Freitag, 10.8.2018: Perfekter Geburtstag

Ich liebe meine Geburtstage, auch wenn dieser schon der 58. ist – da ich 109 Jahre alt werden möchte, kann ich noch weitere 51 erleben! Weil am 10. August zumeist Sommerferien sind, feiern wir fast immer an irgend einem schönen Urlaubsort. Diesmal sind wir in Stuttgart geblieben: meiner CRPS-Erkrankung und unserer alten Katze Kalas zuliebe.

Das größte und schönste Geschenk erhalte ich gleich morgens beim Aufwachen: Es ist heute zum ersten Mal wieder angenehm kühl – nach der Hitzewelle der Vortage eine Wohltat. Mein Mann Klaus bringt mir Espresso ans Bett, unsere Tochter Lenja setzt sich zwischen uns, und dann packe ich erst einmal Geschenke aus. Nach dem Frühstück mit Kerzenschein und Sonnenblumen-Servietten unternehme ich eine kleine schamanische Reise in den ersten Himmel der Oberwelt, bevor wir den Nachmittag im Kunstmuseum Stuttgart verbringen mit Bio-Sencha-Bloom-Tee, juiz Bio-Rhabarber-Lavendel-Limo im Bistro und natürlich der Sonderausstellung, „mixed realities“, die noch bis zum 26.8.18 zu bestaunen ist. Wie verbinden KünstlerInnen die physisch-reale mit der virtuellen Welt? Und was macht das mit uns? Wie können wir uns in dieser Welt bewegen, ohne dass uns gleich schwindelig wird? Ein einfaches Beispiel für das, worum es in dieser Ausstellung geht, sind die 3D-Brillen, die man manchmal im Kino kriegt. Die gibt es hier auch, aber noch viel mehr. Am meisten fasziniert mich die abu-dhabische Künstlerin mit dem schönen Namen Mélodie Mousset, die uns erlaubt, in einer blau-roten Sandlandschaft Arme und Hände per Knopfdruck auseinander sprießen zu lassen, analog (oder doch eher digital?) zur magischen Hana-Hana-Frucht der japanischen Manga-Serie „One Piece“. Und meine Tochter Lenja? Die ist als zukünftige Mediendesign-Studentin eh begeistert.

Via Charlottenplatz (Weltladen!) laufen wir hoch zum Eugensplatz mit seinem Galateabrunnen – einem der romantischsten Orte Stuttgarts mit einer wunderbaren Aussicht, von der prächtigen Nymphe Galatea ganz zu schweigen. Und nicht zu vergessen: einem Denkmal für Loriots Mops, ohne den ein Leben zwar vorstellbar, aber sinnlos wäre.

Weiter geht es zum Biorestaurant Lässig, direkt an der U- Bahnhaltestelle Heidehofstraße (Freie Hochschule). Hier habe ich einen Tisch für die Familie und meine beiden Freundinnen Maja und Lilian reserviert. Gleich vorab: Das Restaurant ist sehr empfehlenswert, wir verbringen einen schönen Abend bei Kerzenlicht und Blumen im Freien. Ich habe für mich ein veganes Überraschungsessen bestellt und genieße: frisches Brot mit exzellentem Olivenöl, ein Amuse-gueule aus gehackter grüner Melone, Bruschetta und ein Risotto mit getrockneten Tomaten und Pinienkernen, dazu als Aperitif einen alkoholfreien Rosencocktail und später dann alkoholfreies Pils und Espresso – eins wie das andere perfekt!

Meine beiden Freundinnen haben eine arbeitsreiche Woche hinter sich, und so verabschieden wir uns um halb zehn – Klaus, Lenja und ich ziehen allein weiter zur Sternwarte Uhlandshöhe, für uns drei Neuland. Obwohl der Himmel leicht bewölkt ist, haben sich viele Leute eingefunden. Wir sehen den mittleren Stern der Achse der Großen Bärin und erleben, dass er in Wirklichkeit ein Doppelstern ist, später kommt dann Saturn hinzu, weiße Ringe auf weißem Planeten, es sieht unwirklich aus und ist doch so real. Für Klaus und mich ist dies der allerschönste Teil des ungewöhnlichen Tages.

Donnerstag, 9.8.2018: Lachyoga

Seit einem Monat bin ich zertifizierte Lachyoga-Leiterin der „Laughter Yoga International University“ – ein kleiner Baustein meines Heilpraktikerinnen-Studiums. Demnächst werde ich nun hier in Stuttgart Lachyoga anbieten. Aber was ist das eigentlich, Lachyoga? Nun, zu allererst: Es sind Übungen, die glücklich machen!

Erfunden hat sie 1995 ein indischer Arzt, Dr. Madan Kataria, der feststellte, dass Kinder zwar rund dreihundert Mal am Tag lachen – Erwachsene aber nur noch zehn Mal: Und raten Sie, wer glücklicher ist!

Inzwischen gibt es Lachyoga-Gruppen in rund 60 Ländern auf der Welt. Beim Lachyoga erfreuen wir uns nicht an einem gelungenen Witz, sondern wir lachen einfach so, ohne Grund, mit voller Absicht. Das wirkt in den ersten Sekunden etwas gekünstelt, aber dem Körper ist es völlig egal, ob ein Lachen natürlich ist oder nicht, er setzt Endorphine frei, körpereigene Opiate, die Schmerzen stillen und uns glücklich und gesünder machen – und manchmal sogar ganz gesund. Und irgendwann steckt uns das Lachen in der Gruppe an, wir möchten uns am liebsten ausschütten vor Lachen und uns auf dem Boden wälzen.

Also am besten jeden Tag Lachyoga machen, zehn bis dreißig Minuten reichen; allein geht es auch, aber in der Gruppe ist es schöner, zum Beispiel in einem örtlichen Lachclub, demnächst auch in Stuttgart-Sillenbuch! Bei Interesse melden Sie sich einfach bei mir unter barbara@pfeiferin.de.

