10.3.19: Esslingen – Merkel’sches Schwimmbad

Schon der Weg zu diesem Schwimmbad ist schön: Der Bus 131 fährt uns ab der U-Bahn Haltestelle Ruit (hier tanzten früher einmal märchenhaft die Schuhe im Untergrund, bis Vandalen die Glaskästen zerstörten) hinunter nach Esslingen und bietet linkerhand eine großartige Aussicht auf das Neckartal. Wir steigen an der Haltestelle Maille aus, schwäbisch „Mallje“ ausgesprochen – Hinweis auf das ehemals hier gespielte Paille-Maille, ein Vorläufer des Krockets. Vorbei geht es am Kommunalen Kino entlang eines Neckarkanals und über ein Wehr zum EcoInn, dem einzigen Biohotel weit und breit, bis meine Tochter Lenja und ich schließlich die Mühlstraße 6 erreichen.

Das Merkelsche Bad besteht aus zwei Teilen: einem 60er Jahre Retro-Sportbad mit Saunalandschaft – und einem wunderschönen Jugendstilbad:

Hier grüßen Bleiglasfenster und in Stein gehauene Frösche im wechselnden Farbenspiel mit Massagestrahl und Unterwassermusik nebst einem Römisch-Irischen Dampfbad mit Kaltwasserbecken, Sole-Inhalationsraum und (nach Anmeldung) der Möglichkeit, eine orientalische Hamam-Massage bei Ali Nakbi zu genießen. All dies hat sich der Stifter und Bauherr, Geheimer Kommerzienrat Oscar Merkel, ausgedacht, eröffnet wurde 1907. Wie immer buchen Lenja und ich nur den Eintritt ins Jugendstil-Mineral-Thermal- und Dampfbad – Sportbad und Saunalandschaft lassen wir aus. Ein 2,5stündiges Märchen erwartet uns, geschmälert nur durch die vielen Kleinkinder, mit denen wir das Vergnügen teilen – Sonntag Nachmittag ist definitiv nicht ideal zum Bahnenschwimmen. Der Entspannung im Dampfbad tut der Termin hingegen keinen Abbruch, hierhin folgen uns die Schwimmflügel-Träger nicht.

Blick auf Kaltwasserbecken und Teeraum

Eintritt: 7€ für Erwachsene, 4,50€ für Kinder. Von früher her weiß ich es noch: Sehr empfehlenswert ist auch die Massage durch Ali (mit anschließendem Teetrinken), sie reicht von „Hamam-Morgane“ für 20€ bis „1001 Nacht“ für 90€. Anmeldung unter: https://www.swe.de/de/Baeder/merkelsches-schwimmbad/Wellness-Angebote/Hamam-Massage-Ali-Nakbi.html

8.3.2019: Stuttgart – Flanieren am Weltfrauentag

Blick von der Markthalle aufs Alte Schloss, (c) Barbara Pfeifer 2019

Am Schlossplatz spuckt mich die U-Bahn aus. Quer über den Platz laufe ich durch den köstlichen Torbogen (er beherbergt den Eingang zum besten Schokoladengeschäft Stuttgarts!) auf den romantischen Schillerplatz.

Musikalische Mittagspause: Während im hochmalerischen spätgotischen Fruchtkasten 2 Frauen 9 Männer interpretieren, am Doppelflügel und mit Gesang, von Händel bis Cláudio Santoro, träumen die Instrumente in den oberen Etagen weiter. Diana Ochoa de Spínola und Sabine Layer hatten vergessen, dass heute Frautentag ist, sonst hätte sich vielleicht eine Clara Schumann zwischen die Herren geschmuggelt, wer weiß? Aber auch so ist die halbstündige, allfreitägliche „Musikpause“ im Stuttgarter Musikinstrumentenmuseum (Start jeweils um 12.30 Uhr) schön und ungewöhnlich. Im Anschluss schlendere ich durch die Sammlung, spiele alles, was ich benutzen darf und bewundere den Rest, Summtopf, Kuhglockenklavier und solch unerhörte Dinge wie Flaschophon und Regenbogen-Regenschirm-Geige. Ja, und dann höre ich noch David Bowie’s „Space Oddity“, bei der er ein Stylophone benutzt. Bisher wusste ich noch nicht einmal, dass es so etwas gibt.

