herum.

Wer sich am Crowdfunding beteiligen möchte (einige Rechnungen sind noch offen): http://wundervonmals.com/crowdfunding/