 

Mittwoch, 8.8.2018: Blumenhäuser

Akanthus-Ornament am Haus Hackstr. 78

Warum schmücken wir unsere Städte so wenig mit Blumen? Im 19. Jahrhundert wurden die Häuser zumindest noch mit steinernen Blumen verziert – wir hier auf dem Foto aus der Umgebung des Stuttgarter Karl-Olga-Hospitals, welches selbst noch florale Elemente präsentiert.

Noch schöner als die steinernen Blumen sind Häuser, die unter überbordenden echten Pflanzen fast verschwinden mögen.

Ich erinnere mich an ein Jazz-Festival in Wales, das Städtchen nahm an einem Wettbewerb zum schönsten Dorf der Region teil, und das war es auch wirklich – jedes Haus mit Blumen geschmückt. Oder an eine Geschäftsreise nach Barcelona mit einem privaten Ausflug ins mittelalterliche Girona, zur Temps de Flors, ein geradezu magisches Ereignis jedes Jahr im Mai (hier ein Link: https://www.freibeuter-reisen.org/temps-de-flors-girona-im-blumenrausch/).

Warten wir also nicht darauf, dass die Stadtväter irgendwann irgendetwas begrünen, pflanzen wir selbst die schönsten Blumen aller Zeiten vor unsere Fenster, auch an vierspurigen Straßen – zur Freude der Vorbeigehenden!

Dienstag, 7.8.2018: Lyrik unterwegs in Stuttgarter Bahnen

Diwan des persischen Dichters Hafis, Miniaturmalerei 1585

Auch heute bin ich wieder mit Bus und U-Bahn zur ambulanten Behandlung im Karl-Olga-Hospital unterwegs, und wie in vielen Stuttgarter U-Bahnen grüßt mich auch heute ein Gedicht an der Wand. Ich kann es nur (vermutlich falsch) aus dem Gedächtnis zitieren, es ist von Erich Jooß und heißt

Fundstücke

Obwohl in Stein eingeschlossen
hat sich die kleine Feder
ihre Leichtigkeit bewahrt
als sie
am Anbeginn der Schöpfung
sich von einem Vogel gelöst hat
und zur Erde herab fiel

Ist das nicht schön? Schon seit 1987 wird in Stuttgarter U-Bahnen Poesie präsentiert, und etwa alle halbe Jahre wechseln die Gedichte. An eins von vor zwanzig Jahren kann ich mich noch erinnern, wenn auch nicht mehr an den Autor:

Der Eisbär

Der Eisbär prustet und erklimmt
den Eisberg der im Eismeer schwimmt
und schreitet groß und stark und weiß
durch den Palast aus grünem Eis

Ich habe zwar Germanistik studiert, bin aber keine Poetik-Spezialistin – ich genieße einfach nur. Und ich glaube, das tun fast alle Menschen, changierend zwischen abgedroschenem Schlager und Celans „Schwarzer Milch der Frühe“. Gereimtes, die absolute Schönheit der Form, in der kein Wort an anderer Stelle stehen oder ersetzt werden dürfte, berührt uns einfach mehr als Prosa. Und das scheint sogar beim abgedroschensten Herz-Schmerz-Poem noch zu funktionieren.

Aber machen Gedichte auch glücklich? Doch, da bin ich mir sicher. Im Moment lese ich zum Beispiel Hilde Domin, die wegen der Nazis Deutschland verlassen musste und erst viel später wieder zurück kam. Glück auch im Exil, das hat sie empfunden, wenn der Wind ihr den Duft von Linden und sonnigem Heu herbei trug. Heimatduft eben: „Wolken von Zärtlichkeit fangen mich ein, und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.“ Ich sehe den Zahn förmlich vor mir, es ist ein Kinderzahn, und er tut nicht wirklich weh, außer ein ganz klein bisschen.

(aus: Windgeschenke, in „Nur eine Rose als Stütze“. Gedichte, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1959)

Sonntag, 5.8.2018: Greizer Karikaturen im Satiricum

Für ein Wochenende sind wir von Stuttgart ins thüringische Vogtland, nach Greiz gefahren – in die laut Krankenkasse glücklichste Stadt Deutschlands. Was macht die Greizer so glücklich? Nun, wir werden es herausfinden!

Zunächst einmal macht meinen Mann Klaus, unsere Tochter Lenja und mich glücklich, dass es heute ein wenig kühler ist als an den vorangegangen Tagen – deutlich unter dreißig Grad. Um zehn Uhr eilen wir in die Innenstadtkirche St. Marien zur ersten halben Stunde des Gottesdienstes. Sie wurde nach einem großen Stadtbrand 1805 klassizistisch wieder aufgebaut und ist heute evangelisch. Im Inneren zeigt sie sich in freundlichen Farben: viel weiß, zartgelb und orangebraun, eine fröhliche Kirche. Zu den Kirchenliedern spielt eine Kreutzbach-Orgel aus dem Jahre 1881, 1919 erweitert und mittlerweile eine der größten Thüringens. Der Pfarrer ist locker und unverkrampft. Liegt hier ein Teil der Greizer Glücks? Zumindest will der Aufsteller am Eingang es uns glauben machen: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück“, verrät Psalm 73,28 – und das gilt ja vielleicht auch für den ein oder anderen unter Ihnen?

Dann gehen wir zum Greizer Hauptbahnhof, vorbei an Schaufenstern, die uns handschriftlich und mit Zeichnungen über berühmte Menschen unter dem Motto informieren: „Sie waren so… …frei…“. Wer war so frei? Die blinde Helen Keller zum Beispiel, der libertäre, hingerichtete Pädagoge Francesc Ferrer i Guàrdia oder die Fechterin und Opernsängerin Julie d`Aubigny. Wie ungewöhnlich für eine Kleinstadt von nur knapp 21.000 Einwohnern!