Ich flaniere weiter. Ein schmales Gässle zwischen Fruchtkasten und Stiftskirche. Rechts ein brutaler Neubau, aber verglast, und die Kirche spiegelt sich darin. Eines der ersten Dinge, die mir 1997 meine Vorgängerin im Verlag zeigte, um mich zum Bleiben in Stuttgart zu bewegen…

Blick von der Markthalle auf die Stiftskirche, (c) Barbara Pfeifer 2019

Ein Seitengässchen mit japanischen Comics an den Wänden. Daneben ein Juwelier mit ungewöhnlichen Kaminuhren im Schaufenster. Bei einer rollt eine kleine Metallkugel auf einer Platte im Zickzack von links nach rechts. Als sie außen angekommen ist, kippt die Platte, und die Kugel bewegt sich im nämlichen Zickzack zurück. So etwas kostet mehr als zehntausend Euro.

Nach einer Stippvisite in der Kirche schlendere ich zur Markthalle, Jugendstil, und gewiss eine der schönsten Markthallen Deutschlands (laut der Zeitschrift stern sogar die allerschönste). Alles was es hier gibt, befindet sich im eher gehobenen Preissegment, gefüllte Datteln in einem Dutzend Variationen, Jackfrucht, Pralinen, Blumen, Restaurants, und im Ober- und Untergeschoss Kleinmöbel, Seifen, Schmuck, Bücher. 1001 Nacht auf schwäbisch. Bio bei alledem leider nur in homöopathischen Spuren, und so schwelge ich in Träumen, Paradiesesbildern und Düften und kaufe – nichts. Aber ein Buch fällt mir ins Auge: Lauren Elkins „Flaneuse“. Frauen erobern sich flanierend die Städte. George Sand trug dazu im Paris des 19. Jahrhunderts Männerkleidung und einen Männernamen. Wie passend zu meinem heutigen Tag.

Doch jetzt mäandere ich nicht weiter, denn ich entdecke, dass es schon deutlich später ist als verabredet. Also geht es schnurstracks durch Dorotheenviertel und den Appendix der Bohnenvierteler Rosenstraße zum tristen Charlottenplatz, wo mich die U-Bahn wieder in ihre Arme schließt.

 

Stuttgart: Buschwerk im Wortkino

Buschwerk gleich „dichtes Gebüsch von größerer Ausdehnung“, wie der Duden schreibt? Oder eben der satirische Zeichner und Poet Wilhelm Busch aus dem 19. Jahrhundert. Um letzteren geht es im kleinen, feinen Wortkino, das gerade einmal 43 Zuschauern Platz bietet.

Zu jeder Eintrittskarte gibt es ein Getränk gratis, und im Foyer reihen sich die Bücher zum Schmökern: Die über die jeweilige Vorstellung des Abends und die zu den Schwerpunkten des Theaters – jüdische Kultur und Frauenliteratur.

An diesem Samstag ist also der Niedersachse Wilhelm Busch dran, das Multitalent (wer kann schon gleichzeitig zeichnen und reimen?), der Dorfmensch, der ewige Junggeselle,  der Liebhaber von Zigaretten (40-50 pro Tag) und Alkohol. Denn wie sagte er so schön:

Oh Menschenkind, bedenke wohl:
Dein größter Feind heißt Alkohol.
Doch in der Bibel steht geschrieben:
Du sollst auch deine Feinde lieben.

Der Erfinder von „Max und Moritz“ portraitiert sich: Max, das ist Buschs Jugendfreund Erich Bachmann, und Moritz, das ist er selbst. Aber die Streiche der beiden, die fanden wohl eher in Buschs Phantasie statt, denn er war ein sehr zartes, ängstliches Kind. Bei der Schweineschlachtung konnte er nicht zusehen, und die armen Tiere taten ihm so leid, dass er sich Zeit seines Lebens vor Schweinewurst ekelte. Muss deshalb das Ende der beiden waghalsigen Jungen so grausig sein?

Wieviel Grausamkeit er als Kind erfahren hat, ist nicht mehr genau feststellbar, zumindest in der Dorfschule dürfte er mit dem Rohrstock Bekanntschaft gemacht haben. Rohrstock plus protestantische Ethik: Führen sie zum unbewussten Wunsch, bestraft zu werden?