Am Bahnhof heißt uns ein Schild herzlich willkommen und wünscht uns allzeit gute Fahrt, und wir empfangen meine Schwester Gaby, die heute ihrer Erkältung zum Trotz aus Berlin angereist ist, um unser neuerworbenes Fachwerkhäuschen in Greiz-Rothental zu besichtigen. Wir würden uns freuen, wenn sie im Alter mit uns dort einzieht. Im Rothentaler Garten begrüßt uns zunächst einmal eine ausgewachsene Blindschleiche, dann erkunden wir die Gebäude. Ja, romantisch findet Gaby sie auch, aber wir merken ihr deutlich das Erschrecken ob des Renovierungsaufwands an – sie muss alles erst einmal sacken lassen.

Wir haben einen Mietwagen, und so hindert uns nichts daran, einmal kurz über die Grenze nach Sachsen zu fahren und das achte Weltwunder zu bestaunen: die Göltzschtalbrücke in Netzschkau. Einstmals war sie die größte Eisenbahnbrücke der Erde, heute ist sie immer noch unsere weltgrößte Ziegelsteinbrücke – ein Viadukt mit 78 Metern Höhe und sage und schreibe 98 Bögen. Beeindruckend!

Wir haben mittlerweile Hunger, und so setzen wir uns zurück in Thüringen und Greiz im Unteren Schloss im Restaurant „Harmonie“ auf die Terrasse nahe dem hiesigen Fluss, der Weißen Elster, genießen die Aussicht und erzählen. Lustig sind die Kloschlüssel für die Toiletten einmal quer über den Schlosshof: Sie sind an alten Esslöffeln befestigt! Hier wie überall im Städtchen zeigt sich: die Greizer sind ein freundlicher Menschenschlag.

Anschließend zeigen wir Gaby den Greizer Park (ein englischer Landschaftsgarten) und das ehemalige Sommerpalais der hiesigen Fürstenfamilie aus dem 18. Jahrhundert, beide national bedeutsam und deshalb in der Obhut der Thüringer Schlösser und Gärten. Im Satiricum des Palais‘ findet bereits zum neunten Mal die Triennale der Karikatur statt, diesmal betitelt mit „Alles lupenreine Demokraten“. Das Satiricum wurde 1975 als nationale Karikaturensammlung der DDR gegründet und übernahm zunächst einmal den reichhaltigen Fundus der fürstlichen Karkaturensammlung aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, ergänzt durch Karikaturen aus dem Vormärz und der Revolution von 1848, Simplicissimus, Eulenspiegel, Titanic usw. Zu DDR-Zeiten der umfangreichste satirische Bilderfundus. Hier in Greiz, weil hier ja offenbar schon die Adligen einen Sinn für‘s Witzige hatten. Auch Plastikaturen, satirisch-humoristische Objekte, gilt es zu entdecken. Auf der diesjährigen Triennale stellen wirklich alle 76 deutschsprachigen Karikaturisten mit Rang und Namen aus: von A wie Renate Alf, über G wie Gerhard Glück, K wie Kriki, M wie Marunde, T wie Tetsche bis Z wie Bernd Zeller. Hier ist auf jeden Fall einer der Schlüssel für das Greizer Glück: spielerische Leichtigkeit und Humor.

Zum Schluss erkundige ich mich noch, ob die Bibliothek, die ebenfalls im Sommerpalais untergebracht ist, einen Lesesaal für die Öffentlichkeit hat. Sie hat, und mit ihren 40.000 Bänden in deutscher, englischer und französischer Sprache aus dem 17.-19. Jahrhundert werde ich hier für den Rest meines Lebens genug zum Schmökern und Entdecken haben.

Gegenüber dem Sommerpalais befindet sich das KÜCHENHAUS. Es beherbergt im Erdgeschoss ein Café mit eigener Rösterei (Brandt Kaffee) und den mit Abstand exquisitesten Genüssen unseres kleinen Wochenendausflugs: Für mich ist das die beste mexikanische Trinkschokolade meines Lebens, dazu ein veganer Großkeks der aussieht, als ob er aus Turin stammt, für die anderen zum Beispiel russischer Zupfkuchen, Käsekuchen mit frischen Johannisbeeren und Himbeer-Milchshake. Das alles dekoriert mit essbaren Chrysanthemen in lila, gelb und weiß. Himmlisch! Und: „Glück ist, wenn die Katastrophe eine Pause macht!“ philosophiert ein Schild hinter dem Tresen.

Allmählich heißt es nun, Abschied nehmen von Greiz und die Heimfahrt antreten. Vorab interessiert uns aber noch die Klinik im Leben nebst Garten des Lebens: Europas führende Klinik für naturgemäße, biologische Medizin seit über zwanzig Jahren – im Zentrum von Greiz. Krebs- und Schmerzmedizin, Fiebertherapie, Homöopathie, anthroposophische Medizin und vieles mehr bieten sie an. Wie hätten sie hier wohl mein Komplexes Regionales Schmerzsyndrom behandelt? 1.500 Ärzte, Apotheker und Heilpraktiker haben sich deutschlandweit zusammengeschlossen und unterstützen die Greizer via „Arbeitskreis im Leben“ und die „Gesundheitsstiftung im Leben“. Die Klinik können wir in der Kürze der Zeit natürlich nicht besichtigen, aber wir werfen vom Eingang und dem „Platz der Erdung“ aus einen Blick in den hübschen Garten und seine Bereiche, den Raum der Lebensfreude, die Anhöhe der Orientierung, den Raum der Transformation, den Spiegel der Selbstreflexion und den Garten der Früchte. Streng wissenschaftlich mag hier zwar vieles nicht sein, aber ein Gefühl von Ruhe und Glück vermittelt es durchaus. Gaby, die im Berliner anthroposophischen Krankenhaus Havelhöhe arbeitet, ist sehr angetan.