Der Abend ist trotzdem vergnüglich, der Schauspieler Norbert Eilts exzellent, und Buschs Verhohnepipelung der deutschen Spießbürger und Frömmler geht mir erst an diesem Abend so richtig auf. Der Humor des ernsten, verschlossenen, „sturmfesten“ Satirikers, des Urvaters des Comics, schreibt das Programmblatt, entsprang einer existentiellen Auseinandersetzung mit sich selbst – und dem ambivalenten Wesen des Menschen.

Prädikat empfehlenswert: „Buschwerk“ gehört zum festen Repertoire des Wortkinos, Werastr. 6, 70182 Stuttgart, www.wortkino.de.

 

Waldwellness

Warum geht es uns bei einem Waldspaziergang so gut? Nun, das liegt natürlich zum einen an der Stille, dem Vogelgezwitscher und der Farbe Grün, mit der wir Wachsen und Gedeihen, aber auch Hoffnung verbinden. Grün wirkt entspannend, beruhigend und harmonisierend – genau das also, was wir nach einem hektischen Tag im Büro brauchen. Und viel zu entdecken gibt es in der Natur auch.

Aber der Wald kann noch viel mehr, wie japanische Wissenschaftler herausgefunden haben, und das liegt an der Waldluft, genauer gesagt: an den in ihr enthaltenen ätherischen Ölen. Professor Iwao Uehara schickt deshalb sogar Patienten in den Wald, z.B. solche mit Burn-Out-Symptomen. Shinrin Yoku heißt sein Konzept, zu deutsch: Baden in der Waldluft.

In Japan ist Waldbaden bereits fester Bestandteil der Gesundheitsvorsorge, denn viele Studien konnten mittlerweile dessen Wirksamkeit belegen. Wer sich im Wald aufhält, so zeigten Untersuchungen, senkt seinen Blutdruck und reduziert Stresshormone – bei einem Spaziergang in der innerstädtischen Fussgängerzone funktioniert das nicht.

Das sogenannte Waldinnenklima ist durch einige Besonderheiten gekennzeichnet: Die Kronen der Bäume halten die Sonnenstrahlen ab und die Bäume verdunsten Wasser, was zu kühleren Temperaturen und einer höheren Luftfeuchtigkeit führt. Ein großer Baum kann an einem warmen Tag 200 Liter Wasser verdunsten – und nebenbei jede Menge Sauerstoff und wie gesagt ätherische Öle produzieren. Ätherische Öle wie z.B. das Fichtennadelöl, das gegen Erkältungen, Rheuma und neuralgische Beschwerden hilft.

Was wäre also besser, als einen ruhigen Waldspaziergang noch mit einigen Atem- und Entspannungsübungen zu verbinden? Mittlerweile wird Waldbaden oder Waldwellness in mehreren Orten auch in Deutschland angeboten – in Stuttgart-Sillenbuch zum Beispiel von mir. Fixer Termin im kommenden Jahr ist Sonntag, der 5.5.2019, von 10-13 Uhr, Treffpunkt die Bushaltestelle Erdbeerweg, Kosten 14€ pro Person (Kinder bis 16 Jahre kostenlos). Anmeldung (auch kurzfristig) bitte unter Barbara.Pfeifer@der-drugstore.de. Und wenn Ihnen dieser Termin nicht passt: Ab 4 zahlenden Teilnehmern können wir auch an einem anderen Tag Ihrer Wahl losspazieren.

Ich freue mich auf einen entspannenden, glücklichmachenden Tag mit Ihnen!

Orangeroter Becherling (Aleuria aurantia), essbar

Glücksatlas

Der Glücksatlas 2018 ist erschienen, diesmal mit den Schwerpunkten Arbeit und Mobilität. Er teilt Deutschland in 19 Regionen ein und differenziert damit zum Beispiel zwischen Württemberg und Baden. Wie gewohnt sind die Menschen in Schleswig-Holstein am glücklichsten, aber das badische Glück hat stark gelitten und rangiert nur noch auf Platz 6. Wir Stuttgarter broddeln wie üblich im unteren Mittelfeld auf Platz 11 – was mir schon damals auffiel, als ich vom lebenslustigen Köln (Platz 5) hierher zog.

Wie aber schaut es in Thüringen aus, schließlich wollen mein Mann Klaus und ich in wenigen Jahren dorthin ziehen? Es steht auf Platz 14 und ist damit die glücklichste Region Ostdeutschlands, Berlin eingeschlossen. Mit 7,03 Punkten liegen die Thüringer nur knapp uner dem Durchschnitt von 7,05 Punkten. Ganz besonders hoch ist hier das Glück bei den unter 35jährigen – sie rangieren auf Platz 7 deutschlandweit. Und das hat Gründe. Thüringen hat:

  • niedrige Mieten (der Preis für Bauland liegt bei 39,20€ pro m² im Vergleich zum deutschen Durchschnitt von gewaltigen 173,90€),
  • Sie haben deutschlandweit die allerniedrigste Armutsgefährdungsquote (12% versus 15,7%) und
  • die niedrigste Arbeitslosenquote Ostdeutschlands (6,1%)

 

Aber die Thüringer haben leider auch:

  • ein unterdurchschnittliches Einkommen (18.951€ versus 21.919€)
  • viele Leiharbeiter und
  • eine hohe Pflegequote wegen des großen Anteils alter Menschen

 

Wie wir wissen, sind Menschen in Partnerschaft glücklicher als Singles, und hier liegen die Thüringer wieder über dem deutschen Durchschnitt – mit 71,1% versus 70,5%.

Ganz besonders punkten können sie jedoch im Bereich Zufriedenheit mit der Wohnsituation und der Freizeit – sie belegen einen stolzen 4. Platz nur ganz knapp hinter Württemberg auf Platz 3 – und meilenweit vor allen anderen ostdeutschen Regionen. Dabei ist die regionale Attraktivität Thüringens, gemessen an der Zahl der jährlichen Touristen-Übernachtungen pro Einwohner mit 4,6 (im Vergleich zu durchschnittlichen 5,6) relativ niedrig – Mecklenburg-Vorpommern liegt hier bei 18,5 Übernachtungen pro Einwohner.

Übrigens: Deutschlandweit am unglücklichsten sind Brandenburger, Sachsen-Anhalter und Sachsen. Und während die Thüringer zumindest in einigen Bereichen (wie z.B. eben dem Wohnen und drei Freizeit) weit überdurchschnittlich happy sind, rangieren die Sachsen egal wo immer in der unteren Hälfte. Treibt sie das in die Arme der AfD? Das mangelnde Glücksgefühl?

Zu bestellen ist der Atlas beim Penguin-Verlag, ISBN 978-3-328-60087-9, 15€

 

Der Glück bringende Eisvogel

Ein Vogel wie Eisen, oben metallisch-türkis schillernd, unten rostbraun – ein farblich so auffälliges Tier muss in unseren Breiten einfach eins Glücksbringer sein! Im thüringischen Greiz kann man ihn mit etwas Glück an der Weißen Elster beobachten, ein geduldiger Jäger, der blitzschnell ins Wasser taucht und mit einem kleinen Fisch im Schnabel zurückkommt. Wenn ein Mensch ihn erstmals sieht, wirkt er so unwahrscheinlich wie ein Traum. Als Glücksbringer gilt er auch den thüringischen Glasbläsern in Lauscha, die ihn als Weihnachtsbaumschmuck verkaufen:

Sein australischer Verwandter wird Lachender Hans genannt, und mein Biologielehrer auf dem Gymnasium bezeichnete auch unseren einheimischen Eisvogel so, obwohl sein Gesang etwas weniger ausdrucksstark ist.

Bei Wikipedia heißt es zur Benennung:

Im Jahr 1758 bezeichnete Linné den Eisvogel als Alcedo ispida. Der lateinische Name Alcedo ist abgeleitet vom griechischen Halkyon, was so viel wie „die auf dem Meer Brütende“ bedeuten kann: Die um ihren Gemahl Keyx trauernde Alkyone und er selbst waren nach ihrem Tod von einem barmherzigen Gott in Eisvögel verwandelt worden. Jeden Winter trägt nun die Eisvogelhenne ihren toten Partner zu Grabe. Danach baut die Henne ein Nest, das sie auf den Wellen treiben lässt. Hinein legt sie die Eier und brütet ihre Küken aus. Nestbau und Brüten geschieht in den halkyonischen Tagen, das sind die je sieben windarmen Tage vor und nach der Wintersonnenwende. Die alten Griechen und Römer hielten den Mythos für real. Plutarch dachte, das Nest bestünde aus ineinander verflochtenen, kleinen Fischgräten und Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis historia um 70 nach Christus von einem schwammähnlichen, nicht durch Eisen zerschlagbaren Nest. Selbst noch im 19. Jahrhundert hielt man die halkyonischen Tage für die Brutzeit des Eisvogels.