Unsere Heimfahrt gen Südwesten entwickelt sich zu einem stundenlangen Sonnenuntergang, gerahmt von den schwarzen Büschen und Bäumen links und rechts der Autobahn, zartgelb, hellblau, rosa, pink und orange. Außergewöhnlich und wunderschön. Kurz vor 23 Uhr geben wir die Schlüssel unseres Mietwagens ab und fahren mit Bus und Bahn nach Hause. Katze Kalas begrüßt uns freudig, meine Freundin Maja hat sich während unserer Abwesenheit sehr gut um sie gekümmert.

Samstag, 4.8.2018: Greiz – Zu Besuch in der glücklichsten Stadt Deutschlands

Ich bin in der Ex-Jugendherberge Langenwetzendorf kurz vor halb sechs Uhr aufgewacht und habe die frische, kühle Thüringer Luft genossen. Der kettenrauchende und Rauchmelder-auslösende Gast vom Vortag sitzt schon draußen, wartend, rauchend, und wird schließlich von einem weißen Lieferwagen abgeholt. Ich schaue zu, Stille trotz Auto, Entspannung, Mann und Tochter schlafen noch tief und fest. Vielleicht ist er Saisonarbeiter oder Monteur? Eine Taube gurrt, eine Amsel hüpft über den Rasen und die Kätzchen genießen das Leben in diesem Kätzchenparadies.

Bevor wir nach dem Frühstück gen Greiz starten, müssen wir noch eines herausfinden: Was ist eine Bio-Landschule? Langenwetzendorf hat nämlich nicht nur die Ex-Jugendherberge und ein Freibad mit Riesenrutsche, sondern eben auch eine Bio-Landschule. Leider verrät keine Tafel am historistischen Schulgebäude, was es mit dem Namen auf sich hat, und so muss ich die „Ostthüringer Zeitung“ im Internet zu Rate ziehen:

„Für ihr Engagement für die Umwelt wurden 59 Schulen in Thüringen durch Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) und Bildungsminister Helmut Holter (Linke) ausgezeichnet. Auch die Bio-Landschule in Langenwetzendorf hatte sich für die Schuljahre 2015 bis 2018 beim Wettbewerb um den Titel „Thüringer Nachhaltigkeitsschule – Umweltschule in Europa“ beteiligt. Mit Erfolg. Die Regelschule wurde seit 1999 ununterbrochen als Umweltschule ausgezeichnet, nun bekam sie zudem die Ehrung in der Kategorie „Gold“. Überzeugen konnten die Langenwetzendorfer nicht nur mit einem Projekt, sondern gleich mit mehreren, und durch die außerschulischen Kooperationen mit dem Bio-Seehotel, der Gemeinde sowie mit dem Imkerverein. So verweist (Lehrer) Tom Jungk nicht nur auf das Engagement von derzeit neun Schülern in seiner Öko-Gang, sondern auch auf die Pflege der Apfelhecke, ein Feuchtbiotop, in das eine Umweltpumpe eingebaut wurde, die Neugestaltung des Insektenhotels sowie auf Pflege- und Umgestaltungsarbeiten am Hochbeet der Schule.“

Donnerwetter! Trotz grün-schwarzer Landesregierung haben wir so etwas hier bei uns in Baden-Württemberg nicht. Da scheint das Thüringer Rot-rot-grün besser zu funktionieren. Ein Puzzlesteinchen auch zum Greizer Glück?

Aber nun fahren wir erst einmal nach Greiz-Rothental. Mein Mann Klaus hat hier nämlich vor ein paar Tagen „für‘n Appl und‘n Ei“ ein altes Fachwerkhaus mit Garten und Blick auf den hiesigen Fluss, die Weiße Elster, erworben. Hier werden wir wohnen, wenn wir in Rente gehen – aber vorher heißt es noch: vieeeel renovieren! In einem der Zimmer hängen Pflanzen zum Trocknen, wie gemacht für mich alte Kräuterfrau. Im Garten wachsen Salbei, Maiglöckchen, Pflaumen, Kirschen, Himbeeren. Das Klo ist noch ein Plumpsklo im Freien. Ich lasse mich darauf ein und übersehe einmal die auf uns zukommende Arbeit – dann ist es wunderbar romantisch hier! Klaus hatte natürlich alles vor Abschluss des Kaufvertrags besichtigt, aber für Tochter Lenja und mich ist es die erste Begegnung. Nicht nur wohnen wollen wir hier (vielleicht mit Klausens Bruder und meiner Schwester zusammen), sondern es soll auch ein „Bioglückshaus Greiz“ entstehen, mit Seminarräumen und öffentlicher Bibliothek.

Von der Straße „An der goldenen Aue“ (welch schöner Name!) werfen wir noch einen letzten Blick auf unser Wolkenkuckucksheim. Weil meine Hand immer noch stark lädiert ist seit meinem Unfall Anfang Mai, wollen wir das Wochenende nicht der Arbeit, sondern dem Erkunden der Greizer Schönheit und des Greizer Glücks widmen. Was also ist das Geheimnis der Greizer? Der vergoldete Spiegel und die Sonne, die an der Wand der Pizzeria „Da Papu“ hängen? Der Name erinnert mich an den Film „La Vita è bella“ des Komikers Roberto Benigni – der kleine Junge dort nennt seinen Vater „Papu“. Nun, nicht mehr als ein winziges Puzzleteilchen.

Neben der Pizzeria befinden sich der Biomarkt und die Peanuts-Biokneipe von Greiz. Sie haben beide nur von montags bis freitags geöffnet – wie überhaupt so einiges hier. Auch ein Grund für das Greizer Glück? Wahlspruch: „Eine Fünf-Tage-Woche ist auch für Selbständige mehr als genug.“?

Oder vielleicht hilft das Motto der Greizer im Prospekt der Tourist Information weiter: „Wir leben nur, um Schönheit zu entdecken. Alles andere ist eine Art des Wartens.“ (Khalil Gibran). Vielleicht passt dazu, dass der Autor dieser Zeilen eben nicht nur Autor, sondern auch Maler und Philosoph war, und dass er in zwei völlig unterschiedlichen Ländern lebte. Ein Weltenbürger.