Zur Herkunft des deutschen Namens gibt es mehrere Theorien. So lässt sich der Name wahrscheinlich vom althochdeutschen „eisan“ ableiten, was „schillern“ oder „glänzen“ bedeutet und auf das glänzend-farbige Gefieder des Vogels bezogen ist. Wenige Autoren beziehen den Namen tatsächlich auf das Eis, indem sie einen Bezug zu seinem Aufenthalt an zugefrorenen Gewässern, dem Abeisen oder zu toten Tieren im Eis herstellen. Andere beziehen sich auf die „eisblauen“ Rückenfedern oder seine leichtere Auffindbarkeit bei Eis und Schnee. Zuletzt gehen einige Autoren davon aus, dass der Name ursprünglich „Eisenvogel“ bedeutet haben sollte, da die Rückenfedern des Vogels stahlblau oder die Unterseite rostrot gefärbt sei.

In englischsprachigen Ländern heißt er „Kingfisher“ und bei den Schweden „Kungsfiskare“. Als weiterer Name wird die Bezeichnung Sankt-Martins-Vogel oder Martinsfischer in Frankreich, Spanien und Italien verwendet.

Mythologie und Sage

Auf Grund der oben erwähnten griechischen Sage um überdauerte der Glaube an die Gattenliebe und die Treue des Eisvogels bis mindestens ins 19. Jahrhundert hinein. So ging der Naturforscher Conrad Gessner 1669 davon aus, dass das Weibchen beim Tod des Männchens einen Trauergesang anstimmen würde. Er soll Macht und Reichtum, Frieden und Schönheit verheißen. Zudem gilt er als GLÜCKSBRINGER. Zuletzt soll er den Fischern reichen Fang und den Schiffern eine gute Reise ermöglichen.

Nach einer französischen Sage wurde der damals noch grau gefärbte Eisvogel von Noah der Taube nachgeschickt. Er sollte erkunden, ob sich die Wasser der Sintflut zurückgezogen hätten. Da er auf seinem Flug einem Sturm ausweichen musste, flog er so hoch, dass die Oberseite die Farbe des Himmels annahm und die Unterseite von der Sonne rot gebrannt wurde. Als der Bote Bericht erstatten wollte, konnte er die Arche nicht mehr finden, so dass er noch heute die Gewässer nach Noah suchend abstreift.

Talismane aus Eisvogelfedern und -bälgen wurden früher gegen Blitzschlag eingesetzt. Das am Hals getragene getrocknete Herz sollte vor Gift und schwerer Not schützen. Mumifizierte Vögel dienten als Mittel zur Mottenabwehr und an einem Faden aufgehängt auch als Kompass und Wetterfahne. Sich widersprechenden Theorien zufolge sollte der Schnabel immer nach Norden oder in Windrichtung zeigen.  Paracelsus nahm an, dass der Eisvogel nach seinem Tod nicht verfaule, so dass der Naturforscher Balthasar Sprenger 1753 einen bestätigenden Artikel darüber abfasste.

Und wo finden wir dieses Kleinod in der Natur? Nun mit etwas Glück zum Beispiel im Padborger Tunneldal am Gendarmstien, beim Kruså-See – aber auch am Max-Eyth-See in Stuttgart stehen die Fotografen stundenlang, um DAS Bild des Vogels zu schießen.

 

Mittwoch, 12.9.2018: SteppenBarock

Almagul Menlibaeva, aus der Serie „SteppenBarock“, 2003, Fotografie

Opulente Inszenierungen in einer äußerst kargen Landschaft: Das ist der Weg der 1969 geborenen, kasachischen „Punk-Schamanin“ Almagul Menlibaeva, um die Stellung der Frau in der postsowjetischen Aera zu reflektieren.