Wir überqueren die Weiße Elster und gehen in das Untere Schloss. Greiz, die „Perle des Vogtlandes“, war früher einmal die Hauptstadt des aller-aller-allerkleinsten Fürstentums Deutschlands. Das hat ihm auf gerade einmal 21.000 Einwohner sage und schreibe drei prächtige Schlösser und einen mindestens ebenso prächtigen Schlossgarten verschafft. Plus auch heute noch etwas mehr Kultur, als ich von einer Kleinstadt erwarten würde. Verhilft Kleinteiligkeit zum Glück? Der Anarchist würde sagen: ja. Je größer und anonymer das Gemeinwesen, umso unglücklicher die Menschen. Herrschaftsfreiheit funktioniert am besten in überschaubaren Einheiten.

Im Unteren Schloss erkunden wir eine Textilschauwerkstatt. Im 19. Jahrhundert gab es in Greiz viele Spinnereien, Seidenwebereien und die höchste Millionärsdichte Deutschlands. Heute gibt es zum Beispiel noch die Firma www.blaudruck-greiz.de, und ich erstehe von ihr ein Lavendelsäckchen für meine Katze-hütende Freundin Maja in Stuttgart. Im Anschluss lockt die liebevoll gestaltete Sonderausstellung „Das Erbe der Buckelapotheker“ nebst einer Riesenmurmelbahn aus Holz. Ich erfahre, dass es ein Kräuternetzwerk Thüringen gibt (www.einfach-natuerlich.de) – und eine hohe Dichte an Kräuterfrauen und Heilpraktikerinnen direkt im Städtchen. Kräuterfrauen, die auch dichten und Bücher veröffentlichen, wie die Physiotherapeutin Cornelia Seidel. Und dass Kräuter glücklich machen – nun, das kann ich nur bestätigen.

Wir setzen uns in das zentrale Eiscafé Doimo am Puschkinplatz. Neben uns eine junge Familie mit zwei Kindern, die Mutter hochschwanger – und alle 4 ½ wirken glücklich und in sich ruhend. Im Anschluss hat Lenja uns zu einem 3D-Zeichentrickfilm überredet, das Kino ist um die Ecke. „Hotel Transsylvanien 3“ klingt nicht gerade nach „Kultur hoch 3“, aber Filmkunst gibt es nur alle ein bis zwei Wochen mittwochs, dafür dann aber auch vom Feinsten. Also Hotel Transsylvanien. Die Handlung ist erschreckend banal (warum um alles in der Welt haben Monster keine besseren Ideen für die Freizeitgestaltung als Kreuzfahrtschiffe, Pool, Glücksspiel und Disco?) – aber eine Tricks gefallen, einige Gags sind sogar lustig – und die Gesamtaussage: Menschen und Monster sind beide gleich gut und sollten in Frieden miteinander leben, die passt natürlich zu einer glücklichen Stadt wie Greiz.

Nach dem Kino gibt es noch die vielen, vielen Jugendstilhäuser in Greiz zu bewundern, von floral über symbolistisch bis Heimatkunst. Es sind so viele, dass Greiz Mitglied der internationalen, in Barcelona heimischen „Art Nouveau-Route“ ist, eine von 78 Städten auf der ganzen Welt, auf einer Ebene mit Antwerpen, Paris und Wien.

In der „Stadtmühle“ Greiz, im Herzen der Stadt neben dem Unteren Schloss und mit Blick auf den Fluss, genießen wir ausgezeichnete alkoholfreie Cocktails (ich sage nur: Spicy Ginger) und das bisher beste Essen unseres Mini-Urlaubs, Antipasti.

Ein kleiner Abendspaziergang führt uns noch durch die Anfangsgründe des Greizer Schlossparks bis hin zum Sommerpalais. Thüringen ist eh das artenreichste Bundesland, was die Flora anbelangt, und da lässt sich natürlich auch Greiz nicht lumpen, zwanzig verschiedene wilde Orchideenarten wachsen hier, und solch ausgefallene Pflanzen wie Arnika oder Großer Wiesenknopf. Aber auch mindestens ebenso seltene Tiere wie Kammmolch, Eisvogel, Wasseramsel, Uhu, Wildkatze, Kreuz- und Fischotter kann man hier mit etwas Glück beobachten. Für heute jedoch haben wir erst einmal an den Mücken genug und fahren zurück zu unseren „Drei Tannen“.

Freitag, 3.8.2018: Nacht-Rap und „Willkommen in Thüringen“

Um 3.24 Uhr wache ich auf und gehe auf den Balkon, um Sterne zu schauen. In Stuttgart ist das natürlich nur begrenzt möglich, zu viel Stadtlicht – selbst in der Nacht. Immerhin entdecke ich die Cassiopeia und darunter eine Chaiselongue, den Pegasus, wenn auch keine Sternschnuppen. Eine Fledermaus streicht so nahe an meinem Kopf vorbei, dass ich kurz erschrecke. Kalas rührt sich nicht.

Zurück im Bett komponiere ich einen Rapsong, wenn er auch nur aus zwei Zeilen besteht und eher Nonsense-Charakter hat:

<Mann steht vor dem Kaffeehaus gegenüber dem Olgahospital und singt:>

„Ist unser Körper nur zum Kaffeetrinken da?“

<Computerstimme aus dem Off:>

„Anpärrinn! Anpärrinn!“

<2x schnelles Händeklatschen. Da capo al fine, wobei diesmal das zweite Händeklatschen tiefer ist – durch hohle Hand.>

Meine Tochter Lenja ergänzt dann am Morgen eine zweite Stimme zum Anpärrinn:

<Mädchenstimme:>

„Nein, isser nicht! Nein, isser nicht!“

Der neue Tag ist genauso heiß wie die vorhergehenden. Ich habe einen Arzt- und einen Ergotherapietermin, wir packen, und um drei Uhr nachmittags starten wir ab Hauptbahnhof mit einem klassisch-schwarzen Miet-Ford gen Nordosten, ins vierhundert Kilometer entfernte Thüringen. Mit der Bahn hätten  wir die Strecke um diese Uhrzeit (und mit der Hitzeproblematik) leider nicht mehr geschafft. Während unserer Abwesenheit wird meine Freundin Maja zusammen mit ihrer Freundin Heike unsere Katze einhüten. Gemeinsam wollen die beiden sich in Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation üben.