„Ihre Performances rühren und begeistern bis zu Tränen, sie lassen ein Gefühl zurück, als sei man einem Wunder begegnet“, schreibt Julia Sorokina im Sammelband „Vom Roten Stern zur blauen Kuppel“ über die Künstlerin. Menlibaeva zeigt Frauen perfekt wie Ikonen – gleich ob sie nackt oder voll verschleiert sind. Unwirkliche orientalische Erscheinungen werden sie dadurch, wie Fata Morganas. Und Transformation, Verkleidung und Mystik sind auch 2018 noch ihre Themen.

Der Magie ihrer Fotografien wohnt für mich eine große Schönheit inne, die sich gerade aus dem Gegensatz von fast monochromer Steppe und der Innerlichkeit der Dargestellten zu den bunten Tüchern speist.

Viele Preise hat Menlibaeva gewonnen, den bisher letzten 2017 vom französischen Kultusministerium, den Chevalier Ordre des Arts et des Lettres (http://www.almagulmenlibayeva.com/).

Islamische Welten: Vom roten Stern zur blauen Kuppel. Kunst und Architektur aus Zentralasien. (c) 2004, ifa-Institut für Auslandsbeziehungen Berlin/Stuttgart

 

Sonntag, 9.9.2018: Berlin – Zu Besuch im Botanischen Garten

Glücksbächlein in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens

Nach dem Ende des Heilpraktiker-Seminars in Berlin-Wittenau fahre ich schnell zu meiner Schwester, um Isomatte und Decke loszuwerden und eine Stulle – berlinerisch für eine (belegte) Scheibe Brot – zu essen. Danach geht es mit der S-Bohn zum Botanischen Garten.

Eigentlich dachte ich, dass ich ihn nicht kenne, aber weit gefehlt: Ich war schon einmal hier, abends im Winter 2016/17, zum faszinierenden Christmas-Garden-Spektakel, kurz vor dem Tod meines Vaters. Im Dunkeln und Winter, bei Regen und magisch beleuchtet – da wirkt solch ein Garten gar nicht wie ein botanischer, es könnte auch jeder x-beliebige andere Park mit Mauer drumrum sein.

Nun aber scheint die Sonne, und es ist für September sehr warm, so warm, dass ich mich in einer stillen Ecke meiner Leggins entledige und sofort Durst bekomme. Zum Glück gibt es im SB-Café vor den Gewächshäusern Fritz-Bio-Apfelsaftschorle ohne Ascorbinsäure, sodass ich gestärkt in die Glashaus-Tropen eintauchen kann. Die berühmte Victoria-Seerose blüht gerade nicht, dafür sehe ich dort etwas, was auf meiner Liste der Glücksbringer bisher fehlt, weil es mir so fremd ist: Ein Bächlein plus Teich, in den die Leute Münzen geworfen haben. Wie nennt sich das: Glücksteich?

Wenn er ein Brunnen wäre, würde er Wunschbrunnen heißen und ließe für jede hineingeworfene Münze einen Wunsch in Erfüllung gehen. Hintergrund ist der (unbewusste) Glaube, dass im Wasser göttliche Wesen leben. Bei uns in der Stuttgarter Wilhelma trieben es die Leute eine Zeitlang damit besonders arg und warfen die Münzen auf Seelöwen und Krokodile – welche sie fraßen und daraufhin starben. Zugegeben, Nilkrokodile wurden im Alten Ägypten als göttlich verehrt. Der „Große Weiße“ wurde deshalb jedoch nur vierzig Jahre alt, statt der hundert Jahre, die ein Leistenkrokodil aus Südostasien erreichen kann. 140 durch Verdauungsprozesse teils rasiermesserscharfe Münzen wurden in seinem Magen gefunden. Ob die Leute inzwischen weiser geworden sind?

Im Berliner Glücksteich schwimmen jedenfalls keine Tiere, dafür an anderer Stelle Kois, starke und ausdauernde Fische, die nach der Legende in glücksbringen Drachen verwandelt werden, wenn sie den Fluss Huang-Ho über die Wasserfälle und das Drachentor hinweg bis zur Quelle hinauf geschwommen sind. Dies wird den Berliner Examplaren wohl leider kaum gelingen. Einer ist besonders schön, fast ganz weiß und mit schleierähnlichen Flossen.