Unser Ziel in Thüringen: Greiz, die glücklichste Stadt Deutschlands, laut einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse aus dem Jahre 2015. Prozentual betrachtet leben hier weniger Depressive als in allen anderen Städten unserer Republik!

Heute gelingt uns nur ein allererster Eindruck vom Auto aus: schön! Wir umrunden die Stadt und fahren weiter in die Waldherberge „Drei Tannen“ in Langenwetzendorf, mitten im Wald, oben auf dem Berg, ursprünglich ein Arbeiterwaldheim aus den Goldenen Zwanzigern analog zu denen bei uns in Stuttgart. Zwischendurch war es auch einmal eine Jugendherberge – und spottbillig ist es immer noch. Wir zahlen nur 20 € pro Nase und Nacht incl. reichhaltigem Frühstück!

Es ist recht still hier zwischen meinen drei Leibpflanzen: Kiefern, Birken und Rosen, ein Reh läuft über die Straße – und es gibt Unmengen von Kätzchen zwischen fünf Wochen und zwölf Jahren. Sie turnen überall herum, und fast alle lassen sich streicheln – Lenja strahlt. Die Herbergsmutter, Jacqueline Hendrich, ist ausgesprochen sympathisch, resolut, freundlich, aufgeschlossen, flexibel, eine Frau, die weiß, was sie will. Trotz der schon etwas vorgerückten Stunde können wir im Garten vor dem Haus essen, und sogar etwas Veganes wird für mich gebastelt – Salat mit gerösteten Sonnenblumenkernen und Bratkartoffeln. Mein Mann und ich haben ein Berliner Durchgangszimmer, Lenja bezieht die Kemenate im Anschluss ganz für sich allein – denn meine Schwester Gaby hat sich dermaßen erkältet, dass sie heute nicht aus Berlin zu uns stoßen konnte.

Ich bin gespannt auf die beiden Thüringer Tage, die vor uns liegen!

Dienstag, 31.7.2018: Der Duft von Bienenwachs

 

Die erste Nacht wieder zu Hause in Stuttgart-Sillenbuch verlief seltsam: Immer, wenn ich aufwachte, glaubte ich zunächst, noch im Karl-Olga-Hospital zu sein – das offene Fenster links von mir, die Zimmertür verborgen hinter einem Vorsprung rechts von mir: an beiden Orten dieselbe Aufteilung.

Traum und Wirklichkeit vermischten sich – ich will heute über Bienenwachs schreiben, aber was hat das mit der Aboriginees-Gruppe Yothu Yindi zu tun, die in der Krankenhauslektüre auftauchte, und von der ich hier daheim eine CD habe? Sie hat keinen Musiktitel über Bienen oder Wachs geschrieben, wenn auch das Mundstück meines Eukalyptus-Didgeridoos aus Bienenwachs ist. Doch im Halbschlaf, da war die Verbindung eine ganz selbstverständliche.

Zunächst aber hieß es heute erst einmal, einen Teil meines Alltags zurück zu gewinnen, soweit das mit einer Hand, die trotz Opiaten erst zu 30% wieder funktioniert, eben möglich ist. Ich war im Krankenhaus, in der Ergotherapie, kurz in der Schule, bei der SparDa, bei Alnatura und beim niedergelassenen Chirurgen. Nun wieder daheim, am bisher heißesten Tag des Jahres, draußen bei meiner Tochter Lenja auf der Südseite des Hauses sind es mittlerweile über 42°C, hier drinnen knapp 27°.

Ich habe mir endlich wieder einen Epresso ganz nach meinem Geschmack gekocht, wenn es auch von der Kraft her fast nicht möglich war: Bio-Espressobohnen aus dem Kühlschrank geholt und in der Messingmaschine mit der Hand gemahlen. Auf den Boden des DeLonghi-Siebträgers kommen Cardamom-Samen aus vier bis fünf Hülsen, darüber das Pulver, nicht allzu fest gepresst. Hmmm!

Aber warum Bienenwachs? Gestern ziepte den Opiaten zum Trotz die OP-Narbe, und mir fiel nicht ein, wohin ich die Bepanthensalbe aufgeräumt hatte. Also versuchte ich es im Badezimmer mit „Bienen-Erich‘s Hautsalbe mit Propolis“ (Olivenöl, Bienenwachs, Avocadoöl, Propolis, Aloe Vera, Hamamelis), eigentlich mal für Klaus gekauft, aber er nutzt sie kaum. Sie roch wunderbar und half sofort.

Ich liebe Bienenwachs. Die Kerzen auf unserem alljährlichen Weihnachtsbaum (für mich alte Berlinerin am besten eine Kiefer) enthalten fast immer wenigstens zehn Prozent Bienenwachs, ich habe Bienenwachskerzen in große Ostseemuscheln hineingegossen, ich mache meine Salben und Cremes mit Bienenwachs. Ich besitze einen gewachsten Rock und eine gewachste Jacke. Es dient als Wärmepackung bei Husten und Erkältung sowie gegen Schmerzen der Muskeln und Gelenke. Ein anderes Wachs als das der Biene half mir bei den Olgaschwestern über die Nächte: Ohropax mit Paraffin. Ohne Duft, wie schade.