Insgesamt aber gefällt es mir draußen besser, es gibt einen großen, schönen Heilpflanzenbereich, ein Arboretum mit mit einer süßen Maus mit schwarzem Strich auf dem Rücken und schließlich einen Rosengarten, in den ich mich setze und ein bisschen schreibe, während auf der Wiese hinter mir ein junger Mann Blockflöte spielt.

Abends entscheide ich mich gegen das Programmkino um die Ecke, esse zu Hause die Reste vom Freitag, packe und schaue fern. In Phoenix begegnen mir plötzlich Spitzbergen und die Noorderlicht, ein über hundert Jahre altes Segelschiff, auf dem ich vor rund zwanzig Jahren einen Sommerurlaub verbracht habe. Nun ist es Winter, und Mejke aus Holland, die immer noch dort arbeitet, hat das Schiff im Eis festfrieren lassen und bietet den Einheimischen Kaffee und Kuchen an… Wie eigentümlich, das alles nach so vielen Jahren wiederzusehen…

 

Samstag, 8.9.2018: Entspannungsübungen in Berlin

Der Berliner Bär ist zwar eines meiner Krafttiere, sieht hier aber ausgesprochen unentspannt aus.

Heute und morgen besuche ich eines meiner zehn Heilpraktikerseminare – in Berlin-Wittenau. Diesmal ist das Thema Entspannung dran, und da fast alle von uns sechsen Autogenes Training schon kenne (ich praktiziere es seit meiner Kindheit), lernen wir stattdessen Atemübungen, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Shiatsu und Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt – und morgen, danz zum Schluss, werde ich kurz die Rolle der Lehrerin übernehmen und eine schamanische Krafttierreise mit allen unternehmen (einschließlich der eigentlichen Lehrerin).

Entspannung und damit Abbau von zum Teil ja schon chronischem Stress (einschließlich Angst und Trauer) ist eine besonders effektive Form, um einen geraden, breiten Weg Richtung Glück zu beschreiten, besonders dann, wenn wie hier Teilnehmerinnen und Lehrerin nett und die Räumlichkeiten ansprechend sind. Allein dass die angebotenen Tees und der Kaffee nicht Bio sind, stört mich.

Abends treffe ich mich mit meiner Stiefmutter und zweien meiner drei Stiefbrüder, und wir besuchen ein veganes Restaurant in Moabit, das Valladares (https://www.valladares-feinkost.de/). Es schmeckt gut dort, und einiges ist sogar Bio, zum Beispiel mein alkoholfreies Lammsbräu-Pils. Der Espresso schmeckt hochspannend ungewöhnlich, wir tippen auf Zimt oder eventuell eine Gewirzmischung, aber stattdessen: Er wird beim Rösten karamellisiert – sie beziehen ihn aus einer kleinen Berliner Rösterei.

Die Unterhaltung mit meinen beiden Stiefbrüdern ist sehr angeregt, doch leider geht es meiner Stiefmutter nicht gut, sie hat noch mehr abgenommen, isst kaum etwas und beteiligt sich nur selten am Gespräch. Wir nehmen immer wieder ihre Hände und streicheln sie. Am Montag will sie zur Probe in ein Pflegeheim in der Innenstadt ziehen.

Ich kaufe im Valladares noch eine Tüte Bio-Espresso Berliner Mischung für daheim. Draußen ist es schon dunkel, und ich nehme dankbar das Angebot des ältesten Bruders an und lasse mich bis fast vor die Haustür meiner Schwester Gaby fahren, bei der ich fürs verlängerte Wochenende residiere.

Freitag, 7.9.2018: Berlin – Shopping und Glücksspiel in Kreuzberg


Löblich Deli & Café, Hasenheide 49, Berlin

„Die Schönheit der Dinge liegt in der Seele dessen, der sie betrachtet.“ (David Hume)

…sagt ein Spruch im Zimmer meiner Schwester Gaby. Wegen eines Heilpraktiker-Wochenendseminars bin ich zu ihr nach Berlin gefahren. Sie wird nur bis Samstag früh hier sein, um dann ihrerseits zu einem Anthroposophie-Seminar gen Langeoog aufzubrechen, während ich ihre Wohnung einhüte.

Prompt zu Beginn ihres Urlaubs hat sie sich wieder massiv erkältet. Deshalb beschließen wir, heute kein Sightseeing zu machen, sondern lediglich im Viertel einkaufen zu gehen und den Tag erholsam zu gestalten. Sie will noch einige Kleinigkeiten erledigen, und außerdem suchen wir nach einer Duftlampe für die ganzen ätherischen Öle, die ich ihr in den letzten Jahren geschenkt habe. Nun, wir finden kein Exemplar, das ihr gefällt und gleichzeitig billig ist, dafür aber in einem Indienladen drei Kopftücher für mich und im chapati wunderschöne grüne Pulswärmer mit hellgrüner Spitze aus Bio-Baumwolle (www.chapati.de). Das Logo ist eine aufgehende orange Sonne, und darunter sitzen scherenschnittartig zwei Katzen in einem Vogelnest. „Lächeln als Zeichen des Wiedererkennens“ wirbt der Laden für sich: „Das Leben ist ein Ornament aus Menschen aller Farben, aller Sprachen, Bilder und Gesänge. Chapati webt einen Stoff, in dem Du Frieden träumst, ihn anlegst wie ein Gewand, ihn weiterreichst mit dem Lächeln des Wiedererkennens am Anderen, am Fremden, der Freund wird.“ Nun mag zwar dahingestellt sein, ob ein Stoff dazu anregt, von Frieden zu träumen, aber maximal inklusiv ist der Werbetext auf jeden Fall.

Ein Lächeln oder etwas Kleingeld oder etwas zu essen, darum hatte in der U-Bahn auch ein junger Obdachloser gebeten. Erst wollte ich ihm nur ein Lächeln schenken, aber dann kam doch ein Euro dazu, und er schenkte mir ein Lächeln zurück, und ich bedankte mich…

Abschließend gehen wir noch ins Café Löblich (siehe Foto, www.loeblich-berlin.de), wo man trotz des Verkehrslärms schön draußen sitzen kann und es viele Sorten veganen Kuchens gibt. Ich entscheide mich für einen Schokobrownie mit Marmelade und Zucchini (sehr gut), einen doppelten Espresso (nicht heiß genug) mit Wasser und nehme mir für den Weg noch das absolute kulinarische Highlight des Tages mit: eigentlich ein handgemachtes Wassereis am Stiel, Marke Paletas, aber was für eins! Salatgurke-Zitrone, und es sind tatsächlich Gurkenscheinben drin, und es schmeckt wie Berliner Gurkensalat, nur einen Tick süßer. Fantastisch! (https://www.paletas-berlin.com/)

Insgesamt schenkt mir das Löblich eine noch bessere Erfahrung als das vegetarisch-vegane Restaurant Seerose am Südstern, halb SB, wo das vegane Essen zwar interessant gewürzt, aber leider in der Mikrowelle aufgewärmt und nur lauwarm ist.

Den Nachmittag und Abend verbringen Gaby und ich mit dem Glücksspiel Kniffel,  von dem wir schon vor Jahrzehnten eine Familienversion entwickelt haben, die etwas mehr strategisches Denken und Planen erfordert als die im Geschäft erhältliche. Glücksspiele machen bekanntlich nur glücklich, wenn es wie bei uns nicht um Geld geht, und so gelingt mir diesmal ein glücklich machender Sechs-Spalten-Ausnahmekniffel-des-Jahrzehnts mit nicht einem einzigen Strich (und auch Gaby ist nicht wesentlich schlechter)! Dazu hören wir eine CD des Widerständlers Mikis Theodorakis.

Essen koche ich, denn Gaby steht nicht gern am Herd: Nudeln mit einer selbst kreierten Gemüse-Tofu-Tomatensauce. Das Problem mit „Arm aber Bio“ für Gaby ist, dass es mit Feriggerichten nicht funktioniert – die sind einfach zu teuer. Mein Problem ist hingegen die Neugier auf noch nicht ausprobierte vegane (Bio-)Restaurants, was im Hartz-IV-Satz ebenfalls nicht vorgesehen ist (und die Arbeitslosen vom sozialen Leben ausschließt und in die Arme der AfD treibt).

Vor dem Schlafengehen starte ich im Bett noch ein Buch von Gaby, Alice Munros Zu viel Glück (Too much happiness), aber davon ein andermal.