Ich liebe auch Tannenhonig, aber das Bienenwachs ist mir noch wichtiger. Was bedeutet mir sein Duft?

Das allerschönste, nicht vom Aussehen, sondern vom Duft her, ist das Wachszimmer von Wolfgang Laib im Untergeschoss des Stuttgarter Kunstmuseums am Schlossplatz (Wohin bist du gegangen – wohin gehst du?). Es ist eng im Wachsgang, die Besucher treten einzeln ein und sprechen sich miteinander ab. Früher einmal lag neben seinem begehbaren und beleuchteten Bienenwachszimmer ein riesiger Lavendelteppich, und die Kombination dieser beiden Elemente war schlicht betörend. Vielleicht hatte sich der Lavendel irgendwann ausgeduftet, jedenfalls existierte dann nur noch das Bienenwachs-Zimmer. Und wer weiß, vielleicht ist das Zimmer inzwischen auch auf Wanderschaft in einem anderen Museum und hier bei uns in Stuttgart durch ein neues Blütenstaub-Pollen-Wachs-Reis-Milch-Marmor-Kunstwerk Laibs ersetzt? Sogar die, die sich Experten nennen, schwärmen: Welt aus Wachs und Blütenstaub, die Schönheit des Blütenstaubs, die Kunst der Ruhe, das Licht der Bienen, die außerweltliche Ruhe. Das wundersame Werk des Wolfgang Laib.

Der wundersame Duft und die Schönheit des Bienenwachses. Für mich, für dich. Und zumindest, was ein anderes Produkt der Biene, eben den Honig, anbelangt, in gewisser Weise auch meine Berufung: Mein erstes schamanisches Krafttier, das selbstgefundene, ist der Eurasische Luchs. Er steht für mich, meine Persönlichkeit. Das zweite Krafttier wurde mir von einer weiteren Teilnehmerin eines Workshops vor vielen Jahren geschenkt: die Braunbärin. Sie brachte mir jedoch keine Kraft, Weitsicht oder ähnliches aus dem Wald mit, sondern ganz schnöde: Honig! Nahrungserwerb, Essen, die Süße des Lebens. Mein Leben, meine Berufung, mein Beruf, meine Aufgabe. Die Mutterbärin ernährt mich mit süßem Honig. Wie soll mein Leben da nicht spannend und wunderschön sein? Wunden heilen mit Manuka-Honig, Viren und Krebs besiegen mit Propolis, Schmerzen lindern mit Wachs – Geschichten also von Schönheit und duftendem Glück. Da strahle auch ich gern wie ein Honigkuchenpferd!

Samstag, 28.7.2018: Gelbkopf-Amazonen in Bad Cannstatt

 

Während draußen vor dem Krankenhausfenster unsichtbar aber lautstark die Sittiche durch die Robinie schreien (sie sind vor biblischen dreißig Jahren aus dem hiesigen Zoo, der Wilhelma, ausgebrochen), schnarcht im Bett neben mir die russische Großmutter weiter fröhlich vor sich hin. MDR-Klassik dringt aus den Kopfhörern, die barocke Opernarie vorhin quietschte und knirschte, aber jetzt ist eine Art chinesische Kaufhausoper angesagt, die mit der Qualität der Hospital-Kopfhörer deutlich besser harmoniert. Im Gegensatz zu den erstickend heißen letzten Tagen weht heute ein angenehm kühler Wind durch das Krankenhauszimmer und umschmeichelt meinen Körper. Verkehrsgeräusche dringen von der Straße herauf. Keine Chance zum Schlafen, aber eine umso größere für einen Neubeginn, für (m)ein Leben, das dem persönlichen Entdecken von Schönheit in allen Facetten gewidmet sein soll. Nein, das geht nicht ganztags in einem Büro, das geht mit Reise- und Entdeckungsjournalismus.

Ich denke an die Nacht gestern, an die Jahrhundert-Mondfinsternis, an den flachen Blutmond, und wie unser Trabant am Ende gleich einer milchgelben Kugel durch das Weltall schoss, zum Anfassen schön. An den alten Musikprofessor im Dunkeln neben mir, den ich wahrscheinlich nicht wiedersehen und auch gar nicht wiedererkennen würde. Ich denke an meinen toten Vater und daran, wie sehr ihm diese magische Nacht wohl gefallen hätte.

Ein Neubeginn im Krankenhaus, im Hospital der Olgaschwestern, mit vielen Originalbildern an den Wänden, nicht alle künstlerisch wertvoll, aber alle authentisch. Ein Bio-Obstkörbchen von meiner Freundin Maja steht im Kühlschrank, mit meinen geliebten saftigen Pfirsichen, mit Pflaumen, Weintrauben und Aprikosen und zwei süßen Reineclauden aus meinem eigenen Garten.

Www.pfeiferin.de wird nun also doch zu einem Reiseblog, zum Entdeckerblog, aber nicht nur von bio + vegan, denn die sind nur ein Teil von Schönheit und Rosenduft, wenn auch kein ganz unwichtiger.

Das Zimmer hier geht nach Westen, und allmählich stehlen sich gen Sonnenuntergang ein paar milchige Strahlen unter der Wolkendecke hervor. Das neue Leben beginnt kurz vor 20 Uhr und nur wenige Tage vor dem 5. August, dem Tag, an dem mein Mann Klaus und ich uns vor sechzehn Jahren kennengelernt haben. Es startet in einem orangenen Freie-Aktive-Schule-T-Shirt und einer quietschgrünen Klettershorts mit Regenbogenstickerei. Es startet mit einem Beutel Bio-Glückstee von Sonnentor. Es beginnt mit einem lädierten Körper und einem begeisterten, begeisternden Geist – und das liegt nicht an den Opiaten, die ich seit einigen Tagen nehme!

Freitag, 27.7.2018: Mondfinsternis über dem Karl-Olga-Hospital

Manchmal stellt das Glück mir ein Bein und wirft mich auf mich selbst zurück: Ich muss für zwei Wochen ins Krankenhaus wegen eines Komplexen Regionalen Schmerzsyndroms. Ja, das ist ein bisschen wie ein Klosteraufenthalt – Zeit, nach mir selbst zu schauen. Ich genieße die Zeit. Was will ich mit den nächsten 52 Jahren meines Lebens anfangen, was macht mich glücklich? Im Beruf, der Freizeit, mit der Familie?

Der Psychologe Martin Seligman verrät es mir: Alles, was meine lachende Neugier und meinen Lerneifer befriedigt, die Liebe zu meinem Mann (und meine Fähigkeit, mich von ihm lieben lassen), Klugheit und Besonnenheit, mein absoluter Schönheitssinn, mein Optimismus und meine Spiritualität.

Wie aber kann ich das mit meinem Beruf verbinden? Nun, indem ich über alles Schöne schreibe, das ich entdecke. Zum Beispiel heute Nacht auf der Dachterrasse des Karl-Olga-Hospitals mitten in Stuttgart. Es ist die längste Mondfinsternis dieses Jahrhunderts, anderthalb Stunden dauert sie, bei sternenklarem Himmel und einem strahlenden Mars rechts unterhalb unseres Trabanten.

An Schlaf wäre eh nicht zu denken, denn in das zweite Bett meines Doppelzimmers haben sie in dieser Nacht eine russische Babuschka mit deutschem Familiennamen und den Körpermaßen und Schnarchgeräuschen eines Walrosses einquartiert – sie spricht fast kein Wort Deutsch und starrt die meiste Zeit mit kleinen, eisblauen Augen mal schweigend mal murmelnd vor sich hin. Also zwei Stockwerke nach oben fahren, auf dieser Terrasse war ich noch nie!

Zunächst aber muss ich den Mond suchen, denn am Horizont ist es noch ein wenig dunstig, und in welche Himmelsrichtung soll ich schauen? Schließlich kommt mir die Logik zur Hilfe: Wo die Sonne untergegangen ist, weiß ich, und wenn der Mond im Erdschatten liegt, muss er in der entgegengesetzten Richtung, im Osten, zu suchen sein. Und da steht er auch, fahl und blutig. Natürlich bin ich nicht allein. Auch andere laufen hin und her, gern mit Handys am Ohr. Eine Mittvierzigerin stellt sich einen Meter neben mich und kommentiert ihrer Telefonpartnerin, welche sich auf der Toilette oder im Bad befindet, im breitesten Schwäbisch jedes Detail. Leider verlässt ihr Pendant das Stille Örtchen nicht, und so ist den Banalitäten schier kein Ende gesetzt.

Schließlich kommt mir eine Idee: Mein Vater hatte sich im vergangenen Jahr zu seiner Beerdigung alle Strophen von Matthias Claudius‘ „Der Mond ist aufgegangen“ gewünscht. Ganz alle fallen mir nicht mehr ein, aber doch viele, und ich fange an zu singen. Instinktiv geht die Dame davon. Stattdessen stellt sich ein alter Herr im gestreiften Hemd neben mich, fast nur ein Schatten. Hat er einen weißen Bart?

„Matthias Claudius, das singt doch heute leider niemand mehr!“

„Sie hören doch, dass ich es singe!“

„Ja, aber die jungen Leute kennen das Lied nicht mehr!“

„Meine Tochter schon!“

„Kennen Sie „Abendstille überall?““

Ich fange an, es zu singen, schaffe aber die hohen Töne nicht (ich bin halt nicht eingesungen in dieser Nacht) und muss mich entschuldigen. Zu meinem inneren Erröten stellt sich heraus, dass er ein pensionierter Musikprofessor ist, der im selben Stadtteil wohnt wie ich, Spezialist für Mendelssohn-Bartholdy. Seine Mutter war Pianistin und spielte die jüdischen Komponisten auch vor Wehrmachtsoffizieren und Generälen, während er bei ihren Konzerten heimlich unter dem Flügel saß. Als er 1945 acht Jahre alt war, mussten sie aus Polen fliehen. Seine Tochter hat ihn nun gebeten, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Er sieht den Untergang des Abendlandes unaufrinnbar auf uns alle zukommen, weil niemand sich mehr ausreichend mit den Klassikern und Romantikern beschäftigen würde, wie er meint. Auch hier muss ich ihm widersprechen, denn an Waldorfschulen wird das ja durchaus noch gepflegt, und auch mein eigenes Kind interessiert sich dafür. Nein, die Mehrheit der Bevölkerung ist das nicht, aber das Bildungsbürgertum war noch nie die Mehrheit der Bevölkerung.

Wir stehen ans Geländer gelehnt und schauen dem Mond zu, und natürlich kennt er „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ von Caspar David Friedrich, auch wenn nun hier ein Mann und eine Frau stehen und die Stimmung über den Dächern von Stuttgart eine ganz andere ist als die seinerzeit auf Rügen, es war doch Rügen? Und natürlich kenne ich „Peterchens Mondfahrt“ und habe es auch meiner Tochter vorgelesen.

Ein verzaubertes, surreales Gespräch, es schwebt wie der Mond über den Himmel hinweg, schwerelos und ohne Konsequenzen. Schließlich ist der Mond keine rotblasse, flache Scheibe mehr, sondern milchgelb und kugelrund, als ob wir ihn im nächsten Augenblick anfassen könnten, als ob er Teil eines Modells „Unser Sonnensystem“ wäre, mit kleinen Bällen in verschiedenen Farben. Oder eine Kugel Vanilleeis, bitte!

Wir stellen zur selben Zeit fest, dass es 23.07 Uhr ist und wir beide um 23 Uhr unsere Medikamente auf den Zimmern hätten einnehmen sollen. Er strebt nach links davon, ich nach rechts, und wahrscheinlich werde ich ihn bei Tageslicht nicht wiedererkennen.